Mittwoch, 26. Februar 2014

Eckkneipenprotokolle

Die Renaissance der Eckkneipe – Interviews mit Wirten

André Voigt, GaststätteWilly Bresch, Prenzlauer Berg, Danziger Str. 120


Ich habe 1987 hier begonnen zu arbeiten. Damals waren wir noch eine halbprivate sogenannte Kommissionsgaststätte. 2002 habe ich die Kneipe schließlich von meinen Eltern übernommen. Ich bin Wirt in dritter Generation, mein Großvater hat sie 1966 eröffnet.
Früher war das ein richtiges Arbeiterviertel hier. Nach der Wende wurde bei uns im Bötzowviertel viel saniert. Haben die auch schön gemacht, wie ich finde. Aber leisten konnten sich das nur noch finanziell potente Leute. Wir hatten viele ältere Kunden, die irgendwann weggestorben sind. Und dann hatten wir einige Jahre ein Loch.
Vor 7 oder 8 Jahren fingen dann jüngere Leute an, hierher zu kommen. Viele erst mal wegen Fußball, wir zeigen da eigentlich alles. Man kann jetzt auch nicht sagen, dass die Studenten nur am Wochenende da wären. Wir haben zum Beispiel eine Truppe, die trifft sich immer dienstags.
Probleme gab es eigentlich nie. Spinner, die Ärger machen oder eine Keilerei vom Zaun brechen, haben wir nicht. Das ging aber alles nicht so plötzlich wie bei diesem Hype rund um Neukölln, sondern nach und nach. Wenn das so plötzlich passiert ist das natürlich ein Kulturschock, aber bei uns ist das nach und nach gewachsen.
Wer dieses Lokal betritt, muss eigentlich wissen, worauf er sich einlässt. Berliner Bierlokal steht draußen dran. Trinken tun alle dasselbe. Bier und Schnaps eben. Wir haben rot und weiß, trocken oder lieblich sage ich, wenn jemand nach Wein fragt.
Insgesamt ist das eine angenehme Belebung gegenseitig zwischen den alten und den neuen Gästen. An einem Abend waren eigentlich nur Jüngere da, als mich eine Frau ansprach, wo die alten Männer geblieben wären. Ich und meine Mitarbeiterin, wir sind ja auch nicht mehr die jüngsten. Ich glaub die mögen das sogar. Junge Leute hast Du ja überall in der Gastro.
Ich hoffe, dass es uns noch lange gibt. Ich habe ja noch ein paar Jahre bis zur Rente. Und in zwei Jahren wird 50. Kneipenubiläum gefeiert. So lange ich einigermaßen davon leben kann ist es okay für mich.

Simone Bannemann, Simone's, Neukölln, Sonnenallee 35


Ich habe den Laden am 23. Dezember 2006 übernommen. Das war also eine Art Weihnachtsgeschenk. Am ersten Tag saß ich praktisch alleine mit meiner Mama am Tisch. Nach 20 Euro Umsatz habe ich dann um 20 Uhr Feierabend gemacht. Komm, wir gehen jetzt woanders feiern habe ich zu ihr gesagt. Auch Silvester war schwierig. Dann ist es aber besser geworden. Ich hatte immer ein gutes Gefühl bei dem Laden. Genau so wie beim Wesereck, dass ich vor ein paar Jahren übernommen habe.
Die ersten Studenten kamen hier so vor einem, wenn's hochkommt vor zwei Jahren rein. Angefangen hat das wegen der Angebote. „Wilder Mann“, unsere Hausmarke, für 1,20 Euro. Ab März für 1,30. Die haben draußen die Tafel gesehen. Man hat sich schon gedacht, dass die irgendwann auch hier reinkommen, um die Ecke ist ja das Tristeza. Das hat sich dann immer mehr unter denen herumgesprochen, da trafen sich dann immer mehr hier. Donnerstag bis Samstag sind die meisten hier, den Rest der Woche vielleicht mal, wenn jemand Geburtstag feiert.
Die können auch ihre eigene Musik mitbringen. Wir haben so eine Anlage, wo man einen Stick ranstecken kann. Manchmal ist das richtig voll, die stehen dann bis hinter den Tresen. Dann helfen unsere Stammgäste auch mit, wechseln im Keller ein Fass oder so. Mit den Stammgästen ist das wie eine Familie hier. Da kann ich zu Dickerchen sagen: „Du bist ein Arschloch!“. Und der lächelt dabei.
Ab und zu muss man den Studenten was sagen, damit die keine Dummheiten machen. Manchmal klauen die Kleinigkeiten. Aschenbecher oder irgendwas von der Wand. Mal ist eine Klobrille kaputt. In letzter Zeit werden auch mal Klorollen aus dem Fenster geworfen oder es gibt dort Schmierereien. Aber das ist weniger geworden mit der Zeit.
Während früher gegen Mitternacht Schluss war, geht das am Wochenende inzwischen so bis 5 oder 6 Uhr morgens. Es macht Spaß, auch mal andere Leute zu sehen als früher, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Und das Mehr an Umsatz macht das Leben für mich auch entspannter.

Bernd Sengespeick, Zum Schinken, Wedding, Luxemburger Straße 5


Im Mai gehört mir die Kneipe zwei Jahre. Davor hatte ich einen anderen Laden, auch im Wedding. Die Studenten wollte ich als Gäste haben, die Uni ist ja gleich um die Ecke. Die kommen massenhaft, immerhin gibt es ja mit Ausweis 20 Cent Rabatt. Was die dabei sparen kriegen wir als Trinkgeld zurück. Bei den 2,30 für den halben Liter, den die zahlen, geben die meisten dann 3 Euro.
Zwischen denen und den anderen Stammgästen gibt es überhaupt keine Probleme. Nicht mal die Aschenbecher werden geklaut. Ganz selten gibt es Idioten, die die Klos beschmieren, aber das sind dann häufig gar nicht die Studenten sondern irgendwelche Bekannten von denen. Alle sind froh, dass die jungen Leute frischen Wind reinbringen.
Wir machen ja immer einen Deckel für den ganzen Tisch und die zahlen jeder für sich. Der Letzte, der den Rest zahlt, hat dann häufig ein Problem, aber die klären das unter sich. Letztes Jahr haben Studenten hier auch einen kleinen Film gedreht. Den habe ich leider noch nicht bekommen.
Bis zum letzten August hatte ich das Wort Flashmob nur gehört. Die Nacht hatte ich einen erlebt. Um zwei Uhr nachts rief mich meine Bedienung an, dass sie nur noch eine Tonne hat. Dann bin ich mit zwei Fässern hergefahren. An der Kreuzung hatte die Polizei die Straße gesperrt, weil überall Menschen standen. Über 120 Leute waren das. Ein Stammgast hatte aus dem Keller noch Gläser geholt, was wir oben hatten, reichte nicht. Inzwischen habe ich noch ein paar Kartons zusätzlich hinterm Tresen.
Meistens melden sich Gruppen an, aber letzten Freitag kamen sie unverhofft. 'Gäste drohen', sagte ich meiner Bedienung, da kamen 20 auf einen Schlag. Die feiern ja Geburtstage nicht wie wir in der Familie, sondern da müssen 20 mitkommen. Und gleich darauf kamen dann nochmal 15. Wir haben dann Arbeitsteilung gemacht. ich hab die 35 halben Liter gezapft – die trinken das ja alle – und sie hat die Bestellungen aufgenommen und so. Ich bin rundum zufrieden, wie es hier ist.

 

Uwe Drees, Destille, Kreuzberg, Mehringdamm 67


„Ich habe schon in den Achtzigern hier gearbeitet. Seit 1993 ist das meine Kneipe. Ich mache mir schon manchmal Sorgen wegen der Miete. Die drehen ja hier komplett durch in der Gegend. Meine Vermieter sind aber eigentlich ganz human. Und inzwischen stimmen ja auch die Umsätze wieder.
Vor so sieben, acht Jahren starben uns die Stammgäste reihenweise weg. Noch ein Jahr so und wir gehen pleite, dachte ich mir damals. Ziemlich zur gleichen Zeit entdeckten uns die jungen Leute. Für die ist das hier toll. Die können sowohl ihre Eltern als ihre Freunde mitbringen. Uns gibt es seit 1879, wir haben einfach einen Stand. Das ging alles ziemlich schnell. Die Mundpropaganda funktioniert bei denen ziemlich gut und dann posten die das auch noch bei Facebook oder Qype.
Vor kurzem kamen hier zwei junge Mädchen her und bestellten zwei Bier und zwei Haselnuss. Die eine wohnte in Tempelhof, die andere in Schöneberg und getroffen hatten sie sich bei mir in der Mitte. Und sie hatten schon gelesen, dass wir hier diese tollen Schnäpse haben.
Unsere Stammgäste sind von Mitte 20 bis Mitte 80, zum Beispiel BVG-Helmut, der immer noch jeden Tag kommt. Konflikte gab's kein Stück. Die Älteren ziehen es ja vor, nachmittags zu kommen, die jungen Leute abends. Da nimmt sich niemand den Platz weg.
Von den Jüngeren ziehen ja auch immer wieder welche weg. Einer nach Dubai, jemand anders in die Schweiz. Die kommen aber trotzdem immer mal wieder hier vorbei. Das ist ein Riesenkompliment für den Laden.
Stress gibt’s eigentlich gar nicht. Es arbeiten nur Männer mit Erfahrung hinterm Tresen und sobald jemand komisch wird, fliegt der raus. Deswegen kommen auch viele Frauen hierher, die werden hier nicht blöd angemacht.
Ich steh seit 34 Jahren hinterm Tresen. Silvester haben sich die Leute zu dritt einen Barhocker geteilt. Das war superlustig. Jetzt in den letzten Jahren mit dem tollen Publikum und seiner Mischung macht es richtig Spaß. Wir haben das beste Publikum weit und breit.“

Bernd Krimmel, Nordring, Prenzlauer Berg, Stargarder Straße 78


„Eigentlich wollte ich nach Rhodos auswandern und mich dort selbständig machen. Kam aber anders und ich habe vor 15 Jahren den Nordring übernommen. So hieß früher der Bahnhof Schönhauser Allee. Die Kneipe war direkt neben dem Center. 2005 wurden wir entmietet und dann sind wir hier hergezogen.
Wir haben die ganze Einrichtung rausgeruppt. Den Tresen haben wir im Stück rübergetragen, da hatten die Leute was zu gucken auf der Straße. Ganz am Anfang war es sehr schwierig, da dachte ich in einem Vierteljahr sind wir pleite. Ich bin ja zu der Kneipe gekommen wie die Jungfer zum Kind, hatte ich nie vorher gemacht. Aber organisieren habe ich gelernt, und so lief es dann irgendwann.
Wegen dem Rauchergesetz darf ich ja kein Essen verkaufen. Also lasse ich mir Buletten liefern, die ich dann kostenlos an die Leute verteile. Ist ja billiger als Bier zu verschenken. Ich hab dem Lieferanten gesagt, dass der die ein bisschen schärfer machen soll, dann saufen die Leute mehr!
Hier gegenüber der Gethsemanekirche profitieren wir von den Veranstaltungen, die die machen. Das spült uns immer Leute rein. Im Sommer haben wir Tische draußen und grillen. Das mögen die. Und dann unser Angebot: Molle und Korn für 2,80 Euro. Wo kriegst Du das denn hier in der Gegend? Zumal es hier kaum noch Eckkneipen gibt. Wir sind die einzige weit und breit.
Donnerstags und freitags geht es hier immer bis morgens, dann kommen die jungen Leute. Wie es genau den Abend wird, weiß man vorher nicht. Mal saufen die Pfeffi flaschenweise, mal gar nicht. Ist wie beim fischen. Auf den Monat muss es stimmen.
Probleme gibt es da gar keine. Die wissen, was sie in einer Eckkneipe erwarten können. Gibt auch keine Prügeleien, kein gar nichts. Mein Klaus hinterm Tresen, der war mal Boxer. Jetzt ist er 76 und will nicht aufhören hier zu arbeiten. Ich selber bete jeden Abend zu Gott, dass es noch 100 Jahre so anhalten soll.“


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