Mittwoch, 18. Dezember 2013

Mediation brachte 113 Millionen Euro

Die sechsjährigen Gespräche zur Sanierung des Landwehrkanalufers verliefen erfolgreich

Kritiker meinen zwar, die Sanierung des Landwehrkanalufers hätte noch günstiger sein können. Doch auch so fällt das Ergebnis der Mediation beachtlich aus.

»Wir waren in der Krise«, erinnert sich Amtsleiter Michael Scholz vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA) an das Jahr 2007, als in Kreuzberg Teile der Uferböschung des Landwehrkanals plötzlich abrutschten, ein »Super-Gau« für die Behörde sei das gewesen. Der richtige Stress für das Amt begann jedoch erst im Anschluss, als für Ufersicherung und -sanierung Baumfällungen im großen Stil angekündigt wurden. Anwohner und Verbände protestierten, einige Fällungen fanden unter Polizeischutz statt.

Im Jahr 2008 fiel schließlich der Startschuss für ein bundesweit einmaliges Mediationsverfahren mit 25 beteiligten Gruppen. Fast sechs Jahre später wurde am Dienstag im Bundesverkehrsministerium feierlich eine verbindliche Vereinbarung aller Beteiligten unterzeichnet, die die künftigen Methoden festschreibt.

»Wir freuen uns, dass wir diese Etappe erreicht haben«, sagt Achim Appel von der Bürgerinitiative »Bäume am Landwehrkanal«. Zwar seien nicht alle Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt worden, aber es sei das »Maximum, das momentan möglich ist«, erreicht. Besonders wichtig sei, dass auch in der Realisierungsphase die Bürgerbeteiligung weitergeführt werden soll. »Gerade in der Umsetzung steckt der Teufel im Detail«, so Appel.

»Es ist eine fachlich fundierte Lösung gefunden worden, die sowohl baum- und naturverträglich ist«, sagt Jochen Kies vom Bundesverkehrsministerium. Dazu seien auch statt ursprünglich veranschlagten Kosten von 180 Millionen Euro nur noch rund 67 Millionen Euro fällig. Schifffahrt sei auch zukünftig möglich, wenn auch nur im Einrichtungsverkehr. Denn anstatt die Uferwände praktisch komplett neu zu bauen, soll eine Steinschüttung im Kanalbett künftig für die nötige Standfestigkeit sorgen.

Der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) freut sich, dass sich die Steinschüttung als »integrativste Lösung« gezeigt habe. »Ökologie, Schifffahrt, Bäume und Kosten konnten damit unter einen Hut gebracht werden.« Es sei aber auch ein »unglaublich diskussionsintensiver« Prozess gewesen, für 11,2 Kilometer Bauwerk in einer Trennschärfe von zehn Metern eine Unterlage zu schaffen. »Ohne die Brötchenpausen wäre das gar nicht möglich gewesen«, so Panhoff.

»Wenn die Verwaltung sich ein bisschen am Riemen gerissen hätte, hätten wir zwei Jahre gespart«, sagt Achim Appel. Rückblickend freut er sich über viel Unterstützung von Denkmalpflege und der für die Wasserflächen zuständigen Abteilung der Stadtentwicklungsverwaltung. Ganz anders die Erfahrung mit der landseitigen Abteilung, die sich auf die Zuständigkeit der Bezirke zurückzog.

»Sechs Jahre mögen einem lang vorkommen, letztendlich ist es jedoch ein verbindliches Ergebnis auch mit den Berliner Behörden«, sagt Jochen Kies. Im Ministerium lege man viel Wert auf die Vereinbarung, da bereits sehr viel detailliert besprochen sei, wenn es zu einem Planverfahren komme.

Ob Tilmann Heuser vom BUND, Christian Wiesenhütter von der IHK oder Jürgen Loch von der Stern- und Kreisschifffahrt, alle sind voll des Lobes über die Mediation, die geholfen habe, Vertrauen zu schaffen und Ängste abzubauen. Etwas Sorgen bereitet Achim Appel der Umstand, dass die neu geschaffene »zentrale Anlaufstelle für Öffentlichkeitsbeteiligung« beim WSA, der niedrigsten Hierarchieebene angesiedelt sei, obwohl für die Sanierung wiederum das Wasserstraßen-Neubauamt zuständig sei. Je nachdem, ob Planfeststellungsverfahren nötig sind, kann 2014 oder 2015 mit Baumaßnahmen begonnen werden. Zehn Jahre wird das mindestens dauern.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Linienstraße 206 in der zweiten Instanz

Das juristische Tauziehen um das Hausprojekt geht weiter

Bereits in zweiter richterlicher Instanz wehrt sich eine Mieterin des Hausprojekts in der Linienstraße gegen ihren Rauswurf.

»Dass das Haus nicht zusammenfällt, liegt an den Bewohnern«, sagt Katharina. Sie wohnt in der Linienstraße 206 in Mitte, einem 1990 besetzten und noch im gleichen Jahr durch Mietverträge legalisierten Hausprojekt in Mitte. »Vor einer Weile ist ein Fassadenteil auf das Auto einer Nachbarin gefallen«, berichtet sie. Die momentanen Eigentümer blieben selbst in diesem gravierenden Fall auf »Tauchstation«. Von notwendigen Arbeiten im Haus, wie dem seit zwei Jahren nur notdürftig reparierten Hauptwasseranschluss ganz zu Schweigen. »Die für uns zuständige Hausverwaltung besteht aus einem Briefkasten, selbst Einschreiben kommen zurück«, sagt Stefan.

Wesentlich mehr Engagement zeigen Frank Wandler und Bernd-Ullrich Lippert, seit bald drei Jahren Eigentümer des Hauses, die Bewohner loszuwerden. Bereits in zweiter Instanz wurde am vergangenen Donnerstag die Frage verhandelt, ob Kathrin K. einen gültigen Mietvertrag habe. So viel ist unbestritten: Schriftlich gibt es nichts. Nachdem jedoch die Hausverwaltung seit über sechs Jahren klaglos die Miete für die strittige Wohnung annimmt, liegt die Möglichkeit nicht fern, dass es sich um einen konkludenten Mietvertrag handelt. Zu dem Schluss kam jedenfalls die erste Instanz im März.

Eine Sicht, die Wandler und Lippert nicht teilen wollen. Und so trifft man sich nun vor dem Landgericht. Die zwei Hauseigentümer, die Mieterin, dazu der jeweilige Anwalt und fünf Zeugen. Und natürlich viele Unterstützer aus dem Haus und darüber hinaus - über 40 Zuschauer hat der Prozess. Kern der Verhandlung ist die Frage, ob es zwischen dem damaligen Hausverwalter und K. ein Gespräch gegeben hat, in dem sie sich zur Übernahme der Mietzahlungen bereit erklärt hatte. Das wurde in der ersten Instanz von den Eigentümern rundweg verneint, der Hausverwalter kann das aber nicht zur Gänze ausschließen. »Ich hatte keinen Auftrag, jemanden rauszubringen, aber auch nicht neue Mieter zu suchen«, erinnert er sich. Andererseits sei es ihm egal gewesen, wer die Miete überweise. Wichtig war, dass das Geld kommt.

»Man hat sich in Ruhe gelassen. Die wollten nichts von uns und wir nichts von ihnen«, erinnert sich der Anwalt des damaligen Besitzers. Dabei wurde der Mietvertrag der betreffenden Wohnung sogar weit vor K.s Einzug wegen ausbleibender Zahlungen gekündigt und sogar eine Räumungsklage gewonnen. Vollzogen wurde diese jedoch nie. »Eine Wohneinheit zu suchen, die nicht existiert, das wäre doch die Katastrophe gewesen«, sagt der Anwalt. Längst hatten die Bewohner der Linie 206 nämlich die Wohnungsschnitte im Haus verändert und auch die Wohnungstüren entfernt, man versteht sich als große Wohngemeinschaft.

Die Zeugen auf Seiten der Linie 206 erinnern sich sehr vage an ein Gespräch mit dem Verwalter. Außer der Zusage seitens des Verwalters, dass K. die Wohnung übernehmen könne und dementsprechend seitdem die Miete zahlte, erinnern sie sich jedoch kaum an weitere Details. »Viele sehr schwierige Rechtsfragen« hätten sich aufgetan, auch angesichts der »Krater in der Erinnerung« der Zeugen, sagt Richterin Astrid Siegmund zum Ende der dreistündigen Verhandlung. In ein bis zwei Wochen ist das Urteil zu erwarten. Selbst wenn das positiv ausfällt, ist mit neuem Ungemach zu rechnen: Vor kurzem erreichte die Bewohner der Linie 206 ein anwaltliches Schreiben, dass ein ehemaliger Mieter seinen Vertrag zum 15. November gekündigt habe. »Da ist bisher noch nichts passiert«, sagt Stefan. Aber einfacher wird das den Kampf um den Erhalt des Projekts nicht machen.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

»Das Geld ist ausgegeben«

Lichtenberg verhängt Haushaltssperre für das Jugendamt

Weil es kein Geld vom Land gibt, hat Lichtenbergs Bürgermeister eine Haushaltssperre für das Jugendamt verhängt. »Völlig überzogen«, findet die LINKE.

Der Lichtenberger Bezirkshaushalt kommt in schwere Fahrwasser. Mit ein Grund ist das von der rot-schwarzen Landesregierung gebrochene Versprechen, den Bezirken künftig zusätzliches Geld für die Erledigung ihrer Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Ausbaden muss das jetzt schon das bezirkliche Jugendamt. Der Bezirksbürgermeister und Finanzstadtrat Andreas Geisel (SPD) verfügte Anfang Dezember für den Jugendbereich spezielle Haushaltssperren.

Folge: Bereits fest eingeplante Neueinstellungen wurden abgesagt. »Stillos kurzfristig« wurde eine Neubesetzung mit befristetem Arbeitsvertrag in einer Jugendfreizeiteinrichtung abgesagt, kritisiert Michael Grunst, der für die bezirkliche LINKE-Fraktion im Jugendhilfeausschuss sitzt. »Auch bereits beschlossene Einstellungen von Krankheitsvertretungen und Nachbesetzungen in Bereichen, die aufgrund der schlechten Personalausstattung mit viel Krankheitsausfall zu kämpfen haben, sind erst einmal nicht möglich«, sagt er. Dies betreffe zum Beispiel die Kita-Gutscheinstelle.

Bürgermeister Geisel begründet seinen Schritt mit ungeplanten Mehrausgaben von zwei Millionen Euro, hauptsächlich bei den Hilfen zur Erziehung. Und das, obwohl man den Jugendbereich finanziell »außerordentlich großzügig« ausgestattet habe. »Es ist nicht nur so, dass die Fallzahlen steigen, sondern auch die Kosten für die Hilfen sind im Bezirksvergleich überdurchschnittlich hoch. Obwohl wir da in den Vorjahren sehr gut waren«, sagt er. Die Stellenstreichungen seien ein Vorschlag des Jugendamtes gewesen, um die durch Abgeordnetenhausbeschlüsse vorgegebenen 17 Prozent Personalreduzierung in der Bezirksverwaltung umzusetzen. »Dabei müssen im Jugendbereich nur acht Prozent der Stellen entfallen«, sagt er.

Als »Dauerbrenner« bezeichnet Grunst die Hilfen zur Erziehung. Bei einem Etat von 30 Millionen Euro sei die Finanzierung eben immer »kipplig«. Zumal berlinweit in dem Bereich schon 25 Millionen Euro über Plan ausgegeben worden seien und die Hälfte des Betrags auch auf eine späte Rechnungslegung der Jugendhilfeträger zurückzuführen seien. Bereits 2008 habe es eine solche Situation gegeben, erinnert sich Grunst. Die damalige Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (LINKE) habe jedoch zu jener Zeit solidarisch reagiert und eine Haushaltssperre für alle bezirklichen Ausgaben erlassen. »Eine völlig überzogene Reaktion auf dem Rücken der Mitarbeiter« sei die aktuelle Maßnahme. Eine »Steuerung über Hilfeverweigerung« finde mit der LINKEN nicht statt.

Ob es Steuerungsmöglichkeiten bei diesen Ausgaben gebe, könne man »so oder so« sehen, sagt Andreas Geisel. Er habe das Jugendamt seit einem dreiviertel Jahr auf Kostenüberschreitungen hingewiesen. Jetzt sei das Geld nun mal ausgegeben. »Ich komme mir vor wie der gescholtene Bote«, sagt er.

»Der Bürgermeister sucht öffentlich Schuldige für die kommende schwierige Haushaltssituation«, findet Michael Grunst. Die Lichtenberger Linksfraktion fordert unter anderem eine Aufhebung der Haushaltssperre und einen Bericht darüber, wie das Bezirksamt in seiner Gesamtheit mit den Haushaltsrisiken umgehen will. Sollte den Forderungen nicht entsprochen werden, kündigt Grunst für Anfang Januar eine öffentliche Anhörung zum Thema an. »Wir wollen keine weißen Laken aus dem Fenster hängen müssen.« Dies hatten Jugendamtsmitarbeiter in Mitte aus Protest gegen die katastrophale Personalsituation gemacht.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Echte Leidenschaft im falschen Plenum

Deutsche Schüler simulieren zwei Tage lang politische Auseinandersetzungen im Europäischen Parlament

Flüchtlingspolitik, Eurokrise und Datenschutz - das sind die aktuellen Themen im Europäischen Parlament. Auch beim Planspiel zum Politikalltag auf EU-Ebene.

»Hammelsprung, Hammelsprung, Hammelsprung«, rufen immer lauter die Abgeordneten der konservativen Parteien, als bei einer Abstimmung das Ergebnis sehr knapp zu ihren Ungunsten ausfällt. Davor wurden schon eigene Parlamentarier bedrängt, die gegen die Fraktion stimmten, was das Präsidium veranlasste, an die Freiheit des Mandats zu erinnern. Es ist Leben in der Bude, obwohl man nur Zeuge einer Simulation ist.

An zwei Tagen spielten 200 Schüler der 10. bis 13. Klasse den Alltag von Europaabgeordneten nach, mit allem was dazugehört. Los ging es am Sonntag um 8.45 Uhr im Paul-Löbe-Haus des Bundestages in Berlin. »Erst war ich nicht so ganz begeistert, um diese Uhrzeit am Wochenende anzutanzen«, sagt Marius Berg. Der 18-jährige Berliner Gymnasiast mit blonder Rastamähne hat sich auf Anregung eines Lehrers bei der Simulation angemeldet. »Doch inzwischen macht es mir total Spaß, weil ich viel mit anderen Menschen meines Alters diskutieren kann, die sich auch für Politik interessieren«, gesteht er. Zumal er Mitglied der Linksfraktion GUE/NGL ist, mit deren Zielen er sich identifizieren kann.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich die Konföderale Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke, der unter anderem DIE LINKE angehört.

Weniger Glück hatte aus ihrer Sicht Friederike Buchmann. Die 15-Jährige landete entgegen ihrer politischen Überzeugung bei der Europäischen Volkspartei, deren Mitglieder die gewählten Vertreter unter anderem von CDU und CSU sind. »Ich fand das sehr schwierig, weil ich politische Aussagen treffen musste, die sehr drastisch meiner Meinung entgegengehen«, sagt sie. Sie verbucht es als »Zuwachs an Bildung«, sich in die Rolle des Gegners hineinzuversetzen.

»Junge Menschen melden sich überproportional für grüne oder linke Parteien an. Wir müssen dann umverteilen, weil das nicht den realen Verhältnissen entspricht«, sagt Lisa Westphal von der Jungen Europäischen Bewegung Berlin-Brandenburg (JEB), die bereits zum 15. Mal diese erlebnisorientierte politische Bildungsveranstaltung ausrichtet.

Nicht nötig war eine Umverteilung bei Joshua Fenslau aus Prenzlauer Berg. Er nimmt zusammen mit Freunden bereits das zweite Mal an der Simulation teil. Damit möglichst alle der gleichen Fraktion angehören, bewarben sie sich für die EKR, die Europäischen Konservativen und Reformisten. Deren prominentestes Mitglied sind die britischen Tories. »Es ist wichtig für die Simulation, dass man sich tatsächlich an die Politiklinien der jeweiligen Vorbilder hält«, sagt der 17-Jährige, »auch wenn man persönlich ganz andere Vorstellungen hat.« Zum fraktionsgerechten Auftritt gehört bei dem Freundeskreis auch die richtige Kleidung, und so sind fast alle im Anzug erschienen.

Am ersten Tag stand zunächst in Ländergruppen, Fraktions- und Ausschusssitzungen die Information über und die Ausarbeitung von politischen Zielen auf dem Programm. »Die Ländergruppen gibt es beim EU-Parlament so nicht, wir wollen den Teilnehmern aber verdeutlichen, dass sie nicht nur die deutsche Sicht auf die Dinge anwenden können«, sagt Lisa Westphal. Für die Anbindung an die reale Politik sorgten auch Gastredner wie Gregor Gysi (DIE LINKE) und EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU).

Am Montag tagte schließlich im Berliner Abgeordnetenhaus das Plenum mit drei Debatten zu aktuellen Themen. Es ging um die EU-Außenpolitik im Mittelmeerraum, die Zukunft des Euro und Datenschutz. Die Debatten sind so lebhaft, dass die JEB durchaus Eintritt nehmen könnte. »Man verbessert doch nicht die Boote der Leute, wenn wir sagen, wir nehmen mehr Flüchtlinge auf«, lautet einer der zynischen Sätze wie aus dem echten Parlamentsleben. Aber auch Buhrufe seitens der Konservativen, wenn Kapitalismuskritik bei einem Redner der Sozialisten zu vernehmen ist, oder gleich der Auszug der EKR-Fraktion, als ein kommunistischer Abgeordneter das Wort hat, sind zu vernehmen. Vor dem Auge des Betrachters entfaltet sich ein real wirkender Politkrimi, fast so spannend wie in »Borgen«, einer dänischen Fernsehserie. Da möchte man fast wieder Schüler sein.

Am 15. und 16. Dezember findet eine weitere Simulation statt. Informationen dazu unter: www.simep.eu

Samstag, 7. Dezember 2013

Gleise für die Sonntagstraße

Die Straßenbahnlinie 21 soll näher ans Ostkreuz rücken

Nach dem Willen von BVG und Stadtentwicklungsverwaltung soll die Straßenbahnlinie 21 künftig über einen Schlenker durch die Friedrichshainer Sonntagstraße das Ostkreuz direkt anbinden, statt wie bisher rund 350 Meter entfernt in der Boxhagener Straße den wichtigen Umsteigeknoten knapp zu verpassen. Das ist das Ergebnis einer Variantenuntersuchung, deren Ergebnis am vergangenen Donnerstagabend bei einer Bürgerversammlung vorgestellt wurde.

„Es geht darum, die innerstädtische Erreichbarkeit mit Straßenbahn und Bus zu verbessern“, sagt Matthias Horth von der Berliner Stadtentwicklungsverwaltung. Auch die Buslinie 240 soll mit einem Schlenker durch die Neue Bahnhofstraße den Bahnhof erreichen, um schließlich gemeinsam mit der Straßenbahn unter der Ringbahnhalle durchzufahren und die ursprüngliche Streckenführung an der Lichtenberger Marktstraße wieder zu erreichen. „Wer klagen will, muss sich noch etwas gedulden“, sagt Horth mit Blick auf die Gegner der Verlegung.

Die haben sich im Verein Travekiez-Ostkreuz zusammengefunden und streiten vehement gegen den Trassenbau durch die Sonntagstraße. Sie argumentieren, dass der Straßenbahnbetrieb den Aufenthaltswert der angrenzenden Grünflächen „unzweifelhaft herabsetzen“ würde, zumal zwei neue scharfe Kurven erhebliche Lärmbelastungen zur Folge hätten. „Es kam das raus, was die Anwohner nicht wollten“, sagt Carsten Joost. Gelächter und Buhrufe erntet Claus-Eric Ott für den Hinweis auf die Gefahren des Linienverkehrs über den Bahnhofsplatz. Vergleiche mit dem Alexanderplatz lehnt er ab, schließlich verkehre die Bahn dort weitab der Menschenströme. Auch malt er den Untergang der Gastronomie in der Sonntagstraße aufgrund von Belieferungsproblemen an die Wand. Was ja in puncto Lärm eine große Entlastung darstellen würde.

Der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) zeigte sich sehr sozialpädagogisch, als er von „kleinräumigen privaten Sichtweisen, die vollkommen berechtigt sind“, sprach. Er lobte die „Bürgerbeteilung auf einem sehr hohen Niveau.“ Woran sicherlich das Bürgerforum Stralau einen hohen Anteil hat. In einer gemeinsamen Erklärung mit Organisationen wie dem Bündnis Megaspree, Verkehrs- und Umweltverbänden wie IGEB, VCD, BUND und der Naturfreunden setzt es sich für die Neubaustrecke ein.

Tobias Trommer vom Bürgerforum hat aber auch viele weitere Forderungen für den Kiez: Ersatz des lärmintensiven Kopfsteinpflasters, Flüstergleise, leise Straßenbahnen, eine Verringerung des Autoverkehrs durch Einbahnstraßenregelungen und eine Parkraumbewirtschaftung. Infolge der im Bau befindlichen Verlängerung der A100 drohe ansonsten massiver Schleichverkehr. Wichtig für den Erhalt der Aufenthaltsqualität sei nach Ansicht von Baustadtrat Panhoff die Verhinderung des von der Bahn vorgesehenen Supermarktes. Den „Kollaps mir der Straßenbahn“ sehe er nicht. „Ein Verkehrsplatz vor einem Bahnhof bleibt ein Verkehrsplatz vor einem Bahnhof. Das wird kein Spielplatz, da soll man doch keine Augenwischerei betreiben“, sagt Jutta Matuschek von der LINKEN.

„Schaffen wir es nicht, rechnerisch unter die Lärmgrenzwerte zu kommen, dürfen wir nicht bauen“, beruhigt Rainer Döge von der BVG die Anwohner. Nächstes Jahr möchte die Stadtentwicklungsverwaltung mit dem Planfeststellungsverfahren beginnen, Baustart könnte 2016 sein. Bevor das formelle Verfahren beginnt, wird es noch eine Bürgerbeteiligung zu den möglichen Straßenraumaufteilungen geben, verspricht Matthias Horth.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Kein Platz für Party

Dem Spreeufer droht weiteres Clubsterben

Die einst so lebendige Clubszene an der Spree verwaist zusehends. Das Yaam will umziehen, kann aber nicht. Das Magdalena sucht ein neues Grundstück und auch dem Lichtpark droht das Aus.

„Ich hätte nicht erwartet, dass wir wieder so eine Pressekonferenz veranstalten müssten“, sagt Jan Lerch sichtlich fassungslos. Doch der Vorstand des Yaam, einer Mischung zwischen Reggaeclub und Integrationsprojekt, muss in wenigen Wochen das bisher genutzte Grundstück verlassen. Eigentlich gibt es auch einen Ersatzstandort, das momentan vom Club Magdalena genutzte Gelände direkt an der Schillingbrücke. Die Rückübertragung aus dem Liegenschaftsfonds an den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist im Prinzip auch in trockenen Tüchern, wenn da nicht ein auch vor Gericht geführter Streit über die Sanierungskosten zwischen Land und Bezirk wäre.

„Eine Hängepartie über viele, viele Monate“, sagt Lerch. „Die Zeit wird extrem knapp. Wir sind kein Club, der innerhalb von drei Tagen umziehen kann.“ Ein halbwegs geordneter Umzug könnte dann stattfinden, wenn der Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses am 11. Dezember grünes Licht für die Grundstückübertragung geben würde. Der Bezirk hat nach Lerchs Ansicht die Bedingungen erfüllt. „Es kann nicht sein, dass gesagt wird, Clubkultur sei wichtig, dann aber eine Lösung nicht mal ansatzweise umgesetzt wird“, sagt er.

Christian Mill ist bereits seit über einem Jahr auf der Suche nach einem Ersatzstandort für die Magdalena, die dem Yaam weichen soll. Lange erfolglos. Erst nachdem man an die Öffentlichkeit gegangen sei habe sich das geändert. „Wir sprechen jetzt mit der BEHALA über ein Objekt, aber eigentlich ist viel zu wenig Zeit für Verhandlungen“, sagt er. Mit einer so unklaren Perspektive seien Bookings praktisch unmöglich.

Auch dem Lichtpark auf der anderen Spreeseite droht das Aus. Der bis Jahresende laufende Mietvertrag werde wohl nicht verlängert, sagt Roland Prejawa. Dabei gebe es eine hohe Nachfrage nach Open-Air-Veranstaltungen im innerstädtischen Bereich. „So kann man nicht langfristig planen, Investitionen sind sehr risikobehaftet“, sagt er.

„Es dauert lange, bis ich Antwort bekomme, wenn überhaupt eine kommt“, berichtet das Berliner Cluburgestein Ben de Biel, der sich auf die Suche nach neuen Räumen für die Magdalena begab. „Die Strukturen in Politik und Verwaltung sind extrem langsam und mir ist ein großes Unverständnis über unser Geschäft begegnet“, beklagt er.

„Ich teile die Ungeduld, dass alles zu langsam geht“, sagt CDU-Landesparlamentarier Christian Goiny. Die Clubszene leiste einen unglaublichen Beitrag für die Kreativität der Stadt. Seiner Meinung nach hat sich der Umgang mit der Clubkultur unter rot-schwarz jedoch deutlich gewandelt. Er ist genau wie seine SPD-Kollegin Clara West der Meinung, dass die Neue Liegenschaftspolitik, derzufolge Landesgrundstücke nicht mehr nur nach Höchstpreis verkauft werden, ein klarer Paradigmenwechsel sei. Auch bei Lärmschutz und Baurecht seien den Clubs entgegenkommende Änderungen in Vorbereitung.

Änderungen, an die Katrin Schmidberger erst glauben will, wenn sie Gesetz geworden sind. Sie sitzt für die Grünen im Abgeordnetenhaus. „Die Beispiele Yaam und Magdalena zeigen, dass wir bisher landesweit keine Strategie haben. Es gibt aber noch viele andere Clubs in der Stadt, die einer herannahenden Bebauung werden weichen müssen“, sagt sie. Sie wünscht sich eine Strategie „gemeinsam mit den und nicht gegen die Bezirke.“

„Wir wollen nicht alle weiter an den Stadtrand gedrängt werden. In der Innenstadt braucht es noch etwas anderes als Townhouses“, sagt Lerch. Clara West ist zuversichtlich, dass der Vermögensausschuss bald positiv entscheidet. „Das hilft dem Magdalena wenig“, muss sie einräumen. Und so drückt sie Daumen. Kostet ja nichts.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Brust-OP und Bundeswehr

Auf dem Kiezsofa befragen zwei Berliner andere Hauptstädter nach ihrer Lebensgeschichte

Promis sollen auch Platz nehmen auf dem Kiezsofa. Aber sie sollen dort nicht allein sitzen. Simon Akstinat und Nadine Kleifges wollen in ihren Stadtteilgesprächen jedermanns Geschichten hören.

Das PriMaria ist normalerweise ein gemütliches bulgarisches Restaurant am Boxhagener Platz. An diesem Montagabend sind jedoch alle Tische in einen Nebenraum verbannt. Stattdessen stehen Stuhlreihen dicht an dicht in dem übersichtlichen Raum. Alle Sitze sind belegt, auch an der Bar. Und wo noch Platz ist, stehen weitere Gäste. Über 60 meist junge Zuschauer füllen den Raum komplett aus. Der Blick richtet sich auf ein beiges Couchungetüm, das entfernt an eine Wolke erinnert.

Bei dem Möbelstück handelt es sich »Kiezsofa«, auf dem Simon Akstinat und Nadine Kleifges zweieinhalb Stunden mehr oder minder prominente Menschen befragen werden, die eines verbindet: Sie wohnen alle in Friedrichshain. Also genau genommen ein Altbezirkssofa, aber wie klänge das denn? Zum Leidwesen der Stehenden beginnt die Sache jedoch erst in einer halben Stunde. Soviel ist schon klar: Dem hyperlokalen Konzept mangelt es nicht an Interesse.

Das zeichnete sich schon im Vorfeld ab. Mehrere Berliner Zeitungen berichteten vorab über die Veranstaltung. »Man wohnt in seinem Kästchen und hat wenig miteinander zu tun«, sagt Simon Akstinat. Interesse für die Nachbarn zu wecken sei die Motivation. »Den Wert bekommt die Veranstaltung dadurch, dass man als Zuschauer direkt mit den Leuten ins Gespräch kommen kann.« Mit Recherche und Interviews kennen sich die beiden aus: Die 26-jährige Kleifges ist freie Fernsehredakteurin, der 35-jährige Akstinat Autor verschiedener Sach- und Hörbücher. Bühnenerfahrung haben sie praktisch keine.

»Nervöse Leute müssen auch viel vorlesen«, sagt denn auch Akstinat, den Stapel mit Stichwortzetteln fest umklammernd, nachdem er zusammen mit Kleifges auf dem Sofa Platz genommen hat. Erster Gast ist Mo Büttner. Kein Promi, sondern jemand, der schon mit seinen 25 Jahren eine interessante Lebensgeschichte vorzuweisen hat. Mit 17 Jahren verpflichtete sich der aus einem Dorf nahe Brandenburg an der Havel stammende Büttner »damals noch mit einer anderen Einstellung« zu sieben Jahren Wehrdienst. »Ich dachte beim Bund kriege ich deutsche Tugenden«, sagt er. In der rechten Szene sei er damals unterwegs gewesen, bis er schließlich in einer bayerischen Kaserne einen Oiskin kennenlernte, der ihm eine andere Welt zeigte. Irgendwann musste er schließlich nach Afghanistan. Längst hatte er andere Ideale, hatte schließlich einen Zusammenbruch. »Heute bin ich Veganer und der offenste Mensch.« Auf einer Leinwand zeigen Fotos seine Entwicklung vom akkurat frisierten Teenager zum heutigen Wuschelkopf. Niemand ruft dazwischen, die Besucher sind einfach fasziniert von der Lebensgeschichte mit dem guten Ausgang.

Prominentester Gast ist das Erotikmodel Micaela Schäfer. Sie spricht über ihre Schönheits-OPs (»Ich hatte ein sehr schlimmes Profil.«), über ihre Ausbildung zur Apothekenhelferin (»Ich gehe gern in Apotheken, fühle mich da sehr wohl.«) und schlimme Bezirke (»Hellersdorf!«). Aufschlussreich ist ihr Lieblingsrestaurant, eine eher seelenlose Touristenabfütter- und Billigcocktailversorgungsstation in der Nähe der Simon-Dach-Straße. Immerhin geerdet ist sie und sie wirkt sympathisch. Das Publikum will noch einige weitere Dinge wissen. Das gehört zum Konzept. Die Musiker von »Smith & Smart«, zeigen, dass wortgewandte Gäste die beiden unerfahrenen Moderatoren durchaus an die Wand reden können. Sie machen das allerdings sehr charmant.

»Uns war es wichtig, dass die Gästemischung möglichst bunt ist. Im Prinzip könnte man auf die Warschauer Brücke gehen, und dort Leute finden, die etwas Interessantes erzählen können«, sagt Kleifges. Die Premiere ist jedenfalls gelungen.

Die nächste Kieztalkshow findet am 13. Januar in Prenzlauer Berg, dann mit Gästen von dort, statt. Friedrichshain ist wieder am 27. Januar an der Reihe, angekündigt ist unter anderem Hans Modrow.

Kiezsofa