Donnerstag, 10. Oktober 2013

Robust statt hochglanzpoliert

Kannen die piepen, wenn sie voll sind: Erste blindengerechte Lehrküche in Berlin eingeweiht

»Bei unseren heutigen Azubis könnte man auch so was brauchen. Zahlen ablesen können die irgendwie nicht mehr«, sagt Sternekoch Stefan Hartmann über die sprechende Waage. Gerade führt Thomas Schmidt vom Berliner Blindenhilfswerk durch sein neuestes Schätzchen, eine blindengerechte Lehrküche. Großer Stolz und große Freude sind dem stark sehbehinderten Mann, der nur noch starke Kontraste erkennen kann, anzumerken. Als würde er gerade einen neuen Flughafen eröffnen.

Seit Dienstag steht die Küche im Souterrain des Wohnhauses des Blindenhilfswerks in der Steglitzer Rothenburgstraße zur Verfügung. Eingeweiht wurde sie mit Gerichten der bekannten Berliner Köche Stefan Hartmann und Holger Zurbrüggen. »Ich würde sagen, das ist Kabeljau mit Parmesankruste«, vermutet eine blinde Besucherin. Sie hat sich nicht getäuscht, wie die Nachfrage beim Koch bestätigt. Ein Treffpunkt für die etwa 120 Bewohner des Hauses - Blinde, Sehbehinderte und Vereinsmitarbeiter - soll sie werden.

Währenddessen geht die Führung weiter. »Hier. Die Drehschalter an den Herden klicken bei jeder Stufe«, sagt Schmidt. So können Blinde erkennen, welche Temperatur sie einstellen. Klapppfannen sorgen dafür, dass nicht das Bratgut gewendet werden muss, sondern einfach die Pfanne umgedreht werden kann. »Wir haben auch Kannen, die piepen, wenn sie voll sind«, erklärt Schmidt. Alle Schubladen sind zudem an der Oberkante mit Braille-Etiketten beschriftet. »So wissen die Leute, was drin ist und verletzen sich nicht bei der Suche«, sagt Juliane Eichhorst vom Verein. Die Griffe reichen über die gesamte Schubladenbreite, auch das erspart eine lange Suche. »Wichtig ist auch, die Fächer nicht zu überladen. Ein, maximal zwei Gegenstände dürfen rein.« Auch ein Eitrenner gehört zur Ausstattung.

Besonders freut sich die Sehende Eichhorst über das Schneidebrett mit integrierter Schublade. So können Abschnitte und tatsächlich gewünschte Zutaten klar getrennt werden. »Früher musste ich das nach dem Schneiden mühsam auseinandersortieren.« Doch bis zur schönen neuen Küche war es ein weiter Weg. Allein schon die vorhergehende Sanierung der Räume. »Das war zwar keine Höhle, aber es ging schon in die Richtung«, erinnert sich Werner Martini, Chef des Blindenhilfswerks. Durch etliche Küchengeschäfte sei man gegangen, um die richtige Ausstattung zu finden, berichtet Juliane Eichhorst. »Ursprünglich wünschte ich mir Hochglanzoptik, doch die ist einfach nicht haltbar genug.« Immer wieder knallten sie in Küchenstudios Töpfe gegen die Schränke, um eine wirklich resistente Einrichtung zu finden.

Fast 50 000 Euro hat schließlich die Küche gekostet. Knapp 40 000 Euro davon steuerte die Senatssozialverwaltung bei. Sehr gut angelegtes Geld, wie Staatssekretär Dirk Gerstle (CDU) findet. »Eine hervorragende Inklusionsmaßnahme, die auch noch ein großer Wunsch der Beteiligten war. Kochen ist schließlich mehr als Nahrungszubereitung «, sagt er. Fast 7 000 Euro legte noch die Berliner Sparkasse drauf, der Rest wurde aus Eigenmitteln finanziert.

Im Rahmen des Küchenkaufs zeigte sich auch, dass der technische Fortschritt nicht immer den Blinden zugute kommt. »Ein Tastentelefon ist zum Beispiel für Blinde viel einfacher zu bedienen als ein Touchscreen«, sagt Werner Martini. Der Trend zu diesen Bedienoberflächen auch bei Haushaltsgeräten ist eine Herausforderung für die Betroffenen.

Ein Ort der Begegnung und Geselligkeit solle die Küche werden, nicht nur zwischen Blinden, sondern auch mit Sehenden, wünscht sich Thomas Schmidt. »Ähnlich einem ›Garten der Sinne‹. Wir wollen auch Kurse für sehende Jugendliche anbieten, die dann mit einer Augenklappe kochen.« Während er das sagt, schneidet er Zwiebeln. Ganz ohne Verletzungen. »Klappt aber leider nicht immer.«

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