Montag, 21. Oktober 2013

Kurze Freude über ein neues Heim

Fröhliche Gesichter am Kottbusser Tor, traurige Blicke in Lichtenberg. So sah der Berliner Teil des europäischen Aktionstages für das Recht auf Wohnen und Stadt am Samstag aus. Die Mieterinitiative Kotti & Co hatte sich für dieses Mal eine Tanzdemo ausgedacht. Man wolle es mit Emma Goldmans Ausspruch „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution“ halten, sagt Detlef K. von der Gruppe.

Sonst sei Deutschland bei vielen Sauereien alleine vorne. Bei der Verdrängung von Armen aus den Städten sei das nicht der Fall. „In Spanien werden jeden Tag mehrere hundert Familien zwangsgeräumt“, sagt K. und ruft die rund 200 Teilnehmer zum türkischen Halay, einem Kreistanz auf.

Währenddessen versuchen ein paar Kilometer weiter in der Lichtenberger Rathausstraße wohnungslose Familien und Einzelpersonen eine leerstehende Polizeiwache zu besetzen. „Da sind Menschen aus Bulgarien und Rumänien dabei, die überhaupt keine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben“, erklärt Sebastian, der als Sprecher für die Gruppe fungiert. „Die fallen komplett durch das soziale Netz“, sagt er. Jobcenter und Sozialämter weigerten sich, Unterstützung zu geben. In seltenen Fällen könnten die Betroffenen Zuwendungen vor Gericht erstreiten, die Rechtsprechung ist jedoch sehr uneindeutig.

Doch bereits kurz nachdem die ersten in der ehemaligen Polizeiwache sind, bekommt die Polizei Wind von der Aktion und riegelt das Gebäude mit mehreren Mannschaftswagen ab. Das durchkreuzt auch die Pläne der Romafrau, die sich gerade noch am Kottbusser Tor über ein künftiges Dach über dem Kopf freute. „Seit drei Jahren wohne ich mit meinen vier Kindern hier im Park“, erzählt sie. Ihr ältester Sohn gehe bereits in die Schule, ein anderes Kind sei im Kindergarten.

„Viele haben während des spanischen Baubooms unter unsäglichen Bedingungen auf den dortigen Baustellen gearbeitet. Als die Krise kam wurden sie arbeitslos“, sagt Sebastian. Nach und nach führen Polizisten die Besetzer aus dem Gebäude. Sebastian ist wie die rund 100 weiteren Unterstützer, die sich vor dem Haus eingefunden haben, niedergeschlagen. „Das sollte eben keine symbolische Besetzung sein, die Menschen sollten eine echte Perspektive haben“, sagt er.

Mit sehr wechselhaften Gefühlen hat auch Norman Ludwig vom Verein „Kultwache Rathausstern“ zu kämpfen. Sein Verein möchte das Haus in Zusammenarbeit mit dem Mietshäuser Syndikat vom Liegenschaftsfonds kaufen. Eine Kita, ein Kiezcafé, Gemeinschaftsgärten, eine Bibliothek, Seminar- und Projekträume und nicht zuletzt Wohnraum für etwa 100 Menschen möchte der Verein unterbringen. Der Bezirk ist begeistert vom Projekt, der Liegenschaftsfonds wirft Knüppel zwischen die Beine. „Nachdem das Höchstpreisverfahren abgeblasen wurde, verlangen sie nun einen Liquiditätsnachweis über 7 Millionen Euro. Die wollen Großinvestoren, keinen Kiezverein“, sagt Ludwig. Er kann die Motivation der Besetzer verstehen, fragt sich aber warum sie gerade dieses Haus ausgewählt haben. „Naja, Berlin ist groß“, sagt er und vermutet, dass die Aktivisten nicht über die Pläne seines Vereins Bescheid wussten.


„Die Häuser denen, die drin wohnen“, skandieren nun mehrmals die Umstehenden. „Ich hätte schon gerne eine Wohnung für den Winter gehabt“, sagt eine Besetzerin, nachdem sie von den Polizisten hinausgeführt wurde. Katrin Lompscher (DIE LINKE) hatte zwischen den Besetzern und der Polizei vermittelt. Der Liegenschaftsfonds hat Anzeige wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch gestellt. Gegen halb fünf erreicht die Demo wieder ihren Ausgangspunkt am Kottbusser Tor. „Löhne rauf, Mieten runter“ rufen die Teilnehmer. Das müssen sie wohl noch oft machen, bis etwas substanzielles passiert.

Keine Kommentare: