Dienstag, 29. Oktober 2013

Wer ist die Stadt?

Über Tourismus wird in Berlin oft hitzig gestritten - eine Workshopreihe versucht die Analyse

Touristifizierung nennt sich der Prozess, den seit einigen Jahren Berliner Innenstadtbewohner am eigenen Leib erfahren. Konkret bedeutet das neue Lokale in einst ruhigen Wohnstraßen, stetes Rollkoffergeräusch oder überfüllte Nachtbusse. Was heißt das noch alles? Und: Was sind eigentlich Touristen? Mit diesem Komplex setzt sich die Gruppe „Kritische Geographie Berlin“ in einer Workshopreihe auseinander.

Mehrere Arbeitsgruppen widmeten sich unterschiedlichen Themen und machten auch Ortsbegehungen. Zum Beispiel zur Admiralbrücke, die wegen Beschwerden über Lärm und Müll der dort nächtlich Feiernden einmal stadtweites Thema war. „Es macht ja eigentlich keinen Sinn, die Brücke aufenthaltsunfreundlicher zu gestalten, bloß weil es Touristen gibt“, sagt Niels Grube. Seine Gruppe hat sich mit dem Thema „Mediation im öffentlichen Raum“, also der Vermittlung zwischen Anwohner- und Besucherinteressen, auseinandergesetzt.

„Die Berliner Freiheit spielt eine gewisse Rolle bei Touristen“, sagt er. „Also Clubbing, Rauchen im öffentlichen Raum, permanent trinken, die Öffnungszeiten, der Konsum von Drogen, Hedonismus“, führt er aus. Tatsächlich beschleicht einen häufig der Eindruck, dass junge Menschen davon ausgehen in Berlin dürfe man alles. Das führt zu durchaus zweifelhaften Reaktionen, wie einer Internetseite, die nur Bilder von Personen zeigt, die in öffentlichen Verkehrsmitteln essen. Ein „digitaler Pranger“ sei die Seite, da das Verhalten „eine Form von Terrorismus“ sei, steht in der Begrüßung.

Das Beispiel zeigt aber deutlich, dass vieles, was in der öffentlichen Debatte oder im privaten Gespräch mit Touristen in Verbindung gebracht wird, gar nicht so einfach nur auf sie reduziert werden kann. Schnell stellt sich die von Thomas Bürk aufgebrachte Frage „Wer ist die Stadt?“ Am Beispiel Görlitzer Park zeigt er auf, dass sich vor allem Anwohner mit entsprechendem sozialen oder kulturellen Kapital als Bürgerinitiative positionieren, was in konkretem Falle bedeutet, dass die ansässigen Migranten in der Debatte keine aktive Rolle spielen. Bürk möchte „wegkommen von den Kategorisierungen wie Tourist oder Berliner.“

„Wenn ich Türkisch oder Arabisch höre, bekomme ich Heimatgefühle, Englisch löst eher Beklemmung aus“, zitiert Niels Grube einen Anwohner der Neuköllner Weserstraße. „Früher wurden vor allem menschenleere Gebiete als Angsträume angesehen. Das hat sich verschoben hin zu vollen Räumen wie der Warschauer Brücke“, sagt er. Doch natürlich bieten die Menschen aus aller Welt, die Berlin besuchen, auch viele Kontaktmöglichkeiten. „Die Bewohner sollten sich nicht nur in ihr Biotop zurückziehen, sondern die veränderten Begebenheiten auch als Lernräume annehmen“, findet Grube.

Micki Blickhans Gruppe hat sich mit der geplanten Citytax, einer Übernachtungsabgabe, auseinandergesetzt, die viele Fragen aufwirft. Soll es eine nicht zweckgebundene Steuer oder eine Abgabe werden? Was soll mit ihr finanziert werden? Ist sie bürokratisch handhabbar? Eine Frage, die sich auch bei der Zweckentfremdungsverbotsverordnung stellt, die die Umnutzung von Wohnraum in Ferienwohnungen verbieten soll.

Vieles bleibt offen. „Aber es geht uns eben nicht um Handlungsempfehlungen“, sagt Thomas Bürk von der „Kritischen Geographie Berlin“. „Wir wollen vertiefende Analysen machen und konventionelle Denkweisen infrage stellen. Schöne aufklärerische Bildungstradition.“ Eine Empfehlung hat er dann doch: „Viele sollten einfach ihr Maul halten. Es wird einfach zu viel Bullshit gelabert.“



Dienstag, 22. Oktober 2013

Der Block als Heim

Wegen redaktionsinterner Missverständnisse nicht erschienener Artikel

Das war doch etwas viel für den Fahrstuhl. Eine Handbreit unter Etagenniveau liegt der Boden der Blechkiste. Dabei waren wird doch nur acht Menschen. „Zugelassen für 12 Personen“, steht auf dem Fabrikschild. „Ja, das war 1974. Aber doch nicht mehr heute“, sagt mit tadelnder Stimme der Hausmeisterhelfer, dessen Namen wir nicht kennenlernen bei der Führung durch das „Zentrum Kreuzberg“.

Vierzig Jahre wird der Betonklotz am Kottbusser Tor nächstes Jahr alt. Zur Eröffnung nannte sich der Komplex, der die Adalbertstraße überspannt und die Dresdner Straße vom Kotti abschneidet, noch „Neues Kreuzberger Zentrum“, Abkürzung NKZ. Das fanden viele bezeichnend für die Heimeligkeit der Beton gewordenen Idee der modernen Stadt.

Seit nunmehr drei Jahren hat das Theater- und Kunstprojekt „Vierte Welt“ im Zentrum Quartier bezogen. Sehr intellektuell, sehr experimentell, sehr politisch und durch den übersichtlichen Raum auch sehr intim sind die Veranstaltungen. „Das Haus ist eine Utopie, die nie funktioniert hat“, sagt Regisseur Dirk Cieslak über den Reiz des Gebäudes und den Wunsch sich mit der Geschichte und den Bewohnern des Hauses auseinanderzusetzen.

In drei Intervallen, bestehend aus Hausführungen, einer Performance und einer Diskussion setzt sich das Kollektiv mit dem Haus auseinander. „Der Block. This home was once a house“ nennen die Macher ihren Zyklus. Dennis Daniel hat eine der zwei Führungen konzipiert, die parallel durch den Komplex führen. „Die Idee der Führungen ist, einen Aneignungsprozess praktisch erfahrbar zu machen“, sagt er.

Doch zunächst gibt es einen Film. Fiktive und reale Personen – Bewohner, Stadtplaner, Verwalter, Besitzer, Bauingenieure – sprechen über das Haus. Da werden die vor einigen Jahren neuinstallierten Türknaufe vorgestellt, die so geformt sind, dass entkräftete Drogenabhängige nicht die Kraft haben. Oder die Drahtgittertore, im schönen Ingenieursdeutsch „transparente Abtrennungen“, die der „Komplexitätsreduktion“ dienen. Zu oft verliefen sich in dem komplexen Treppenhaus- und Fahrstuhlsystem die Menschen.

„Kreuzberg ist für mich vor allem too much“, sagt eine Bewohnerin im Rentenalter, die ursprünglich aus Reinickendorf stammt. „Es stört mich massiv, dass es eine Gruppe gibt, die ihre Problemchen nicht mit mir besprechen will“, sagt sie und meint „die Kopftuchfrauen“. Den Kontakt zu suchen könnte für sie eine Rentneraufgabe werden, meint sie noch.

Ambivalenz allüberall. So wie der Umstand, dass angesichts der horrenden Mietsteigerungen vor allem im südlichen Teil des Kottbusser Tors das Zentrum Kreuzberg fast eine Insel der Glückseligen ist. „Die Hausverwaltung kämpft mit Herzblut darum, die Mieten sozial zu halten“, sagt Dennis Daniel. Auch Detlef K. von der Mieterinitiative „Kotti & Co“ bestätigt, dass es dort „noch keine großen Probleme“ gebe.


Die eine Führung zieht Parallelen zu französischen Sozialbauten und dem venezolanischen „Torre de David“, einem besetzten halbfertigen Hochhaus mitten in Caracas. Die andere Führung wirft den Blick auf die utopisch-technokratisch-sozialdisziplinierten Umgang mit Wohnen und öffentlichen Räumen. Dirk Cieslak möchte mit seiner samstäglichen Performance schließlich anhand des Hauses die Entwicklung des weltweiten modernen Kapitalismus aufzeigen. „Das bricht die Komplexität so weit herunter, dass man die Prozesse versteht“, sagt er. Sonntags wird dann diskutiert. Dieses Mal sprechen der bekannte DDR-Architekturexperte Bruno Flierl sowie der Autor Ulrich Peltzer über die Geschichte der Stadt. Am Ende versteht man auf jeden Fall besser, wie aus diesem Haus ein Heim werden konnte.

Montag, 21. Oktober 2013

Kurze Freude über ein neues Heim

Fröhliche Gesichter am Kottbusser Tor, traurige Blicke in Lichtenberg. So sah der Berliner Teil des europäischen Aktionstages für das Recht auf Wohnen und Stadt am Samstag aus. Die Mieterinitiative Kotti & Co hatte sich für dieses Mal eine Tanzdemo ausgedacht. Man wolle es mit Emma Goldmans Ausspruch „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution“ halten, sagt Detlef K. von der Gruppe.

Sonst sei Deutschland bei vielen Sauereien alleine vorne. Bei der Verdrängung von Armen aus den Städten sei das nicht der Fall. „In Spanien werden jeden Tag mehrere hundert Familien zwangsgeräumt“, sagt K. und ruft die rund 200 Teilnehmer zum türkischen Halay, einem Kreistanz auf.

Währenddessen versuchen ein paar Kilometer weiter in der Lichtenberger Rathausstraße wohnungslose Familien und Einzelpersonen eine leerstehende Polizeiwache zu besetzen. „Da sind Menschen aus Bulgarien und Rumänien dabei, die überhaupt keine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben“, erklärt Sebastian, der als Sprecher für die Gruppe fungiert. „Die fallen komplett durch das soziale Netz“, sagt er. Jobcenter und Sozialämter weigerten sich, Unterstützung zu geben. In seltenen Fällen könnten die Betroffenen Zuwendungen vor Gericht erstreiten, die Rechtsprechung ist jedoch sehr uneindeutig.

Doch bereits kurz nachdem die ersten in der ehemaligen Polizeiwache sind, bekommt die Polizei Wind von der Aktion und riegelt das Gebäude mit mehreren Mannschaftswagen ab. Das durchkreuzt auch die Pläne der Romafrau, die sich gerade noch am Kottbusser Tor über ein künftiges Dach über dem Kopf freute. „Seit drei Jahren wohne ich mit meinen vier Kindern hier im Park“, erzählt sie. Ihr ältester Sohn gehe bereits in die Schule, ein anderes Kind sei im Kindergarten.

„Viele haben während des spanischen Baubooms unter unsäglichen Bedingungen auf den dortigen Baustellen gearbeitet. Als die Krise kam wurden sie arbeitslos“, sagt Sebastian. Nach und nach führen Polizisten die Besetzer aus dem Gebäude. Sebastian ist wie die rund 100 weiteren Unterstützer, die sich vor dem Haus eingefunden haben, niedergeschlagen. „Das sollte eben keine symbolische Besetzung sein, die Menschen sollten eine echte Perspektive haben“, sagt er.

Mit sehr wechselhaften Gefühlen hat auch Norman Ludwig vom Verein „Kultwache Rathausstern“ zu kämpfen. Sein Verein möchte das Haus in Zusammenarbeit mit dem Mietshäuser Syndikat vom Liegenschaftsfonds kaufen. Eine Kita, ein Kiezcafé, Gemeinschaftsgärten, eine Bibliothek, Seminar- und Projekträume und nicht zuletzt Wohnraum für etwa 100 Menschen möchte der Verein unterbringen. Der Bezirk ist begeistert vom Projekt, der Liegenschaftsfonds wirft Knüppel zwischen die Beine. „Nachdem das Höchstpreisverfahren abgeblasen wurde, verlangen sie nun einen Liquiditätsnachweis über 7 Millionen Euro. Die wollen Großinvestoren, keinen Kiezverein“, sagt Ludwig. Er kann die Motivation der Besetzer verstehen, fragt sich aber warum sie gerade dieses Haus ausgewählt haben. „Naja, Berlin ist groß“, sagt er und vermutet, dass die Aktivisten nicht über die Pläne seines Vereins Bescheid wussten.


„Die Häuser denen, die drin wohnen“, skandieren nun mehrmals die Umstehenden. „Ich hätte schon gerne eine Wohnung für den Winter gehabt“, sagt eine Besetzerin, nachdem sie von den Polizisten hinausgeführt wurde. Katrin Lompscher (DIE LINKE) hatte zwischen den Besetzern und der Polizei vermittelt. Der Liegenschaftsfonds hat Anzeige wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch gestellt. Gegen halb fünf erreicht die Demo wieder ihren Ausgangspunkt am Kottbusser Tor. „Löhne rauf, Mieten runter“ rufen die Teilnehmer. Das müssen sie wohl noch oft machen, bis etwas substanzielles passiert.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Bangen um den Bouleplatz

Die Anlage am Paul-Lincke-Ufer hat eine ungewisse Zukunft

Seit einem Vierteljahrhundert sind die Boulespieler vom Ufer des Landwehrkanals im Sommer nicht mehr wegzudenken. Lärmbeschwerden von Anwohnern gefährden aber den Bestand des Boulodroms.

Ein dumpfer Aufschlag, ein kurzes Klackern, ein halblautes »Bravo« oder auch mal weniger enthusiastisch: »Wir wollen nicht klagen.« Der eher diskrete Charme des Boulespielens ist einem Außenstehenden nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Und doch ist der Bouleplatz am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer seit einem Vierteljahrhundert Anziehungspunkt für diese sehr gemütliche Sportart. Auch an einem nassen und grauen Sonnabend wie dem vergangenen, als der 1. Boule Club Kreuzberg (BCK) sein Jahresabschlussturnier veranstaltete.

Über vier Bahnen verfügt das Kreuzberger Boulodrome, aber von einem Hexenkessel mit überschäumenden Emotionen ist die Sportanlage weit entfernt. Die Atmosphäre erinnert an die Entspanntheit eines südfranzösischen Dorfplatzes. Doch es könnte sein, dass damit in absehbarer Zeit Schluss ist. Anwohner klagen über nächtlichen Lärm.

»Es gab schon vor zehn Jahren mal Lärmbeschwerden«, erinnert sich Vereinschef Thorsten Beckmann. Bisher ließen sich die Streitigkeiten immer beilegen. Doch dieses Jahr entwickelte sich die Lärmproblematik zum Dauerstreit. Von Mai bis September werde dort bis in den frühen Morgen gefeiert, klagte ein Anwohner im August einer Zeitung. Der Berliner Touristenzirkus hat inzwischen auch diese Ecke erreicht, die bis vor nicht allzu langer Zeit gefühltes Ende der Welt war.

»Das sind keine Neuzugezogenen, die sich nun die Gegend machen wollen, wie sie ihnen gefällt«, sagt Beckmann, der seit einer Weile im Gespräch mit den Nachbarn ist. »Kreuzberg und auch Neukölln werden eben immer beliebter. Der Platz steht inzwischen sogar in Reiseführern«, sagt er. »Wir als Bouleverein können jedoch nur bedingt etwas machen, es ist öffentliches Gelände.«

Es war schließlich die Kreuzberger CDU, die im Juni im Bezirksparlament einen Antrag einbrachte, den Lärm auf den Bouleplätzen, der durch »oftmals alkoholisierte Boulespieler« entstehe, »wirksam und dauerhaft« zu unterbinden. Die verschiedensten Ideen geisterten herum. Von einer Einzäunung wurde gesprochen. »Nicht nur, dass das unglaublich hässlich wäre, der Zaun wäre doch sowieso in spätestens einem Monat zerstört«, sagt Martin Beikirch vom BCK.

Auch eine Verlagerung in den Görlitzer Park wurde ins Spiel gebracht. Eine Idee, der Thorsten Beckmann durchaus etwas abgewinnen kann, aber höchstens als zusätzlichen Spielort. »Wir platzen hier aus allen Nähten, in den Sommermonaten ist die Anlage komplett überlaufen.« Der Verein ist jedenfalls kompromissbereit. So wurden die eigenen Spielzeiten strikt begrenzt. Wochentags ist um 22 Uhr Schluss, freitags eine Stunde später.

»Wir haben schon ein Finalspiel wegen der zeitlichen Einschränkung kurz vor dem Ende abgebrochen«, sagt Martin Beikirch. »Da kann man sich vorstellen, wie die Stimmung war.« Auch die Lichterkette wurde abgebaut, um die nächtliche Bespielbarkeit einzuschränken, der Verpflegungsstand bei Turnieren ist von den Wohnhäusern weggewandert, vom Verein angebrachte Schilder weisen auf die Bedürfnisse der Nachbarschaft hin.

Ein Beschluss von SPD, Grünen und Piraten hat inzwischen die vom Verein praktizierten Spielzeitenbeschränkungen amtlich gemacht, Schilder des Bezirks weisen am Platz nun darauf hin. Man denkt darüber nach, zwei Straßenlaternen in Wohnhausnähe stillzulegen.

»Die Nachbarn sind uns wohlgesonnen, die wollen ab einer gewissen Uhrzeit einfach nur Ruhe«, glaubt Thorsten Beckmann. Und die nächsten Monate werde bei dieser »Hochsommerproblematik« nichts passieren. »Aber wenn nächstes Jahr jemand die Nerven verliert und klagt, ist das eine Sache mit ungewissem Ausgang für den Platz.« Da werden auch Boulespieler emotional.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Robust statt hochglanzpoliert

Kannen die piepen, wenn sie voll sind: Erste blindengerechte Lehrküche in Berlin eingeweiht

»Bei unseren heutigen Azubis könnte man auch so was brauchen. Zahlen ablesen können die irgendwie nicht mehr«, sagt Sternekoch Stefan Hartmann über die sprechende Waage. Gerade führt Thomas Schmidt vom Berliner Blindenhilfswerk durch sein neuestes Schätzchen, eine blindengerechte Lehrküche. Großer Stolz und große Freude sind dem stark sehbehinderten Mann, der nur noch starke Kontraste erkennen kann, anzumerken. Als würde er gerade einen neuen Flughafen eröffnen.

Seit Dienstag steht die Küche im Souterrain des Wohnhauses des Blindenhilfswerks in der Steglitzer Rothenburgstraße zur Verfügung. Eingeweiht wurde sie mit Gerichten der bekannten Berliner Köche Stefan Hartmann und Holger Zurbrüggen. »Ich würde sagen, das ist Kabeljau mit Parmesankruste«, vermutet eine blinde Besucherin. Sie hat sich nicht getäuscht, wie die Nachfrage beim Koch bestätigt. Ein Treffpunkt für die etwa 120 Bewohner des Hauses - Blinde, Sehbehinderte und Vereinsmitarbeiter - soll sie werden.

Währenddessen geht die Führung weiter. »Hier. Die Drehschalter an den Herden klicken bei jeder Stufe«, sagt Schmidt. So können Blinde erkennen, welche Temperatur sie einstellen. Klapppfannen sorgen dafür, dass nicht das Bratgut gewendet werden muss, sondern einfach die Pfanne umgedreht werden kann. »Wir haben auch Kannen, die piepen, wenn sie voll sind«, erklärt Schmidt. Alle Schubladen sind zudem an der Oberkante mit Braille-Etiketten beschriftet. »So wissen die Leute, was drin ist und verletzen sich nicht bei der Suche«, sagt Juliane Eichhorst vom Verein. Die Griffe reichen über die gesamte Schubladenbreite, auch das erspart eine lange Suche. »Wichtig ist auch, die Fächer nicht zu überladen. Ein, maximal zwei Gegenstände dürfen rein.« Auch ein Eitrenner gehört zur Ausstattung.

Besonders freut sich die Sehende Eichhorst über das Schneidebrett mit integrierter Schublade. So können Abschnitte und tatsächlich gewünschte Zutaten klar getrennt werden. »Früher musste ich das nach dem Schneiden mühsam auseinandersortieren.« Doch bis zur schönen neuen Küche war es ein weiter Weg. Allein schon die vorhergehende Sanierung der Räume. »Das war zwar keine Höhle, aber es ging schon in die Richtung«, erinnert sich Werner Martini, Chef des Blindenhilfswerks. Durch etliche Küchengeschäfte sei man gegangen, um die richtige Ausstattung zu finden, berichtet Juliane Eichhorst. »Ursprünglich wünschte ich mir Hochglanzoptik, doch die ist einfach nicht haltbar genug.« Immer wieder knallten sie in Küchenstudios Töpfe gegen die Schränke, um eine wirklich resistente Einrichtung zu finden.

Fast 50 000 Euro hat schließlich die Küche gekostet. Knapp 40 000 Euro davon steuerte die Senatssozialverwaltung bei. Sehr gut angelegtes Geld, wie Staatssekretär Dirk Gerstle (CDU) findet. »Eine hervorragende Inklusionsmaßnahme, die auch noch ein großer Wunsch der Beteiligten war. Kochen ist schließlich mehr als Nahrungszubereitung «, sagt er. Fast 7 000 Euro legte noch die Berliner Sparkasse drauf, der Rest wurde aus Eigenmitteln finanziert.

Im Rahmen des Küchenkaufs zeigte sich auch, dass der technische Fortschritt nicht immer den Blinden zugute kommt. »Ein Tastentelefon ist zum Beispiel für Blinde viel einfacher zu bedienen als ein Touchscreen«, sagt Werner Martini. Der Trend zu diesen Bedienoberflächen auch bei Haushaltsgeräten ist eine Herausforderung für die Betroffenen.

Ein Ort der Begegnung und Geselligkeit solle die Küche werden, nicht nur zwischen Blinden, sondern auch mit Sehenden, wünscht sich Thomas Schmidt. »Ähnlich einem ›Garten der Sinne‹. Wir wollen auch Kurse für sehende Jugendliche anbieten, die dann mit einer Augenklappe kochen.« Während er das sagt, schneidet er Zwiebeln. Ganz ohne Verletzungen. »Klappt aber leider nicht immer.«

Freitag, 4. Oktober 2013

Der Charme der Fruchtspießchen

Rund 100 000 Besucher nutzen den jährlichen »Tag der offenen Moschee«

Erlaubt der Koran tatsächlich das Töten? Das Ausräumen solcher Vorurteile gehört zu den Anliegen der zahlreichen muslimischen Gemeinden, die jeden 3. Oktober ihre Türen für Interessierte öffnen.

»Freitags steigt in der Moschee sozusagen die Party«, sagt Ender Cetin. Er ist Vorstandsvorsitzender der Sehitlik-Moschee am Neuköllner Columbiadamm und gibt gerade eine kleine Einführung in den Islam. Während er inmitten des prächtigen Gebetsraumes über seine Religion und sein Berliner Gotteshaus referiert, sitzen einige Dutzend Interessierte auf dem flauschigen Teppichboden.

Sie sind zum Tag der Offenen Moschee gekommen, der seit 1997 alljährlich am 3. Oktober stattfindet. Parallel zum »Tag der Einheit« wollen auch die Muslime zeigen, dass sie da sind und dazugehören. Deutschlandweit öffnen daher über 1000 Moscheen ihre Pforten an diesem Tag. Muslime organisieren für Besucher Führungen, schenken Tee aus, grillen, zeigen Ausstellungen, aber vor allem suchen sie Kontakt zu den Nachbarn und beantworten Fragen.

So wie jene, ob das Töten im Islam erlaubt sei, gestellt von einer älteren Dame. »Tötest Du einen Menschen, tötest Du die ganze Menschheit«, erläutert Cetin anhand eines Koranverses das grundsätzliche Verbot. Relativiert wird das durch andere Suren, die die Selbstverteidigung bei Angriffen erlauben, führt er weiter aus. »Das ist quasi wie der Sonderfall des Kriegsrechts.« Natürlich lasse sich so kein Terrorismus begründen, erklärt er geduldig. Schließlich sei auch Selbstmord durch den Koran nicht gedeckt.

Doch die meisten Fragen an den Gastgeber sind eher harmloser Natur. Wie etwa eine islamische Hochzeit ablaufe, möchte jemand wissen? Eine eher unspektakuläre Zeremonie, die man in seiner Moschee erst nach einer standesamtlichen Trauung durchführe. »Das könnte sonst politisch benutzt werden«, sagt Cetin.

Sein Publikum zeigt sich freundlich und interessiert an diesem Feiertag. Cetins unaufgeregte und manchmal flapsige Vortragsweise tragen dazu bei. Als er etwa erklärt, dass Männer und Frauen vor allem für eine bessere Konzentration auf den Gottesdienst getrennt voneinander sitzen, flachst er fröhlich mögliche Konfliktthemen weg.

Vor allem durch das persönliche Gespräch könne das allgemein verzerrte Bild des Islam gerade gerückt werden, heißt es in der hochprofessionellen Broschüre zum Tag der Offenen Moschee. Sie erläutert auch das diesjährige Motto »Umweltschutz - Moscheen setzen sich ein«. Schließlich gehöre auch die Schöpfung zu den Zeichen Allahs. Und so finden sich im Vorhof der Moschee, der einmal der erste islamische Friedhof Berlins war, Informationsstände von Ökostromanbietern und Naturkosmetikhändlern; Biowaffeln werden gebacken und es wird zur Mülltrennung aufgefordert. Doch auch die religiöse Praxis könne aus Umweltsicht noch verbessert werden, etwa beim Wasserverbrauch bei der Gebetswaschung, erfährt man.

Alltägliche Themen aus muslimischer Sicht darzustellen, ist natürlich hilfreich bei dem Anliegen, die rund vier Millionen Muslime in Deutschland als ganz normale Menschen zu zeigen. Und die Methode kommt offenbar an. »Das mit dem Umweltschutz gefällt mir sehr gut als Thema«, sagt Karin Weber. Die Religionslehrerin war bereits öfter mit Berufsschülern in der Sehitlik-Moschee. Auch der sehr professionelle Auftritt des Moscheevereins in der Öffentlichkeit helfe ihrer Meinung nach, durch unaufgeregte Information Vorurteile abzubauen.

Rund 100 000 Besucher zählt der Koordinationsrat der Muslime (KRM) Jahr für Jahr bei seiner Offene-Türen-Aktion. Das gewählte Datum - der Tag der Deutschen Einheit - soll das Selbstverständnis der Muslime als Teil eben dieser und ihre Verbundenheit mit der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck bringen. Die Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke sieht die Veranstaltung in diesem Sinne als »ermutigendes Zeichen«. Der Islam sei längst ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Sie sei daher »froh, wenn islamische Gemeinden trotz vieler Anfeindungen den Dialog suchen und Brücken bauen über alle Gräben und Grenzen hinweg.«

Zumindest in der Sehitlik-Moschee ist das Interesse der nicht-muslimischen Anwohner erwacht. Kai Rügener etwa wohnt in der Nachbarschaft und hatte den Bau bereits öfter bewundert. Heute ist er das erste Mal drinnen und bereits am Eingang hocherfreut: Als Willkommensgruß gibt es leckere Fruchtspießchen. Jetzt wendet er sich dem Köftestand zu. Aber eigentlich will er sich den Vortrag zum »Umweltschutz aus islamischer Perspektive« anhören. »Ich würde gerne Kontakt zu muslimischen Umweltschützern bekommen«, sagt er.

Das deutsche Beispiel des Tages der Offenen Tür hat inzwischen in europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien und der Schweiz Nachahmer gefunden. Das macht Hoffnung, zeigt aber auch deren Grenzen: Bis zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit ist es noch ein weiter weg. Christliche Kirchen müssen hierzulande schließlich keine offenen Tage veranstalten.