Sonntag, 28. Juli 2013

Vorposten am Flutgraben

Einst an der Grenze zu Teltow, dann zwischen Ost- und Westberlin lag und liegt die Lohmühleninsel

Loh-müh-len-in-sel, fünf Silben, schon eine ganz gute Leistung der deutschen Sprache. Leider kann fast niemand mit dem Namen etwas anfangen. Ja, die Lohmühlenstraße, da in Treptow, oder auch die Wagenburg Lohmühle, direkt am Landwehrkanal, aber diese Insel? Die liegt an jenem Ort, wo Schlesische Straße und Puschkinallee sich treffen, also nur fast treffen. Denn beide Straßen hören jeweils vor der Insel auf. Dazwischen heißt die Verbindung Kreuzbergs mit dem Berliner Südosten »Vor dem Schlesischen Tor«. Bis dahin führte früher auch die Lohmühlenstraße. Mit der Teilung Berlins nach dem Krieg war irgendwann Schluss damit. Die Wagenburg war allerdings nie auf der Insel, sondern auf dem Grenzstreifen, der als »Schlesischer Busch« an sommerlichen Tagen massenhaft Griller anzieht.

Die Insel, zu Mauerzeiten äußerster Vorposten, erinnert in ihrer Nutzung immer noch an die einst periphere Lage: Tankstelle, viele kleine Autowerkstätten, ein Betonwerk, Sportplätze und mit dem ehemaligen Heinz Minki einer der lauschigsten Biergärten der Stadt. Das heißt jetzt Chalet und ist ein Club, immer noch mit Garten und inzwischen auch wieder nachmittags geöffnet. Der im Rahmen der Cluberöffnung gediegen neugestaltete Ziegelbau von 1859 war einst ein Zollhäuschen. Mehl- und Schlachtsteuern erhob die Stadt Berlin hier an ihrer Grenze zum Landkreis Teltow bis 1875.

Das etwa 100 mal 600 Meter messende Inselchen selbst entstand mit dem Bau des Landwehrkanals zwischen 1845 und 1850. Was einst Schaf- oder Landwehrgraben genannt wurde, musste nun für den immensen Bedarf an Baumaterialien und sonstigen Gütern der schnell wachsenden Stadt ausgebaut werden. Schnurgerade ist die Verbindung zur Spree, der etwas gewundenere alte Verlauf wurde zum Flutgraben. Und dazwischen ward eine Insel.

Wenn nicht gerade Mückenplage ist, bietet sich der »Freischwimmer« für Kaffee, Kuchen, Trinken mit oder ohne Essen an. Etwas Geld muss man für die traumhafte Lage allerdings mitbringen. 3,80 Euro für den halben Liter Bier wollen die Betreiber schon haben. Was auf den ersten Blick so improvisiert-alternativ daherkommt, ist eben genau das Ambiente, mit dem Berlin und gerade auch diese Ecke Kreuzbergs die internationale Touristenschaft so überreichlich anzieht.

Der Weg zur teuren Gemütlichkeit führt am ehemaligen »Anhalt« vorbei, eine inzwischen als gastronomischer Betrieb dienende ausgediente Tankstelle. Der 1928 errichtete formschöne Bau ist das älteste erhaltene Tankstellengebäude der Stadt und war zum Eröffnungszeitpunkt die erste Zapfstelle mit angeschlossener Raststätte auf Berliner Boden. Autos werden heute im deutlich profaneren Zweckbau nebenan betankt. Viel interessanter für die Griller und Chiller ist jedoch der angeschlossene Shop, der in lauen Nächten einen recht geplünderten Eindruck macht.

An der Nordspitze der Lohmühleninsel, wo momentan noch Cemex seine Betonlaster befüllt, plante vor vielen Jahren eine Genossenschaft ein autofreies Wohngebiet. Der Mediaspree-Bürgerentscheid kam dazwischen. Da der Bezirk aber auch kein Geld für den Ankauf des Geländes hat, ist bisher nichts passiert, auch wenn Pläne eines renaturierten Spreeufers im Netz kursieren. Angesichts des enormen Verwertungsdrucks für dieses Filetstück in Wasserlage muss das nicht so bleiben.

Und was ist eine Lohmühle nun eigentlich? Mit ihr wurden Baumrinden gemahlen, das Produkt zur Ledergerbung genutzt. Die Mühlen sind schon lange weg. Irgendwann wird das auch mit den Autowerkstätten geschehen. Was dann kommt, ist ungewiss.

Keine Kommentare: