Mittwoch, 10. April 2013

Rochade mit Widerstand

Der Bezirk Charlottenburg Wilmersdorf möchte Ateliers in Büros umwandeln

„Berlins Liegenschaftspolitik wir immer grotesker“, sagt Herbert Mondry. Der Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin (bbk) erregt sich über die mögliche Schließung von zwei Atelierstandorten in Wilmersdorf. Angesichts der Abgabe des ehemaligen Wilmersdorfer Rathauses sucht der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf nach neuen Büroflächen, um seine Mitarbeiter unterzubringen.

Es geht dabei einerseits um von neun Künstlerinnern und Künstlern genutzte Ateliers in der ehemaligen Diskothek „Riverboat“ direkt neben dem ehemaligen Rathaus und das mit 30 Ateliers wesentlich größere Haus im einstigen bezirklichen Gesundheitsamt an der Sigmaringer Straße. „Aktenlager und Bürokratie“ sollten „ausgerechnet in den Künstlerateliers“ untergebracht werden, heißt es weiter in der Pressemitteilung des bbk von letzter Woche. 600000 DM Kulturmittel wurden bis 1996 in die „Riverboat“-Räume investiert, für den Umbau des anderen Standortes flossen bis 2008 165000 Euro aus dem Kulturetat.

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum da so eine Welle gemacht wird“, zeigt sich auch der sowohl für Immobilien als auch Kultur zuständige Stadtrat und stellvertretende Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Gröhler (CDU) erbost. „Die Darstellung ist vollkommen falsch. Ich habe dem Verband eine Gegendarstellung geschickt“, sagt er und kündigt für nächste Woche ein Gespräch mit den Künstlern, die momentan in der ehemaligen Diskothek arbeiten, an. „Wir brauchen dringend Büroräume und ich werde den Betroffenen Ersatzräume anbieten“, sagt Gröhler. Für die Sigmaringer Straße laufe derzeit sowieso nur eine Prüfung, eventuell Teile des Jugendamtes dort einziehen zu lassen. Es gehe keinesfalls um eine Archivnutzung.

Gröhler erklärt auch, dass unter dem Strich auch keine Ateliers wegfallen werden. „Wir haben da eine kleine Immobilie gefunden, die wir dafür zur Verfügung stellen können“, sagt der Bezirksstadtrat. Den genauen Standort will er noch nicht verraten. Aufgrund fehlender Anbindung an das behördliche IT-Netzwerk sei das Gebäude für Büros nicht geeignet.

„Ein schönes kleines Gebäude reicht vielleicht für die Leute, die am Hohenzollerndamm bedroht ist“, sagt Michaela Habelitz, die als Künstlerin ein Atelier an der Sigmaringer Straße nutzt. „Wir wollen uns auch nicht an den Stadtrand abschieben lassen. Außerdem ist Charlottenburg Nord ein Problemkiez.“ Sie hat anscheinend schon mehr Informationen zur Lage des Ersatzobjekts. „Das ist wirklich ein einmaliger Standort“, sagt Habelitz über ihr Atelierhaus. Dazu auch noch mit Vernetzung zum ebenfalls dort angesiedelten Gründerinnenzentrum UCW. „Wir sind eine wichtige kulturelle Institution, die dieses innerstädtische Gebiet belebt“, sagt sie.

„Dieses Gefühl, dass wir seit weit über einem Jahr Rangiermasse für den Liegenschaftsfonds sind, ist für ein produktives Arbeiten nicht gut“, sagt Habelitz. Tatsächlich sind die bisherigen Versuche des von im Haus ansässigen Unternehmerinnen gegründeten Vereins WeiberWirtschaft, die Liegenschaft zu kaufen, bisher gescheitert. „Es geht um die allgemeine Situation der Künstler in der Stadt. Wir dürfen den kulturellen Mehrwert der Stadt nähren und bedienen, aber es fehlt an Unterstützung“, sagt die Künstlerin. Über 700 verlorene Atelierplätze in den letzten Jahren zählte der bbk vor etwas über einem Jahr. Entweder würden die Atelierflächen unbezahlbar oder in luxuriöse Wohnlofts umgewandelt, so die Beobachtung des Verbands. Für den 2. und 3. Juni planen die zwei betroffenen Atelierhäuser einen gemeinsamen Tag der Offenen Tür. „Da wird es auch Aktionen geben“, kündigt Michaela Habelitz an.

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