Montag, 22. April 2013

Angst vor Agromex

Bürger sorgen sich über Pläne zu neuen Luxus-Wohntürmen an der Spree

Direkt am Spreeufer, hinter dem Allianz-Hochhaus an der Elsenbrücke, ist noch Platz für weitere Hochhäuser. So sieht das zumindest Agromex, der Baukonzern will dort zwei 110 und 99 Meter hohe Wohntürme, sowie einen 62 Meter hohen Hotelbau errichten. Ganz anders wiederum sehen das die Stadtteilinitiative gegen Mieterhöhung und Verdrängung »Karla Pappel«, die »MieterInneninitiative Fanny-Zobel-Str. / Martin-Hoffmann-Str.« sowie die Aktivisten von »Mediaspree versenken«. Für bis zu 6000 Euro soll der Quadratmeter Wohnfläche laut Informationen von »Karla Pappel« verkauft werden.

Ein großer Vorteil für den Widerstand gegen das Projekt ist dabei der Umstand, dass noch kein gültiger Bebauungsplan existiert. »Allerdings stellen wir fest, dass SPD und CDU im Bezirk mauern und das Projekt gerne durchziehen wollen«, sagt Aktivist Richard Schulz. Nach einem Protestgrillen auf dem Gelände, einer Demonstration vor dem Sitz der Agromex in der Torstraße entwickeln die Aktivisten nun eigene Vorschläge für einen künftigen Bebauungsplan.

»Wir kommen an Grenzen, deswegen machen wir die Bürgerbeteiligung selber«, sagt Schulz. Dazu luden sie am Samstag alle Interessierten zu einem Treffen. Man werde versuchen, den Titel »modellhafte Bürgerbeteiligung« umzusetzen. Die Stadtplanung in Berlin ist häufig davon gekennzeichnet, dass Anwohner zu spät und unzureichend informiert werden«, leitet der bekannte Stadtsoziologe Andrej Holm die Zusammenkunft ein.

Das Hochhausprojekt stelle eine ähnliche Situation dar wie die geplante Bebauung hinter der East Side Gallery, sagt Robert Muschinski von »Mediaspree versenken«. »Wir wollen, dass man in der Innenstadt so ein Flussufer nicht so verbaut und die Planung endlich ad acta legt«, fordert Muschinski und zitiert einen der Leitsätze der Initiative: »Wo Bürgerbeteiligung zur Farce wird, wird Widerstand zur Pflicht.«

Tatsächlich gab es einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Treptow-Köpenick, der eine sogenannte frühzeitige Bürgerbeteiligung für die Planungen an der Spree vorsah. Bei diesem freiwilligen Verfahren werden auch Alternativen diskutiert. Mit Hinweis darauf, dass dies bereits durchgeführt wurde, verweigerte Treptow-Köpenicks Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) eine erneute Durchführung. Tatsächlich wurden die Bürger bereits beteiligt: Das war allerdings schon im Jahr 1994, als vollkommen andere Planungen existierten und die Stadt in einer vollkommen anderen Situation war.

Nun stellt Robert Muschinski den Alternativentwurf den rund 50 Anwesenden - Anwohner aller Altersklassen - vor. Der Ansatz ist radikal, es sollen nämlich gar keine Häuser gebaut werden. Stattdessen sollen ein Bürgergarten und verschiedene Sportflächen entstehen und das Spreeufer mit Flachwasserbereichen und vorgelagerten Inselchen renaturiert werden.

Diese Pläne werden von den direkten Nachbarn mit Skepsis aufgenommen. »Mitten im Wohngebiet eine Skaterbahn, da kriegen sie sehr viel Protest. Die Echowirkung ist dort sehr groß«, berichtet eine Betroffene. »Utopie«, ruft jemand anderes in den Raum. Auch Sorgen der Bürger vor möglichen Schadenersatzansprüchen des Grundstückseigentümers werden vorgebracht. »Nachhaltige Stadtplanung gibt es nicht zum Nulltarif«, gibt Muschinski indes zu bedenken.

Vielleicht war dieser radikale Entwurf der Initiativen aber auch nur eine bewusste Provokation, denn nun dürfen die Anwesenden selber ran. Es werden Blätter ausgeteilt, die das Grundstück schematisch zeigen. Die Teilnehmer dürfen selber ausmalen, wie sie sich die Zukunft des Areals vorstellen. Denn das, was Agromex plant, will niemand im Raum so realisiert sehen. Wenn der Bezirk in einigen Wochen oder Monaten seinen Bebauungsplanentwurf vorstellt, werden sich alle Betroffenen Gedanken zu den Alternativen gemacht haben. Und diese lautstark vortragen, so hoffen zumindest die Initiatoren.

Keine Kommentare: