Montag, 22. April 2013

Angst vor Agromex

Bürger sorgen sich über Pläne zu neuen Luxus-Wohntürmen an der Spree

Direkt am Spreeufer, hinter dem Allianz-Hochhaus an der Elsenbrücke, ist noch Platz für weitere Hochhäuser. So sieht das zumindest Agromex, der Baukonzern will dort zwei 110 und 99 Meter hohe Wohntürme, sowie einen 62 Meter hohen Hotelbau errichten. Ganz anders wiederum sehen das die Stadtteilinitiative gegen Mieterhöhung und Verdrängung »Karla Pappel«, die »MieterInneninitiative Fanny-Zobel-Str. / Martin-Hoffmann-Str.« sowie die Aktivisten von »Mediaspree versenken«. Für bis zu 6000 Euro soll der Quadratmeter Wohnfläche laut Informationen von »Karla Pappel« verkauft werden.

Ein großer Vorteil für den Widerstand gegen das Projekt ist dabei der Umstand, dass noch kein gültiger Bebauungsplan existiert. »Allerdings stellen wir fest, dass SPD und CDU im Bezirk mauern und das Projekt gerne durchziehen wollen«, sagt Aktivist Richard Schulz. Nach einem Protestgrillen auf dem Gelände, einer Demonstration vor dem Sitz der Agromex in der Torstraße entwickeln die Aktivisten nun eigene Vorschläge für einen künftigen Bebauungsplan.

»Wir kommen an Grenzen, deswegen machen wir die Bürgerbeteiligung selber«, sagt Schulz. Dazu luden sie am Samstag alle Interessierten zu einem Treffen. Man werde versuchen, den Titel »modellhafte Bürgerbeteiligung« umzusetzen. Die Stadtplanung in Berlin ist häufig davon gekennzeichnet, dass Anwohner zu spät und unzureichend informiert werden«, leitet der bekannte Stadtsoziologe Andrej Holm die Zusammenkunft ein.

Das Hochhausprojekt stelle eine ähnliche Situation dar wie die geplante Bebauung hinter der East Side Gallery, sagt Robert Muschinski von »Mediaspree versenken«. »Wir wollen, dass man in der Innenstadt so ein Flussufer nicht so verbaut und die Planung endlich ad acta legt«, fordert Muschinski und zitiert einen der Leitsätze der Initiative: »Wo Bürgerbeteiligung zur Farce wird, wird Widerstand zur Pflicht.«

Tatsächlich gab es einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Treptow-Köpenick, der eine sogenannte frühzeitige Bürgerbeteiligung für die Planungen an der Spree vorsah. Bei diesem freiwilligen Verfahren werden auch Alternativen diskutiert. Mit Hinweis darauf, dass dies bereits durchgeführt wurde, verweigerte Treptow-Köpenicks Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) eine erneute Durchführung. Tatsächlich wurden die Bürger bereits beteiligt: Das war allerdings schon im Jahr 1994, als vollkommen andere Planungen existierten und die Stadt in einer vollkommen anderen Situation war.

Nun stellt Robert Muschinski den Alternativentwurf den rund 50 Anwesenden - Anwohner aller Altersklassen - vor. Der Ansatz ist radikal, es sollen nämlich gar keine Häuser gebaut werden. Stattdessen sollen ein Bürgergarten und verschiedene Sportflächen entstehen und das Spreeufer mit Flachwasserbereichen und vorgelagerten Inselchen renaturiert werden.

Diese Pläne werden von den direkten Nachbarn mit Skepsis aufgenommen. »Mitten im Wohngebiet eine Skaterbahn, da kriegen sie sehr viel Protest. Die Echowirkung ist dort sehr groß«, berichtet eine Betroffene. »Utopie«, ruft jemand anderes in den Raum. Auch Sorgen der Bürger vor möglichen Schadenersatzansprüchen des Grundstückseigentümers werden vorgebracht. »Nachhaltige Stadtplanung gibt es nicht zum Nulltarif«, gibt Muschinski indes zu bedenken.

Vielleicht war dieser radikale Entwurf der Initiativen aber auch nur eine bewusste Provokation, denn nun dürfen die Anwesenden selber ran. Es werden Blätter ausgeteilt, die das Grundstück schematisch zeigen. Die Teilnehmer dürfen selber ausmalen, wie sie sich die Zukunft des Areals vorstellen. Denn das, was Agromex plant, will niemand im Raum so realisiert sehen. Wenn der Bezirk in einigen Wochen oder Monaten seinen Bebauungsplanentwurf vorstellt, werden sich alle Betroffenen Gedanken zu den Alternativen gemacht haben. Und diese lautstark vortragen, so hoffen zumindest die Initiatoren.

Sonntag, 21. April 2013

Wohnungsboom in Lichtenberg

Im Bezirk werden tausende neue Wohnungen geplant


Übergroße Freiflächen in den Siedlungen, mäßig genutzte Gewerbeflächen mit guter Verkehrserschließung, leerstehende Wohnheime und Verwaltungsbauten. Lichtenberg hat viel Potenzial für in Berlin dringend benötigten Wohnraum. Der Bezirk hat in einer Übersichtsplanung Potenzial für 8000 bis 9000 neue Wohneinheiten ausgemacht. Das können Eigenheime, Mietwohnungen oder Apartments für studentisches Wohnen sein.

2012 wurden bereits etwa 1550 neue Wohnungsbauten im Bezirk genehmigt – rund ein Fünftel der Gesamtberliner Zahlen. Obwohl der „Bereichsentwicklungsplan Wohnen“ erst in einigen Wochen vorgestellt werden soll, gab der Lichtenberger Bezirksstadtrat Wilfried Nünthel (CDU) am Mittwoch einen Überblick über Projekte, über die bereits intensiv mit Investoren verhandelt wird.

Der größte Brocken dieser potenziellen neuen Standorte ist der „Wohnpark Hönower Wiesenweg“, der sich künftig südlich der Straßenbahnwendeschleife am Blockdammweg erstrecken könnte. Rund 700 Wohneinheiten – Townhouses, Stadtvillen und etwas größere Mietshäuser – sowie rund 24000 Quadratmeter Gewerbeflächen könnten auf dem heute hauptsächlich von Recyclingunternehmen genutzten Gelände entstehen – so sieht es das städtebauliche Konzept vor. „Es gab lange Diskussionen über Bebaungsdichten, die momentane Planung ist ein Kompromiss, allerdings gibt es noch keinen Bebauungsplan“, so Nünthel. Das Konzept sieht auch eine Erhaltung der Gartenarbeitsschule vor, die lange als gefährdet angesehen war. In 18 bis 24 Monaten könnte der Bebauungsplan stehen.

Am Mühlengrund, ein zum großen Teil leerstehendes Nahversorgungszentrum in Neu-Hohenschönhausen, könnten nach Teilabriss, Sanierung und Neubauten bis zu 250 teils barrierefreie Wohnungen entstehen. Sowohl dem Supermarkt als auch den Mietern des Ärztehauses sichert der Investor Elad neue Mietverträge zu. Der Bezirk verspricht sich eine deutliche Aufwertung dieses zentralen Platzes im Quartier.

Bis Herbst 2015 möchte die Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE am Standort des seit 18 Jahren leerstehenden Studentenwohnheims an der Treskowallee unter Einbeziehung von Teilen des Bestands rund 400 neue Wohnungen des einfachen und mittleren Segments errichten. Trotzdem werden die Quadratmetermieten bei 7 bis 10,50 Euro liegen. Baubeginn ist Ende Mai.

Rund 400 neue Studentenapartments nach Vorbild des Q216 an der Frankfurter Allee planen die Investoren Ulrich und Lakomski wiederum in einem alten Verwaltungsgebäude an der Wartenberger Straße in Alt-Hohenschönhausen. Die überdurchschnittlich hohen Mietpreise (im Q216 liegen sie bei 10,80 bis 14,30 Euro warm pro Quadratmeter) werden durch die sehr kleinen Grundrisse ab 25 Quadratmeter zumindest erschwinglich.

Einen positiven Bauvorbescheid erteilte der Bezirk für ein Projekt an der Lückstraße gegenüber der Einmündung der Weitlingstraße. 151 Wohnungen und 18 Einfamilienhäuser sollen auf der Brache errichtet werden. Zumindest prinzipiell nicht ausschließen möchte Inter IKEA, die Immobilienschwester des schwedischen Möbelkonzerns, die in London gerade ein ganzes Stadtviertel baut, die Entwicklung eines eigenen Wohnbauprojekts an der Landsberger Allee.
Obwohl der Wohnungsbau in Lichtenberg offensichtlich an Fahrt aufnimmt, wird damit nicht der zunehmende Mangel an preisgünstigem Wohnraum für Geringverdiener gelöst. Hier sind weiterhin Senat und Bund gefragt.

Tegel: Anwohner wollen Ruhe

Berliner und Brandenburger demonstrieren gemeinsam für ein Nachtflugverbot

So richtig quirlig ist der Flughafen Tegel an einem normalen Samstagnachmittag jenseits von Ferien und Feiertagen nicht. Zwischen den einzelnen Abflügen können auch mal 20 Minuten liegen, dementsprechend entspannt zeigen sich Beschäftigte und Flugreisende. Empörung zeigt sich jedoch auf einem Parkplatz vor Terminal A. Von Polizei und Sicherheitsmitarbeitern des Flughafens bewacht, sammeln sich Alt- und Neuflughafengegner. Unter dem Motto »Solidarität mit den Lärmopfern! Empört Euch!« demonstrieren sie für ein sofortiges Nachtflugverbot in Tegel von 22 bis 6 Uhr.

Kaum jemand ist unter 50 Jahre alt. Einige Kinder sind dabei, die mittlere Generation ist fast gar nicht vertreten. Protestplakate sind in rauen Mengen vorhanden. Viele sind ganz schlicht. »Spandau gegen Fluglärm« oder auch »Fluglärm macht krank« steht auf ihnen. Auch »DIE LINKE«-Fahnen sind zu sehen. Manche Plakate sind grafisch sehr aufwändig gearbeitet. Eines zeigt die Konterfeis von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (beide SPD) im realsozialistischen Stil zusammen mit dem Text »Die Baumeister des Fortschritts erschaffen schon heute die Infrastruktur von gestern!«

Solch beißende Ironie ist aus den Mündern der Demonstranten eher nicht zu vernehmen. »Ich fühle mich einfach nur verarscht und nicht ernstgenommen«, sagt ein Teilnehmer aus Lichtenrade wütend. »Der Mehdorn hätte kommen sollen. Dann hätte ich eine Packung Eier mitgebracht«, sagt wiederum eine Reinickendorferin. Der neue Flughafenchef Hartmut Mehdorn setzt sich für eine Offenhaltung des Tegeler Flughafens ein.

Es ist keine einfache Allianz zwischen den derzeit und künftig von Flugrouten Betroffenen. »Auch wenn es die Berliner im Südosten entlasten würde, dürfen die Anwohner rund um Tegel nicht den Preis dafür zahlen müssen, dass die Politik wissentlich und willentlich mit dem BER einen Standort gewählt hat, der künftig deutlich mehr Menschen mit Lärm und schädlichen Emissionen belasten wird«, so der Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB).

Schließlich entern die Demonstranten das Terminal, allerdings in sehr geordneten Bahnen: Jeweils nur eine etwa 30-köpfige Gruppe darf mit Schildern und Trillerpfeifen bewaffnet eine Runde drehen. Vorneweg mit dem Großbanner »Kein Flugverkehr über dem Siedlungsmeer« des BVBB. Von belustigt über erstaunt bis zu Kopf schütteln sind die Reaktionen der Reisenden. Fast alle zücken Kameras, um diesen für ungewöhnlichen Moment festzuhalten. »Wir sind hier. Wir sind laut. Weil man uns die Ruhe klaut«, skandieren die Menschen.

Nach einer Viertelstunde ist die Runde gemacht, und die nächste Gruppe spaziert ins Terminal. BVBB-Pressesprecher Kristian-Peter Stange zeigt sich zufrieden mit der Aktion, »gerade weil auch viele Spandauer, Reinickendorfer und Pankower gekommen sind.« 500 Teilnehmer hat der BVBB gezählt, tatsächlich waren es wohl eher 300.

Wissenschaftsstadt soll städtischer werden

Aufenthaltsqualität und Wohnungsbau rücken in Adlershof in den Fokus


Bis nach Australien reicht der Ruf von Adlershof schon. Stolz verkündet Staatssekretär Henner Bunde (CDU) von der Senatswirtschaftsverwaltung, dass der australische Technologieminister Greg Combet auf seinen eigenen Wunsch soeben die Wissenschaftsstadt (WISTA) besichtigt habe. Aber auch die wirtschaftliche Entwicklung des Forschungs- und Industriestandorts stimmt die Verantwortlichen bei der Vorstellung des Jahresberichts 2012 zufrieden.

„Obwohl wir den Zusammenbruch des Adlershofer Teils der Solarmodulbranche erleben mussten“, lag die Gesamtbeschäftigtenzahl Ende 2012 mit knapp 15000 Menschen nahezu konstant gegenüber dem Vorjahr, berichtet WISTA-Geschäftsführer Hardy Rudolf Schmitz. Der Verlust von 550 Arbeitsplätzen in der Solarbranche konnte durch neue Jobs in anderen Bereichen kompensiert werden. „Das haben wir schon öfter gesehen, dass Adlershof solche Krisen durch die breite Aufstellung gut abfedern kann“, sagt Schmitz.

Umsätze, Haushalts- und Fördermittel stiegen zusammen gegenüber 2011 um 4,4 Prozent auf 1,68 Mrd. Euro. Die Umsätze der 445 Firmen des Wissenschafts- und Technologieparks stiegen um 7,8 Prozent auf 667,6 Mio. Euro und auch bei der zuletzt kriselnden Medienstadt stabilisierte sich mit 5,6 Prozent Wachstum die Lage. Das bezeichnet Schmitz als „kleines Wunder“. Hochtechnologiefirmen verzeichneten sogar 13 Prozent Wachstum.

Eine wichtige Aufgabe sei es, Adlershof nun auch zu einem „Lebensmittelpunkt“ zu machen, sagt Walter Leibl von der WISTA-Tochter Adlershof Projekt GmbH. 1200 Wohneinheiten sollen in den nächsten Jahren geschaffen werden. Rund 80 Prozent der dafür vorgesehenen Flächen seien bereits vermarktet. Neben privaten Immobilienentwicklern haben auch Wohnungsbaugenossenschaften Grundstücke erworben. „Wir verkaufen die Grundstücke zum Verkehrswert, auf die Mieten haben wir keinen Einfluss“, sagt Leibl. Von den 380 vorgesehenen Studentenwohnungen seien bereits 120 durch einen Vertrag mit dem Studentendorf Schlachtensee als Bauherr fest gesichert. „Erst wenn Studierende hier wohnen, wird eine Infrastruktur für junge Leute entstehen, die aus dem Arbeitsort Adlershof endlich auch einen Lebensort macht“, sagt Professor Peter Frensch von der Humboldt-Universität.

Leibls Ziel ist es, die Rudower Chaussee mit Ansiedlung weiterer Handels- und Dienstleistungsunternehmen zu einer städtischen Magistrale zu machen. Den Straßenbahnringschluss von Adlershof zum S-Bahnhof Schöneweide stellt er für 2016 in Aussicht. Größtes Problem aus Sicht der Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen seien fehlende Parkplätze. Auch bei Sport- und Freizeit- sowie Kinderbetreuungseinrichtungen gebe es noch Nachholbedarf.

Wichtig sei es, in Zukunft Urbanität und Aufenthaltsqualität zu verbessern, sagt WISTA-Geschäftsführer Schmitz. „Mit dem neuen Flughafen, der irgendwann kommen wird, müssen wir überlegen, wenn wir wirklich haben wollen. Wir brauchen noch mehr Strategie“, sagt er. Ob und wie sich die Krise in Südeuropa auswirken wird, könne man noch nicht sagen, so WISTA-Sprecher Peter Strunk, doch „bisher spüren wir es nicht.“

Mittwoch, 10. April 2013

Rochade mit Widerstand

Der Bezirk Charlottenburg Wilmersdorf möchte Ateliers in Büros umwandeln

„Berlins Liegenschaftspolitik wir immer grotesker“, sagt Herbert Mondry. Der Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin (bbk) erregt sich über die mögliche Schließung von zwei Atelierstandorten in Wilmersdorf. Angesichts der Abgabe des ehemaligen Wilmersdorfer Rathauses sucht der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf nach neuen Büroflächen, um seine Mitarbeiter unterzubringen.

Es geht dabei einerseits um von neun Künstlerinnern und Künstlern genutzte Ateliers in der ehemaligen Diskothek „Riverboat“ direkt neben dem ehemaligen Rathaus und das mit 30 Ateliers wesentlich größere Haus im einstigen bezirklichen Gesundheitsamt an der Sigmaringer Straße. „Aktenlager und Bürokratie“ sollten „ausgerechnet in den Künstlerateliers“ untergebracht werden, heißt es weiter in der Pressemitteilung des bbk von letzter Woche. 600000 DM Kulturmittel wurden bis 1996 in die „Riverboat“-Räume investiert, für den Umbau des anderen Standortes flossen bis 2008 165000 Euro aus dem Kulturetat.

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum da so eine Welle gemacht wird“, zeigt sich auch der sowohl für Immobilien als auch Kultur zuständige Stadtrat und stellvertretende Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Gröhler (CDU) erbost. „Die Darstellung ist vollkommen falsch. Ich habe dem Verband eine Gegendarstellung geschickt“, sagt er und kündigt für nächste Woche ein Gespräch mit den Künstlern, die momentan in der ehemaligen Diskothek arbeiten, an. „Wir brauchen dringend Büroräume und ich werde den Betroffenen Ersatzräume anbieten“, sagt Gröhler. Für die Sigmaringer Straße laufe derzeit sowieso nur eine Prüfung, eventuell Teile des Jugendamtes dort einziehen zu lassen. Es gehe keinesfalls um eine Archivnutzung.

Gröhler erklärt auch, dass unter dem Strich auch keine Ateliers wegfallen werden. „Wir haben da eine kleine Immobilie gefunden, die wir dafür zur Verfügung stellen können“, sagt der Bezirksstadtrat. Den genauen Standort will er noch nicht verraten. Aufgrund fehlender Anbindung an das behördliche IT-Netzwerk sei das Gebäude für Büros nicht geeignet.

„Ein schönes kleines Gebäude reicht vielleicht für die Leute, die am Hohenzollerndamm bedroht ist“, sagt Michaela Habelitz, die als Künstlerin ein Atelier an der Sigmaringer Straße nutzt. „Wir wollen uns auch nicht an den Stadtrand abschieben lassen. Außerdem ist Charlottenburg Nord ein Problemkiez.“ Sie hat anscheinend schon mehr Informationen zur Lage des Ersatzobjekts. „Das ist wirklich ein einmaliger Standort“, sagt Habelitz über ihr Atelierhaus. Dazu auch noch mit Vernetzung zum ebenfalls dort angesiedelten Gründerinnenzentrum UCW. „Wir sind eine wichtige kulturelle Institution, die dieses innerstädtische Gebiet belebt“, sagt sie.

„Dieses Gefühl, dass wir seit weit über einem Jahr Rangiermasse für den Liegenschaftsfonds sind, ist für ein produktives Arbeiten nicht gut“, sagt Habelitz. Tatsächlich sind die bisherigen Versuche des von im Haus ansässigen Unternehmerinnen gegründeten Vereins WeiberWirtschaft, die Liegenschaft zu kaufen, bisher gescheitert. „Es geht um die allgemeine Situation der Künstler in der Stadt. Wir dürfen den kulturellen Mehrwert der Stadt nähren und bedienen, aber es fehlt an Unterstützung“, sagt die Künstlerin. Über 700 verlorene Atelierplätze in den letzten Jahren zählte der bbk vor etwas über einem Jahr. Entweder würden die Atelierflächen unbezahlbar oder in luxuriöse Wohnlofts umgewandelt, so die Beobachtung des Verbands. Für den 2. und 3. Juni planen die zwei betroffenen Atelierhäuser einen gemeinsamen Tag der Offenen Tür. „Da wird es auch Aktionen geben“, kündigt Michaela Habelitz an.

Montag, 8. April 2013

Kein Platz für die Nacht

Für Wohnungslose fehlten täglich 50 bis 70 Schlafstätten / Bilanz der Kältehilfe

»Da ist zum Beispiel Thomas, 48 Jahre. Nach einer verschleppten Erkältung landete er im Krankenhaus und starb dort nach fünf Tagen«, berichtet Dieter Puhl von der Bahnhofsmission am Zoo. Ein Mensch, der dieses Jahr wegen der Kälte gestorben ist, aber nicht als Kältetoter zählt. »Wer an der Bushaltestelle morgens tot gefunden wird, gilt als Kältetoter. Wer aber wegen Unterkühlung ins Krankenhaus kommt und dort verstirbt, kommt nicht in die Statistik«, sagt Susannah Krügener, die mit dem Kältebus der Stadtmission nachts unterwegs ist, um Wohnungslose zu Übernachtungsmöglichkeiten zu bringen.

Durchschnittlich 422 Schlafplätze pro Nacht konnten über 70 freie Träger - Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände und Vereine - in der regulär vom 1. November bis 31. März dauernden Saison zur Verfügung stellen. Tatsächlich übernachtet haben in den Einrichtungen jedoch durchschnittlich 470 Menschen. »An besonders kalten Tagen haben bis zu 100 Plätze gefehlt«, sagt Johannfried Seitz-Reimann von der GEBEWO, bei der alle Informationen zu Hilfeleistungen und Schlafplätzen zusammenlaufen. »Abweisen mussten wir allerdings dank der anerkennenswerten Aufnahmebereitschaft vieler beteiligter Projekte niemanden«, ergänzt Kollegin Antje Gühne.

Dank einer besseren Koordinierung konnte diesmal die Überbelegung der Notübernachtung der Stadtmission an der Lehrter Straße reduziert werden. Nach wie vor sei die berlinweit größte Einrichtung ihrer Art jedoch in einem Maße überbelegt, das nicht mehr akzeptabel sei, sagt Mitarbeiterin Karin Holzinger. »Uns werden 60 Plätze finanziert und wir haben bis zu 160 Gäste aufgenommen«, berichtet sie. Konkret bedeutet das Matratzen an jeder freien Stelle. Vor diesem Hintergrund sei auch die Verlängerung der Saison um 14 Tage aufgrund des anhaltenden Winters ein Kraftakt. »Das ist wie ein Marathon, der kurz vor dem Ziel noch einmal um zehn Kilometer verlängert wird«, sagt Karin Holzinger. Schließlich sollten die Menschen nicht nur überleben, sondern auch menschlich angenommen werden.

»Wir haben doppelt so viele Frauen wie im Vorjahr auf der Straße angetroffen und dreimal so viele in Notunterkünfte gefahren«, berichtet Joachim Fuchs, der für das Rote Kreuz mit dem Wärmebus unterwegs ist. Konkret waren das 161 Frauen von 814 Menschen, denen zu einem warmen Schlafplatz verholfen wurde. Speziell an wohnungslose Frauen richtet sich Evas Haltestelle im Wedding. Die Räume im Wedding sind sowohl Tagesstätte als auch Notübernachtung mit sieben Plätzen. »Wir sind die einzige Einrichtung, wo Frauen sich durchgängig aufhalten können«, sagt Leiterin Claudia Peiter. Sie ist die einzige bezahlte Kraft dort. Den Betrieb am Laufen halten bis zu 20 Freiwillige.

»Frauen sind besonders von Gewalt gefährdet«, sagt Ulrike Kostka von der Caritas. Und obwohl sie rund ein Viertel der geschätzt 10000 Berliner Wohnungslosen stellen, gibt es nur 26 spezifische Winterübernachtungen für sie. »Das Abtrennen von ein paar Zimmern mit einem Vorhang ist da keine Lösung.« Spezifisch für Frauen sei auch, dass sie so lange wie möglich versuchten, die Situation selbst zu lösen, auch weil sie befürchten, dass ihnen das Sorgerecht für Kinder entzogen wird.

Eine zunehmende Verwahrlosung Hilfe suchender Menschen beobachtet Susanne Kahl-Passoth von der Diakonie. Sowohl der physische als auch der psychische Gesundheitszustand sei immer häufiger kritisch. »Wir brauchen ein niederschwelliges Angebot an gesundheitlicher und hygienischer Versorgung«, fordert Ulrike Kostka. »Gehen Sie auf die Straße und schauen sie sich die Zähne der Menschen an«, sagt sie. Ohne Zähne seien die Chancen auf Jobs noch viel geringer. »Zähne für Alle«, lautet daher eine weitere Forderung von ihr. Bereits jetzt sei zu beobachten, dass die Armut aus Spanien, Portugal und Griechenland hierher wandere. Darauf sollte Berlin sich einstellen.