Dienstag, 12. Februar 2013

Wenig Platz für die Jugend

Das Archiv der Jugendkulturen musste sich verkleinern

Das Archiv der Jugendkulturen ist umgezogen. »Wir haben uns um die Hälfte verkleinert«, sagt Gabriele Rohmann vom Archiv in einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung. Einerseits konnten so die hohen Mietkosten gesenkt werden, andererseits hatte das einzigartige Projekt bereits vorher zu wenig Platz.

»Horror«, sagt Rohmann, wenn sie sich an den Umzug erinnert. 40 000 Zeitschriften, Tausende Bücher, Zeitungsausschnitte, Fanzines und Poster, 700 wissenschaftliche Arbeiten sowie Hunderte CDs und DVDs mussten eingepackt, geschleppt und wieder ausgepackt werden. Dazu noch das komplette Mobiliar. Und weil kein Geld für Externe da war, mussten das die Mitarbeiter alles selber machen. Zwar ist das Archiv nur innerhalb des Geländes der ehemaligen Bockbrauerei in der Kreuzberger Fidicinstraße umgezogen, dennoch war die Aktion ein großer Kraftakt.

»Jetzt sind wir zu 80 Prozent fertig mit dem Umzug«, sagt Rohmann. Seit einer Woche ist das Archiv wieder öffentlich zugänglich. Gerade wird ausländischen Studenten die Benutzung der Datenbank erklärt. Neben Studenten recherchieren auch Drehbuchschreiber gerne in den umfangreichen Beständen, wenn beispielsweise die Skinhead- oder Punkszene authentisch dargestellt werden soll. Aber auch Psychologen, Sozialarbeiter und Polizisten erfahren in Seminaren viel über die Szenen der Jugendlichen. »Insgesamt 60 Workshopangebote mit 200 Veranstaltungstagen pro Jahr bieten wir an«, erklärt Rohmann.

Viele Angebote richten sich direkt an Jugendliche. Beim Projekt »Eigenregie« werden Zeitzeugen von den Jüngeren selbst interviewt. So erfahren sie, wie Jugend vor einigen Jahrzehnten aussah. »Culture on the Road« setzt sich mit verschiedenen Formen der Gruppenfeindlichkeit auseinander. Daraus entwickelt hat sich »New Faces«. Dort geht es speziell um den modernen Antisemitismus. »Praktische politische Bildungsarbeit mit Kreativangeboten wie Rappen oder Videos drehen«, nennt Rohmann das.

Seit 2006 entwickelt das Archiv auch Ausstellungen. Themen waren das 50. Jubiläum der Bravo, Diskriminierung in Jugendkulturen oder der Holocaust im Comic. Jüngstes Kind ist »Träum schön weiter«. »Das ist der Ergänzungsband zu Buschkowskys Buch«, sagt Rohmann. Denn in der Wanderausstellung erzählen Neuköllner Jugendliche über ihre Wahrnehmung des Alltags. Im Gegensatz zum Werk des Neuköllner Bezirksbürgermeisters wird nicht über die Jugendlichen geschrieben, sondern sie kommen selbst zu Wort. »Dafür brauchen wir noch dringend Ausstellungsorte«, sagt Rohmann. Für die Stelen musste das Archiv einen Kredit aufnehmen, der noch nicht abbezahlt ist.

Rohmann hofft, dass die vor einer Weile gegründete Stiftung die Arbeit irgendwann einmal finanzieren kann. Dank vieler Kleinspender konnte zwar das Grundkapital von 100 000 Euro aufgebracht werden, es ist aber noch viel Geld nötig, damit auch Ausschüttungen möglich werden. Bis heute gab es zwar von Seiten der Politik viele warme Worte, zu einer institutionellen Förderung konnte sich aber noch keine Stelle durchringen.

»Wir hangeln uns mit Projektförderungen durch«, sagt Rohmann. Die laufen maximal drei Jahre, was dazu führt, dass laufend neue Projekte geplant und Zuwendungen beantragt werden müssen. »Die Digitalisierung der Bestände, genug Platz für die Sammlung, die wir zum Teil einlagern mussten« - Ideen hätte Rohmann viele. Wenn endlich ausreichend Geld da wäre.

Freitag, 8. Februar 2013

Madame Tartinette

Zunächst etwas Sprachkunde: Tartinettes sind im Gegensatz zu Tartelettes nicht süß, sondern herzhaft. Dementsprechend liegt das Hauptaugenmerk des im August eröffneten Ladens auch auf diesen Edelversionen belegter Brote. In der Version „Poulet fumé“ (4,20 Euro) handelt es sich um angeröstete Graubrotscheiben, belegt mit gegrillter Putenwurst, Ziegenkäse, Tomate, Rucola, Basilikum und Sesam-Walnussbutter. Serviert wird die Luxusstulle wie ein Clubsandwich mit Holzspießchen auf einem Brettchen, dazu gibt es noch ein Schüsselchen gemischten Salat.
„Fürsorge, Wunscherfüllung, Heimatgefühle und ja, ein kleines bisschen Nostalgie“, sind laut der Internetseite des Cafés die unsichtbaren Zutaten ihrer Gerichte. Auch wenn den Betreiberinnen die lyrische Ader da etwas durchgegangen ist, das Ergebnis ist durchaus delikat.
Zum weiteren Sortiment gehören diverse Frühstücksvariationen vom kleinen süßen (Madame Sucré, 3,50 Euro) bis zu opulenten Zusammenstellungen, wechselnden Suppen (3,90 Euro) und fantasievollen Salaten, wie jenem mit Tofu (5,40 Euro).
Zum im Glas servierten Espresso mit tadelloser Crema (1,60 Euro) oder Milchkaffee (2,40 Euro) kann man sich natürlich auch diverse Teilchen wie Muffins, Rosinenschnecken oder ein Stück der üppigen Mandeltarte gönnen. Empfehlenswert ist die selbstgemachte Zitronen-Minz-Limonade (1,80 Euro). Der Service ist freundlich und flott und bei dem reichhaltigen Zeitschriftenangebot stellt es kein Problem dar, hier auch mal alleine den halben Nachmittag zu verbringen.

Friedrichshain, Wühlischstr. 1, S Ostkreuz
Di-Fr 9-18 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr
Tel. 68 32 15 55, www.madame-tartinette.de

Freitag, 1. Februar 2013

Forum Stadtspree kontra Monopoly

Betroffene und Entscheider setzten sich in Friedrichshain-Kreuzberg zusammen

Besser, bürgernäher, aber nicht basisdemokratisch. Mit dem »Verfahren der gemeinsamen Entscheidungsvorbereitung« möchten die Stadtentwicklungsverwaltung und die Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg die Planungsprozesse im Spreeraum zwischen Jannowitzbrücke und O2-World neu aufrollen - ein bisschen zumindest.

»Obere Stadtspree« nennt sich das Gebiet in der Stadtplanung, über das beim »Forum Stadtspree« nun Betroffene und die Entscheider in der Politik miteinander sprechen wollen. »Bisher war es so: Man kommt erst zusammen an einem Punkt, wo alles entschieden ist«, sagt Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). »Das ist ein unglaubliches Gebiet in einer gewachsenen Millionenmetropole«, schwärmt der Senator. Darüber müsse man diskutieren. »Wir wollen auch gar nicht so tun, als ob alles auf den Kopf gestellt wird. Entscheidungsträger bleiben Entscheidungsträger«, schränkt Müller die Möglichkeiten der Runde auch gleich ein.

Am Mittwoch trafen sich die über 30 an dem Prozess beteiligten Akteure im Radialsystem V direkt am Spreeufer. Das Spektrum reicht von Vertretern der »Initiative Stadtneudenken«, der Prinzessinengärten, des Naturschutzbunds (NABU), über Macher des »Kater Holzig« bis hin zu Grundstückseigentümern wie Hochtief oder Fortress Immobilien. Beim ersten Termin ging es um die Bestandsaufnahme. Mitte März sollen die unterschiedlichen Ideen, Pläne und Interessen vorgestellt und diskutiert werden. Beim dritten Treffen Ende Mai widmet man sich der Abwägung sowie der Erörterung von Konsequenzen.

Die Initiative zu den Gesprächen kam vom »Forum Zukunft Berlin« des ehemaligen CDU-Stadtentwicklungssenators Volker Hassemer. »So etwas, was wir hier versuchen, gab es in Berlin noch nie«, sagt er. »Bisher lag alles immer in der Hand der Senatsverwaltung.« Das Prinzip, die Politik entwerfe etwas und die Bürger sollten sich damit abfinden, könne nicht so weitergeführt werden: »Die Stadt gehört uns allen.« Ungewohnte Worte aus dem Mund eines CDU-Politikers.

Carsten Spallek, CDU-Baustadtrat in Mitte, hofft auf »neuen Input«. Er erläutert das am Beispiel des geplanten Uferwegs: »Will man da lang, will man sich aufhalten, was soll passieren?« Der Spreeraum sei - praktisch gesehen - Teil des Bezirks. Allerdings »haben wir hier Bedeutung über den Bezirk hinaus«. Am Ende wolle man »breitere Akzeptanz« schaffen. »Manchmal reden viele mit über etwas, von dem sie so genau gar nichts wissen. Da verselbstständigen sich Dinge«, beklagt Spallek. Anscheinend geht er davon aus, dass es den Bürgern bloß nicht gut genug erklärt wurde, wenn sie dagegen sind.

»Die Grundstücksbesitzer sind in hohem Maße verunsichert. Es geht darum, den Prozess noch einmal aufzuweichen. Das soll keine Scheinveranstaltung sein«, sagt Jochen Sandig vom Radialsystem V. Dass auch die Immobilienbesitzer verunsichert seien, »ist gut für uns«, ergänzt Volker Hassemer. Für Eigentümer sei »eine relative Sicherheit besser als absolute Ungewissheit«.

Doch während im Radialsystem V bei Panoramablick über die Spree warme Reden über die Verbesserung der Entscheidungsfindung durch Bürgerpartizipation geschwungen werden, fallen im Berliner Abgeordnetenhaus harte Entscheidungen. Die SPD-CDU-Koalition verabschiedet das von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) Konzept der »neuen Liegenschaftspolitik«. Der Senator lässt verlauten, er freue sich, dass »wir künftig bei der Vergabe von landeseigenen Grundstücken stärker auf den wahren Wert der Liegenschaften für das Land abstellen«.

Jochen Esser von den Grünen nennt es einen »schweren Rückschlag für die Liegenschaftspolitik«. Als »ausschließlich an der fiskalischen Verwertbarkeit orientiert«, bezeichnet Jutta Mattuschek (LINKE) das Konzept. Eine Vergabe unterhalb des Verkehrswertes zugunsten stadtpolitischer Ziele werde mit dem Konzept »gänzlich ausgeschlossen«. Tatsächlich habe nun der Finanzsenator »freie Hand beim Ausverkauf der Stadt«. Berlin bleibt anscheinend Monopolystadt, ob man nun drüber spricht oder nicht.