Mittwoch, 30. Januar 2013

Wildwest bei Kräcker

Unternehmensleitung bekriegt Betriebsrat bei Unternehmen in Marienfelde

Arbeitsgerichtsprozesse, ein inzwischen wieder aufgehobenes Betretungsverbot der Firmenräume für gewählte Betriebsräte: Seit anderthalb Jahren tobt bei der Berliner Kräcker-Gruppe, die unter anderem Automobilelektronik und Kunststoffspritzteile herstellt, ein erbitterter Kampf zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat. »Das ist so kompliziert, ich habe das alles mal aufgeschrieben«, sagt Betriebsratsvorsitzender Uwe Hannemann.

Alles fing damit an, dass der Betriebsrat Mitte 2011 feststellte, dass rund ein Fünftel der etwa 80 Personen umfassenden Belegschaft sittenwidrig niedrige Löhne von nur sechs bis sieben Euro pro Stunde bekam. Die Mitarbeiter organisierten sich bei der IG Metall und klagten vor dem Arbeitsgericht. In Vergleichen wurde ein Stundenlohn von 9,50 Euro vereinbart. Immer noch weit entfernt vom untersten Tarifgehalt der IG Metall von 12,63 pro Stunde.

Die damals extrem niedrigen Löhne begründet Geschäftsführer Matthias Pohlmann mit der Übernahme eines schlecht zahlenden Wildauer Unternehmens. »Fünf Mitarbeiter haben hier tatsächlich ein Gehalt erzielt, welches die Lohngrenzen des Lohntarifvertrages für die Metall- und Elektroindustrie deutlich unterschritt. Für diese Mitarbeiter wurde jedoch bereits vor einem Jahr eine Anpassung vorgenommen«, umschreibt Pohlmann den gerichtlichen Vergleich.

Zum Stein des Anstoßes wurde bei den weiteren Verhandlungen immer mehr die von der Geschäftsleitung aufgeworfene Frage, was einen Gemeinschaftsbetrieb denn eigentlich ausmache. »Unter anderem ein einheitlicher Betriebsrat« deute darauf hin, hieß es von der Arbeitnehmerseite. 2010 hatten die Inhaber die gemeinsame Wahl zugelassen. In der Folgezeit vervielfachte sich die Zahl der Unternehmen im Firmenverbund. Praktisch jede Abteilung wurde zur eigenen Firma. Sieben Betriebe mit jeweils zwei bis 15 Mitarbeitern entstanden, wobei auf wundersame Weise alle Betriebsräte und klagenden Mitarbeiter bei der Kräcker Relais GmbH landeten. »Im März 2012 gab die Arbeitgeberseite erstmals durch ihren Anwalt ausdrücklich zu verstehen, dass sie nun nicht mehr von einem Gemeinschaftsbetrieb ausgehe«, sagt Uwe Hannemann.

»Dennoch kam es fast täglich zu Vermischungen bei der Nutzung von Geräten, Räumen und Materialien, Zusammenarbeit des Personals der angeblich so verschiedenen Firmen«, berichtet der Betriebsrat. An der täglichen Arbeit habe sich »praktisch nichts« geändert. Trotzdem sah die Geschäftsleitung die für die gesamte Firma einberufene Betriebsversammlung im November 2012 nur als jene der Kräcker Relais GmbH an. Die Arbeitnehmervertretung kündigte ein Verfahren wegen Behinderung der Betriebsratsarbeit an.

Diesen Vorwurf bezeichnet Geschäftsführer Matthias Pohlmann als »besonders befremdlich«. Es bestehe im Hinblick auf die erhebliche Änderung der Betriebsstruktur ein Streit darüber, inwieweit der Betriebsrat »nicht nur für die Mitarbeiter der Kräcker Relais GmbH zuständig ist, sondern auch für Mitarbeiter anderer Firmen«. Selbstverständlich habe man am neuen Standort ein Büro zur Verfügung gestellt. Inzwischen ist die Kräcker Relais GmbH nicht nur an einen neuen, etwa vier Kilometer entfernten Standort umgezogen, sie wurde sogar an einen neuen Eigentümer verkauft.

»Der Betriebsrat aller Kräcker-Beschäftigten arbeitet jetzt am neuen Standort, ist aber bis zum Ende seiner Amtszeit laut Gesetz weiter für alle Beschäftigten zuständig«, stellt Rüdiger Lötzer von der IG Metall klar. Dies wurde auch bei einer sogenannten Einigungsstellensitzung letzten Montag verbindlich festgestellt. Weitere Verhandlungen werden am 18. Februar stattfinden. Die Kräcker-Gruppe wird die Arbeitsgerichte wohl noch eine Weile beschäftigen.

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