Montag, 26. November 2012

Er würde uns den Vogel zeigen

20 Jahre nach der Ermordung des Antifaschisten Silvio Meier ist die Benennung einer Berliner Straße nach ihm umstritten

Das Gedenken an den von Neonazis ermordeten Silvio Meier jährt sich in diesem Jahr zum 20. Mal. 1992 wurde der 27-Jährige auf einem Berliner U-Bahnhof zusammengeschlagen und durch Messerstiche schwer verletzt.

Mittwoch, der 21. November. Es liegen wieder Blumen im Zwischengeschoss des Friedrichshainer U-Bahnhofs Samariterstraße. Einzelne Blumen oder auch ganze Sträuße. Dazwischen brennen dutzende Grablichter. Eltern mit Kinderwagen sind dabei, Teenager, Senioren. Auch seine damalige Freundin Chrischi, die Silvios Sohn Felix gebar. An den beiden Aufgängen zur Straße haben mehrere Polizisten die Szenerie im Blick. Passanten schauen erstaunt ob der Menschenmenge, bleiben stehen, versuchen den Text der Gedenktafel zu entziffern, die an den gewaltsamen Tod Silvio Meiers erinnern.
Am 21. November 1992 war Silvio mit einigen Freunden unterwegs nach Mitte. Sie wollten feiern gehen. Auf dem Weg zum Bahnsteig gab es eine Auseinandersetzung mit Neonazis. Dabei riss Silvio einem der Neonazis einen Aufnäher von der Jacke. »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein«, stand darauf. Danach ging die Gruppe zum Bahnsteig, stellte allerdings fest, dass der letzte Zug schon abgefahren war. Auf dem Rückweg wurden sie im Zwischengeschoss von den Neonazis schon erwartet. Mit gezückten Messern gingen sie auf die Gruppe los, dazu traten sie mit ihren Stiefeln auf sie ein. Silvio wurde dabei so schwer verletzt, dass er noch vor Ort starb. »Jetzt haben wir es Euch linken Schweinen gegeben«, sagten die Nazis damals.
Ein beleibter Herr mit wallendem grauen Haar tritt beim Gedenken am Mittwoch vor die Menge. Es ist Blase, ein damaliger Freund Silvios. Er erzählt in knapper Form die Vorfälle der Nacht vor 20 Jahren. In der Wendezeit hatten sie sich kennengelernt. »Die Wendezeit war schön, weil Anarchie herrschte«, sagt Blase. »Silvio hatte das gefallen, er war mit Leib und Seele Anarchist und Antifaschist.« Blase kämpft mit den Tränen. Das passiert ihm immer, wenn er über Silvio und seinen Tod spricht.
So wie Ende April, bei einer Bürgerversammlung in der Rigaer Straße. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte in die ehemalige Galiläakirche, das jetzige Jugend[widerstands]museum geladen. Es ging um die Frage, wie in einer offiziellen Form an Silvio Meier erinnert werden sollte. Die anwesenden Bürger votierten klar für die Umbenennung der direkt am U-Bahnhof von der Frankfurter Allee abgehenden Gabelsbergerstraße in Silvio-Meier-Straße. Blase sprach damals von einer »großen Zerrissenheit« bei dem Thema. »Er würde uns den Vogel zeigen, wenn er wüsste, dass nach ihm eine Straße benannt wird«, sagte Blase.
Diesen Montag zeigte sich, dass sich die Straßenumbenennung auf unbestimmte Zeit verschiebt. Ein Gewerbetreibender hat vor dem Verwaltungsgericht Klage erhoben. Ein Nachbar des Mannes, der nicht für ein Gespräch zur Verfügung steht, zeigte Verständnis. Nicht nur wegen des entstehenden Aufwands für Gewerbetreibende. Er äußerte der »taz« gegenüber auch Zweifel, ob Silvio Meier ein geeigneter Namenspatron sei. Nicht nur, weil Meier »in den Konflikt reingegangen« sei, sondern auch weil er Hausbesetzer und damit Straftäter gewesen sei.
2010 hatte sich die »Initiative für ein aktives Gedenken« formiert. Mit der Umbenennung soll ein Zeichen gesetzt werden. »Es geht dabei auch um eine Hegemoniefrage. Hier wird den Nazis der öffentliche Raum streitig gemacht«, sagte Damiano Valgolio von der LINKEN im Vorfeld der Bürgerversammlung. »Eine öffentliche Unterstützung des Gedenkens von unten ist uns sehr wichtig«, sagt ein Mitglied der Initiative. 2011 war Friedrichshain-Kreuzberg der Bezirk mit den meisten Naziübergriffen. Die Initiative fordert, eine vorläufige Umbenennung zu prüfen.
Dirk Moldt, Bewohner der im Dezember 1989 von Silvio Meier mitbesetzten »Villa Felix« in der Friedrichshainer Schreinerstraße und auch damals ein Freund von ihm, beklagt seit einiger Zeit eine Reduzierung Meiers auf den linken Hausbesetzer. »Es ist eine sehr einseitige Darstellung, man muss die Biografie mitbeachten. Silvio Meier war einfach nicht nur der linke Antifaschist.« Er stößt sich zum Beispiel an der Verwendung des Begriffs Genossen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass das für ehemalige DDR-Oppositionelle ein rotes Tuch sein kann.
Der bereits vorliegende offizielle Erklärtext zum Straßennamen scheint nicht Stein des Anstoßes zu sein. »Silvio Meier engagierte sich in der unabhängigen DDR-Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung und als Hausbesetzer. Am 21. November 1992 wurde er aufgrund seines antifaschistischen Auftretens von jugendlichen Neonazis ermordet«, heißt es dort.
Der 1965 in Quedlinburg geborene Silvio Meier zog bereits in den 80er Jahren nach Ost-Berlin und engagierte sich früh in der Oppositionsbewegung. Er war Mitbegründer der bis heute in Prenzlauer Berg bestehenden »Kirche von Unten« (KvU). Auch beim konspirativ organisierten Konzert der West-Berliner Band »Element of Crime«, das am 17. Oktober 1987 in der Ost-Berliner Zionskirche stattfand, half er entscheidend. Meier erhielt traurige Berühmtheit durch einen brutalen Skinheadüberfall, bei dem die Volkspolizei tatenlos zusah. Er beteiligte sich an vielen weiteren oppositionellen Aktionen.
»Alles was ich gemacht habe in der Opposition, da wollte ich nie einen Kapitalismus haben, sondern einen freien Sozialismus und keine Staatsdoktrin«, sagte Meier im Sommer 1992 in einem Videointerview. Als Hausbesetzer seien sie ein Ziel geworden »für Leute, die zum Beispiel eine starke Führung wollten. Nazis, Faschisten oder eben Hooligans«, sagte er weiter.
»Die Zeit vor Silvios Ermordung war schon furchtbar«, erzählt Pieps, ein ehemaliger Friedrichshainer Hausbesetzer. »Schon 1991 der Naziangriff auf das Wohnheim in Hoyerswerda, dann im August 1992 Lichtenhagen, dann Silvio und schließlich Mölln. Wir dachten, jetzt geht alles unter.«
Am 21. November 1992 gab es die erste große Demo. Sie führte durch Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Damit wurde eine Tradition begründet. Jahr für Jahr wird das Gedenken an Silvio Meier und alle anderen Naziopfer verknüpft mit dem Kampf gegen Treffpunkte der Neonazis.
Großer Durchhaltewillen musste auch bei der Gedenktafel für Silvios Ermordung im Aufgang des U-Bahnhofs Samariterstraße bewiesen werden. Vier Mal wurde die zunächst in Eigeninitiative an der Wand angebrachte Tafel gestohlen, zählt man eine provisorische Tafel dazu, sogar fünf Mal. 2007 schließlich wurde die heutige Tafel fest eingemauert. Und mindestens zwei Mal bereits geschändet. Die BVG duldet die Tafel nun zumindest offiziell.
Blase erinnert sich bei der Mahnwache an den Umgang der Polizei mit den Opfern des Naziüberfalls: »Die Frau, die dabei war, kam zum Verhör auf die Wache und wurde dann mit einem schweren Schock einfach auf die Straße gesetzt. Die saß heulend auf der Straße.«
Nicht nur unmenschlich, sondern skandalös war der Umgang von Polizei und Medien mit dem Geschehen. Der Tagesspiegel zitierte am 24. November 1992 den leitenden Mordermittler der Polizei, Vogt, mit den Worten, es gäbe keine Hinweise, dass die Täter aus dem rechten Spektrum kämen. Die Überprüfung von Lokalen, die auch als Treffpunkte Rechtsextremer gelten, seien ausschließlich erfolgt, weil sie in der Nähe des Tatorts liegen. Erst am 26. November musste die Polizei einräumen, dass es sich bei den Tätern um Rechtsradikale handelte.

Der Traum von der eigenen Brauerei

Christoph Flessa stellt in Friedrichshain eigenes Bier her - und liegt damit im Trend

 

Wie ein ganz normales Wohnhaus wirkt der Altbau an der Petersburger Straße in Friedrichshain. »Flessa Bräu« steht auf einem kleinen Plakat neben der Hofeinfahrt, darüber ein stilisierter, knorriger Baum. Was zunächst aussieht wie ein Souvenir aus der Heimat eines süddeutschen Zugezogenen ist tatsächlich das Firmenschild einer echten kleinen Brauerei.
»In den 20er Jahren war Berlin die Stadt mit der höchsten Brauereidichte der Welt«, sagt Christoph Flessa. »An die Tradition, in kleinen Betrieben handwerklich Bier zu brauen, möchte ich wieder anknüpfen.« Damit ist er in Berlin nicht alleine: 16 sogenannte Mikrobrauereien zählt die Berliner Versuchs- und Lehranstalt für Brauereiwesen. Der 44-jährige führt aber wahrscheinlich den kleinsten Betrieb dieser Kategorie. Er ist nicht nur der Inhaber der kleinen Brauerei, eigentlich ist er die Brauerei, denn er macht alles selbst: Brauen, Abfüllen, Fässer spülen, Etiketten kleben, Marketing, Auslieferung. Zwölf-Stunden-Tage sind die Regel.
Von Romantik ist angesichts der lebensmittelrechtlichen Realität wenig zu spüren: Weiße Fliesen und Edelstahl dominieren die Hinterhofbrauerei. In einer Ecke stehen Säcke mit verschiedenen Malzsorten, auf einem Tisch liegen ein paar Folienpäckchen mit Brauhefe. »Jede Biersorte braucht ein eigenes Malz. Weizenmalz für Hefeweizen, Pilsner Malz für Pils, und so weiter«, erläutert Flessa. Das eigentliche Herz sind zwei jeweils 50 Liter fassende große Edelstahlzylinder, die Braubottiche.
Im September nahm die Brauerei den Betrieb auf, einen Monat später, Anfang Oktober, war das erste Hefeweizen fertig. Einen weiteren Monat später schließlich Pils und Export. »Handwerkliches Bier braucht seine Zeit«, erklärt Flessa. »Ich verzichte auf die bei den Großbrauereien üblichen ertragssteigernden Verfahren wie erhöhter Druck oder Temperatur. Das heißt nämlich auch weniger Fuselstoffe und weniger Schädel.«
Ursprünglich wollte Flessa den Traum von der eigenen Brauerei in Mexiko, wo er viele Jahre lebte und seine Partnerin herstammt, verwirklichen. Aus verschiedenen Gründen klappte das nicht und nach einer längeren Experimentierphase auf dem heimischen Balkon kratzte er 50 000 Euro zusammen, um schließlich den Betrieb in der Petersburger Straße zu eröffnen. Gerne hätte er das allein schon wegen der höheren Gewinnspanne mit einer eigenen Kneipe kombiniert, aber dafür reichte das Geld beim besten Willen nicht. Und so ist er auf der Suche nach bewusst nur regionalen Abnehmern hauptsächlich in der Gastronomie. Die »Trommel« in Mitte und das »Kater Mikesch« in Friedrichshain gehören zu den ersten Kunden. Das Angebot richtet sich aber auch an privat. Nach telefonischer Absprache verkauft Flessa auch Flaschenbier an Privatkunden.
Das Bier kommt gut an. Kein Wunder. Das Hefeweizen ist geradezu eine Geschmacksexplosion mit Ananas- und Bananennoten, die bei Industriebieren höchstens zu erahnen sind, hier aber voll durchschlagen. Auch Pils und Export kommen sehr vielschichtig daher und sind nicht so malzig wie bei vielen Hausbrauereien. Alle drei Monate gibt es auch wechselnde Spezialbiere wie Bock oder Doppelstout.
Neben großen Investitionen musste Flessa sich auch mit viel Bürokratie herumschlagen. Mit dem Ordnungsamt und auch mit Umwelt- und Veterinäramt. Nachhaltig ist für ihn vor allem der Kontakt mit dem Zoll. Für die 57 Euro Biersteuer, die er für die anfänglichen 1000 Liter Monatsproduktion zahlen muss, hatte er mit fünf Mitarbeitern von vier über die Republik verteilten Zollämtern zu tun.
Trotz allem spürt man seine Liebe zum und sein Wissen über das Produkt, wenn er es stolz zur Verkostung ausschenkt. Ein Wissen, welches er ab Januar bei Brauseminaren für Jedermann weitergeben möchte. Wie es sich für eine traditionelle Brauerei gehört, gibt es auch einen Werbereim: »Trink gut - trink besser - trink ein Flessa.«
Informationen zur Brauerei, den Seminaren und der Möglichkeit zum Direktkauf unter www.brauerei-flessa.de