Montag, 17. September 2012

Von Daten und deren Auswertern

Nutzen oder ablehnen? Diskussionen um Erfassung von Online-Informationen auf Netzpolitischer Konferenz

Data-Mining, Gesichtserkennung und die Sicherheit. Die immer mächtigeren Instrumente der Zusammenführung von Personen-Daten im Internet erfüllen viele mit Sorge

Dank des Internets ist fast jede nur erdenkliche Information nur wenige Tastaturanschläge entfernt. Ein großer Segen, ohne politische Wachsamkeit jedoch auch eine große Gefahr. Denn Informationen, die verstreut im Netz verteilt sind, lassen sich mit mehr oder weniger Aufwand zusammenführen und auswerten, sei es von Geheimdiensten oder Polizeibehörden, gut- wie böswilligen Hackern, Marktforschern und vielen mehr.
Über die Möglichkeiten und Gefahren tauschten sich am Sonnabend bei der Netzpolitischen Konferenz der Linksfraktion und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Akteure aus Forschung, Industrie, Politik und Publizistik aus. Neben Themen wie der seit Jahren laufenden Urheberrechtsdebatte und der Netzneutralität, also dem diskriminierungsfreien Datenfluss wurden vor allem die immer mächtigeren Möglichkeiten der automatisierten Datenzusammenführung und -auswertung, diskutiert.

Sammeln und nutzen ohne Orwells »1984«

Ein für Deutschland recht neues Phänomen ist »Open Data«, das Zur-Verfügung-Stellen von hauptsächlich von öffentlichen Institutionen erhobenen Daten in menschen- und maschinenlesbarer Form. Vor allem im angelsächsischen Raum ist dies nicht zuletzt aufgrund der starken Internetindustrie seit längerem üblich. Interessant hierbei war aus Sicht der Moderatorin dieser Runde, Kathrin Senger-Schäfer (LINKE) die Frage, inwieweit sich die zugänglichen und auswertbaren Informationen für die Stärkung einer linken Gegenmacht nutzen ließen.
Eine dieser Möglichkeiten stellten Malte Danilijuk und Jan Ullrich vor. Die beiden entwickelten eine Suchmaske (cables.lassdass.de) zu den durch die Wikileaks-Veröffentlichung unfreiwillig zu »Open Data« gewordenen US-Botschaftsdepeschen. »Es ging auch darum, durch eine neue Anordnung der Informationen diese für eine breite Masse zu erschließen«, erläutert Danilijuk. Nachdem im September 2011 die Daten ins Internet gelangten, machten sich die beiden an die Optimierung der technischen Möglichkeiten. Hier ging es vor allem um eine Suchmaske mit sehr feinen Sortiermöglichkeiten und die Auflösung der in den Depeschen verwendeten Abkürzungen direkt in den Texten. Dies ermöglichte vor allem Politik- und Sozialwissenschaftlern eine Auswertung bei speziellen Fragestellungen. So ließ sich zum Beispiel erstmalig herausfinden, dass die Zahl der gezielten Tötungen von so genannten »High Value Targets« (»wertvolle Ziele«) weltweit am höchsten in Kolumbien war.
Lokalpolitisch bedeutsam ist das von dem Berliner Stadtsoziologen Andrej Holm betreute Projekt gentrimap.net. »Wir wollen die Wissenslücke der Bewohner im stadtpolitischen Bereich gegenüber Maklern, Verwaltung und weiteren mit überprüfbaren Daten schließen«, sagte Holm. Eine Herausforderung vor allem wegen der Unerfahrenheit der Behörden bei der Bereitstellung der Daten. Neu ist dabei die Zusammenfassung von wohnungswirtschaftlichen und soziodemografischen Daten. Diese Integration sei die eigentliche Herausforderung, so Holm.
George Orwell mit seinem dystopischen Roman »1984« war im Geiste bei der Gesprächsrunde über Strategien vernetzter Überwachung anwesend.

Was heißt denn hier »auffällig«?

Thema war das von der EU angestoßene Forschungsprojekt INDECT: Im Rahmen einer präventiven Kriminalitätsüberwachung, soll die automatisierte Analyse und Zusammenführung von Videoüberwachungsbildern, Daten aus sozialen Netzwerken und Mobilfunkortungs- und -verbindungsinformationen »auffälliges« Verhalten erkennen und Alarm schlagen. »Diese Möglichkeiten haben zu Ängsten eines Überwachungsstaats geführt. INDECT ist eines der Projekte, die in Deutschland sehr heftig kritisiert wurden«, sagte Andrej Hunko (LINKE). »Hauptziel von INDECT ist das Erkennen einfacher Straßenkriminalität«, so Tom Sorell von der Uni Birmingham, der Mitglied des INDECT-Ethikrates ist. »Darüber hinaus geht es um die Aufdeckung schwerster Verbrechen wie Pädophilie und Terrorismus.«
»Eine raumgreifende Videoüberwachung ist ein Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung«, hielt Eric Töpfer vom Deutschen Institut für Menschenrechte dagegen. Matthias Monroy, Aktivist gegen polizeiliches Data Mining - die Systematisierung unsortierter Daten aus zugänglichen Quellen - erklärte mit Blick auf die NSU-Enthüllungen, dass es auch in demokratisch verfassten Staaten kein vollständiges Vertrauen in Polizei und Geheimdienste geben könne. Bereits die Ahnung von potenziellen Überwachungsmöglichkeiten führe bei vielen Bürgern zur Vermeidung »auffälligen« Verhaltens. Die Diskussion darüber anzustoßen, sei sehr wichtig, sagte Hunko zum Abschluss.

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