Montag, 20. August 2012

Pro Deutschland die Tour vermasselt

50 Rechtspopulisten stehen bis zu 1000 Demonstranten gegenüber



Die Kreuzung der Landsberger Allee mit der Rhinstraße an der Grenze von Marzahn und Lichtenberg ist vor allem eines: trostlos. Ein guter Ort also für die Zentrale der Rechtspopulisten von „Pro Deutschland“. Hier soll es also an diesem Samstagvormittag losgehen mit der das ganze Wochenende andauernden Provokationstour zu Moscheen und linken Orten.

Das perfide Kalkül der „Pro Deutschländer“ möchten die politischen Gegner nicht aufgehen lassen. Widerspruchslos will der lose Zusammenschluss „Pro Deutschland die Tour vermasseln“ jedoch die Aktion auch nicht hinnehmen. Und so laden die Aktivisten ihrerseits zur „Antirassistischen Stadtrundfahrt“ nebst eigener Karikaturenausstellung. Das Gefährt ist ein ausrangierter Stadtrundfahrt-Cabrio-Doppeldecker, der kurz vor 10 Uhr an der Kreuzung eintrifft.

Die Nervosität der Polizei zeigt sich nicht nur an den Dutzenden Mannschaftsfahrzeugen an der bis auf regen Autoverkehr ansonsten unbelebten Kreuzung. Rund 1800 Polizisten sind nach eigenen Angaben insgesamt im Einsatz. Bei einer sehr peniblen „Sichtprüfung“ durch die Beamten müssen nicht nur sämtliche Klappen geöffnet werden, auch lagernde Plakatwände, die mit Wahlwerbung der Grünen beklebt sind, werden genauestens inspiziert. Weniger Argwohn hegt eine Endfünfzigerin, die sich an dem mit Transparenten wie „Rechtspopulismus stoppen“ behängten Bus erkundigt, ob sie hier richtig bei „Pro Deutschland“ sei. Die Frau wird später heftig Deutschlandfahne schwenkend auf den Kundgebungen zu sehen sein.

Die antirassistische Stadtrundfahrt fällt jedoch leider aus, mit den vorhanden Überführungskennzeichen ist Personenbeförderung nicht zulässig, die rund 20 anwesenden Demonstranten müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ort der ersten Kundgebung im Wedding reisen. Ein Zivilfahrzeug mit aufgelegtem Blaulicht folgt der Straßenbahn durch die Plattenbaugebiete.

Vor der in einem Ladenlokal eingerichteten Weddinger As-Sahaba-Moschee zeigt sich die Polizei gut vorbereitet: Die Kreuzung ist komplett abgeriegelt, vor der als Salafistentreffpunkt bekannten Moschee herrscht volksfestartige Stimmung, Kinder tollen herum. Von dem ohne Passagiere eingetroffenen Doppeldecker dröhnt Musik mit antirassistischen und antifaschistischen Texten, das Oberdeck wird als Aussichtsplattform auf das Häuflein von vielleicht 50 Pro Deutschländern genutzt, die die üblichen Schilder mit durchgestrichenen Moscheen hochhalten.

Unter den rund 150 Gegendemonstranten ist auch Michael Mitzig. Er ist Mitglied der LINKEN und will sich eigentlich als Einziger äußern zur Debatte, ob man Pro Deutschland nicht erst durch die Gegendemonstrationen Aufmerksamkeit verschafft. Das sei die „typische Reaktion“ von SPD und Gewerkschaften. „Dort wo Faschisten auftreten schmiede ich Bündnisse selbst mit des Teufels Großmutter. Ich bin kein Salafist, will die Ideologie auch nicht verteidigen, aber wenn die angegriffen werden bin ich da“, sagt er. „Nazis raus, Yalla“, rufen türkische Jugendliche vom Bus, als nach fast einer Stunde die Mohammed-Karikatur enthüllt wird. Sonst passiert nichts.

Vor der Al-Nur-Moschee mitten im Neuköllner-Industriegebiet heißt es zunächst lange Warten in der prallen Sonne. Eine züchtig mit Kopftuch und knöchellangem Kleid bekleidete Gemeindemitgliederin lädt zum Blick in die Moschee ein, erzählt, dass man auf so eine plumpe Provokation nicht reagieren werde. Vom Dach der Moschee werden sowohl Demonstranten als auch Gegendemonstranten filmisch und fotografisch von Gemeindemitgliedern festgehalten. Gegenüber Journalisten will niemand etwas sagen. Selbst in dieser abgelegenen Ecke sind die Rechtspopulisten in der Überzahl, wieder trennt eine rund 30 Meter breite Sicherheitszone die Kontrahenten. Gemeindemitglieder verteilen Wasserflaschen an die seit über einer Stunde in praller Sonne ausharrenden Demonstranten.

Das Scheitern von Pro Deutschland zeigt sich am augenfälligsten an der Dar Assalam-Moschee in der Neuköllner Flughafenstraße. Dem Häuflein von 50 Rechtspopulisten stehen rund 1000 Demonstranten gegenüber. „Ich bin sauer“, sagt der Neuköllner Sozialstadtradt Bernd Szczepanski (Grüne), „da kommt ein Häuflein Rassisten aus dem Sumpf gekrochen, damit wir uns prügeln und sie wieder darstellen können, wie schlecht die Muslime seien.“ Doch nichts von alledem passiert. Später werfen einige Demonstranten unter anderem eine Banane und Farbbeutel in Richtung der Rechtspopulisten, treffen allerdings nicht. Die Polizei nimmt fünf von ihnen fest. „Das ist wirklich super gelaufen“, resümiert Dirk Stegemann von „Pro Deutschland die Tour vermasseln“ den Tag.