Mittwoch, 27. Juni 2012

Schlecker ist Geschichte

Heute schließen die letzten Filialen der insolventen Drogeriekette

Viele der ehemaligen Schlecker-Beschäftigten stehen vor der Arbeitslosigkeit - oder sind bereits arbeitslos. Für viele der weiblichen Beschäftigten bleibt die Unsicherheit über ihre berufliche Zukunft.
»Diese Filiale hat bis 27. 6. geöffnet«, steht an der Tür. Doch die Tür ist bereits am Dienstag, einen Tag vorher, verschlossen. Das Neonlicht im Inneren beleuchtet die beige Tristesse leerer Regale. Ein paar Kleinbildfilme sind als einzige verbliebene Ware durch das Schaufenster zu erkennen. Aber Filme will im Zeitalter der Digitalfotografie selbst mit 90 Prozent Rabatt wohl niemand mehr haben.
»Wat soll die arme Frau denn in dem leeren Laden rumsitzen«, ruft eine Frau aus dem ersten Stock. Offiziell schließt Schlecker am heutigen Mittwoch um 15 Uhr, doch seit Wochen macht eine Filiale nach der anderen dicht. Entweder gibt es nichts mehr zu verkaufen oder es gibt niemanden mehr, der verkaufen könnte. Wer von den Schlecker-Frauen konnte - es arbeiteten fast nur Frauen in dem Drogerieimperium -, hat sich schon vor dem endgültigen Aus andere Jobs gesucht.
Durchaus verständlich, wenn man sich die Erfolgsmeldung der Berliner Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) zu Gemüte führt. Die teilte am Sonntag mit, dass von den Berliner Betroffenen der ersten Entlassungswelle »bereits 40 Prozent nicht mehr arbeitslos gemeldet« sind. Das heißt also, dass mindestens 60 Prozent seit Ende März arbeitslos sind. Wie viele der als nicht arbeitslos Geltenden dazu in irgendwelchen Maßnahmen geparkt sind, ist unklar.
Bundesweit ist nur ein Drittel der etwa 11 000 Entlassenen der ersten Welle inzwischen aus der Statistik verschwunden. »Die Vermittlungsquote ist sehr unterschiedlich«, sagt Paul Erben von der Nürnberger Zentrale der Arbeitsagentur. »Gerade im ländlichen Raum fehlen vergleichbare Jobs«, sagt Susanne Veh von ver.di. In Brandenburg seien immer noch 80 Prozent der Frauen ohne Job. »Das straft die Angaben von Wirtschaftsminister Rösler oder den Unternehmen Lügen, das alle Arbeit fänden.«
Um abzuschätzen, inwieweit Weiterbildungen oder die von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angeregte Umschulung zu Altenpflegerinnen oder Erzieherinnen nachgefragt würden, sei es noch viel zu früh, sagt Erben. »Die ehemaligen Schlecker-Beschäftigten haben allerdings die gleichen Rechte wie alle anderen auch.« Eine zwangsweise Umschulung in die genannten Berufe wird es also nicht geben. Auch scheinen Forderungen, unter anderem von ver.di, bei vollwertigen Ausbildungen auch das dritte Jahr durch die Arbeitsagentur zu finanzieren, nicht umgesetzt zu werden. »Ziel muss ein vollwertiger Berufsabschluss sein«, sagt ver.di-Vorstand Achim Meerkamp.
»Es ist ein Schock, eine Tragödie und ein Desaster«, schreiben die Kinder des Firmengründers, Lars und Meike Schlecker, in einem persönlichen Statement zur Pleite im firmeneigenen Blog. »Schlecker hat über viele Jahre einer großen Zahl von Menschen sichere Arbeitsplätze, im Vergleich mit dem Wettbewerb überdurchschnittlich viele Vollzeitstellen, seit 2010 die weitreichendsten Tarifverträge der Branche und damit ein gutes Auskommen geboten.« »Wir haben bei den Schlecker-Frauen wunderbar durchgesetzt, dass sie tariflich bezahlt werden, allerdings zahlt nur etwa die Hälfte aller Handelsunternehmen nach Tarif«, sagt Veh. Nun müssten fast alle ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen selbst mit neuer Beschäftigung empfindliche Lohneinbußen hinnehmen. Zudem kämen auf 258 700 Arbeit suchende Einzelhandelsfachkräfte nur 22 300 gemeldete Stellen.
Interessant sind die Kommentare der ehemaligen Mitarbeiterinnen unter dem Beitrag der Schlecker-Kinder. »Wir werden zu geringeren Löhnen und mit einer großen Portion Misstrauen - jeder neuen Firma gegenüber - weitermachen müssen. Für viele ist da jetzt erst einmal ein großes Nichts«, schreibt eine und widerspricht dem Vorwurf, ver.di sei Schuld an der Pleite: »Schlecker selbst hatte die Kostenexplosion bei den Arbeitnehmervertretern zu verantworten. Alles musste bis zum Schluss eingeklagt werden.« In Bezug auf die Diskussionen zur Vermögensaufteilung innerhalb der Familie Schlecker meint sie: »Im deutschen Recht gibt es keine Sippenhaft. Im Sozialgesetzbuch II schon.« Die Perspektive für die nun Erwerbslosen ist bitter.

Sonntag, 3. Juni 2012

Autobahnradler und Ökoslammer


Am Sonntag setzen Fahrradsternfahrt und Umweltfestival ein Zeichen für Nachhaltigkeit

 
Gemütlich die AVUS entlangradeln, einmal im Jahr ist das in Berlin bei der Fahrradsternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) ganz legal möglich. Allein schon diese Aussicht wird am kommenden Sonntag wieder zehntausende Fahrradfahrer auf eine der 19 Routen locken, die zum Teil weit aus dem Umland bis zum Brandenburger Tor führen. Auf der Meile zwischen Tor und Großem Stern lädt der Umweltverband Grüne Liga unter dem Motto „Rio + 20 – Umwelt leben“ zum 17. Umweltfestival. Über 230 Aussteller zeigen dort die Möglichkeiten für den Weg zur „Green Economy“, also einer sozial und ökologischen Wirtschaftsweise. Dazu gibt es prominent besetzte Gesprächsrunden, ein Kinderprogramm mit Betreuung, eine Fotoausstellung und das internationale Schülerprojekt „Global Classroom“ stellt sich vor. Beide Veranstaltungen, die nach eigenen Angaben jeweils die größten ihrer Art sind, beziehen sich auf den von der UNO bereits vor Jahrzehnten ausgerufenen „Tag der Umwelt“ am 5. Juni.

„Wir wollen sichere Fahrradspuren auf den Berliner Hauptstraßen“, sagt Boris Schäfer-Bung vom ADFC. Die müssten nicht nur eingerichtet, sondern durch die Mitarbeiter der Ordnungsämter konsequent von rücksichtslos parkenden Autos freigehalten werden. „Auch bereits länger geplante Projekte für Fahrradstreifen, wie auf der Warschauer, der Danziger und der Müllerstraße sollen endlich umgesetzt werden“, fordert er.

Für die Realisierung fehlten in der Verwaltung häufig die Mitarbeiter, auch die Abstimmung zwischen den betroffenen Ämtern sei sehr langwierig – jahrelange Verzögerungen sind die Folge. „Auch deswegen führen unsere Routen über die teuersten Straßen – die Autobahnen“, erklärt Schäfer-Bung. Momentan investiert der Senat 5 Millionen Euro jährlich in den fahrradgerechten Straßenumbau, der ADFC fordert das Dreifache.

„Im Vorfeld des Erdgipfels in Rio de Janeiro war es uns wichtig, auf die Bedeutung von nachhaltigem Konsum und klimafreundlichen Innovationen hinzuweisen“, sagt Stefan Richter von der Grünen Liga über das diesjährige Motto des Umweltfestivals. Gezeigt wird die ganze Bandbreite von erneuerbaren Energien, Biolandbau, umweltfreundlicher Mobilität und vielem mehr. „Wir wollen mit dem Festival zeigen, wie es geht.“

Für „verheerend“ hält Richter den „Rollback“ beim vom Berliner Abgeordnetenhaus soeben verabschiedeten Vergabegesetz. Bei Beschaffungen unter 10000 Euro werden ökologische Belange künftig faktisch keine Rolle mehr spielen. „Das haben wir bisher für nicht möglich gehalten, zumal wir die ursprüngliche Senatsvorlage für einen Fortschritt hielten“, so Richter.

Bundespolitisch soll es bei der Energiewende vorwärts gehen. Der neue Umweltminister Peter Altmaier (CDU) müsse schnell dafür sorgen, dass die Ziele von Bund und Ländern deckungsgleich werden. „Viele Stadtwerke haben momentan einen Investitionsstopp, der durch klare Vorgaben aufgelöst werden muss“, sagt Richter. „Wenn die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, ist vieles möglich.“