Donnerstag, 19. Januar 2012

Flugblatttausch

Die Occupy-Bewegung demonstriert – für und gegen sehr viel

In mehreren deutschen Städten gab die Occupy-Bewegung ein Lebenszeichen von sich. »Bei dem heutigen Wetter rechnen wir mit einer anständigen Teilnehmerzahl«, freute man sich beim Occupy-Infotelefon in Frankfurt am Main. »Wir können mit Sonntagsspaziergängern rechnen, die sich spontan dem Zug durch die Frankfurter Innenstadt anschließen«, hieß es weiter. Einige hundert Menschen haben schließlich teilgenommen.

Die Münchener Veranstalter zählten rund 300 Demonstranten. Marco Helbig, Aktivist aus Leipzig, zählte bei der dort bereits am Samstag stattfindenden Demo rund 300 Teilnehmer. Das sieht er als Erfolg. »Die Jahreszeit ist ein Problem«, sagte er. Nicht nur, dass im Dezember viele zentrale Plätze durch Weihnachtsmärkte belegt waren, insgesamt ziehe es die Leute im Winter nun mal eher in geschlossene Räume.

Dementsprechend ist es in den Medien deutlich ruhiger geworden um die deutsche Occupy-Bewegung, viele fragten sich, ob die Sache langsam einschlafe. Das vor einigen Tagen relativ still durch Räumung aufgelöste Berliner Camp, das zwar zentral im Regierungsviertel, aber nicht sonderlich prominent lag, konnte auch nur relativ bescheidene Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Und doch hatten sich um 14 Uhr rund 700 Menschen rund um den Neptunbrunnen, den Startpunkt der Berliner Demo direkt gegenüber dem Roten Rathaus, zusammengefunden.
»Oh, doch mehr als ein Dutzend«, hieß es da erfreut bei einer Dreiergruppe. Die Mischung der Teilnehmer war wieder sehr bunt. Von Antifas über Gegner des neuen Berliner Großflughafens, Exilsyrern, Solarenergieaktivisten bis zu jonglierenden Straßenkünstlern.

»Das ist etwas kleiner als Madrid«, feixen einige spanische Touristen, die während ihres Sightseeing-Spaziergangs vorbeikommen. Von den zufälligen Passanten bleibt eigentlich niemand stehen. Aus den Boxen des Lautsprecherwagens plärrt derweil spanischer Dancepop. Böse Zungen könnten von einem Jahrmarkt des Dagegenseins sprechen. Auch Flugblätter werden fleißig verteilt, bisweilen getauscht: Fluglärm
gegen Gorleben, »Rechtsradikaler Angriff auf Querkopf e. V.« gegen HartzIV.

»Nein, es geht uns nicht nur um den Fluglärm«, sagt das Ehepaar Klinge aus Lichtenrade: »Wir Alten wollen dazu beitragen, dass wir unserer Jugend eine bessere Welt hinterlassen. Schließlich hat unsere Generation mit dazu beigetragen unsere Welt so zu machen wie sie ist.« Auch im ehemaligen Occupy-Camp sei man gewesen.

Viele der Teilnehmer wollen für ihr sehr konkretes Anliegen werben, dazu kommt ein diffuses Unbehagen über den Zustand der Welt. Marco Helbig, engagiert bei »Echte Demokratie. Jetzt!« hält es im Demoaufruf angesichts der auf Druck der Finanzwirtschaft in ganz Europa aufgezwungenen massiven Kürzungs- und Enteignungsprogramme für »notwendig – vor allem auch in Deutschland – Farbe für Grundwerte und Demokratie zu bekennen.«
Hehre Ziele. Doch wer sich als Außenstehender versucht, ein Bild der Occupy-Bewegung zu machen, wird sehr schnell an die Grenzen der persönlichen Informationsverarbeitung stoßen. Dutzende Internetseiten, zum Teil mehrere aus einer Stadt buhlen um Aufmerksamkeit, diese noch weiter aufgefächert in Arbeitsgruppen, hinterlassen einen amorphen Eindruck. Das ist der Preis für Hierarchiefreiheit und Konsensprinzip. »Natürlich muss man da einen langen Atem haben«, sagt Helbig. Allerdings seien die Flugblätter diesmal reißend weggegangen. »Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen viel interessierter geworden sind.« »Wir müssen einfach auf die bessere Jahreszeit warten«, sagt fröhlich ein Berliner Demoteilnehmer. Resignation klingt anders.