Mittwoch, 6. Juli 2011

Berlin ist für mich wie ein Splitter vom Paradies.

Der Filmemacher Klaus Lemke im Interview

„Runaways, Ausreißer, die in Berlin ein anderes Leben wollen – und das gefährliche Potenzial hinter solchen Wünschen: Von einem Tag auf den anderen alles richtig machen zu wollen... BERLIN FÜR HELDEN. Das Neue Berlin: Berauschend und erschreckend zugleich. Der neue Film von Klaus Lemke. Dreh Mai und Juni.“
Es ist Dienstag früh, 6.30 Uhr und im Minutentakt treffen SMS des, nun ja, Underground-Regisseurs ein.
„Berlin ist eine Kriegserklärung an brav, banal, begütigend, schön, frigide, käuflich und selber schuld. Wie Barcelona vor 20 Jahren: Hingelümmelt auf das Sprungbrett ins Nirvana mit aufreizender Lässigkeit“, lautet die nächste.
Gegen 9 Uhr ebbt die SMS-Flut ab. Um 20 Uhr bin ich eingeladen, mir die Dreharbeiten anzugucken. Treffpunkt ist die Tor- Ecke Ackerstraße. Im Muschi Obermaier, einer großen loungigen Bar, natürlich in rotes Licht getaucht, natürlich mit Bildern der verballhornten Namensgeberin und anderer Ikonen der End-Sechziger.
Soll das eine Remineszenz an München werden?
Lemke: Nein, das ist Zufall. Obwohl ich die Obermaier ja damals entdeckt habe. Die war mal meine Regieassistentin.
Das Drehteam ist rührend klein. Ein Kameramann und ein Assistent, der für Requisiten, Ton und Licht zuständig ist. Das sporadisch zum Einsatz kommende Licht besteht aus zwei Baumarktstrahlern. Dazu kommen noch vier Schauspieler.
Eine davon ist Coco. Lemke ist mit ihren Klamotten unzufrieden: „Du siehst aus wie eine College-Studentin.“ Sie zieht sich etwas offenherzigeres an. Der Blick bleibt kritisch. „Meinen Busen sieht man ja“, sagt Coco. „Reicht aber nicht, ich seh' schon“, resigniert sie.
Lemke: Das soll ein Film auch über die neue Musik Berlins werden. Da haben wir einmal Dagobert, den Straßenmusiker. Der tritt gleich am Rosenthaler Platz auf. Das zweite Stück ist von Barotti Vestokaino: La dolce vita, das spielt eine zentrale Rolle im Film. Lonely People von Tom Holländer soll das dritte Stück sein. Und dann noch was von Die Tödliche Doris. Die liebe ich.
Nach einer Viertelstunde ist die Szene im Muschi Obermaier im Kasten. Die kleine Gruppe zieht mit wenigen Utensilien zum Rosenthaler Platz um. Lemke trägt seine uralte Gola-Sporttasche in der Hand. Die Henkel müssen schon vor Jahren abgefallen sein. Eine Kombination aus Wäscheleine und Expander hat sie ersetzt.
Vor dem St. Oberholz werden für Dagoberts Song Mikro und Verstärker aufgebaut. Es ist Fête de la Musique, wenige Meter weiter spielt eine Punk-Ska-Band. Die wird gleich eingebaut. Ein paar Minuten später singt Dagobert. Es ist irgendwas wie Elektro, schräg gesungen aber nicht geschrien. „Ich war noch nie eine Genie auf dem Gebiet menschlicher Neigungen“, lautet der Refrain. Eine Menschentraube formiert sich, es wird fotografiert, applaudiert. Lemke filmt von einer Verkehrsinsel aus.
„Bombe!“ Lemke sagt das, was er immer sagt, wenn er mit etwas zufrieden ist. Bevor die Dame vom Ordnungsamt bis zur Ecke durchdringt ist schon alles abgebaut und es geht zum nächsten Drehort, einem kleinen Café in der Ackerstraße. Suff, Sex und Drogen ist das Thema dort. „Mach nicht so 'nen Ben-Becker-Quatsch“, schimpft der Regisseur, als ein Schauspieler mit Hut kommt. Nach mehreren Anläufen ist Lemke zufrieden, dann ist auch bald Schluss.
„Die beiden Girls gestern waren für Andreas Bichler 'Stewardessen für die letzte Reise'“, schreibt Lemke am nächsten Morgen. Und: „Alexander Kluges erhörte Prayers nach Subvention für das Kulturgut Film in den 70ern waren de facto der Anschluss an das Staatskino der DDR.“
Am Freitag ist das Wetter durchwachsen. Schlecht für den Film. Gut für das Interview. „Ich kann nicht weiter drehen, komm vorbei, wir machen das“, sagt Lemke am Telefon. Für die Dauer der Dreharbeiten hat er sich in einem Dachgeschoss an der Torstraße eingemietet. Spärlich möbliert, aber mit zwei Fernsehern in den drei Zimmern. Die er höchstens dazu nutzt, Zettel anzubringen. In einer Ecke liegen zerfledderte Zeitungen, im Schrank fünf Hemden, an der Wand eine Reihe in verschiedenen Farben vollgeschriebene A4-Blätter, darauf Zahlen und Wörter. „Das ist der ganze Film“, sagt Lemke. Er kocht zwei Nescafé und es geht los.
In München wohnst Du ja auch unterm Dach. Ist Dir das wichtig?
Lemke: Da muss ich meinen Freund Wolf Wondratschek zitieren: „Wir wohnen zwar im Keller, aber da ganz oben.“ Aber eigentlich hat sich das hier einfach so ergeben. Das hier ist ja ein richtiger Palast im Vergleich zu meinem Loch ohne Dusche.
Warum eigentlich diese materielle Entsagung?
Lemke: Das Image beruht darauf, dass ich mal sehr reich war. Das wünsche ich wirklich allen Leuten. Ich wünsche allen Frauen einen großen Busen. Wenn man einmal erlebt hat, was Geld ist – es ist so doof, andere hätten so gerne 1000 Euro, und ich gönne denen das auch, aber… Ich hatte zum Beispiel mal einen eigenen Jet, als ich mal zwei Jahre mit Ira von Fürstenberg befreundet war. Da ist man nach London geflogen, wenn sie sich die Nägel schneiden lassen wollte.
Wird Reichtum also schnell öde?
Lemke: Schlimmer, das ist wie mit Ruhm. Mein Spezi Fassbinder ist natürlich gestorben an Drogen. Aber in dem Moment, wo man sich die ganzen kleinen Striezi-Jungs leisten kann, fangen die an, sich zu verweigern. Wenn man also alles hat, kriegt man genau die nicht, weil das deren Status erhöht. Genau die Welt, die er so gern mochte, diese anarchistische, homosexuelle, kleine, gefährliche Welt, aus der war er ausgestoßen, sobald er berühmt war. Alles, was Du anfasst, wird zu Gold. Nichts ist mehr aus Fleisch und Blut. Du fasst ein Mädchen an und das wird kalt. Dein Herz wird kalt.
Die Erfahrung sollte jeder machen?
Lemke: Jeder sollte mal reich sein, um zu sehen, wie das ist. Im Leben zählt wirklich nur eins: Dass man kräftig auf die Fresse kriegt. Weil man nicht aufstehen will. Weil man nicht das Finanzamt anrufen will. Und damit muss man dealen. Die Leichtigkeit, die man so dringend braucht, um das Gift des Systems zu schlucken und zu irgendetwas Kreativem zu verarbeiten, diese Leichtigkeit kann man nur da holen, wo es einem am schwersten fällt: bei sich selbst.
Deine Filme kosten ja nicht viel in der Produktion. Was bleibt bei Dir eigentlich hängen?
Lemke: Wenn ich hier aus Berlin weggehe, habe ich ungefähr 40.000 Euro dagelassen. Da kommen nochmal 30.000 dazu, bis der fertig ist. Ganz am Ende bleiben mir so 10-15.000.
Davon kannst Du in München leben?
Lemke: Nein, obwohl ich kein Internet, keine Versicherungen und so was habe. Wenn ich gerade nicht drehe, dann will ich die Nächte durchsaufen. Und ohne Drogen machts auch keinen Spaß. Geld verdiene ich mit Surferfilmen.
Wie bist du dazu gekommen?
Lemke: Ich habe dieses Talent, Leute vor der Kamera fünf bis zehn Jahre jünger aussehen zu lassen. Das Problem ist, dass die ganzen Profisurfer viel zu alt für die Zielgruppe sind. Wenn man also den potenziellen Käufern klarmachen soll, dass sie sich dieses Hemd, für das das Video ist, kaufen sollen, dann müssen für die die Surfer cool sein. Ich drehe auch gerne mit denen, das sind richtige Abenteurer. Die haben natürlich uralte Hemden, und würden sich nie so ein Teures kaufen. Diese Videos sind ein ganz kleiner Nischenmarkt, aber ich bin da halbwegs Spezialist.
Vor ein paar Jahren hast Du ja den bösen Dokumentarfilm Never go to Goa gemacht. War das ein Abfallprodukt der Surfvideos?
Lemke: Nein, aber hätte gut sein können. Goa ist so eine Scheiße, das kann wirklich nichts überbieten. Selbst wenn man total auf Heroin ist, und das gibt es dort wie Milch, selbst dann taugt es nichts. Dabei gibt es so tolles Gras, das ist so süß wie in Jamaika. Du kannst machen was du willst, nach einer Woche bist du auf Heroin.
Daneben hasst Du ja auch die deutsche Filmförderung von ganzem Herzen. Das ist wirklich kein Neid?
Lemke: Ich hab wirklich nicht viel Geld und will nicht mehr haben. Nichts macht kreativer als wenn man morgens aufwacht und die Miete ist nicht bezahlt. Und es macht dich krank, wenn als 24jähriger Regisseur dein Alkoholismus vom Staat bezahlt wird. Nichts macht dich mehr krank. Eine Freundin von mir arbeitete in Indien im Goethe-Institut. Die habe ich da mal besucht. Die zeigen dann Filme von Wim Wenders. Die Inder lächeln dann höflich-ungläubig. Die können sich nicht vorstellen, dass diese Begräbnisse aus dem Land von BMW und Heidi Klum kommen. Man muss Heidi Klum ja nicht mögen und auch nicht schön finden. Aber sie ist erfolgreich.
Film muss nicht gut sein, aber er muss wirken. Er muss dich für zwei Stunden losreißen aus dem Elend. Zwei Stunden Pause von sich selbst. Freiheit bedeutet ja nicht nur, frei zu sein von den Meinungen anderer, sondern auch frei von den eigenen. Das geht nur mit Film, den nur der hat diesen Voodoo. Da hilft Film.
Aber den österreichischen Film verdammst Du nicht in Bausch und Bogen. Dort gibt es doch auch hohe Subventionen.
Lemke: Österreich hat Glück gehabt. Trotz der Subventionen. Die haben es nicht verdient. Aber irgendwie liegt das dort in der Luft. Wondratschek ist wieder was geworden, als er München verlassen hat und nach Wien zurückgegangen ist.
Dann kommen wir mal auf Berlin zu sprechen. Vor ein paar Jahren sagtest Du in einem Interview, Berlin sei gar nichts. Neowilhelminischer Unsinn. Eine Steinwüste. Was für verwirrte Söhne, verspannte Töchter. Warum drehst Du trotzdem hier?
Lemke: Also erstens glaube ich, dass der Satz mit den Söhnen und Töchtern immer noch stimmt. Aber der ist egal. Berlin ist die einzige Stadt, die tatsächlich ideologiefrei ist. Weder katholisch wie München noch in der calvinistischen Ideologie der Dinge gefangen wie Hamburg. Jeder der hier nicht ganz doof ist, versucht sich ein Stück Bohème zu erhalten.
Die Aversion ist also weg. Woher kam die denn?
Lemke: Da müssen wir ein bisschen ausholen.
Nur zu.
Lemke: Zuerst mal war ich 50 Jahre nicht in Berlin, bis auf wenige kurze Male. Einmal war ich hier vor ein paar Jahren, als 48 Stunden bis Acapulco bei der Berlinale gezeigt wurde. In diesen scheußlichen Wintern ist die Stadt wirklich grausam. Um 1985 war ich mal für zwei Monate hier, um einen Film zu drehen. Der war so ein schockierender Flop, dass ich den total verdrängt habe. Ich hatte das vorher nicht gemerkt. Aber dann habe ich den ganz schnell weggeschmissen. Deswegen habe ich so gute Kritiken, weil ich die schlechten Filme einfach weghaue. Die sieht dann niemand.
Das ist noch nicht so richtig überzeugend für so starke negative Gefühle…
Lemke: Ich war ja auch noch nicht so weit. Nach dem Abitur 1959 in Düsseldorf bin ich mit 19 mit einer, ja, schon halb arrivierten Schauspielerin nach Berlin gegangen. Die war schon etwas älter, 22 war sie. Jack Kerouac, On the Road war mein Buch damals. Das war eine herrliche Zeit damals. Wir wohnten in einem ehemaligen Kaufhaus in der Augsburger Straße. Das war unglaublich billig damals. Und es gab überall Kneipen. Zuerst war ich Bierausfahrer bei Schultheiss. Da habe ich gelernt, dass man das Bier warm trinkt. Das kam in der Brauerei aus einer Art Brunnen. Das war fabelhaft als 19jähriger.
Ich lernte die Jungs kennen, die Asphaltmacher waren. Also wurde ich Asphaltträger. Da hatte man zwei Eimer mit einer Stange auf den Schultern. In den Kneipen gab es damals Asphaltböden. Und wenn wir irgendwo an einer Straße gebaut haben, dann winkte der Wirt, dass wir bei ihm den Boden ausbessern sollten. Es gab immer irgendeine Ecke, die kaputt war. Dann kamen wir mit einer Schaufel Asphalt und haben das gemacht. Dafür gab es Bier umsonst, denn das hätte den Wirt sonst ein Vermögen gekostet, wenn er sich jemanden dafür hätte kommen lassen.
Warst Du auch in Ost-Berlin?
Lemke: Ja, die Mauer stand ja noch nicht. Ich bin dann immer am Bahnhof Zoo in die S-Bahn und an der Friedrichstraße raus. Da wartete dann irgendjemand und es ging in die Kneipe. Das Bier war so unglaublich billig im Osten. ich kann nicht mal sagen, wo ich da war, es ging ja nur um den Suff. Interessant waren auch die nicht amerikanisierten Mädchen. Ich kannte solche Mädchen im Westen nicht.
Und wo war das Problem?
Lemke: Zu Hause saß die schwangere Frau. Das war schrecklich. Die ist schwanger geworden. Das war ein Schock. Abtreibung gab es in Deutschland nicht. Wir haben überlegt, ob wir das in Holland machen lassen. Aber das war so unglaublich teuer, wir hätten das Geld niemals zusammen bekommen. Also haben wir das Kind, ein Mädchen, zur Adoption freigegeben. Ich hatte viele Jahre die Angst, dass es an meiner Tür klingelt und dann steht da eine junge Frau, die meine Tochter ist.
Und dann war Berlin erledigt für Dich?
Lemke: Als Abschluss meiner Berlin-Karriere habe ich noch versucht, den Taxischein zu machen und bin zweimal durchgefallen. Dann kam auch noch die Mauer und ich bin weg. Noch einen Kaffee?
Gerne.
Lemke: Der ist gut, nicht?
Erstaunlich gut für Instantkaffee.
Lemke: Den gibt es auch erst ein halbes Jahr.
Also, Berlin war traumatisch für Dich. Wie bist Du da wieder rausgekommen?
Lemke: Da ist noch was mit Berlin. Etwas ganz schlimmes, dass es nämlich überhaupt synchroniserte Filme gibt. Das ist das Erbe der Nazis, um amerikanische Filme einzudeutschen. Die mussten weiter Filme importieren. Zum einen gab es Abnahmeverträge und dann konnten die auch selber gar nicht genug selber produzieren. Und dann wurden die, wie in allen faschistischen Ländern synchronisiert. Unsere Hörkultur im Film statt von mehr oder minder 1200 alkoholisierten Schauspielern. Und die Amerikaner wurden immer mit Berliner Dialekt eingesprochen. Wenn John Wayne dann berlinerte, dann war Schluss. Auch Schluss mit Berlin. Bis vor zwei Monaten.
Ich bin gespannt.
Lemke: Ich war dann noch mal eine Woche in Berlin. Da habe ich nachgedacht. Mir wurde klar, dass ich München früher überhaupt nicht ausstehen konnte. Ich konnte das Bier nicht riechen. Das war viel zu süß für meine Düsseldorfer Nase. Und Hamburg war damals für mich versaut durch Iris Berben, die immer von den Hamburger Jungs schwärmte. Das ist mir in der Woche eingefallen. Ich meine, ich habe ganz groß angefangen, die Filme führten mich an die Côte d'Azur und nach Mexiko. München habe ich dann ganz langsam kennengelernt. Und dann dachte ich, das könnte dir mit Berlin auch passieren. Und dann bin ich am 1. Mai hierher gekommen und es ist passiert.
Und was ist so toll hier?
Lemke: Die vielen jungen Leute. Die Revolution, die hier passiert, ist die erste, wo der Berliner Senat mit Geld etwas ausrichten konnte. Genau das, was in Barcelona vor 20 Jahren auch passiert ist. Die subventionieren die billigen Hostels. Das sind keine Jugendherbergen mit Aufsicht und Einschluss. Das sind Hotels. Da wird auf dem Flur ein bisschen gefickt. Für die meisten Leute sind die 14 Tage, die sie hier verbringen die freiesten zwei Wochen ihres Lebens. In dieser Stadt, die nur aus Lücken besteht. Man kann in Berlin lernen, glücklich von einer Katastrophe des Lebens in die nächste zu schreiten. Ich finde das auch gar nicht schlimm, dass hier alle besoffen sind. Im Gegenteil sogar.
Die Berliner sind häufig von dem Rummelplatz genervt.
Lemke: Man muss weg, um zu sehen, was man hier eigentlich hat. Es ist so, dass man sich schnell an Sachen gewöhnt. Das größte Glück ist es, jedes halbe Jahr den Ort wechseln zu können. Deswegen bin ich beim Film.
Dann machen wir doch den in letzter Zeit beliebten New-York-Vergleich.
Lemke: New York ist ein Museum. LA ist was für total verspießerte Bankdirektoren. Nur Miami mit den ganzen Inselspaniern aus der Karibik hat was.
Noch etwas schwärmen?
Lemke: Ich habe das Gefühl, wenn irgendwo eine ästhetische Revolution ausgeht, dann von hier. Das macht mich richtig stolz. Was hier in Kunst und Musik passiert ist phänomenal. Nur beim Film hat niemand Glück. Wenn die jungen Leute nicht total bekloppt gemacht würden in den Filmhochschulen, dann könnte das hier passieren. Aber das wird eines Tages abfallen, wie Mubarak in Ägypten. Meine Filme sind schon ein bisschen mal der Vorreiter für die Zeit.
Deine Filme sind ja von der Videoästhetik her schon etwas gewöhnungsbedürftig, oder?
Lemke: Glaubwürdigkeit ist das einzige Ding. Ich glaube es geht gerade die dümmste Idee zu Grunde. Nämlich, dass Du im Internet ein zweites Leben führen kannst.
Ist es dann nicht etwas seltsam, dass Du einige Drehs vor dem St. Oberholz, der Berliner Zentrale der Webkreativen, gehabt hast?
Lemke: Weißt Du, das ist ganz phantastisch mit denen. Ich kann dort alles machen. Wir haben davor schon mit Stühlen geschmissen. Die da arbeiten, die wollen alle zum Film, deswegen sagen die nichts.
Was fällt Dir noch so auf in der Stadt?
Lemke: Die Straße des 17. Juni mit dem sowjetischen Ehrenmal, mit den Panzern, das ist eindrucksvoll. Wir sind nächtelang durch die Stadt gefahren. Du fährst eine Stunde lang und es ist immer noch Stadt. Das ist für uns ungewöhnlich. Oder wenn ich hier die Bauarbeiter in den süßen, kleinen, billigen Cafés sehe – die sehen hier aus wie Rockstars. Was hier alles in der U-Bahn fährt, in dem Karton, also in dem Waggon, das ist hier so bunt. Oder die Wohnungen, die hundertmal größer sind als das, was ich mir in München leisten könnte. Mit dieser Notbeleuchtung, da hat man fast Angst, vergewaltigt zu werden in der Ecke.
Also bist Du verliebt?
Lemke: Berlin ist für mich wie ein Splitter vom Paradies. Ich gehe hier manchmal weinend durch die Straßen. Dass ich so viel Glück gehabt habe, das in meinem Alter noch kennen lernen zu dürfen.
Wow. Keine Kritik?
Lemke: Es wird auch hier der Tag kommen, wo Mädchen wieder wie Mädchen aussehen werden. Die Konkurrenz der ausländischen Mädchen wird das schon richten. Die müssen sich hier nicht wie Jungs verkleiden. Berlin ist viel sicherer als Hamburg oder München.
Danke für das Gespräch.
Lemke: Hat Dir der Kaffee geschmeckt? Hier, ich hab noch ein Glas, nimm mal mit!
Am nächsten Morgen kommt eine SMS: „Nescafé, Bombe?“. „Super!“, lautet meine Antwort. Kurz darauf: „Noch ein Splitter vom Paradies. Schreib das noch rein!“