Montag, 20. Juni 2011

Hängende Gärten im anarchomäßigen Ausbau

Die Initiative »Mediaspree versenken« stellt alternative Bauprojekte für das Kreuzberger Ufer vor

Das großflächige Mediaspree-Projekt bewegt weiterhin die Gemüter in Friedrichshain-Kreuzberg. Während die Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung angekündigt hat, diese Woche gegen die umstrittenen Hochhauspläne bei der geplanten Mercedes-Vertriebszentrale stimmen zu wollen, kümmert man sich bei der Initiative „Mediaspree versenken“ in einem Ideenaufruf bereits um das Kreuzberger Spreeufer.
„Starke Akzente setzen, schlimmes verhindern und vielleicht sogar Außergewöhnliches erreichen“, das ist das Ziel der Initiatoren. Am Samstag lud man daher Interessierte in die Räume der NGBK in der Kreuzberger Oranienstraße. Bereits ausgearbeitete Pläne wurden vorgestellt und es wurde diskutiert, um ein Stimmungsbild zu erhalten.
„Sämtliche Grundstücke stehen unter einem starken Veränderungsdruck, auf den wir reagieren“, sagt Carsten Joost, Sprecher von „Mediaspree versenken“. Sowohl politisch als auch von Investorenseite ist vieles in Bewegung. So hat der Liegenschaftsfonds Berlin vor einer Weile die Vorgabe bekommen, nicht mehr nur den höchstmöglichen Verkaufspreis für Landesgrundstücke als Ziel anzusehen. Soziale und stadtenwicklungspolitische Ziele genießen nun eine höhere Priorität. Auch scheint sich ein künftiger neuer sozialer Wohnungsbau von Landesseite abzuzeichnen.
Die Immobilienfirma IVG hat soeben die ihr gehörende Brache an der Cuvrystraße nach Jahren des nichtbauens verkauft und unlängst interessierte sich die Münchner Immobilienfirma Investa für die Lohmühleninsel. In absehbarer Zeit steht auch der Wegzug der Umzugsfirma Zapf vom Kreuzberger Spreeufer an. „Zapf möchte allerdings Gutes hinterlassen. Man möchte sich nicht blamieren im Kiez“, glaubt Carsten Joost allerdings.
Den Auftakt zu den vorgestellten Projekten bildete der vom auch als Solarbootunternehmer bekannte Arno Paulus ausgearbeitete Entwurf einer sozial-ökologischen Spreeufersatzung. Sie sieht unter anderem den Schutz des Baumbestandes, die Uferrenaturierung, einen hohen Anteil von Wohnungen für wirtschaftlich schwache Mieter sowie langfristig die Schaffung und Ansiedlung von flußspezifischen Handwerken wie Fischerei oder Bootsbau vor.
Neben diesem eher abstrakten Rahmen wurden auch viele konkrete Planungsvorschläge vorgestellt. Christian Schöningh vom Architekturbüro „Die Zusammenarbeiter“ kann sich einen Umbau des Viktoriaspeichers für studentisches Wohnen vorstellen. Wolfgang Bankstahl möchte den Interessengegensatz von Investoren und Öffentlichkeit durch seine „Spreeterrassen“ auflösen. Durch gestufte Bauweise und Freitreppen bis auf die höchsten Dachebenen, die parkähnlich begrünt werden, sollen die Kreuzberger ihr grün und die Investoren ihre Baumassen bekommen.
Noch avantgardistischer wird es bei Wolfgang Göscherts hängenden Gärten. Die Grundkonstruktion soll von einer Baufirma erstellt werden, der Rest soll im „anarchomäßigen Selbstausbau“ von den künftigen Nutzern kommen. Constantin Mawrodiew möchte die Spreebadekultur wieder beleben. Die Bauflächen sollten möglichst kleinteilig werden, „um für Großinvestoren nicht so attraktiv zu sein.“ Das Architekturbüro „rare berlin“ sieht einen großen Theater- und Kulturcampus nebst Seebühne und freischwebendem begehbaren Gartendach vor. „Das ist so nur von Großinvestoren realisierbar“, heißt es aus dem Publikum.
Begehbare Gartendächer, Baden im Fluss, genossenschaftliches Wohnen, Bühnen am oder im Wasser, die Berliner Mischung aus Wohnen und Kleingewerbe, diese Schnittstellen gibt es zwischen fast allen Projekten. „Es lohnt sich durchaus, sich mit den Privatgrundstücken auseinanderzusetzen“, meint Joost. „Wir haben nämlich durchaus eine gewisse Unterstützung beim Bezirk.“

Beiträge für den Ideenwettbewerb können noch bis 18. September eingereicht werden. Alle Informationen unter ms-versenken.org