Mittwoch, 18. Mai 2011

Wenig Sternen-Lust in Mediaspree

Mercedes Benz und Vivico stellten Baupläne für das Areal in Friedrichshain vor

Mercedes kommt nach Friedrichshain. Diese Nachricht ließ aufhorchen. Schnell machten Witze die Runde, dass der Konzern nun selber Gentrifizierungsopfer geworden sei wegen der hohen Mieten am Potsdamer Platz. Am Montagabend informierte der Autobauer zusammen mit dem Häuserbauer Vivico nun im Fritzclub am Ostbahnhof über den geplanten Neubau der deutschen Vertriebszentrale, der nur einen Steinwurf vom Veranstaltungsort entfernt, zwischen der Mühlenstraße und der O2-Halle, entstehen soll.

»Man möchte mit dieser aktiven Kommunikation zeigen, dass sich hier niemand abschotten möchte«, formuliert Moderator Stefan Rupp das Ansinnen. Über 100 Menschen wollen sich genauer informieren lassen. Neben vielen Anzugträgern und Kostümträgerinnen finden sich im Publikum auch die modisch eher Kapuzenjacken zugeneigten linken Aktivisten aus dem Kiez sowie ganz unauffällige Anwohner wie ein breit sächselndes Ehepaar. Die Frau flüstert ihrem Gatten zu, dass man doch »ooch nichts von« habe, »wenn da oben nüscht gebaut wird«.

Allein schon der Umstand, dass vor Beginn des Podiums breitschultrige Bodyguards die Couches auf der Bühne besetzen, deutet auf die Erwartung hin, dass der Abend nicht ganz konfliktfrei verlaufen könnte. Noch ist jedoch alles harmonisch. Henrik Thomsen vom Investor Vivico spricht von der Nachhaltigkeit seiner Projekte. »Wir konvertieren ehemalige Bahnflächen zu Stadtflächen.« Dadurch würden keine neuen Flächen verbraucht. Harald Schuff, Leiter von Mercedes Benz Vertrieb Deutschland, erzählt von der gesteigerten Effizienz, der Zusammenfassung der 1200 Mitarbeiter von bisher vier Standorten auf künftig einen und davon, dass man darauf gedrängt habe, »umweltmäßig State of the Art« zu sein.

Ein Gebäuderiegel mit drei sechsgeschossigen »Fingern« sowie ein von Henrik Thomsen konsequent als »Hochpunkt« bezeichnetes, rund 50 Meter messendes Hochhaus sollen ab Herbst dieses Jahres errichtet werden. »Kommen jetzt die Kapitalisten?«, fragt der Moderator, was Harald Schuff zu der etwas absurden Antwort verleitet, dass seine Mitarbeiter sich nicht »als Kapitalisten beschimpfen lassen wollen«.

Unruhe kommt auf, als Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeister Franz Schulz die Bühne betritt. Er bedauert, dass sich das Hochhaus wegen des bereits rechtskräftigen Bebauungsplans nicht verhindern ließ. Von nun an gibt es laufend Zwischenrufe. Am lockersten nimmt Architekt Georg Gewers diese. Immer wieder huscht ein Grinsen über sein Gesicht, wenn seine Ausführungen spöttisch aus dem Publikum kommentiert werden. Etwas bizarr wirken die Wortbeiträge von Dimitri Hegemann, Chef des Clubs Tresor: »Ich sage ja zur Veränderung, aber mit Verantwortung«, heißt es da, oder: »Ich habe keine Probleme mit Hochhäusern.«

In der Publikumsrunde fordert Carsten Joost, Sprecher der Initiative Mediaspree versenken, eine ergebnisoffene Bürgerbeteiligung sowie ein sozial ausgewogenes Gesamtkonzept für das Areal. »Das Weglassen des Hochhauses wäre kein Problem für Mercedes«, sagt er. »Das, was hier passiert, ist eine reine Alibiveranstaltung«, wird aus dem Publikum gerufen, schließlich würden nur vollendete Baupläne vorgestellt. Joost macht wiederholt darauf aufmerksam, dass sich beim Bürgerentscheid 90 Prozent der Teilnehmer gegen Hochhäuser ausgesprochen haben. »Warum Demokratie, warum Bürgerentscheide, wenn sowieso gebaut wird, was Mercedes und Vivico wollen«, fragt Florian Schuster aus dem Publikum. Das ältere Ehepaar stellt sich diese Frage nun auch.

www.vivico-dialog.de

www.ms-versenken.org