Freitag, 8. April 2011

Im Einsatz gegen Monsterbauten

Der einstige Kreuzberger AL-Baustadtrat Werner Orlowsky wird heute 83 Jahre alt

»Wer mit offenen Augen durch Kreuzberg geht, muss irgendwann Marxist werden – wenn er's nicht schon ist«, sagte Werner Orlowsky Anfang der 80er Jahre. Heute wird der Mann, der als Vermittler zwischen Hausbesetzern und damals etablierter Politik und Verwaltung republikweit bekannt wurde, 83 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen steht er bis heute dazu, spricht allerdings vom »Marxismus im Sinne der marxistischen Gesellschaftskritik«. Aber auch das hätte er wahrscheinlich auf Nachfrage schon vor 30 Jahren gemacht.

Vor 50 Jahren hätte er von alldem allerdings nichts gesagt. Anfang der 1960er Jahre war er ein »fast unpolitischer Mensch«, wie er in einem Gespräch einst gestand. Er war damit beschäftigt, seine Familie – Frau und zwei Kinder – zu ernähren. Das gelang ihm leidlich gut mit einer Drogerie in der Dresdner Straße. Er erfreute sich an den hohen Gewinnspannen für Lippenstifte und Kondome, Türken kauften vor dem Heimaturlaub gleich kistenweise Trockenmilch. So viel, dass der Hersteller einen Mitarbeiter vorbeischickte, um zu überprüfen, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Die Kunden kauften nicht nur ein, sie erzählten auch von ihren Sorgen und Nöten. Diese wuchsen, als die Zeit der »Absahnierung« kam. Blockweise wurde die Gründerzeitbebauung mit Billigung der Politik dem Verfall preisgegeben. Wer nicht freiwillig ging, sah sich rüder Entmietung ausgeliefert. Die Sanierung bestand aus großflächigem Abriss und anschließender Neubebauung, wie dem von 1969 bis 1974 errichteten Neuen Kreuzberger Zentrum. Der wuchtige, das Kottbusser Tor im Halbkreis umfassende Riegel sollte auch als Lärmschutz vor der geplanten Stadtautobahn dienen. Finanziell profitieren sollten davon die Investoren der neuen Monsterbauten. Die Händler der von der Hauptverkehrsstraße zur Sackgasse degradierten Dresdener Straße darbten fortan, von einst 35 Geschäften überlebten drei.

Orlowsky erwachte politisch, engagierte sich in Betroffenenvertretungen, gewann auch als »Legalo« bei Hausbesetzern Vertrauen, vermittelte zwischen ihnen und der Politik, wurde – obwohl kein Mitglied – von der Alternativen Liste für die Wahl zur Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung aufgestellt und schließlich unter Schmähungen eines Teils der künftigen Untergebenen Baustadtrat.

Fortan durfte keine Baugenehmigung ohne seine Gegenzeichnung erlassen werden. Sie lagen buchstäblich zunächst auf Eis, nämlich auf dem Bürokühlschrank. »Davor wurde häufig die gesetzlich vorgeschriebene Betroffenenbeteiligung geflissentlich übergangen«, erklärt er.

»Es ist uns gelungen, die menschenverachtende Kahlschlagsanierung zu beenden. Nicht gelungen ist es, die wohnungspolitische mit der sozialen Frage zu verbinden«, resümiert Orlowsky. »Kreuzberg war ein Modell für Rot-Grün, ich bin nicht zu bescheiden zu sagen: Du hast damit viel zu tun gehabt. Möglicherweise kann es das auch für Rot-Rot-Grün werden.« Nach zwei Amtszeiten kümmerte er sich in Prenzlauer Berg um den Aufbau einer unabhängigen Mieterberatung. Dadurch sei Schlimmeres vermieden worden. Auch wenn viel Verdrängung stattgefunden habe.

»Gentrifizierung ist Segregation. Der Bevölkerung ist nicht geholfen, wenn sie verdrängt wird. Leute ohne Abschluss müssen irgendwie qualifiziert werden, das darf nicht nur in Sonntagsreden politisches Ziel sein«, sagt er zur aktuellen Situation. Sein Fazit: »Ohne die Hausbesetzungen wäre es den ›Legalos‹ nicht gelungen, die behutsame, bewohnerfreundliche, sozial orientierte, partizipative und ökologische Stadterneuerung mit den Bewohnern für die Bewohner durchzusetzen.«

Am 12. April ab 19.30 Uhr sprechen Werner Orlowsky und andere über 40 Jahre Häuserkampf in Kreuzberg im Wasserturm Kreuzberg, Kopischstraße 7, www.dreigroschen-verein.de

Mittwoch, 6. April 2011

Das Herz aus Fleisch

Was treibt eine Gruppe Berliner dazu, jeden Montag durch Burgerbratereien zu ziehen? Ein Ortstermin

Burgermeister, BurgerSteig, Marienburger, Kreuzburger, Burgerium oder Frittiersalon; Imbisse, die sich – nun ja, man ahnt es schon – auf Hamburger spezialisiert haben, können durchaus mit den Namensfindungsabgründen der Friseurbranche mithalten. Daran lässt sich auch ablesen, dass es in Berlin inzwischen eine erkleckliche Anzahl dieser Etablissements gibt. „Ich glaube nur bei Nagelstudios und Spielcasinos gab es in den letzten Jahren einen ähnlichen Zuwachs“, sagt Thomas Engelhardt, Spitzname Ten, auf dem Weg ins Friedrichshainer Exes Pool. Er muss es wissen, denn seit über zwei Jahren besucht er mit Freunden Woche für Woche montags Imbisse und Restaurants, die Hamburger auf der Karte haben. „Aber eben nicht McDonalds oder Burger King, es gibt so viel anderes Interessantes.“ Burger-Initiative nennen sie sich durchaus passend zu den Wortspielereien der besuchten Lokale.

Erster Laden war der in einem ehemaligen Pissoir untergebrachte Burgermeister, direkt unter der Hochbahn am Schlesischen Tor gelegen. „Ein Freund hatte erzählt, dass dort die Burger sehr gut sein sollen“, sagt Ten. Und so machte er sich mit zwei Kollegen nach der Arbeit auf, um das zu überprüfen. Gute Brötchen, gute Preise, feine Saucen und auch die Bulette war dick genug. Man war zufrieden. „Nur der Versauungsfaktor war ein bisschen niedrig“, erinnert sich Ten. „Dabei macht das doch gerade richtig Spaß!“

Aus dem Trio Ten, Arman und Enno – alles smarte Jungs, die irgendwas mit Internet machen – ist in den letzten zwei Jahren eine stattliche Gruppe geworden. Das sieht man allein schon an der vorbereiteten, beeindruckend langen Tafel im Lokal. „Wir müssen inzwischen fast immer reservieren“, erzählt Ten. 23 Teilnehmer haben sich zu dieser Ini, wie die Treffen im eigenen Jargon heißen, angemeldet.

Es ist eine dieser typischen Simon-Dach-Straßenbars. Draußen wird mit Cocktails für 3,50 Euro geworben, drinnen eine loungige Einrichtung, die man im nächsten Augenblick wieder vergessen hat. „Eben so ein Laden total ohne Konzept“, sagt ein Teilnehmer. Wie eigentlich alle Mitglieder der Initiative um die 30 Jahre alt. Nur Hans sticht heraus, der Mittfünfziger ist über seinen Sohn dazugestoßen.

Raucherpause draußen, es trudeln weitere Teilnehmer ein, begrüßen jeden mit Handschlag, stellen sich gegebenenfalls vor und geben gleich ihre Hamburgerphilosophie zum Besten: „Das Fleisch ist das Herz des Burgers“, zum Beispiel. Ja, es ist eher ein Jungshobby, nur etwa ein Fünftel sind Frauen.

Die Tafel füllt sich langsam, und das Flensburger ist schon alle. „Ich habe dem Chef noch gesagt, dass wir da mehr brauchen“, sagt die Bedienung. Das alternativ angebotene, vor allem bei Profitrinkern ob des günstigen Preises beliebte Oettinger stößt auf Befremden. Stattdessen eben Becks oder Hefeweizen. Verwirrung entsteht, das eine oder andere nicht bestellte Getränk kommt an den Tisch, manche Wünsche bleiben unerfüllt. Der Hauptakt des Abends kündigt sich an, die Auswahl hält sich in Grenzen. Es gibt Hamburger, Cheeseburger, Chili Cheeseburger, Mozzarellaburger und zur allgemeinen Erheiterung „Schickenburger“. Der Koch zeigt sich, scherzt: „Eigentlich habe ich mich auf Euch gefreut, aber jetzt wird das ja richtig Arbeit.“

Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. „The Bird in Prenzlauer Berg ist ein toller Laden“, erinnert sich Enno. „Großartiger Versauungsfaktor mit Sauce bis aufs Knie, die wissen schon, warum da Küchenrollen auf den Tischen stehen.“ Auch das direkt am Ostkreuz gelegene Burgers Berlin und Marienburger in Prenzlauer Berg sind ihm in guter Erinnerung geblieben. Nur die vegetarischen Experimente hat er boykottiert. Wer sich damals darauf einließ, war aber zufrieden. Bis auf eine gewisse Herummoserei wegen fehlenden Fleisches. Von Buckow bis zum Märkischen Viertel und vom Theodor-Heuss-Platz bis zum Ostkreuz führten die Inis schon.

Die Bedienung hat beim Spätkauf noch schnell einen Kasten Flens geholt, die Stimmung steigt, auch wenn der Nachschlag sofort aufgebraucht ist. Aber es kommen ja auch schon die ersten Burger. Warten, bis der Großteil der Gruppe versorgt ist. Als Beilage verliert sich eine Handvoll recht braun frittierter Pommes neben meinem Cheeseburger, der leider inzwischen recht kalt geworden ist. Tens Burger ist sogar wie gewünscht ohne Zwiebeln gekommen. Das Geschmackserlebnis hält sich in Grenzen. „Zwei Drittel der Läden bieten so etwas an, aber hin und wieder gibt es echte Entdeckungen“, sagt Ten.

Karo wartet und wartet auf ihren Burger. Dann kommt er, leider total schwarz gebraten. „Auf Chickenburger muss man immer lange warten“, lautet ihre Erfahrung. Der Entschuldigungscocktail vom Haus ist sehr süß. Irgendwann ist der behutsamer gebratene Ersatz-Chicken da und Karo sichtlich angetan: „Schön saftig! Häufig werden die sehr trocken.“

Fragebögen werden ausgeteilt, 18 Kategorien wie Ambiente, Preispolitik, Fleischdicke, Service, Sauce oder eben der sehr wichtige Versauungsfaktor (je höher, desto besser, diesmal eher niedrig) gilt es zu bewerten. „Das war wirklich eine gute Idee, die Burgerinis montags zu veranstalten“, sagt Anna. „Der einzige Grund, sich auf den Wochenanfang zu freuen“, wirft jemand anders ein.
Die Gespräche werden angeregter, Plätze werden getauscht, Stühle gerückt. Der Plauderteil des Abends hat begonnen. Die nächsten Runden – „meinetwegen auch Oettinger“ – werden geordert. Irgendwie hat es den Hauch von Kegelverein. Das Hobby als willkommener Anlass für den gepflegten Kneipenabend. „Den Rest der Woche isst eigentlich kaum noch jemand von uns Hamburger“, sagt Ten. Am 2. Mai trifft sich die Initiative zum 100. Mal.
Alle besuchten Läden sind auf der Homepage www.burger-initiative.de bewertet. Kontakt kann man über die Facebook-Gruppe Burger Initiative aufnehmen

Exes Pool, Friedrichshain, Wühlischstr. 30, Tel. 29 77 93 33, www.exespool.de
The Bird, Prenzlauer Berg, Am Falkplatz 5, Tel. 51 05 32 83, www.thebirdinberlin.com
Burgers Berlin, Friedrichshain, Sonntagstr. 2, www.burgers-berlin.com
Marienburger, Prenzlauer Berg, Marienburger Str. 47, Tel. 30 34 05 15, www.marienburger-berlin.de