Donnerstag, 16. Dezember 2010

Ein Bett in der Krise

Seit 25 Jahren gibt es die Berliner Notübernachtung für Drogenabhängige

Die Fasanenstraße ist eine Berliner Adresse mit Wohlklang. Vornehme Galerien, das Literaturhaus, die TU, die Universität der Künste und auch die jüdische Gemeinde residieren hier. Am idyllisch direkt an Landwehrkanal und Tiergarten gelegenen Nordende der Straße, inmitten des Campus der TU, sticht ein zweigeschossiger gelber Bau ins Auge, der mehr an Baracken als an ein Haus erinnert. Es ist die Krisenwohnung des Berliner Drogennotdienstes. Obdachlose Drogenabhängige finden hier ein Dach über dem Kopf, wenn alle Stricke gerissen sind.

Therapieabbruch, Rückfall, Entlassung aus dem Krankenhaus oder der Haft sind nur einige der Gründe, die Suchtkranke in die Krisenwohnung führen. Sie bildet eine Brücke zwischen der Drogenszene und Hilfseinrichtungen wie Drogenberatungsstellen, Krankenhäusern und Therapieeinrichtungen. »Wenn jemand auf der Straße sitzt, Hunger hat, sich und seine Wäsche waschen will, dann kann er sich nicht noch mit Dingen wie einem Entzug beschäftigen«, erklärt Heike Krause, Sprecherin des Drogennotdienstes. »Niedrigschwelliger Ansatz« nennt sich diese Herangehensweise in der Sozialpädagogik.

Es geht darum, erstmal die ganz grundsätzlichen Bedürfnisse zu befriedigen: warmes Essen, ein sauberer und sicherer Schlafplatz, Zuwendung. Wenn alles gut läuft, ergibt sich der Rest von selbst. Etwas Eigeninitiative ist allerdings erforderlich: Um einen der 15 Plätze zu bekommen, müssen sich die Abhängigen zunächst beim Drogennotdienst um einen Übernachtungsschein kümmern. Auf diese Weise sollen die Klienten auch etwas über Betreuungs- und Therapieangebote erfahren. Den Schein erhält man anonym und kostenlos. Er gilt für drei Nächte, maximal vier Wochen kann man bleiben.

Für absolute Notfälle wie Therapieabbrüche stehen nochmal bis zu fünf Betten bereit. Dafür braucht es keinen Schein, denn es ist häufig gerade diese Ausnahmesituation, die zum »goldenen Schuss«, der meist versehentlichen Drogenüberdosierung führt. Ein Zimmer mit zwei Betten ist für Frauen in Krisensituationen reserviert. »90 Prozent unserer Klienten sind allerdings Männer«, sagt Krause. »Frauen finden meistens andere Möglichkeiten, zum Beispiel übernachten sie bei einem Freier.«

Vor 25 Jahren hat der damals ein Jahr alte Berliner Drogennotdienst die Krisenwohnung eingerichtet. Sie lag erst in Kreuzberg, später im Wedding und seit 2001 wird der heutige Standort genutzt. Es ist die einzige Berliner Notübernachtung speziell für Drogenabhängige. »Wir reagieren auf die spezielle Bedürfnislage unserer Zielgruppe«, sagt Christina Arndt-Dinkel, die die Einrichtung leitet.

Ein gewisser Komfort zeigt sich im Vergleich zu anderen Übernachtungsmöglichkeiten. So stehen maximal vier Betten in den ansonsten spartanisch eingerichteten Zimmern. »Beim Essen achten wir auf Kleinigkeiten, zum Beispiel darauf, dass man gemeinsam anfängt. Es gibt auch Servietten«, sagt Krause. Solche Dinge werden von den Klienten sehr geschätzt, denn sie zeigen Zuwendung.

Rund 5000 Übernachtungen zählt der Verein pro Jahr. Im Winter steht das Haus von 19.30 bis 9 Uhr morgens offen, im Sommer von 20.30 bis 8 Uhr. Tagsüber müssen die Klienten ihrer Wege gehen. »Im Sommer ist die Auslastung übrigens höher als im Winter«, erzählt Krause. Dies hängt mit dem viel größeren Angebot an Schlafplätzen in der kalten Jahreszeit zusammen. Entgegen allen Vermutungen ist Gewalt kein allzu großes Problem im Haus. »Die Drogen dämpfen die Menschen im Vergleich zu Alkohol eher«, erläutert Krause.

Trotz Plänen zu einem Ausbau des TU-Campus macht man sich um die Zukunft des Standortes keine großen Sorgen. Die Zusammenarbeit mit der Uni sei exzellent. Auch die Grundfinanzierung durch den Senat scheint relativ sicher. »Trotzdem sind Spenden natürlich jederzeit willkommen«, sagt Heike Krause.

www.drogennotdienst.org

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