Mittwoch, 6. Oktober 2010

Der Dampfmaschine gehört die Zukunft

Wirtschaftssenator Wolf besichtigt Unternehmen

Keine stampfenden Kolben, kein Rauch, kein Zischen. Die Dampfmaschine der Zukunft hat nichts von der urtümlichen, körperlich spürbaren Kraft, an die man unweigerlich denken muss, wenn der Begriff fällt. »Die ist so leise wie eine Nähmaschine«, berichtet Michael Hoetger, Geschäftsführer der Amovis GmbH stolz. Wir sind mitten im Bezirk Wedding, in den ehemaligen Werkshallen der AEG an der Voltastraße.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (LINKE) hat zur Führung durch Berliner Industriebetriebe der Verkehrstechnik geladen. »Über 400 Unternehmen und über 100 Forschungseinrichtungen mit insgesamt 54000 Beschäftigten gibt es in dieser Branche«, sagt Wolf. Mit 13 Prozent lag der Zuwachs an Arbeitsplätzen in den letzten acht Jahren deutlich über dem Gesamtzuwachs von vier Prozent. Dass bei der Anfang November stattfindenden Berliner Wirtschaftskonferenz Daimler-Chef Dieter Zetsche als Redner gewonnen werden konnte, wertet der Senator als »bessere Wahrnehmung Berlins als Industriestandort«.

Die Herausforderung der Zeit ist natürlich Energie- und CO2-Einsparung. An diesem Punkt kommen die von Amovis entwickelten und SteamCell genannten modernen Dampfmaschinen ins Spiel. Abwärmenutzung heißt das Zauberwort. Jeder, der mal einen arbeitenden Autoauspuff unfreiwillig berührt hat, kann sich vorstellen, dass da ordentliche Treibstoffmengen verheizt werden müssen. »77 Prozent der Energie werden bei einer Pkw-Stadtfahrt bisher in großteils ungenutzte Wärme umgewandelt«, erläutert Hoetger.

Einen Teil davon kann die Dampfmaschine retten. Eben nicht die traditionelle Form, sondern ein geschlossenes System von der Größe einer kleinen Schuhschachtel. Der Dampferzeuger, ein hundertfach gebogenes, dünnes Metallrohr, das ein wenig an ein zusammengeknülltes Einkaufsnetz erinnert, entzieht den Abgasen einen Teil der Wärme. In den Rohren fließt aus Korrosionsschutzgründen kein Wasser, sondern Ethanol, der verdampft und schließlich eine Turbine antreibt. Im Kondensator wird der Dampf wieder verflüssigt, der Kreislauf beginnt von Neuem.

»Wir machen nichts weiter als der gute Herr Watt vor einigen hundert Jahren«, leitet Hoetger bescheiden ein. Diese Technik brächte jedoch bei einem Lkw über sieben Prozent Energieeinsparung. Dies würde allerdings bei einem durchschnittlich genutzten Lkw die jährliche Dieselrechnung um über 5000 Euro reduzieren. Technisch anspruchsvoll ist vor allem die Miniaturisierung. Allein an der Entwicklung eines neuen Einlassstutzens habe man zwei Jahre gearbeitet. »Der funktioniert schmiermittelfrei bei mehreren hundert Grad Betriebstemperatur«, sagt Hoetger mit sichtlichem Ingenieursstolz. 56 Patente und 38 Mitarbeiter zählt die aus der Technischen Universität (TU) hervorgegangene Firma, die lediglich Ingenieursdienstleistungen bietet, selbst aber nicht produziert.

»Gerade die Zusammenarbeit mit der TU ist für uns ein sehr großer Vorteil«, sagt Christian Göbl, der als Ingenieur bei Amovis arbeitet. Schließlich sind es von der Universität gemietete Räume und Apparate, in denen die Firma die Entwicklungen auf Herz und Nieren testet. Für die Produktion hat man mit Voith, denen ein Viertel des Betriebs gehört, einen stark in der Automobilindustrie verankerten Partner. »Ohne so einen Partner ist eine Produktion im Pkw-Bereich undenkbar«, sagt Hoetger.

Die Technik an sich sei in jedem Bereich, wo Abwärme anfällt, nutzbar. Dieselloks, Blockheizkraftwerke, sogar Flugzeuge könnten damit ausgerüstet werden. »Wer zu uns kommt, für den finden wir eine Lösung«, verspricht Göbl. Harald Wolf ist sichtlich interessiert, lässt sich viel erklären. Für seine Verhältnisse wirkt er geradezu begeistert.

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