Sonntag, 26. September 2010

Das Ende der Isolation

In der Berlin Music Commission hat sich eine Lobby für Berliner Popmusik zusammengeschlossen

Eine runde Milliarde Euro setzt die Berliner Musikwirtschaft – also Club- und Bühnenbetreiber, Plattenlabels, Promoter, Instrumentenbauer und natürlich auch die Musiker selbst – pro Jahr um. Da war es schon ein herber Rückschlag, als voriges Jahr die Popkomm, immerhin eine der bedeutendsten Musikmessen Deutschlands, ausfiel. Doch dieses Jahr wird alles wieder größer, besser und vielfältiger. Die Popkomm ist unter ein schützendes Dach gezogen, sie ist nun Teil der am 6. September im ehemaligen Flughafen Tempelhof beginnenden Berlin Music Week. Dazu gehören noch der Branchenkongress All2gethernow (a2n), ganz viele Konzerte und eine Clubnacht in 44 Clubs am 11. September.

Dass es überhaupt zu dieser Wiederauferstehung kam, von deren Erfolg alle Beteiligten sehr sicher ausgehen, ist einer in der Allgemeinheit noch relativ unbekannten Organisation zu verdanken: der Berlin Music Commission (BMC). 2007 fanden sich kleine und mittelständische Unternehmen der Branche zusammen, um ein Netzwerk zu gründen, welches Aufgaben übernimmt, die Einzelplayer nicht leisten können, etwa im internationalen Marketing und die lange Zeit vernachlässigte Lobbyarbeit. Interessanterweise in der Form einer Genossenschaft. »Wir wollten eine verbindlichere Form als einen Verein bei gleichzeitig demokratischer Organisationsform haben«, erklärt Olaf Kretschmar, der die schöne Berufsbezeichnung Clustermanager trägt. In den neunziger Jahren gründete er den bekannten Club Delicious Doughnuts sowie das Oxymoron.

Mit »freudiger Erwartung« sieht Kretschmar der Berlin Music Week entgegen. Der Anstoß wurde zusammen mit der Club Commission gegeben. »Um aber ein internationales Format für Musikkonsumenten und Fachbesucher aufbauen zu können, mussten wir weitere starke Partner ins Boot holen, wie etwa die Popkomm, a2n, das Berlin Festival und nicht zuletzt den Berliner Senat. Hier hat sich insbesondere der Wirtschaftssenator Harald Wolf (LINKE) sehr engagiert«, bescheinigt Kretschmar. »Die Gesamtkampagne wird hochprofessionell von der Kulturprojekte Berlin GmbH‹ produziert. Ohne all diese Partner und die breite Unterstützung der Berliner Musikszene wäre eine Berlin Music Week undenkbar«.

In der Zusammenarbeit mit der Berliner Politik sieht Kretschmar deutliche Fortschritte: »Wir sind im letzten Jahr weiter gekommen als in den 15 Jahren davor.« Auf politischer und Marketingebene sei das Thema früher einfach untergegangen. Das hing auch damit zusammen, dass Musik sowohl von Seite der Künstler als auch des Senats nur als Kulturgut gesehen und so die wirtschaftliche Seite vernachlässigt wurde. »Wenn wir die Politik auffordern, die Musikwirtschaft auch finanziell stärker zu unterstützen, dann handelt es sich einfach auch um eine Gleichberechtigung mit anderen Wirtschaftszweigen«, sagt Kretschmar. »Wir brauchen Support für die Entwicklung Berlins als Musikstandort. Davon profitiert die Stadt insgesamt. Es werden Arbeitsplätze geschaffen, Unternehmensansiedelungen gefördert und der Tourismus ausgebaut. Die Hauptstadt profiliert sich damit nachhaltig als Kreativmetropole«.

In Deutschland gibt es momentan keine Leitmesse für Musik. Berlin habe mit der Music Week gute Voraussetzungen dafür. »Aber darüber können wir vielleicht in fünf Jahren sprechen«, so Kretschmar. Die allgemeine Wirtschaftskrise und die spezielle der Musikwirtschaft hätten immerhin zu einer viel größeren Bereitschaft geführt, gemeinsam zu agieren: »Allen Akteuren wurde verdeutlicht, dass sie isoliert nicht weiterkommen.«

Die BMC will sich künftig auch im Bereich Forschung und Entwicklung engagieren. »Das mag paradox klingen«, räumt Kretschmar ein. »Aber die Musikwirtschaft weiß einfach zu wenig über sich und ihre Konsumenten.« Die illegalen Downloads haben die dramatischen Falscheinschätzungen der Branche eindrucksvoll demonstriert.

Das Hauptaugenmerk liegt momentan natürlich auf der bevorstehenden Music Week. Die muss erst einmal erfolgreich über die Bühne gebracht werden. »Wir brauchen aber auch Planungssicherheit für die kommenden Jahre, die Berlin Music Week muss zu einem festen Haushaltstitel des Landes Berlin werden«, sagt Kretschmar über die politischen Ziele der nahen Zukunft.

Weitere Infos im Internet unter: www.berlin-music-commission.de, www.berlin-music-week.de