Dienstag, 18. Mai 2010

Gier im idyllischen Graefekiez

Mieterinitiativen machen bei einem Stadtspaziergang auf die Folgen steigender Mieten aufmerksam

Im Kreuzberger Graefekiez werden Wohnungen angeboten, deren Miete den Mittelwert des Mietspiegels um 120 Prozent übersteigt. Das Viertel ist seit einiger Zeit auch bei der Mittelschicht sehr beliebt.

»Gerne lebenslänglich« lautet das Motto auf der Internetseite des Kreuzberger Graefekiezes, schließlich handele es sich um eine der schönsten Gegenden Berlins. Tatsächlich sind die baumbestandenen Straßen und teilweise prächtigen Gründerzeithäuser idyllisch. Doch quält wie in so vielen Innenstadtquartieren die Bewohner die bange Frage, wie lange sie sich ihren Kiez noch leisten können. Denn die Mieten steigen rasant. Grund genug für die »Mieten AG« zum Kiezspaziergang einzuladen. Er führt zu Häusern, in denen Wohnungen zu besonders dreisten Preisen angeboten werden. Martin Breger von der AG sowie Tobias Höpner vom Berliner Bündnis »Steigende Mieten stoppen« führen durch die Straßen, zeigen die Häuser, erklären Hintergründe für die rund 25 Teilnehmer – die meisten von ihnen langjährige Kiezbewohner.

Nur einige Schritte vom Treffpunkt entfernt, an der Fontanepromenade 1, zeigt Breger auf einen recht unansehnlichen 80er-Jahre-Bau. Dort ist eine 39-Quadratmeter-Wohnung für schlappe 320 Euro Kaltmiete zu haben. Das entspricht 8,07 pro Quadratmeter – 50 Prozent mehr als der Mittelwert des vor allem für Mieterhöhungsbegehren bei bestehenden Verträgen relevanten Mietspiegels.

»Kreuzberg erfährt eine neue Beliebtheit bei der Mittelschicht, was früher nicht der Fall war«, lautet Bregers Erklärung, warum sich auch zu solchen Preisen noch Mieter finden lassen. Dazu komme der knapper werdende Wohnraum: Umwandlungen in Büros oder Ferienwohnungen reduzierten den Bestand kontinuierlich. Der dritte Faktor seien die kleiner werdenden Haushalte. »Deswegen steigt die Zahl der Haushalte bei gleichbleibender Einwohnerzahl um 10 000 bis 20 000 jährlich«, so Breger.

Etwas weiter hinten in der Straße wird gebaut. »Eigentlich hätte dort das Haus einer Baugruppe entstehen sollen«, sagt Breger. »Doch die hat das Grundstück schließlich an einen Investoren verkauft.« Nun ist es ein durch und durch kommerzielles Eigentumswohnungsprojekt. Besonders gierig zeigen sich die Besitzer des Hauses in der Fichtestraße 30. Nicht nur, dass dort eine Wohnung für den Quadratmeterpreis von 10,14 Euro angeboten wird – mit 120 Prozent Mietspiegel-Mittelwertüberschreitung. Bewohner des Hauses berichten außerdem davon, dass sie nach eintägiger Verspätung bei der Mietüberweisung eine Kündigung im Briefkasten hatten. »Rechtlich nicht haltbar, aber die machen Druck, um Bestandsmieter loszuwerden«, erklärt Höpner.

Von der Politik fühlen sich die Aktivisten durchgehend im Stich gelassen. »Es wäre schon ein erster Schritt, wenn der Senat zugeben würde, dass wir keinen entspannten Wohnungsmarkt in der Stadt haben«, sagt Breger. Am grünen Bezirksbürgermeister Franz Schulz lässt Höpner kein gutes Haar: »Seine Mieterschutzrhetorik dient dem Wahlkampf, denn konkret setzt der Bezirk nicht mal die Einhaltung der Milieuschutzsatzung durch.« »Man wird bestraft dafür, dass wir seit Jahrzehnten aus Eigeninitiative unseren Kiez schöner gemacht haben«, macht eine Anwohnerin ihrer Enttäuschung Luft.