Freitag, 23. April 2010

Was geschah bei Stagger Lee?

Neue Bars in Berlin

Quer über einen kleinen einsam von Karl Marx in Büstenform bewachten Grünstreifen führt der Weg vom U-Bahnhof Strausberger Platz zum Rocky Ragazzo. Hell, für eine erwartete Bar sehr hell, leuchten die Bögen des Stalin-Prunkbaus, die den Betrieb beherbergen. Zwei Raucherinnen sitzen leicht fröstelnd auf den Bierbänken vor dem Laden, bei dessen Betreten man sich zunächst in einem Luxus-Spätkauf wähnt. Wein- und Kühlregale empfangen einen, daneben ein Büffettresen. Der Raum ist weiß, die Fensterbögen sind mit hellblauer Tapete bezogen. Eine Anmutung irgendwo zwischen St. Petersburg und Dallmayr-Stammhaus.
Eine Gruppe junger Damen – man könnte sie auch Mädchen nennen – hat es sich an einem der aus weißlackierten MDF-Platten bestehenden Tische gemütlich gemacht und teilt sich eine Flasche Wein. In einer anderen Ecke sitzen sich zwei Männer Bier trinkend gegenüber, einer der beiden mit teilweise ergrautem Vollbart und Holzfällerhemd, ist dem Outfit nach zu urteilen schwuler Künstler, vielleicht Musiker oder Maler. All die Aufgeräumtheit färbt sogar um 22 Uhr noch auf mich ab, ich bestelle einen Milchkaffee (2,70 Euro). Der kommt prompt, es gibt nichts zu meckern. Die Bedienung reicht dem schwulen Künstler ein Gästebuch, wahrscheinlich habe ich wieder einmal irgendeinen Prominenten nicht erkannt. Das Frühstücksangebot wirkt verlockend, vielleicht komme ich mal tagsüber vorbei.
Weiter geht es nach Mitte, in den Meisterschüler. Laut Website eine Mischung aus Galerie und Bar. Die Lage ist prominent, direkt über dem Grill Royal an der Spree. Bereits auf der Weidendammbrücke leuchtet von dort das erste Kunstwerk herüber: Der Neonschriftzug „Capitalism kills Love“ von Claire Fontaine. In diesem Zusammenhang doch obszön. Der Tresen steht im galerieweißen Meisterschüler frei im Raum, die Wände werden derzeit von farbenfrohen Werken spanischer Künstler belegt, mit diesem Land hat man ja in Berlin schon aufgrund der Touristen viel zu tun.
Wieder darf drinnen nicht geraucht werden, dafür locken draußen loungige, gepolsterte Sitzecken. Unter den Heizstrahlern ist es richtig kuschlig, mit zwei Freunden mache ich es mir gemütlich. Zu Ginger Cosmo, Sazerac und Negroni (jeweils 8 Euro) gibt es vom aufmerksamen Barkeeper noch Brezelchen, in den benachbarten Loungeecken turteln Pärchen, lustig anzusehende Touristen schlendern die Spree entlang. Den meisten von ihnen ist es hier zu teuer.
Eher wie eine Höhle mutet das Tier an Berlins neuester Ausgehmeile, der Neuköllner Weserstraße an. Rustikal schon der mit schwarzem Klebeband an der Hausmauer neben dem Eingang improvisierte Namenszug. Hinter der Tür („kräftig ziehen“) genießt die Neuneuköllner Studentenjugend die eigene Gesellschaft. Die undefinierbare, wohl irgendwie graue Wandfarbe, gepaart mit einem riesigen Schaufenster mit den zur Bauzeit des Hauses todschicken abgerundeten Ecken lässt Post-Science-Fiction-Phantasien aufkommen. „Hier war früher ein Inder drin“, erinnert sich meine Begleiterin. Und jetzt eben eine der typischen gut gefüllten neuen Bars mit zusammengewürfelten Mobiliar.
Wir haben einige Mühe zu dritt eine halbwegs befriedigende Sitzsituation herzustellen. Die Wartezeit an der Bar verkürzt eine James-Bond-Film-Sequenz in Endlosschleife, in der nur die weiße Katze des Bösewichts Blofeld mit seiner sie streichelnden Hand zu sehen ist. Nachdem eine Tafel aufklärt, dass es „Cocktails demnächst“ gäbe, fällt die Wahl auf Gin Tonic mit Bombay für 4,50 Euro – angesichts der maximal drei eingefüllten Zentiliter Schnaps für die Gegend ein recht stolzer Preis. Um die 25 Jahre sind die Gäste alt, und so werden vor allem Studien- und Karrierepläne geschmiedet, die meisten trinken in Maßen und es sind auch recht viele Apfelschorlen auf den Tischen zu sehen.
Im Schöneberger Stagger Lee kommt niemand für Saft. Das wäre auch allein schon angesichts des sehr liebevoll gestalteten Ambientes eines späten Südstaaten-Saloons wirklich unpassend. Charmant angerostete Wandlampen, schwere Ledergarnituren, rustikale Holzbalken, die klassische Schwingtür zum rückwärtigen Raucherraum, sogar bis auf die Toiletten wird die thematische Gestaltung durchgehalten. Sogar der Kellner wirkt mit seinem Outfit wie ein mexikanischer Cowboy – seine Art und Weise ist jedoch äußerst kultiviert und zuvorkommend. Kein Hauch der Western-Brutalität des Namensgebers, einem Verbrecher aus dem St. Louis des 19. Jahrhunderts.
Am Tisch mir gegenüber feiert eine Damenrunde um die 35 Jahre anscheinend Geburtstag. Sie lassen sich die Cocktails schmecken, genießen die Aufmerksamkeit der Bedienung. Zwischen ihnen ein etwas verloren wirkender Mann, der sich mit Tegernseer Hell die Zeit vertreibt. Mit der Karte bekomme ich ein Glas Wasser gereicht, die Wahl fällt auf Gin Basil Smash (Gin, Basilikum, Zitronensaft, Zucker, 8,50 Euro). Der wird im eisgekühlten und ordentlich mit Eiswürfeln gefüllten Glas gereicht und ist perfekt wie anscheinend alle Mixgetränke im Haus. Für den Genuss ist es durchaus hinnehmbar, dass sich im Glas angesichts der Eiswürfel nicht sonderlich viel Flüssigkeit findet. Am Nebentisch sprechen zwei Frauen um die 50 bereits leicht angetütert die Beziehungskatastrophen des Freundeskreises durch.
Die Schaufenster sind mit Tüchern verhüllt und so kostet es ein wenig Überwindung, in das von außen etwas obskur wirkende MO Nachtcafé in Friedrichshain am Ostkreuz zu gehen. Drinnen geht es allerdings sehr freundlich-familiär zu. Geht gar nicht anders, denn auf den paar Quadratmetern der kleinen feinen Bar kann man sich kaum aus dem Weg gehen. Moderiert werden die Abende von Barkeeper Oli, er hat auch einen schönen Spitznamen für den Laden: Café Klebearsch. Und so gönne ich mir einen schönen Moscow Mule (5,50 Euro) und steige ein wenig ein in den Plausch. Das Thema war durch die Ereignisse des Tages, den Fund eines Weltkriegsblindgängers bei Bauarbeiten vorgegeben. Interessant auch, dass bei dem Wort Bombe inzwischen fast alle an Terrorismus denken. Und sollte doch mal etwas Sorge angesichts der Weltenläufte aufkommen, wird die einfach heruntergespült mit dem nächsten Drink. Oder dem Übernächsten.

Nicolas Šustr


Rocky Ragazzo, Friedrichshain, Strausberger Platz 14, U Strausberger Platz, Tel. 737 737 737, tägl. ab 9 Uhr, www.rockyragazzo.com
Meisterschüler, Mitte, Friedrichstr. 105, S+U Friedrichstraße, tägl. ab 12 Uhr (Bar ab 19 Uhr), www.meisterschueler.netDas Tier, Neukölln, Weserstr. 41, U Rathaus Neukölln, tägl. ab 18 Uhr
Stagger Lee, Schöneberg, Nollendorfstr. 27, U Nollendorfplatz, Di-Sa ab 18 Uhr, Tel. 29 03 61 58 www.staggerlee.de
MO Nachtcafé, Friedrichshain, Neue Bahnhofstr. 34, S Ostkreuz, Mo 19-5 Uhr, Di-Do 19-2 Uhr, Fr 19-3 Uhr, Sa 21-3 Uhr, Tel. 54 49 23 35, www.meierei-ostkreuz.de