Freitag, 18. Dezember 2009

Raus aus Wien. Klaus Stimeder

Klaus Stimeder ist Mitherausgeber und Mitchefredakteur von Datum, eines österreichischen Monatsmagazins für Politik und Gesellschaft.

Berlin-Neukölln, nahe des Flughafens Temeplhof, eine Altbauwohnung im 4. Stock (mit Fahrstuhl!), direkt gegenüber der Wohnungstür das Arbeitszimmer mit einem Flokati, einem Glasschreibtisch, einem Laptop. An einer Wand Regale. Der Computer ist an, per Skype kommt gerade ein Anruf aus Wien. Gleich am Telefon hat Stimeder das Du angeboten. Es gibt Kaffee aus dem italienischen Espressokocher.

Stimeder: So arbeite ich hier. Wir sind gerade in der Produktion der Dezemberausgabe, da gibt es dauernd etwas zu besprechen.

BerlinBlock: Warum bist Du nicht in Wien?

Stimeder: Ich bin hier, um Datum hier bekannt zu machen. Seit drei Ausgaben gibt es uns hier zu kaufen, 200.000 Österreicher wohnen hier im Land, davon allein 10.000 in Berlin. Und auch darüber hinaus gibt es hier Potential an Leserschaft. Außerdem musste ich raus aus Wien, da wollte ständig jemand etwas von mir.

BerlinBlock: Ist Datum so groß?

Stimeder: Ich würde sagen relevant. Wir haben rund 10.000 Auflage, das ist für ein so kleines Land schon ganz gut. Und auch wenn das jetzt blöd klingt, es sind die wirklichen Eliten, die uns lesen.

BerlinBlock: Woran machst Du die Relevanz fest?

Stimeder: Wir haben einige Scoops gehabt. Zum Beispiel gab es einen Islamisten in Österreich, der ernsthaft einen Anschlag vorhatte. Den haben wir interviewt, alle haben uns ausgelacht. Bis er dann lange später verhaftet wurde. Dieses Jahr ist auch jemand bei der Wiener Wohnungsverwaltung zurückgetreten, weil wir über die dortige Korruption geschrieben haben. Als wir von dem Rücktritt erfuhren, knallten die Sektkorken.

BerlinBlock: Also ist Datum etwas Besonderes?

Stimeder: Man muss immer die österreichische Medienlandschaft mitdenken, es gibt gerade bei Zeitschriften eine unglaubliche Konzentration. Da wollten wir vor sechs Jahren etwas entgegensetzen. Also haben wir angefangen. Ganz ohne Geld, mit einem Computer und null Druckern. Wir haben nie Schulden gemacht, immer nur die nächste Ausgabe von der vorherigen finanziert. Zwei Jahre haben wir alle nichts verdient, ich habe als Nachtportier im Hotel gearbeitet.

BerlinBlock: Richtig schöner Gründungsmythos…

Stimeder: Ja das klingt dann immer alles so toll und aufregend, aber es war schon auch eine ganz schöne Scheißzeit mit 72-Stunden-Schichten.

BerlinBlock: Und was war der Durchbruch?

Stimeder: Als Tyler Brûlée in der Financial Times behauptete, wir seien die Zeitschrift. Neue Zürcher Zeitung und Deutschlandfunk haben uns auch hymnisch gepriesen. Und wenn das Ausland sagt: Das ist cool, dann ist das in Österreich eben cool.

BerlinBlock: Das reicht jetzt noch nicht?

Stimeder: Nein, der Traum war ja eben ein international vorzeigbares Medium zu schaffen. Aber es soll im Ausland auch gesehen und rezipiert werden. So wie eben die NZZ hier an besser sortierten Kiosken zu finden ist, soll das mit Datum auch werden. Bis auf einige Journalisten kann damit im Moment niemand etwas anfangen. Das soll sich ändern.

www.datum.at

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