Freitag, 18. Dezember 2009

Restaurantkritik: Spätzle & Knödel

Klar, Schwabenmetropole, jeder vermeintlich aufgeklärte Hauptstadtbewohner weiß Bescheid, dass wir den ganzen Zirkus nur als Spielwiese für Zugezogene aus dem Südwestdeutschen veranstalten. Wer von dieser fixen Idee besessen ist, sieht sich in der bisher relativ unverdächtigten Wühlischstraße einem neuen Stützpunkt gegenüber. An der Authentizität eines Gasthofs in irgendeinem gottverlassenen Ort in der Provinz gibt es nichts zu mäkeln: Die beliebten braunen Wirtshaustische aus undefinierbarem Holzimitat nebst dazugehörigen Stühlen, Tresen und Barhockern sorgen in Kombination mit der zwischen beige und grau changierenden Wandfarbe inklusive Ziegelimitatflächen und romantisierenden aber recht hellen Lampen für eine Aura, der man weder Gemütlichkeit noch Eleganz zuschreiben würde. Wirtschaft eben. Und dabei ist es so voll, dass ein Pärchen sein Mahl direkt am Tresen zu sich nimmt. Einige Plätze weiter ein Schwabe, dessen Mundart auch zwölf Jahre Berlin-Aufenthalt nichts anhaben konnte, ein dunkles Hefeweizen kippend und dem Pärchen erklärend, dass er dem „Zwiebelroschtbraten“ verfallen sei. Für mich soll es der Schweinekrustenbraten mit Bayerisch Kraut und Knödel sein. Nun ja, das Kraut leider kalt, der kleine Krustenrest eher anschmiegsam am Gaumen, die Serviettenknödelchen in der Pfanne angebraten – letzteres überraschend aber durchaus nicht schlecht – ein richtiges Hochgefühl kam da nicht auf. Aber besuchenswert auf jeden Fall, der Atmosphäre wegen. Und vielleicht war das ja nur ein Ausrutscher.

Friedrichshain, Wühlischstr. 20, Tel. 27 57 11 51, Mo-Fr ab 17, Sa, So ab 15 Uhr, Küchenschluss 23.30 Uhr

Raus aus Wien. Klaus Stimeder

Klaus Stimeder ist Mitherausgeber und Mitchefredakteur von Datum, eines österreichischen Monatsmagazins für Politik und Gesellschaft.

Berlin-Neukölln, nahe des Flughafens Temeplhof, eine Altbauwohnung im 4. Stock (mit Fahrstuhl!), direkt gegenüber der Wohnungstür das Arbeitszimmer mit einem Flokati, einem Glasschreibtisch, einem Laptop. An einer Wand Regale. Der Computer ist an, per Skype kommt gerade ein Anruf aus Wien. Gleich am Telefon hat Stimeder das Du angeboten. Es gibt Kaffee aus dem italienischen Espressokocher.

Stimeder: So arbeite ich hier. Wir sind gerade in der Produktion der Dezemberausgabe, da gibt es dauernd etwas zu besprechen.

BerlinBlock: Warum bist Du nicht in Wien?

Stimeder: Ich bin hier, um Datum hier bekannt zu machen. Seit drei Ausgaben gibt es uns hier zu kaufen, 200.000 Österreicher wohnen hier im Land, davon allein 10.000 in Berlin. Und auch darüber hinaus gibt es hier Potential an Leserschaft. Außerdem musste ich raus aus Wien, da wollte ständig jemand etwas von mir.

BerlinBlock: Ist Datum so groß?

Stimeder: Ich würde sagen relevant. Wir haben rund 10.000 Auflage, das ist für ein so kleines Land schon ganz gut. Und auch wenn das jetzt blöd klingt, es sind die wirklichen Eliten, die uns lesen.

BerlinBlock: Woran machst Du die Relevanz fest?

Stimeder: Wir haben einige Scoops gehabt. Zum Beispiel gab es einen Islamisten in Österreich, der ernsthaft einen Anschlag vorhatte. Den haben wir interviewt, alle haben uns ausgelacht. Bis er dann lange später verhaftet wurde. Dieses Jahr ist auch jemand bei der Wiener Wohnungsverwaltung zurückgetreten, weil wir über die dortige Korruption geschrieben haben. Als wir von dem Rücktritt erfuhren, knallten die Sektkorken.

BerlinBlock: Also ist Datum etwas Besonderes?

Stimeder: Man muss immer die österreichische Medienlandschaft mitdenken, es gibt gerade bei Zeitschriften eine unglaubliche Konzentration. Da wollten wir vor sechs Jahren etwas entgegensetzen. Also haben wir angefangen. Ganz ohne Geld, mit einem Computer und null Druckern. Wir haben nie Schulden gemacht, immer nur die nächste Ausgabe von der vorherigen finanziert. Zwei Jahre haben wir alle nichts verdient, ich habe als Nachtportier im Hotel gearbeitet.

BerlinBlock: Richtig schöner Gründungsmythos…

Stimeder: Ja das klingt dann immer alles so toll und aufregend, aber es war schon auch eine ganz schöne Scheißzeit mit 72-Stunden-Schichten.

BerlinBlock: Und was war der Durchbruch?

Stimeder: Als Tyler Brûlée in der Financial Times behauptete, wir seien die Zeitschrift. Neue Zürcher Zeitung und Deutschlandfunk haben uns auch hymnisch gepriesen. Und wenn das Ausland sagt: Das ist cool, dann ist das in Österreich eben cool.

BerlinBlock: Das reicht jetzt noch nicht?

Stimeder: Nein, der Traum war ja eben ein international vorzeigbares Medium zu schaffen. Aber es soll im Ausland auch gesehen und rezipiert werden. So wie eben die NZZ hier an besser sortierten Kiosken zu finden ist, soll das mit Datum auch werden. Bis auf einige Journalisten kann damit im Moment niemand etwas anfangen. Das soll sich ändern.

www.datum.at

Bürgerliches Friedrichshain

Deutsche Küche in Friedrichshain, das weckt bei vielen Menschen ungute Erinnerungen an Besuche in den frühen 90er Jahren. Halb verhungert fand man schließlich in irgendeiner dunklen Seitenstraße ein wenig ansprechendes „Speiserestaurant“, wo man als kleinstes Übel das unvermeidliche Schnitzel mit Bratensoße und Dosengemüse bestellte. Der kulinarische Aufschwung kam nach und nach mit guten bis hervorragenden italienischen und asiatischen Restaurants, inzwischen kann man auch bei bürgerlicher einheimischer Küche von Auswahl sprechen.
Ein richtiger Oldie ist dabei die in der Krossener Straße, direkt zwischen Boxhagener Platz und Simon-Dach-Straße gelegene Volckswirtschaft. Immerhin seit 2002 wird hier laut Selbstbeschreibung „kreativ-bürgerliche“ Küche angeboten. Die Spanne reicht von verschiedenen Pastagerichten über paniertes Schnitzel mit hausgemachtem Berliner Kartoffelsalat – es muss ja nicht immer der Süddeutsche sein – über Spätzle bis zu einer Reihe vegetarischer Gerichte inklusive Tofuschnitzel. Bis auf die Nudeln wird alles in der heimischen Küche produziert, das Fleisch ist von Neuland, das Gemüse aus kontrolliertem Anbau und das Team arbeitet möglichst hierarchiefrei zusammen. Eine Gastwirtschaft mit Überzeugungen also. Die gehen bei der gebratenen Kalbsleber mit Kartoffelpüree aufs freundlichste durch den Magen. Und man muss keineswegs fürchten durch die Bedienung im kollektivistischen Sinne bekehrt zu werden. Wer in Lokal irgendwie an Indien denken muss liegt nicht so falsch: Die Wandmalereien sind noch das Erbe eines Vormieters. Der Umgang mit den Gästen ist freundlich-leger, die Einrichtung ein wenig zusammengewürfelt und die Küche liefert eine kontinuierlich solide Leistung ab. Auch die Preise sind im Hinblick auf die Qualität mehr als fair.
Vor allem von der österreichischen Küche inspiriert ist der Schwarze Hahn in der zwar immer noch recht dunklen aber nicht mehr so wüsten Seumestraße. Ein Gummiadler unter dem Türschild relativiert den traditionsschwer klingenden Namen und die recht schlichte, mehr an eine Kaffeebar erinnernde Einrichtung tut das ihre dazu, um nicht mal ansatzweise in der heimattümelnden Ecke zu landen. Eine von Bänken gesäumte lange Tafel dominiert die Mitte des übersichtlichen Gastraums, die übrigen Ecken haben noch weniger als eine Handvoll Einzeltische spendiert bekommen. Woraus sich durchaus gewöhnungsbedürftige Sitzsituationen ergeben können, was dem kontinuierlichen Gästestrom allerdings keinen Abbruch tut. Denn an der Kochkunst gibt es nichts auszusetzen. Die fein gewürzte Petersilienwurzelrahmsuppe war eine wirkliche Delikatesse und auch das außen knusprige und innen zarte halbe Backhendl überzeugte mit seiner schön pfeffrigen Panade. Einzig der lauwarme Kartoffelsalat hätte noch einen Tick raffinierter ausfallen können, gelungen war er aber trotzdem. Neben dem ständigen Klassiker Wiener Schnitzel finden sich auch Pasta, Fisch, Ente und Salate auf der Karte. Die einzig traurige Nachricht für Biertrinker: Es gibt kein Fass. Trösten muss man sich mit Augustiner aus der Flasche.
Und auch im Nordkiez gibt es Neues. Hauptsächlich badisch-elsässisch kocht man im Schalander in der Bänsch- Ecke Pettenkoferstraße, dazu gibt es auch noch selbstgebrautes Bier. Das süffige Pils tröstet über die teilweise recht lange Wartezeit auf das Essen. So lange kann man den Blick schweifen lassen, die Braubottiche und die schlichte aber freundliche Brauhauseinrichtung betrachten. Leider zeigten sich bei Allem gewisse Mängel. Die Tomaten-Orangen-Suppe mit Pinienkernen – um den experimentelleren Teil der Karte zu würdigen – war noch nicht ganz rund. Es fehlte noch eine Zutat wie beispielsweise Ingwer. Beim Schweineschnitzel hielt die Panade nicht am Fleisch und das Rindersteak war leider etwas zäh, was eindeutig von nicht genug abgehangenem Fleisch herrührte. Nachsalzen musste man alles. Prinzipiell wirkte es aber doch so, dass der Koch sein Handwerk beherrscht und eher einen schlechten Tag hatte. Der große Schankvorgarten ist eine Verheißung für die wärmere Jahreszeit. Wobei die deftige traditionelle Kost wieder etwas schwer im Magen läge. Aber es gibt ja auch noch Flammkuchen. Der schien den Gästen am Nebentisch viel Vergnügen zu bereiten.

Volkswirtschaft, Krossener Str. 17, Tel. 69 20 68 61, Mo-So ab 9 Uhr, www.volckswirtschaft-berlin.de
Schwarzer Hahn, Seumestr. 23, Tel. 21 97 03 71, Küche Mo-Sa 12-15 Uhr und 17.30-22 Uhr
Schalander, Bänschstr. 91, Tel. 89 61 70 73, Mo-Fr 16-1 Uhr, Sa, So 12-1 Uhr, www.schalander-berlin.de