Montag, 23. November 2009

Erschossen, erstochen, erschlagen

Beim »Transgender Day of Remembrance« wurde der Opfer transphober Gewalt gedacht

»Wir begleiten die Menschen ein Leben lang und da ist schon viel changing dabei«, so begrüßte am Sonnabendnachmittag Gisela Aßmann vom Schöneberger Standesamt die Teilnehmer beim »Transgender Day of Remembrance«. Es ist der Gedenk- und Kampftag jener Menschen, deren »Geschlechtsidentität sich nicht in die strikte Polarisierung in ›Frauen‹ und ›Männer‹ einteilt«, wie es im Aufruf der Veranstalter heißt. Immerhin seit 1999 wird jährlich der Ermordeten gedacht und es werden Rechte eingefordert, nach Veranstalterangaben diesmal in 21 Ländern und 140 Städten. Doch zu großer Bekanntheit außerhalb des Betroffenenkreises hat der Gedenktag es nicht gebracht. Abhilfe schaffen soll unter anderem der prominente Ort, das Rathaus Schöneberg – bisher demonstrierte man auf der Straße.

»Schon Kleinigkeiten wie die Anrede, die nicht passt, können verletzend sein. Auch Behörden sind da nicht immer feinfühlig«, sagt Gisela Aßmann und erstmals brandet im Rathausfoyer Applaus auf. Schwule, Lesben, Transfrauen und -männer, Heteros – das Publikum ist eine bunt gemischte Menschenmenge. Julia Ehrt von TransInterQueer e. V. spricht über die im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verabredete Überarbeitung des Transsexuellengesetzes: »1980 war es bahnbrechend, heute ist es eines der schlechtesten der Welt.« Es sei nicht einzusehen, warum der Staat etwas dagegen habe, wenn man seinen Vornamen ändere, auch die zwingend vorgeschriebene geschlechtsangleichende Operation beim Wunsch nach Personenstandsänderung sei nicht mehr zeitgemäß. »Wir hoffen auf ein Gesetz, das nicht auf Pathologie, sondern auf Menschenrechten beruht«, sagt Julia Ehrt. Wieder brandet bei den über 100 Teilnehmern Applaus auf.

Schließlich gibt es einen kleinen historischen Exkurs – ein Artikel aus dem Magazin »Spiegel« von 1967 wird verlesen. Es geht um Revierkämpfe auf dem Ku'damm-Straßenstrich zwischen Frauen und Transen. Im Text wird bedauert, dass es nicht bestraft werden könne, wenn Männer sich mit weiblichen Reizen schmückten. Auch wenn die Situation sich wesentlich verbessert hat, gerade für Sexarbeiter ist sie häufig noch prekär, die Hälfte von ihnen sind Illegalisierte. Zwar gibt es Rechte, Beratungs- und Hilfsangebote, jedoch können mehrfach gesellschaftlich Ausgeschlossene diese häufig nicht nutzen. Auch transphobe Gewalt gehört für sie häufig zum Alltag. Diesen Sommer häuften sich in der Schöneberger Frobenstraße brutale Überfälle auf Trans-Frauen. Mit Eisenstangen, Baseballschlägern und auch mit Messern ging eine Clique junger Männer auf die Prostituierten los, verletzte sie zum Teil lebensgefährlich.

Carla LaGata von TransgenderEurope stellt den »Trans Murder Monitor« vor. Weltweit werden Morde an Transgender erfasst; zwischen 20. November 2008 und 12. November 2009 waren es 162, über die in den Medien berichtet wurde. »Die Begleitumstände lassen meist darauf schließen, dass es sich um transphobe Morde handelt, oder dass die Opfer wegen der gesellschaftlichen Umstände keine andere Möglichkeit haben, als ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich zu verdienen«, sagt LaGata. Sie berichtet von Gisberta und Mona, die vor den »schrecklichen Verhältnissen« in ihrer Heimat Brasilien nach Portugal flohen, dort jedoch ermordet wurden. »Sexarbeiterinnen verdienen unsere uneingeschränkte Solidarität«, sagt LaGata und fordert, den »Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, damit Leute nicht wegen ihrer sexuellen Identität gezwungen sind, Sexarbeit zu machen«.

Nun gehört Zazie de Paris die Bühne. Sie erinnert an Transgender wie Maria Augstein, Kind von Spiegel-Herausgeber Rudolf, die in einem durchaus bürgerlichen Beruf – als Anwältin – erfolgreich war. »Aber ich kenne auch viele Sexarbeiterinnen, die machen das gerne; die haben richtig Spaß daran«, sagt Zazie und erntet viel Zustimmung im Publikum bevor sie Lou Reeds »Walk on the wild side« anstimmt.

Anschließend folgt der bedrückende Teil der Veranstaltung: Die Namen ermordeter Transgender werden verlesen, mit Tötungsart. Erschossen, erstochen, erschlagen, zerstückelt – ein deprimierendes Dokument des Hasses. Passanten bleiben stehen, hören ungläubig zu. So wie Jochen Zimmermann: »Ich dachte die Menschheit sei weiter«, sagt er.

Schließlich werden Kerzen entzündet. Nach und nach füllen sie die Stufen vor dem Schöneberger Rathaus, es wird Geige gespielt. Abendpläne werden geschmiedet, Ziel ist das »Silver Future«, eine Neuköllner Queer-Kneipe, die auch umfangreiche Schmink- und Verkleidungsutensilien bereithält. Es wird feucht-fröhlich werden. »Wir lassen uns doch von den Idioten nicht das Leben versauen«, sagt noch jemand, bevor er Richtung U-Bahn verschwindet.

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