Freitag, 27. November 2009

Bagatellisiert und Banalisiert

Aids-Hilfe schlägt zum Gedenktag Alarm: Spenden eingebrochen und Projekte geschlossen

Die Zahlen sind dramatisch. Nur rund 60 000 Euro sind dieses Jahr an Spenden zusammengekommen, gegenüber jeweils einer Viertelmillion Euro 2008 und 2007. »Das führt dazu, dass wir viele zum Teil recht kostenintensive Angebote wie ärztlich betreute Reisen oder Mutter-Kind-Gruppen stark einschränken oder ganz einstellen mussten«, sagte Uli Meurer, Vorstandsmitglied der Berliner Aids-Hilfe e. V. gestern im Rahmen der Jahrespressekonferenz, die traditionell kurz vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember stattfindet. Auch der Hilfsfonds zur Unterstützung HIV-Infizierter Hartz-IV-Empfänger, der Betroffenen beispielsweise den Kauf von Arzneien zur Linderung der teils extremen Nebenwirkungen der HIV-Therapie ermöglichte, musste geschlossen werden.

Die finanzielle Unterstützung des Senats – die Berliner Aids-Hilfe erhält rund 650 000 Euro jährlich – bezeichnete Meurer als »erbärmlich«. »Da werden seitens des Senats Forderungen nach immer besserer Prävention laut, aber wir erhalten zu wenig Mittel.« Berlinweit fehlten nach Meurers Angaben acht Vollzeitstellen. Er forderte den Senat daher auf, »vor allem die Bereiche Prävention bei Jugendlichen, Beratung und Versorgung von Migranten und Prävention für Männer, die Sex mit Männern haben, endlich adäquat zu fördern.«

Als besondere Herausforderung für die Berliner Strukturen zur HIV- und Aids-Therapie sieht Uli Marcus vom Robert-Koch-Institut (RKI) den Umstand, dass rund 20 Prozent der in Berlin lebenden HIV-Infizierten Schwulen erst nach der Diagnose hierher gezogen sind. »Das liegt häufig in der mit weiten Wegen verbundenen medizinischen Versorgung auf dem Land begründet.« Wegen dieser erstmals erfassten Wanderungsbewegung gibt das RKI dieses Jahr die Zahl der HIV-Infizierten in der Hauptstadt mit 11 200 um 2000 Personen höher als im Vorjahr an, geht aber eigentlich von stabilen Zahlen aus. Auch die Zahl der Syphilis-Infektionen blieb gegenüber dem Vorjahr stabil. »HIV bleibt immer noch eine Sondererkrankung«, sagt der Berliner HIV-Schwerpunktarzt Christoph Mayr, auch wenn sich gerade die Lebenserwartung Infizierter immer weiter an jene der übrigen Bevölkerung angleiche. »Wir beschäftigen uns heute mit Themen wie HIV und Alter – das wäre vor 15 Jahren undenkbar gewesen.« Nur ein Drittel der Patienten leide heutzutage noch an einer HIV-assoziierten Krankheit. Vielmehr seien normale Altersleiden wie Tumore und Herz-Kreislauferkrankungen immer alltäglicher. Seit Jahren steigt die Zahl depressiver Erkrankungen, diese hingen häufig mit der »Krankheitsverarbeitung und krisenhaften Geschehen wie Arbeitsplatzverlust oder bei Familienangelegenheiten« zusammen.

Ein großes Problem im Zusammenhang mit der durch die Behandelbarkeit erfolgten »Bagatellisierung« und »Banalisierung« ist laut Mayr die hohe Zahl – rund 30 bis 50 Prozent – der sogenannten »Late Presenter«, Personen, die bereits bei Diagnose in behandlungsbedürftigem Zustand seien. »Zielgruppenspezifische Ermutigung zum Test und niedrigschwellige Testangebote« seien hier wichtig. Lücken bestehen momentan vor allem bei Migranten aus Gebieten mit hohen HIV-Infektionsraten sowie Heterosexuellen, die ihr Risiko selbst nicht erkannt haben. »Allein im letzten Vierteljahr hatte ich in meiner Praxis vier Heterosexuelle, die aus allen Wolken gefallen sind«, sagt Mayr.

»Es wäre gut für die Präventionsarbeit, wenn sich ein prominenter HIV-Positiver outen würde«, sagte Katy Karrenbauer. Die vor allem aus der Frauenknastserie »Hinter Gittern« bekannte Schauspielerin engagiert sich dieses Jahr bei der »Rote Schleifen für Berlin«-Spendensammelaktion.

Der 22. Trauerzug der Berliner Aids-Hilfe findet am 30. November statt. Am 1. Dezember setzt die S-Bahn wieder einen mit den roten Aids-Schleifen dekorierten Sonderzug ein.

Aids-Daten in Berlin

* Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben Ende 2009 in Berlin rund 11 200 HIV/Aids-Infizierte, darunter 9900 Männer, 1300 Frauen und 20 Kinder. Bei 2500 von ihnen ist die Krankheit ausgebrochen.
* Von den Infizierten haben sich 8200 bei schwulem Sex und 1100 bei heterosexuellem Kontakt infiziert. 450 Personen stammen aus Ländern mit hoher Infektionsrate, 1400 haben sich durch intravenösen Drogengebrauch infiziert, 15 durch Bluttransfusion und 20 Kinder bei ihrer Mutter.
* 2009 gab es 510 Neuinfektionen, davon 88 Prozent durch schwulen Sex, 11 Prozent durch heterosexuelle Kontakte. Ausgebrochen ist Aids 2009 bei 200 Personen, davon 165 Männer, an Aids verstorben sind 75 Menschen. Seit Beginn der Epidemie starben in Berlin 4500 Menschen.
* Daten: Robert-Koch-Institut, Stand: Ende 2009

Montag, 23. November 2009

Erschossen, erstochen, erschlagen

Beim »Transgender Day of Remembrance« wurde der Opfer transphober Gewalt gedacht

»Wir begleiten die Menschen ein Leben lang und da ist schon viel changing dabei«, so begrüßte am Sonnabendnachmittag Gisela Aßmann vom Schöneberger Standesamt die Teilnehmer beim »Transgender Day of Remembrance«. Es ist der Gedenk- und Kampftag jener Menschen, deren »Geschlechtsidentität sich nicht in die strikte Polarisierung in ›Frauen‹ und ›Männer‹ einteilt«, wie es im Aufruf der Veranstalter heißt. Immerhin seit 1999 wird jährlich der Ermordeten gedacht und es werden Rechte eingefordert, nach Veranstalterangaben diesmal in 21 Ländern und 140 Städten. Doch zu großer Bekanntheit außerhalb des Betroffenenkreises hat der Gedenktag es nicht gebracht. Abhilfe schaffen soll unter anderem der prominente Ort, das Rathaus Schöneberg – bisher demonstrierte man auf der Straße.

»Schon Kleinigkeiten wie die Anrede, die nicht passt, können verletzend sein. Auch Behörden sind da nicht immer feinfühlig«, sagt Gisela Aßmann und erstmals brandet im Rathausfoyer Applaus auf. Schwule, Lesben, Transfrauen und -männer, Heteros – das Publikum ist eine bunt gemischte Menschenmenge. Julia Ehrt von TransInterQueer e. V. spricht über die im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verabredete Überarbeitung des Transsexuellengesetzes: »1980 war es bahnbrechend, heute ist es eines der schlechtesten der Welt.« Es sei nicht einzusehen, warum der Staat etwas dagegen habe, wenn man seinen Vornamen ändere, auch die zwingend vorgeschriebene geschlechtsangleichende Operation beim Wunsch nach Personenstandsänderung sei nicht mehr zeitgemäß. »Wir hoffen auf ein Gesetz, das nicht auf Pathologie, sondern auf Menschenrechten beruht«, sagt Julia Ehrt. Wieder brandet bei den über 100 Teilnehmern Applaus auf.

Schließlich gibt es einen kleinen historischen Exkurs – ein Artikel aus dem Magazin »Spiegel« von 1967 wird verlesen. Es geht um Revierkämpfe auf dem Ku'damm-Straßenstrich zwischen Frauen und Transen. Im Text wird bedauert, dass es nicht bestraft werden könne, wenn Männer sich mit weiblichen Reizen schmückten. Auch wenn die Situation sich wesentlich verbessert hat, gerade für Sexarbeiter ist sie häufig noch prekär, die Hälfte von ihnen sind Illegalisierte. Zwar gibt es Rechte, Beratungs- und Hilfsangebote, jedoch können mehrfach gesellschaftlich Ausgeschlossene diese häufig nicht nutzen. Auch transphobe Gewalt gehört für sie häufig zum Alltag. Diesen Sommer häuften sich in der Schöneberger Frobenstraße brutale Überfälle auf Trans-Frauen. Mit Eisenstangen, Baseballschlägern und auch mit Messern ging eine Clique junger Männer auf die Prostituierten los, verletzte sie zum Teil lebensgefährlich.

Carla LaGata von TransgenderEurope stellt den »Trans Murder Monitor« vor. Weltweit werden Morde an Transgender erfasst; zwischen 20. November 2008 und 12. November 2009 waren es 162, über die in den Medien berichtet wurde. »Die Begleitumstände lassen meist darauf schließen, dass es sich um transphobe Morde handelt, oder dass die Opfer wegen der gesellschaftlichen Umstände keine andere Möglichkeit haben, als ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich zu verdienen«, sagt LaGata. Sie berichtet von Gisberta und Mona, die vor den »schrecklichen Verhältnissen« in ihrer Heimat Brasilien nach Portugal flohen, dort jedoch ermordet wurden. »Sexarbeiterinnen verdienen unsere uneingeschränkte Solidarität«, sagt LaGata und fordert, den »Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, damit Leute nicht wegen ihrer sexuellen Identität gezwungen sind, Sexarbeit zu machen«.

Nun gehört Zazie de Paris die Bühne. Sie erinnert an Transgender wie Maria Augstein, Kind von Spiegel-Herausgeber Rudolf, die in einem durchaus bürgerlichen Beruf – als Anwältin – erfolgreich war. »Aber ich kenne auch viele Sexarbeiterinnen, die machen das gerne; die haben richtig Spaß daran«, sagt Zazie und erntet viel Zustimmung im Publikum bevor sie Lou Reeds »Walk on the wild side« anstimmt.

Anschließend folgt der bedrückende Teil der Veranstaltung: Die Namen ermordeter Transgender werden verlesen, mit Tötungsart. Erschossen, erstochen, erschlagen, zerstückelt – ein deprimierendes Dokument des Hasses. Passanten bleiben stehen, hören ungläubig zu. So wie Jochen Zimmermann: »Ich dachte die Menschheit sei weiter«, sagt er.

Schließlich werden Kerzen entzündet. Nach und nach füllen sie die Stufen vor dem Schöneberger Rathaus, es wird Geige gespielt. Abendpläne werden geschmiedet, Ziel ist das »Silver Future«, eine Neuköllner Queer-Kneipe, die auch umfangreiche Schmink- und Verkleidungsutensilien bereithält. Es wird feucht-fröhlich werden. »Wir lassen uns doch von den Idioten nicht das Leben versauen«, sagt noch jemand, bevor er Richtung U-Bahn verschwindet.

Donnerstag, 19. November 2009

Einmal Tempelhofsee mit Grillplatz

Rege Bürgerbeteiligung bei Planungen für Ex-Flughafen / 2017 Internationale Gartenausstellung

»Das Tempelhofer Feld bewegt die Bürgerinnen und Bürger«, sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Damit meint sie weder den frühsommerlichen Besetzungsversuch linker Aktivisten noch jene unverdrossenen Schließungsgegner, die die Hoffnung noch nicht sterben lassen wollen. Es geht vielmehr um die seit Monaten laufende Bürgerbefragung zur künftigen Gestaltung der Parkanlagen auf dem ehemaligen Flugfeld. Lüscher wertet sie wegen der regen Beteiligung als »Riesenerfolg«.

Internetdialog, per Zufallsprinzip an Haushalte verschickte Fragebögen, Diskussionsgruppen, um die bei solchen Aktionen meist unterrepräsentierten Menschen mit Migrationshintergrund adäquat einzubeziehen, weitere Fragebögen für die Besucher der beiden Oktoberwochenenden, an denen das Gelände erstmals öffentlich zugänglich war, über 6000 Bürger haben ihre Meinung kundgetan.

Die größte Bedeutung für Freizeit und Erholung messen die Kreuzberger Anlieger dem künftigen Park bei, die Tempelhofer halten ihn für nicht ganz so wichtig, die Neuköllner liegen mit ihrer Einschätzung dazwischen. Mehrheitlich gewünscht wurden gastronomische Angebote, Flächen zum Grillen, viel Bewegungsfläche für Kinder und Jugendliche, Möglichkeiten zur Naturbeobachtung, Raum für Vierbeiner sowie Areale zum Selbstgärtnern. 54 Prozent der Befragten wünschen sich besondere Bereiche für die regenerative Energiegewinnung, beispielsweise durch Solaranlagen oder nachwachsende Rohstoffe. Mit 62 Prozent Zustimmung fand auch ein natürlich gestalteter Badesee großen Anklang.

Erstaunt zeigte sich die Senatsbaudirektorin davon, dass nur zwölf Prozent der Anwohner die Ausweisung von Grillflächen ablehnen. Absolute Priorität hatte für 86 Prozent der Befragten allerdings die Sauberkeit, was angesichts des Zustands vieler Berliner Parks nicht sonderlich überrascht. Dies führt soweit, dass 64 Prozent, die Frage, ob der existierende Zaun als Schutz vor nächtlichem Vandalismus und illegalem Müll- abladen stehen bleiben soll, bejahten. »Dieses Sicherheitsbedürfnis muss man nicht mit einem Zaun beantworten«, so Lüscher, es werde jedoch in den Wettbewerb mitgenommen.

Besonders beeindruckt zeigten sich die Besucher des Flughafengeländes anscheinend von den großen, übersichtlichen Flächen mit Stadtpanorama. Zwar geben die Befragten dem eher klassischen Park mit Baumgruppen die besseren Noten gegenüber der von Ingeborg Junge-Reyer (SPD) schon öfter schwärmerisch als Wiesenmeer beworbenen Variante, jedoch schnitt sie nach persönlicher Inaugenscheinnahme wesentlich besser ab. In jenem Bereich soll auch 2017 die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) stattfinden, seit Dienstag gibt es eine schriftliche Zusage, nachdem sich mit Aachen der letzte Konkurrent zurückgezogen hatte. Damit gibt es nun auch größere Planungssicherheit für den im Februar 2010 beginnenden Wettbewerb für den Masterplan, dem nach erneuter Bürgerkonsultation die Detailplanung folgen soll.

Als nächster Nutzungsschritt wurde die Umsetzung der Idee eines Jugendspielplatzes ab Mai 2010 angekündigt. Auf Nachfrage zeigte sich allerdings, dass weder Kontakt zur entsprechenden Jugendgruppe hergestellt wurde, die die Idee im Rahmen des Internetdialogs äußerte, noch dass eine Finanzierung steht. Womit der Senat auf den Betrachter weiterhin den Eindruck macht, als wäre die Schließung des Flughafens Tempelhof ein kaum vorherzusehender Akt gewesen. Doch gerade in der »prozesshaften Entstehung des Areals« sieht Regula Lüscher die Herausforderung.

Bürgerbeteiligung bei Tempelhof

* Im Internetdialog informierten sich über 68 000 Menschen, 2471 übermittelten ihre Vorstellungen, Meinungen und Vorschläge.
* Bei einer schriftlichen Bürgerbefragung, bei der 6000 Fragebögen in einem Umkreis von 1,5 Kilometern um das Tempelhofer Feld verschickt wurden, kamen knapp ein Viertel der Bögen – ungewöhnlich viel – ausgefüllt zurück.
* Weitere 1000 Fragebögen mit leicht veränderter Fragestellung wurden berlinweit verschickt, hier antworteten sogar 30 Prozent der Befragten.
* Um Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erreichen, wurden 17 Gruppeninterviews mit insgesamt 138 Teilnehmern durchgeführt.
* 1200 auswertbare Fragebögen ergab die Verteilaktion während der zwei Oktoberwochenenden, an denen das Tempelhofer Feld zugänglich war. Außerdem beteiligten sich 833 Bürger an einer TED-Umfrage.