Mittwoch, 28. Oktober 2009

Die Li-La-Launemauer

Bad Taste Partys sind ja gerade wieder in und die 80er sowieso. Das passt ja ziemlich gur zum diesjährigen Mauaerfalljubiläum. Denn betrachtet man die Bilder aus jener Novembernacht, so wirkt die ganze Veranstaltung wie eine riesige Eighties-Bad-Taste-Mottoparty. Noch runder wird das Bild, wenn mir, dem Westler, ostdeutsche Freundinnen in stillen Stunden erzählen, was sie sich vom Begrüßungsgeld gekauft haben, nämlich neonpinke Ohrringe.
Wäre ja auch mal ein schöner Ansatz für 'ne Vereinigungsfeier, direkt am Brandenburger Tor mit David Hasselhoff, Schulterpolstern, Dauerwelle und so. Aber für so einen ironischen Ansatz ist die Tourismusindustrie eher nicht zu haben, könnte sich ja jemand auf den Schlips getreten fühlen. Also lieber gutmenschelnde Mitmachaktionen, die total positive Bilder in die Welt „da draußen“ hinausschicken.
So wie die „Geschichte mit Dominoeffekt“: Über 1000 Styropordominosteine im stattlichen Format von 2,50 mal 1 Meter werden den Mauerverlauf zwischen – na klar – Potsdamer Platz und Brandenburger Tor darstellen und eben umfallen. Total schönes Bild für Mauerfall, nicht wahr? Und das kreative Mitmachelement? Die Dominosteine wurden bemalt von Menschen wie du und ich. Da kann man sich doch wunderbar noch PR-mäßig andocken. Nicht nur das Bündnis Städtedreieck Ludwigslust-Neustadt-Glewe-Grabow, sondern zum Beispiel auch Easyjet, die Mitmacher aus ganz Europa nach Schönefeld einflogen. Dort durften sie unter fachkundiger Anleitung ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Denn wie Moritz van Dülmen, Veranstalter des Themenjahres 20 Jahre Mauerfall, richtig erkannt hat, ist die Sache nicht nur ein deutsches Fest, sondern ein „kosmopolitischer Event“. Aber natürlich gibt es auch viele andere Initiativen. Lehnen wir uns also gemütlich zurück und sehen, was noch so geboten wird.
Einen der vorderen Plätze hat sich auf jeden Fall das Westin-Grand-Hotel an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden gesichert. Hier wird nochmal die Zeit richtig zurückgedreht. Nein, kein Zwangsumtausch, keine Einreisestempel wie am Potsdamer Platz, man darf nochmal Mauerspecht sein. Wer das Arrangement „Mauerfall Berlin“ bucht, bekommt Hammer und Meißel in die Hand gedrückt, und darf am vor dem Hotel stehenden original Mauersegment so richtig drauflos hämmern. Ob die Gäste darauf hingewiesen werden, dass der letzte Mauertote im August 1990 wegen Ausführung ebenjener Tätigkeit zu beklagen war?
Auf den Geschmack gekommen? Komplette Mauersegmente kann man auch im Internet kaufen. Wie wär's mit dem Modell „Think Global“ für 4998 Euro inklusive Mehrwertsteuer? Aber Achtung: Dieses Modell gibt es nur für Selbstabholer, es wird kein Versand angeboten. Dann vielleicht doch lieber das knuffige Gipsmodell im angenäherten Maßstab 1:20 zum selber bemalen. Für 13,50 Euro erhältlich im renommierten Berliner Designshop.
Als Leinwand dann doch zu klein? Wie wäre es dann mit dem Paket „Sprayer-Workshop an der Berliner Mauer“? Gedacht als „Premium Incentive“ für verdiente Mitarbeiter, dürfen sie an der East Side Gallery entlanglaufen, um dann – wie sich das so gehört – unter fachkundiger Anleitung in der Nähe der Mauer ein wenig rumzusprayen. Fantastisch und ab 121 Euro pro Nase zu haben. Mindestteilnehmerzahl allerdings 10 Personen.
Lieber gar nicht so stofflich einbringen? Da hätten wir die Wanderboje, eine auf einen Autoanhänger geschweißte Boje nebst Laufschriftdisplay, die entlang der Sektorengrenze wandert. Um Passanten anzulocken macht sie Geräusche. Wer ernsthaft eine ganze Geschichte am futzeligen Display liest, dem kann man getrost eine Diagnose attestieren. Doch zum Glück gibt es ja die Internetseite, wo die Beiträge der einfachen Menschen alle nachlesbar sind. Die können auch eher abstrakt mit der Mauer zu tun haben. So wie die hier leider nur gekürzt wiedergegebenen Gedanken
von Jutta Höhn, die mit Mitteln der Familienaufstellung nach Bert Hellinger und im Sinne der systemischen Wiederholung erkannte, dass am Schlesischen Tor schon mal Mauern gestanden haben müssen – was ja total seltsam an Stadttoren ist. Kurzum hat sie mit Engeln und anderen Helfern Trennungs- in Liebesenergie transformiert und Yin und Yang gebeten, sich wieder zu vereinen. Am Brandenburger Tor ist übrigens ein großer Energieknoten oder so. Tipptopp.
Die Schiene gefällt Ihnen. Na dann ab zum Homöopathieversender. Da gibt's den anntifaschistischen Schutzwall als Wirkstoff. Vor allem dann geeignet, wenn man in einer feindlichen Umgebung einen Schutzwall um sich bauen will. Hilft aber irgendwie dialektisch auch gegen Asthma oder irgendwelche Perversionen. Wegen der negativen Energie und so. Wer hätte schon gedacht, wie inspirierend ursprünglich als Lagerwände für Stallmist gedachte Betonfertigteile sein können?
Alles ganz hübsch, aber gerade in Berlin sind Touristen etwas unglücklich mit der Mauerdarstellung, alles so an gefühlten Randlagen und irgendwie so ohne Thrill. Da könnten doch mal die Amerikaner übernehmen: Erst mal eine zünftige Grenzkontrolle mit Zwangsumtausch in Mitropa-Dollar, dann Schlange stehen für Muckefuck, dabei ins Gespräch kommen mit Sächsinnen („Hommwonüe“). Eigentlich sollte immer so bräunlich-grauer Schneeregen fallen und es sollten einen unauffällige Herren verfolgen. Raus kommt man dann nur mit Flucht über die Mauer im improvisierten Fesselballon mit täuschend echter Schießerei. Davor muss man den Fluchthelfern alle Mitropa-Dollars geben und auch noch die Blue Jeans.
Das müsste dann schnell gebaut werden, damit das noch Günter Schabowski eröffnen kann mit einer improvisierten Pressekonferenz („Ich denke, das ist unverzüglich, ab sofort offen“). Und im Anschluss erhält er den 1. Berliner Touristikpreis verliehen. Den könnte er aber eigentlich auch schon früher bekommen, wenn schon Friedensnobelpreise gerade hinterher geschmissen werden. Denn ehrlich gesagt, wer würde ohne dieses Event den ernsthaft im November diese nasskalt-windige Stadt besuchen?

www.mauerfall09.de/dominoaktion
www.theberlingrandhotel.de
www.berlinstory-shop.de
www.berlinomat.de
www.hirschfeld.de
www.wanderboje.de
www.helios.co.uk

Auch schön, aber im Text gar nicht erwähnt: www.mauerkleider.de

Nicolas Šustr

Dienstag, 6. Oktober 2009

Puttin' on the Ritz

Mit den Worten „Zieh Dir was Anständiges an und benimm dich“, kommentiert ein Freund die Nachricht, dass ich ein Wochenende im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz probewohnen werde. Für mich sind Luxushotels ein unbekannter Kontinent, der eher befremdlich als verheißungsvoll wirkt. Doch ich vertraue darauf, dass das Personal dort durchaus häufiger mit irgendwelchen durchgeknallten Stars konfrontiert ist, die sich auch nicht unbedingt spießbürgerlichen Verhaltens- oder Bekleidungsmustern unterwerfen. Frisch geduscht, mit frischgewaschenen Klamotten, die nicht nach Rauch stinken, begebe ich mich in die Hotellobby, eine amerikanische Art-déco-Orgie mit Messing, Marmor, geschwungener Freitreppe und Lüstern – über 14.000 Swarovski-Glaskristalle sind im Haus verbaut worden. Ich nenne meinen Namen und die sowieso schon sehr freundliche, aufmerksame Miene der Dame an der Rezeption explodiert förmlich als stünde ein seit 20 Jahren verschollener Freund vor ihr. Natürlich ohne Küsschen oder Umarmungen. Ich scheine der Dame den Tag bereits am Morgen vergoldet zu haben. „We are Ladies and Gentlemen serving Ladies and Gentlemen“, heißt es in der hoteleigenen Broschüre. Und selbstverständlich bin ich gerade der wichtigste Gentleman im Leben der Rezeptionslady.
Eine weitere Dame bringt mich auf mein Zimmer, erkundigt sich, ob ich eine gute Anreise hatte. Ich kann nichts Negatives über die U-Bahn-Anfahrt aus Friedrichshain berichten. Das wird erleichtert zur Kenntnis genommen. Das Zimmer entpuppt sich als eine Suite. Besser gesagt, eine Bellevue Suite (595 Euro/Nacht). Zunächst das kombinierte Wohn- und Arbeitszimmer mit unter Kissen kaum sichtbarer Couch, Schreibtischchen, Stuhl, Sessel, ganz vielen Lampen, irgendwelchen meinen Geschmack nicht wirklich treffenden Aquarellen und einem Monster von Flachbildfernseher, auf dessen Monitor ich herzlich begrüßt werde. Kein Obstkorb, kein Riesenblumenstrauß. Linker Hand die Gästetoilette, im Westtrakt schließlich das Schlafgemach mit zweitem Monsterflachbildfernseher, zwei stummen Dienern und einem Bett, dass drei Personen bequem Platz bieten würde. Davor dieses unklare Möbelstück zwischen Hocker, Bank und Tischchen, das immer vor solchen Betten stehen muss. Ob das jemand benutzt, und wenn ja, wofür? Natürlich auch wieder ganz viele Lampen und Lämpchen. Das weiß man ja aus Wohnmagazinen, das viele Lichtquellen der Behaglichkeit dienlich sind. Vom Bett aus gesehen linker Hand das Bad mit Toilette, Badewanne und Dusche. Seife, Duschgel und Conditioner von Bulgari. Alles in Marmor, aber kein Whirlpool. Die Dame weist mich in die Bedienung der Touchscreen-Schaltzentrale ein, wünscht mir einen schönen Aufenthalt und bittet mich, sobald ich einen Wunsch verspüre, es das Personal sofort wissen zu lassen. „Die Ritz-Carlton-Erfahrung belebt die Sinne, fördert das Wohlbefinden und erfüllt sogar die unausgesprochenen Wünsche und Bedürfnisse unserer Gäste.“
Viel Zeit habe ich nicht allein im Zimmer, bald gibt es Mittagessen. Erste Verwunderung: Telefone auf den Toiletten. Wohl für dringende Geschäfte. Es gibt Fisch in der Brasserie Desbrosses, einem der Hotelrestaurants. Normale Portion, nichts zum verhungern. Für das richtige Ambiente wurde die komplette Einrichtung einer ehemaligen südfranzösischen Brasserie inklusive Bodenfliesen hierher transferiert. Stil muss einem eben etwas wert sein. Zum Nachtisch Crème Brûlée. Portion wie ein Hauptgericht, das erste Mal richtig vollgefressen.
Dann habe ich wieder etwas Muße. Ich telefoniere rum, aber keiner meiner Freunde will an den „doofen Potsdamer Platz“ zu Besuch kommen. Ich bade mit rosa Badesalz, das Klotelefonhörerkabel ist zu kurz, um Alexis-Colby-mäßig aus der Wanne zu telefonieren. Ziehe den Frotté-Bademantel (130 Euro) an, laufe unschlüssig durch meine privaten 64 Quadratmeter. Blicke aufs Sony-Center, finde es immer noch hässlich.
Afternoon-Teatime in der Lounge. Eine Dame in asiatischem Outfit läuft mit einem Kästchen rum, in dem sich Pröbchen der einzelnen Tees zum Riechen befinden. Alle in der Runde mögen Tee. Erleichterung beim Personal. Schwenke nach kurzer Beratung von Earl Grey auf mit Kirsche aromatisierten Schwarztee um. Auf einem Tischchen stehen sechs identische Teekannen. Die meisten am Tisch haben schon vergessen, welche die mit ihrem Tee war. Kein Problem, die Dame weiß sogar, was in welcher Kanne ist. Eine Etagere mit Petit Fours wird gereicht. Unter anderem stehen Leckereien mit Wachteleiern und Tatar stehen zur Wahl. Am Ende noch etwas Süßes mit der wahrscheinlich tollsten Himbeere meines Lebens. Futtere, bis ich nicht mehr kann. Es bleibt trotzdem etwas übrig. Die Hotelmanagerin weiß übrigens auch nicht, wofür die Telefone auf den Klos gut sind, die gebe es aber in allen 5-Sterne-Hotels. Ich muss auf die Toilette, ich hatte den Eingang übersehen, werde bis zur Tür geführt. Im Herrenklo gibt es eine Bank im Waschraum, wohl aus Gleichberechtigungsgründen mit der Damentoilette, wo sich ja gerne geschminkt und unterhalten wird. Einmal-Frottéhandtücher bei den Waschbecken. Die Dame fragt, ob sie meinen Tee verdünnen soll, da er schon recht lange zieht.
Beim Rauchen vor dem Hotel treffe ich einen Bekannten, der sich als Rikschafahrer ein sommerliches Zubrot verdient. Der Geldadel ziehe das Ritz-Carlton dem Adlon vor, erfahre ich. Jemand anders erzählt, dass die Dolce&Gabbana-Designer wegen ihrer todschicken löchrigen Jeans im Adlon etwas von oben herab behandelt worden seien, bevor man sie erkannt hatte. Sie kamen dann auch ins Ritz-Carlton. Hier lasse man auch Touristen in die Lobby, die einfach mal gucken oder Erinnerungsfotos machen wollen, erklärt mir die Hotelmanagerin später.
Wieder etwas Zeit im Zimmer. Natürlich gibt es im Entertainmentmenü auch Pornos. Großteils Hetero, manchmal in vier Sprachversionen, ein paar Filmchen mit lesbischem Thema, etwas Schwulensex, SM und ein Transenfilm. Keiner arabisch synchronisiert. 17 Euro soll der Spaß kosten, den Preis der 24-Stunden-Flatrate habe ich nicht nachgeguckt. Die Kosten tauchen als "Media/Internet" auf der Rechnung auf. Eine Stunde WLAN-Internet kostet 6 Euro.
Kleine Cocktailrunde in der Hotelbar Curtain Club. Angesichts der spätsommerlichen Temperaturen zunächst eine Wodka-Orangensaft-Kreation mit Chilischote. Wirklich scharf. 40 selbst aromatisierte Wodkasorten stehen auf der Karte, dazu etwas Fingerfood. Unter anderem ein Fisch, der so ähnlich wie Thunfisch schmeckt, wahrscheinlich aber ein bisschen teurer ist. Anschließend wir zum "Dine Around" gebeten. Das bedeutet, dass man zwischen den einzelnen Gängen den Ort wechselt. Zunächst in einer richtig großen Suite, der Grand Suite, mit Blick auf den Potsdamer Platz (995 Euro/Nacht). Unter anderem gaaanz zartes Milchkalb verwöhnt meinen Gaumen. Rund 600 Euro habe ich diesen Tag verfressen. Im Regal hunderte Coffeetable-Books. Cheap Hotels einer der Titel. Wenn ein Gast eines mitnimmt, ist das kein Problem, dann kauft man eben ein neues nach. Nachtisch schließlich im Apartment im 12. Stock (285 Quadratmeter, rund 12000 Euro/Nacht). Das ist ganz modern eingerichtet, unter anderem mit Regendusche im Badezimmer, Kamin, Fitness-Gerät im begehbaren Kleiderschrank, im Badezimmerspiegel ist ein Fernseher integriert. Dank der eigenen Küche kann man hier an den Essenskosten sparen. Zwei Schlafzimmer, eines nennt sich Master Bedroom. Das andere aber nicht Slave Bedroom.
Noch ein Absacker in der Hotelbar: Eine Neukreation mit leichter Veilchennote. Sowas ist in den USA gerade der Trend. Anschließend eine Nacht mit recht existenziellen Träumen von Einsamkeit in einem sehr sehr bequemen Bett allein in einer großen Suite. Habe Mitleid mit Stars, die alleine in standesgemäßen Zimmern übernachten. Verstehe, warum sich Manager Nutten kommen lassen. Am Morgen tröste ich mich mit den vom Bett aus bedienbaren elektrischen Vorhängen. Auf. Zu. Auf. Zu.
Ein pervers großes Frühstückbüffet erwartet mich in der Brasserie. Es gibt einen Backwarenstand, wo man auch frische Crêpes bekommt, auf alle erdenklichen Arten zubereitete Eier; unter anderem das Vorbild vom EggMcMuffin, dessen Namen ich vergessen habe und das mit Sauce Hollandaise gekrönt wird, Mini-Weißwürste, alles mögliche Obst, Müsli usw. Nach einer Stunde kriege ich nichts mehr rein. Keiner meiner Freunde will mich auf dem Zimmer besuchen. Nicht mal, wenn ich Fischstäbchen mit Kartoffelbrei (11 Euro) hochkommen lassen würde. Champagner-Piccolo ist mir zu teuer (49 Euro). Einer würde kommen unter der Voraussetzung, Drogen mitzubringen und die Einrichtung zu zerstören.
Ich gehe zu meiner Massage (120 Euro) im La Prairie Spa. Das ist im Keller. Dort empfängt einen eine aus goldenen Münzen gefertigte Frauenskulptur. Geschenk eines Gastes. Beim Umziehen weiß ich nicht, ob ich die Unterhose ausziehen soll. Ich lasse sie an. Eine Stunde lang walkt die Dame meinen ganzen Körper bis in die Fingerspitzen durch. Am Ende haucht sie ein Dankeschön, als hätte ich ihr wirklich ein Riesenvergnügen bereitet. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, dass damit auf taktvolle Weise ausgedrückt werden soll, dass der Spaß vorbei ist. Ich entwickele Fantasien, dass ich erstmal gemästet, nun das Fleisch zart massiert wurde und bald der nächste Schritt folgen würde.
Niemand wartet mit dem Hackebeil in meiner Suite. Dann klingelt es, der Turndown Servicemann steht vor der Tür. Der ist dafür zuständig, die Betten schlafbereit zu machen, wie ich beim interessierten Zusehen feststelle. Abendessen auf der Terrasse vom Desbrosses. Zunächst geeistes Gurkencrèmesüppchen mit Flusskrebs, dann Thunfischcarpaccio mit Limonenvinaigrette, gefolgt von rosa Entenbrust à l'Orange, abgeschlossen mit Mascarponemousse mit marinierten Erdbeeren. Ein Traum. Zum Einschlafen studiere ich arabische Fernsehsender. Dubai und Bahrain wirken recht locker, während im Saudi-Arabischen Sender nur bärtige Männer in weißen Kaftans Koranfragen diskutieren.
Wieder Frühstück. Wieder eine Stunde durchs Sortiment fressen. Keine Chance alles zu probieren. Auch heute will niemand vorbeikommen. Freudiges Abreisefieber macht sich breit, kaufe noch Postkarten (1 Euro/Stück). Zum Abschied Flammkuchen und Champagner. Leichter Schwips. Räume noch im Bad alle Seifen und Duschgels für die Lieben daheim ab. Bügel, Handtücher und Bademäntel bleiben da, wo sie sein sollen. Bedauern über meine Abreise an der Rezeption. Gleich treffe ich Freunde zum Kaffee trinken in Kreuzberg, nachdem ich rund 2500 Euro verprasst habe. Ich freue mich richtig drauf.

Joachim Mühle - Wirt im Exil

Joachim Mühle war Wirt vom Valentin, einer bayerischen Kneipe in der Nähe vom Südstern, nun ist er Wirt im Exil.

Du bist also Wirt im Exil, wie kam es dazu?
Im Februar begannen im Haus ohne Ankündigung Bauarbeiten. Seitdem hatten wir jeden Tag Feinstaub und Baulärm. Mit dem putzen kamen wir kaum hinterher, wir mussten unser Küchenangebot einschränken. Wegen dem Schmutz konnten wir im Sommer auch nachmittags nicht mehr aufmachen. Zuletzt kam noch ein Baugerüst mit Fußgängertunnel dazu, draußen konnte also auch niemand mehr sitzen. Der Umsatz ging über die Hälfte zurück. Es ging nicht mehr.
Aber es ist etwas Neues in Aussicht, oder?
Ja, eigentlich wollte ich da auch schon drin sein. Der Laden ist sogar etwas besser geschnitten und auch einen Biergarten gibt, also ideal für ein bayerisches Lokal. Aber die Sache zieht sich, schlimmstenfalls wird es erst im April nächsten Jahres soweit sein.
Und bis dahin das Exil…
Ja, immer donnerstags ist jetzt im Agatha Valentinstag. Die Stammgäste sollen uns nicht vergessen. Die ehemalige Studentenkneipe hat dieses Jahr 35. Jubiläum gefeiert, hat in der Zeit alle Höhen und Tiefen der Veränderungen in Kreuzberg durchgemacht. Insofern passt das sehr gut zum Valentin.
Weil Du schon Rückschläge gewöhnt warst?
Allerdings. 2006, im ersten Jahr hatten wir im Haus einen Wasserdurchbruch von oben, alles ergoss sich in die Küche. Der Sommer war versaut. Wenn ich abergläubisch wäre würde ich sagen, dass das Haus unter einem schlechten Stern stand.
Aber für die Zukunft bist Du zuversichtlich?
Ja, ich habe unheimlich viele E-Mails von meinen Gästen bekommen. Auch die Abschiedsfeier war richtig gut besucht. Ich denke für Leute, die bayerische Küche und Lebensart mögen, werden wir eine Anlaufstelle bleiben. Schafkopfen kann man ja auch nicht irgendwo.
Bis dahin Valentinsabend immer donnerstags im Agatha, Kreuzberg, Jahnstr. 15, U Hermannplatz