Montag, 31. August 2009

BerlinBlock - eine Geburt

Am Rande der Stadt

Friedrichshagen ist das Tor zum Müggelsee. An heißen Tagen erinnert einen, sollte man es während der S-Bahn-Fahrt vergessen haben, spätestens das hundertfache Flitsch-Flatsch der Badewilligen und ihrer Flip-Flops im Treppenabgang. Dann liegt sie vor einem, die Bölschestraße: Breite, baumbestandene Trottoirs, gesäumt von schmucken Häusern im Kleinstadtformat, mittendrin die hier tatsächlich noch quietschende und rumpelnde Straßenbahn.
Als „Kudamm des Ostens“ wird sie von heimatbeseelten Lokalpatrioten hin und wieder bezeichnet. „Das ist einfach Quatsch“, sagt Regina Menzel von der Werbegemeinschaft Friedrichshagen etwas aufgebracht. „Wir haben hier viele kleine Geschäfte, praktisch keine Ketten“, nennt sie den wichtigsten Unterschied. Und tatsächlich, Klamotten gibt es bei Herrenmode FRED oder Indeed modern woman, für Kinder ist Rosarot trifft Himmelblau zuständig, das beste aus toten Tieren macht die Fleischerei Harmel, die Dresdner Feinbäckerei Schwadtke wird über die Bezirksgrenzen hinaus gepriesen.
„Eine in Berlin einmalige Einkaufsstraße“, preist Regina Menzel die Meile. Zurecht, wer auf kleine, individuelle Läden mit mehr bürgerlichem denn flippigem Sortiment steht, der wird auf der etwas mehr als einen Kilometer langen Flaniermeile fündig. Speziellere Wünsche befriedigen unter anderem das Seifen- und Rasierfachgeschäft Schaumschläger oder die Schokoladenfachhandlung Chocolat. Schon zu DDR-Zeiten war das Sortiment dank privat geführter Geschäfte nicht ganz so grau. Als Mitte der 80er Jahre ein Second-Hand-Laden aufmachte, strömten Kunden aus halb Ost-Berlin hierher, um dem modischen Einheitsbrei zu entkommen.
Vor bald 120 Jahren nach Friedrichshagen kam auch der Schriftsteller Wilhelm Bölsche, Namensgeber der Straße. 1890 zog er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Bruno Wille hierher, da ihnen die Großstadt Berlin „in einer Weise zum Halse raushängen anfing, dass wir es wirklich nicht mehr länger aushalten konnten.“ Hinter der Großstadt, so verortete er psychogeographisch den lauschigen Vorort. Hier konnte der Begründer der Freien Volksbühne sich seinen naturalistischen Natur- und Menschenstudien hingeben und „die schwarze Brühe der Großstadt geistig und körperlich herunterwaschen“. Viele folgten nach, der Friedrichshagener Dichterkreis zählte so illustre Mitglieder wie Felix Hollaender, Else Lasker-Schüler, Bertha von Suttner oder Frank Wedekind; auch August Strindberg war mal da. Kinder von Traurigkeit waren die Bohèmiens nicht. Vergleichbar zu heute muss der Eindruck für die Dörfler gewesen sein, als ob heutzutage Hippies oder Punker sich einquartieren würden. Ein kleines Museum im Antiquariat Brandel widmet sich dem Thema, dort erscheinen auch Schriften dazu.
Bis heute ziehen viele Künstler hierher, „obwohl die klassischen großbürgerlichen Wohnungen wie in Charlottenburg – groß, mit Stuck und hohen Decken – hier eher selten zu finden sind“, wie Sigrid Strachwitz vom Friedrichshagener Bürgerverein weiß. Sie selbst ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin und kam vor vielen Jahren wegen der „guten Mischung aus dörflich und städtisch“. Der aus dem Runden Tisch der Wendezeit hervorgegangene Verein ist sehr rührig: Da wird eine Protestkundgebung gegen Baumfällungen veranstaltet oder nach langem Kampf und Spendensammlungen die Verklinkerung der Betonsockel an der Eisenbahnbrücke durchgesetzt. Schöner ist sie dadurch wirklich geworden, leider verschwand damit auch das Anti-Nazi-Graffito, das Besucher in der Go Area willkomen hieß. Darüber gab es Verstimmungen mit der Initiative Friedrichshagen ist bunt. „Allerdings war damals schon klar, dass die Verklinkerung bald kommen würde“, sagt Strachwitz. Und: „Trotzdem reden hier alle miteinander.“
Viel zu besprechen und zu organisieren haben Sigrid Strachwitz und Regina Menzel momentan bei den Vorbereitungen für das Kunst- und Kulturfestival Dichter.dran, das dieses Jahr zum fünften Mal stattfinden wird. Es ist ein alljährliches Schaufenster der örtlichen Szene mit Lesungen, Konzerten, Vernissagen und drumherum auch vielen Aktionen für Kinder und Familien, aber „kein Straßenrummel wie das Bölschefest“, so Menzel. Natürlich ist das auch sonst besuchenswerte, in einem ehemaligen Ballsaal eingerichtete, Kino Union dabei.
Bleiben noch die Gastronomieempfehlungen. Spitzenküche zu den entsprechenden Preisen gibt es in der Spindel, viel gelobt werden auch die beiden Italiener Trattoria Tresoli und Pane Vino. Der müde Flaneur hat auch die Wahl zwischen mehreren guten Cafés. Eher ungute DDR-Erinnerungen werden am Ufer des Müggelsees wach, sei es das mürrische Personal in Schrörs Biergarten oder die sehr mediokren Kochkünste im Bräustübl von Bürgerbräu. Dort hätte schon die Speisekarte Warnung genug sein können, denn wer sich Steak au four – mit Würzfleisch überbackenes Schweinesteak – ausdenkt, muss wohl an Geschmacksverirrung leiden. Ein Spaziergang am oder ein Bad im Müggelsee trösten darüber hinweg. Für die Urschreitherapie ist der Spreetunnel ein heißer Tipp; bei dem Echo bekommt man gleich Angst vor sich selbst.


Dichter.dran findet am Wochenende 12./13. September statt, alle Infos dazu unter www.friedrichshagen.net

Rubrik: Barhocker

Frédéric im Café Stadler, Friedrichshain, Boxhagener Str. 69, Standardgetränk: Schönramer Naturtrüb

Ich fand die Vorstellung, eine Stammkneipe zu haben, schon immer spannend. Seit sechs Jahren wohne ich am Ostkreuz und vor zwei Jahren, als Andi den Laden aufgemacht hat, wurde ich endlich fündig. Die Atmosphäre im Stadler ist eine besondere und das Bier ist es auch. Andi pflegt ein reges Kulturprogramm: Klaviermusik, Jam Sessions, Vernissagen und Lesungen und schöpft dabei aus seiner langjährigen Erfahrung im Theaterbereich.
Ich selbst bin Absolvent der Bildenden Kunst und seit drei Jahren im Bereich des experimentellen Kurz- und Autorenfilms tätig. Einige meiner Kurzfilme habe ich hier erst kürzlich vorgeführt. In der Anfangszeit habe ich im Stadler ein zwei Bier getrunken und gezeichnet. Zum zeichnen komme ich inzwischen kaum noch, da ich hier mittlerweile immer Menschen treffe, mit denen ich mich unterhalte und austausche.Aus diesen Gesprächen entwickeln sich regelmäßig Zusammenarbeiten: Verknüpfungen zwischen Kunst, Film, Musik und Leben – unbezahlbar und essentiell zugleich.
Als mir einmal auf den letzten Drücker eine Schauspielerin abgesprungen ist, bin ich hierher gekommen, um ein Bier zu trinken und weiterzuarbeiten – am Ende des Abends hatte ich im Stadler unverhofft Ersatz gefunden. Ich vermisse das selbstgebackene Brot und die selbst gemachten Maultaschen, die es hier früher gab. Aber das hat sich für Andi leider nicht gerechnet. Wenn ich direkt hier im Haus wohnen würde, wäre ich wohl täglich hier, aber auch so ist das Café Stadler praktisch ein Wohnzimmerersatz für mich.

Mittwoch, 19. August 2009

BerlinBlock kommt!


Hurra, bald ist es soweit:

BerlinBlock
Das Magazin, auf das die Stadt gewartet hat

BerlinBlock ist unsere Hommage an eine der faszinierendsten und widersprüchlichsten Städte Europas: Das neue monatliche Kulturmagazin zeigt Berlin in seinen zahlreichen Facetten und aus spannenden, außergewöhnlichen Blickwinkeln. Wir schreiben fundiert und jenseits der ausgetretenen Pfade über die Stadt, über ungewöhnliche Menschen und deren Geschichten: überraschend, opulent, gut recherchiert und unabhängig von Konzerninteressen.

BerlinBlock profiliert sich mit intelligentem Lesestoff und einer ungewöhnlichen Bildsprache. Erstklassiges Layout und beste Druckqualität bieten den Rahmen für den hohen journalistischen Anspruch und erhöhen die Lesefreundlichkeit - ein Magazin aus der und für die Großstadt, kompetent, unterhaltsam, nah dran und doch mit der notwendigen Distanz.

BerlinBlock besteht aus drei Teilen:

Der ThemenBlock setzt jeden Monat auf rund 30 Seiten einen journalistischen Schwerpunkt zu unterschiedlichen Themen wie Wasser, Glück, Architektur, Sex, Winter, Verbrechen, Essen & Trinken etc. Reportagen, Essays, Berichte, Interviews und Glossen beschreiben die Großstadt aus verschiedenen Perspektiven und auf unkonventionelle Art und Weise.

Der 30-seitige FreizeitBlock beschäftigt sich mit den schönen Dingen des Lebens, wie Essen & Trinken, Sport, Mode, Kinder, Design, kurz - mit dem Leben in Berlin jenseits der Arbeit.

Interviews, Porträts und Hintergrundberichte begleiten aktuelle kulturelle Veranstaltungen im KulturBlock. Theater, Kunst, Musik, Kino, Medien und Literatur stehen auf rund 40 Seiten im Mittelpunkt, übersichtlich, kompetent und leserfreundlich aufbereitet. Zwölf Seiten TerminBlock fassen im Anhang die interessantesten kulturellen Veranstaltungen des kommenden Monats auf einen Blick zusammen.

Heike Gläser
Michael Pöppl
Chefredaktion BerlinBlock

Und mit dabei sein wird das Mumpelmonster!

Montag, 17. August 2009

Aktivieren, qualifizieren, motivieren

Junge Migranten erhalten in Schöneberg Hilfe beim Berufseinstieg

Jung, männlich, arbeitslos – gerade Männer, oder besser gesagt Jungs mit Migrationshintergrund tun sich häufig sehr schwer auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Dieser speziellen Zielgruppe widmet sich das Tandem-Projekt »Perspektive – an sich glauben«. Dabei arbeiten drei Partner zusammen, einerseits die beiden Migrantenvereine Mama Afrika e. V. und der von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion getragene Harmonie e. V., andererseits das Nachbarschaftsheim Schöneberg e. V., einer der großen Berliner Sozialträger.
Zwei Gruppen gibt es, die jeweils einen wöchentlichen Termin haben. Die beiden Zielgruppen – Aussiedler und afrikanischstämmige Jugendliche vermischten sich nicht sonderlich. »Nur einige Aussiedlerinnen kommen mal zum Treffen der Afrikaner«, sagt Markus Fleischmann vom Nachbarschaftsheim Schöneberg. Zwar seien eigentlich männliche Jugendliche von 14 bis 20 Jahren die Zielgruppe, »aber wir schicken die Mädchen natürlich nicht weg, wenn die mitmachen wollen«, erklärt Fleischmann.
Zunächst geht es darum, einen realistischen Berufswunsch zu entwickeln. »Popstar zu werden klappt eben nur ganz selten«, sagt Fleischmann. Vor allem Dienstleistungsberufe gehörten zu den erreichbaren Zielen. Daneben werden aber auch praktische Qualifizierungen angeboten. »In unserer Medienwerkstatt geben wir interessierten Jugendlichen eine Einführung in Soundtechnik«, erläutert er. Das habe einigen bereits ein kleines Zubrot ermöglicht: »Die können dann eben alles was man so braucht, wenn zum Beispiel ein Kinderchor auftritt.« Auch wurde gemeinsam mit den Jugendlichen ein Flyer entworfen, der für Dienstleistungen wie Entrümpeln wirbt.
Doch was so einfach und sinnvoll klingt – Hilfestellung auf dem Weg in den Broterwerb, ist praktisch gar nicht so leicht. »Es war und ist gar nicht so einfach, die Leute zu erreichen«, berichtet Fleischmann. Sehr wichtig sei der Kontakt zu den Eltern, doch den herzustellen sei sehr mühsam. Wohl auch deshalb, weil der Betreuer Martin Stender selbst keinen Migrationshintergrund hat. »Die Resonanz war wesentlich geringer als angenommen«, sagt Fleischmann. An mangelndem Engagement kann das eigentlich nicht liegen. Mama Afrika und Harmonie sprechen Jugendliche direkt an, das Nachbarschaftsheim sucht den Kontakt zu Schulen in der Umgebung, bittet Lehrer in den Abschlussklassen, Flyer zu verteilen und über das Angebot zu informieren. Um die Eltern besser einzubinden werden mittlerweile gemeinsame Familienabende zum Thema Berufseinstieg angeboten.
Auch die Zusammenarbeit der Vereine untereinander ist nicht immer leicht. »Eine Gleichberechtigung ist faktisch nicht möglich«, so Fleischmann. Zwei Welten prallen aufeinander: Einerseits das etablierte und an das häufig sehr bürokratielastige Zusammenspiel mit staatlichen Stellen gewöhnte Nachbarschaftsheim, andererseits die aus Verwaltungssicht wohl anarchischen Migrantenorganisationen. Doch dieses gegenseitige Kennenlernen ist durchaus Ziel des vom Berliner Integrationsbeauftragten initiierten Programms. Denn wahrscheinlich wären viele der kleinen Vereine ohne die Transmissionsriemen der großen Sozialträger gar nicht in der Lage, die komplizierten Zuwendungsformulare korrekt auszufüllen und würden wohl ganz leer ausgehen.
Die kleinen überschaubaren Projekte sind eben auch Testballons, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. »In unserem Falle haben wir eben gesehen wie schwierig es ist, die Zielgruppe zu erreichen«, resümiert Fleischmann.