Mittwoch, 8. Juli 2009

Energiewirt werden

Stadtgüter wollen mehr Rendite durch Ökostrom

»Windkraftanlagen werden vor Ort häufig kritisch gesehen«, sagt Peter Hecktor, Geschäftsführer der Berliner Stadtgüter. Er hat gemeinsam mit den Berliner Grünen zu einer Pressefahrt geladen. Es geht um das Engagement für regenerative Energien. Er wettert: »Strom soll aus der Steckdose kommen und Geld aus dem Bankautomaten«, so werde anscheinend in vielen Brandenburger Gemeinden gedacht. Hecktor redet sich etwas in Rage, wenn er von den teilweise zähen Fortschritten bei seinem Lieblingsprojekt spricht, der Nutzung schlecht vermarktbarer Flächen zur regenerativen Energieerzeugung. »Vom Landwirt zum Energiewirt«, lautet das Motto zur »Weiterentwicklung« der Stadtgüter.
»Einen Regionalplan Wind haben wir schon zu Fall gebracht«, berichtet er. Aus seiner Sicht unzulässigerweise sollten zu wenige Windräder genehmigt werden. »Und wenn es sein muss, werden wir auch noch gegen den nächsten klagen.« Zwar wisse man, dass man sich am Ende wohl durchsetzen werde, aber es gehe einfach viel wertvolle Zeit verloren. Und dann kann es sein, dass sich ein Projekt nicht mehr rechnet. Denn nicht nur der gesellschaftlichen Verantwortung wolle man Rechnung tragen, es geht auch um eine die »Wertschöpfung steigernde Nutzung« der Eigentumsflächen, heißt es in der Projektbroschüre.
Mit vielen Flächen wusste man nämlich bisher nicht so recht etwas anzufangen. So wie mit dem ehemaligen Militärflughafen Staaken, der direkt an der Berliner Stadtgrenze in Dallgow-Döberitz liegt. Bisher einfaches Brachland mit zwei sich kreuzenden, langsam von der Vegetation überwucherten Pisten, sollen – wenn nichts mehr schiefgeht – im September die Bauarbeiten beginnen für ein 40 Hektar großes Solarkraftwerk. Über 3500 Haushalte könnten so mit grünem Strom versorgt, 8700 Tonnen Kohlendioxidemissionen pro Jahr eingespart werden. 2010 soll die Anlage in Betrieb gehen. Wenn wie geplant weitere 10 Hektar auf einer direkt angrenzenden Berliner Fläche dazukommen, entsteht somit der erste grenzüberschreitende Berlin-Brandenburger Solarpark. Als »Aushängeschild« für die ganze Region sieht Achim Gebel von der Betreiberfirma Q.Cells International das Projekt.
Wir sind schon auf dem Weg zum nächsten Projekt, nach Norden, zum Klärwerk Wansdorf. Hier nennen die Stadtgüter ebenfalls Problemflächen ihr Eigen – ehemalige Rieselfelder. Früher dienten sie zur Klärung der Berliner Abwässer, bis 1986 landeten hier die flüssigen Hinterlassenschaften aus Spandau. Dementsprechend ist der Boden mit Schwermetallen und weiteren Schadstoffen kontaminiert. »Eine Dekontaminierung aller Flächen wäre finanziell einfach nicht machbar«, sagt Hecktor. Nahrungs- oder Futtermittel dürfen nicht angebaut werden.
Die Lösung: Eine Brennstoffplantage mit schnell wachsenden Pappeln und Weiden, die im nahegelegenen Heizkraftwerk Hennigsdorf verwertet werden sollen. Bewässert mit sogenanntem Klarwasser, also dem, was das Klärwerk nach der Reinigung verlässt. Nur »bedarfsgerecht« soll bewässert werden, erklärt Christian Sobioch von den Stadtgütern, damit sichergestellt ist, dass nichts ins Grundwasser gerät. Das ist nämlich verboten. Die Pflanzen selber nehmen praktisch keine Giftstoffe aus dem Boden auf. Aber natürlich wolle man das auch regelmäßig prüfen.
»Im Herbst wollen wir pflanzen«, sagt Sobioch. Nur noch die Genehmigung der letzten Instanz, der Oberen Wasserbehörde, steht aus. Als »wahnsinnig interessantes Projekt« mit »Modellcharakter«, um mehr Wasser in der Region zu halten, sieht es Hecktor. »Außerdem rechnet es sich für uns – ohne das geht es nicht.«
  • Seit fast 140 Jahren gibt es die Berliner Stadtgüter
  • In den Zeiten der stürmisch wachsenden Stadt wurden diese in Brandenburg gelegenen Flächen als Baulandreserve sowie für die Anlage von Rieselfeldern, den Vorläufern heutiger Klärwerke, angekauft.
  • Heute gehören den Stadtgütern rund 16 000 Hektar vornehmlich landwirtschaftliche Flächen , etwa ein Drittel davon sind ehemalige Rieselfelder
  • Ein Gutachten über die Potenziale der Windenergie und Photovoltaik ergab, dass sich so rund 775 000 Privatpersonen mit Strom versorgen ließen. 425 000 Tonnen Kohlendioxid könnten eingespart werden.

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