Dienstag, 16. Juni 2009

Wissen, wann Wasser angesagt ist

Aktionswoche soll verantwortungsbewussten Alkoholkonsum fördern

»Wir möchten, dass die Menschen ihren eigenen Alkoholkonsum ansehen«, sagte Christine Köhler-Azara, Drogenbeauftragte des Landes Berlin gestern im Roten Rathaus zur Eröffnung des Forums Drogenpolitik unter dem Motto »Alkohol – in aller Munde?!«

Denn der Alkoholkonsum in Deutschland ist trotz seit Jahren sinkender Mengen immer noch zu hoch: 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig, 9,5 Millionen haben einen riskanten Konsum. In diese Gruppe fallen Frauen bereits, wenn sie an mehr als fünf Tagen in der Woche mehr als ein kleines Bier oder ein halbes Glas Wein trinken, Männer dürfen doppelt so viel trinken.
Doch nicht nur wissenschaftlich widmet man sich in Berlin dieser Tage dem Thema »Verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol«. Jugendliche und Eltern können sich noch bis Sonntag bei vielen Aktionen intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Im Rahmen der zweiten bundesweiten Aktionswoche Alkohol. »Alkohol – kenn Dein Limit«, ist sie überschrieben.
Über 100 verschiedene Veranstaltungen in allen Berliner Bezirken – Theaterstücke, Musicals, Workshops, alkoholfreie Partys, Kochkurse, Cocktailschulungen und natürlich auch viele Beratungsangebote – sollen unterhalten und aufklären. Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. freut sich über das große Engagement, welches die vielen Partner gezeigt haben.
»Das Thema bedarf einer breiten Diskussion«, fordert Bartsch. Auch dürfe die große Aufmerksamkeit, die rauschtrinkende Kinder und Jugendliche in den Medien auf sich ziehen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch geringe Mengen Alkohol schädlich seien. Als problematisch sieht sie die Süße in Alkopops und Biermixgetränken an. Der so übertünchte Alkoholgeschmack mache diese erst für Kinder trinkbar.
»Es ist nach wie vor ein dickes Brett, das wir hier bohren müssen«, macht sich Christine Köhler-Azara keine Illusionen. Von 2000 bis 2007 habe sich die Zahl der wegen Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingelieferten 10- bis 19-Jährigen von 156 auf 335 mehr als verdoppelt. Um diese Betroffenen kümmert sich das Projekt »NachHaLT«. Meist noch am Krankenbett führen die Mitarbeiter ein Gespräch mit ihnen und bei Bedarf auch mit den Eltern.
»Alkohol, den Kinder und Jugendliche trinken, geht vorher meist durch Erwachsenenhände«, sagt Gabriele Bartsch. »Pädagogik reicht nicht, die Politik muss auch einen Beitrag leisten«, betont sie und fordert eine höhere Alkoholbesteuerung und ein Ende der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit.
»Man darf nicht immer nur die Statistiken sehen. Jedes einzelne Kind, das in einer alkoholkranken Familie aufwächst, ist ein Schicksal«, meint Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Sie wünscht sich einen generellen Verhaltenswandel: »Wenn jemand regungslos mit Speichelfäden aus dem Mund herumliegt, darf das nicht normal sein!«

Alle Veranstaltungen unter: www.aktionswoche-alkohol.de

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