Dienstag, 30. Juni 2009

Fördern ohne Therapeuten?

Pankow will die Betreuerstellen an den Sonderschulen streichen

Pankow ist mittendrin in den Haushaltsberatungen für 2010/11. Ginge es nach dem Eckwertebeschluss, einer Zwischenstufe auf dem Weg zu dem von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu beschließenden Haushalt, stünden ab kommendem Jahr die Pankower Förderschulen ohne Therapeuten da.
»Schulen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt« nennen sie sich offiziell und dementsprechend sperrig. Die Schulen sollen Kindern mit geistiger oder körperlicher Behinderung ein ihren Bedürfnissen angemessenes Lernumfeld bieten und ihnen so einen Schulabschluss ermöglichen. Noch unterstützen die Therapeuten in enger Zusammenarbeit mit den Lehrern die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.
In Zukunft sollen dem Haushaltsentwurf zufolge die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) diese Aufgabe extern übernehmen. Dagegen wendet sich eine Resolution der Elternvertreter der betroffenen Pankower Schulen, die inzwischen auch von Elternvertretern Berliner Förderschulen aus anderen Bezirken unterstützt wird. »Damit würde ein gut funktionierendes System ausgehebelt«, sagt Severin Höhmann, dessen Kind die Helene-Haeusler-Schule besucht. »Von 8 bis 15 Uhr geht die Schule, was bedeutet, dass die Schüler von 6 bis 17 Uhr auf den Beinen sind«, rechnet er vor.
»Ein Großteil der Schüler steht so einen Schultag nicht ohne therapeutische Unterstützung durch«, erklärt er. Zumal es im Zweifelsfall entscheidend sei, dass der Therapeut schnell da ist. Denn durch die Überforderung könnten die Kinder auch aggressiv werden. Als »Bankrotterklärung der Politik an ein integratives Schulsystem« bezeichnen die Elternvertreter in ihrer Resolution die vorgesehene Stellenstreichung. Auch könne nicht nachvollzogen werden, dass ein solcher Vorschlag ernsthaft diskutiert und zugleich Bildung als wichtigstes Zukunftsthema benannt werde. Die »unauffälligen« Sparpotenziale in Pankow seien ausgereizt, formuliert Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales, Schule und Sport. Ihre Kolleginnen und Kollegen im Bezirksamt hätten die selben Probleme, die geforderten Einsparsummen zu erbringen. Sie werde sich jedoch dafür einsetzen, dass dieser Vorschlag nicht umgesetzt werden müsse. Zumal sie aus ihrer eigenen Berufstätigkeit sehr wohl einzuschätzen wisse, »was die Therapeuten in den Schulen tun und welchen Stellenwert ihre Arbeit dort hat.« Mehr sei zu diesem Thema hier und heute nicht zu sagen, hieß es in einer Mitteilung.
»Ich unterstütze den Protest der Eltern«, sagt der Landesbeauftragte für Behinderte, Martin Marquard. Er sei »sehr überrascht« über den Schritt eines einzelnen Bezirks. Es sei eine bereits lange geführte Diskussion, aber »eigentlich war meine letzte Information, dass man die Therapeuten halten will«. Seit längerer Zeit sei bereits die Veröffentlichung eines Berichts über integrative Schulen überfällig. Er habe einen Brief zu der Thematik an Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff versandt.
Die »Verquickung von Zuständigkeiten« von Gesundheits- und Schulamt sieht Elternvertreter Höhmann als eines der Probleme bei der Finanzierung der Förderschulen an. Beim aktuellen Einsparvorhaben beruft sich der Leiter des Pankower Gesundheitsamtes, das die Therapeutenstellen finanziert, auf eine Formulierung im Gesundheitsdienstreformgesetz: Zu den Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes zählt die ambulante therapeutische Versorgung behinderter und schwer behinderter Kinder und Jugendlicher insbesondere im Schulbereich, »soweit diese nicht anders gewährleistet wird«.
Doch anders als in der bisherigen Form sieht Höhmann die Versorgung im Gegensatz zum Bezirk nicht gewährleistet. Als »unverhohlenen Versuch, zulasten von Kindern mit Behinderungen die Sanierung des Bezirkshaushaltes zu betreiben«, bezeichnen die Elternvertreter die Pläne. »Eltern in anderen Bezirken haben Angst, dass das Schule macht, wenn Pankow damit durchkommt«, sagt Höhmann.

Jüdische Geschichte per Kopfhörer

Ein Audioguide für Mitte soll Jugendliche für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren

27 Hörstationen mit insgesamt 160 Minuten Spielzeit. Das ist das Ergebnis der mehrjährigen Planungs- und Produktionsphase von »Hörpol«, einem kostenlosem Audioguide für Jugendliche durch Mitte. Auf der Basis von Ereignissen aus der Zeit nationalsozialistischer Judenverfolgung wird häufig der Bogen gespannt zu heutigem Rassismus.
Die Idee dazu hatte Initiator Hans Ferenz vor sieben Jahren. »Ich suchte nach einer Möglichkeit, Jugendliche, die sich nicht so besonders dafür interessieren, an die jüdische Geschichte heranzuführen«, erzählt Ferenz. Erst die massenhafte Verbreitung von MP3-Playern habe dieses Projekt in der heutigen Form ermöglicht. Denn kosten sollte das Ganze nichts für die jungen Menschen.
Besonders wichtig war die jugendgerechte Aufbereitung. »Es gab spannende Themen an Autokreuzungen, wo ich aber keine halbe Minute bleiben wollte«, sagt Ferenz. So etwas habe er dann gestrichen. Es gebe auch keinen vorgeschriebenen Weg. Alle Stationen ließen sich sowieso nicht an einem Tag anhören oder erlaufen. Für zehn Orte rechnen die Initiatoren mit rund zwei Stunden Zeit. Wichtig sei, dass Hörpol nur vor Ort seine Wirkung entfalte.
Viele namhafte Mitstreiter konnten für die aufwendige Produktion gewonnen werden. So erzählt Axel Prahl im Stile einer hintergründigen und humorvollen Radio-Show über den jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm, dessen Erfindung den multikulturellen Alltag der Jugendlichen bis heute lebhaft bereichert. Weitere Prominente haben ebenfalls mitgemacht, darunter Rufus Beck, Martin Buchholz und Klaus Kordon; Berliner Bands lieferten den Sound.
Aufklärung über aktuelle Strategien Rechtsradikaler leistet die Hörstation »Party«: Sie berichtet über die Rechtsrock-Gruppe »Nordfront«, die den bekannten Hit »Live is Life« mit neuem Text als »Wir grüßen Heil!« veröffentlichte.
Sehr bedrückend sind die vergleichenden Berichte über die Demütigung von Juden durch Anpinkeln aus dem Jahr 1941 und die erschreckenden Parallelen zu heute – unter anderem den Mord an Marinus Schöberl in Potzlow 2002 thematisierend.
»Unser Audioguide ist dafür da, ein erstes Bauchgefühl zu geben«, sagt Hans Ferenz. Mitte biete als Szenegegend, die für Jugendliche wegen der Cafés und Geschäfte interessant sei, eine gute Möglichkeit, Alltag und Geschichte miteinander zu verknüpfen. Weiterführende Unterrichtsmaterialien wurden in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) entwickelt.
Andreas Nachama von der Stiftung Topopgraphie des Terrors zeigt sich sehr beeindruckt von den beschrittenen neuen Wegen, »um eine neue Generation an das komplexe Thema des Holocaust heranzuführen«. Bildungsstaatssekretärin Claudia Zinke wünscht sich »viele wissbegierige Nutzer«. Dem scheint mit der attraktiven Gestaltung der Internetseite und der einfachen Bedienung nichts entgegenzustehen.

www.hoerpol.de

Dienstag, 23. Juni 2009

Singen für die Tafel

Die Crème der Berliner Musiker ist am 19. Juli in der Spandauer Zitadelle zu sehen

»Noch schöner als Live Aid« soll es werden, das Benefizkonzert für die Berliner Tafel, das am 19. Juli in der Spandauer Zitadelle stattfinden soll. Das versprechen zumindest die vor Superlativen nur so strotzenden Flyer. Alles natürlich mit einem Augenzwinkern, aber trotzdem liest sich die Liste der auftretenden Musiker wie ein Who is Who der aktuellen Berliner Musikszene: Unter anderem Bela B., Michael Hirte, K.I.Z., Sido, Peter Fox und T. Raumschmiere sind dabei.
Die Idee hatten Icke & Er, zwei nach eigenen Angaben aus Spandau stammende Hiphopper, die vor drei Jahren mit ihrem im Internet veröffentlichten Lied »Richtig geil« bekannt wurden. Gleich zu Beginn holten sie sich ihren »ehemaligen Spandauer Nachbarn«, den Ärzte-Sänger Bela B. ins Boot.
Sabine Werth von der Berliner Tafel hofft, von dem Erlös »möglichst viele neue Lieferfahrzeuge« bezahlen zu können. Der Großteil des aktuellen Fuhrparks wird nämlich ab kommendem Jahr nicht mehr im Gebiet der Umweltzone fahren dürfen. Damit würde die Tafel, die überschüssige Lebensmittel bei Händlern abholt und an Bedürftige verteilt, praktisch handlungsunfähig werden. »Aber natürlich ist das auch insgesamt positiv für unser Image und die Aufmerksamkeit, die wir bekommen«, sagt sie. »Einmal das große Amüsement und dann das Geld, was wir einer guten Sache zuführen«, beschreibt Icke seine Motivation, die Veranstaltung auf die Beine zu stellen.
»Charity ist doch Quatsch« sei bei vielen der auftretenden Künstler die erste Reaktion gewesen, erzählt Icke. Die meisten hätten aber fünf Minuten später zurückgerufen und zugesagt, natürlich ohne Gage. »Vielleicht weil wir wirklich nicht im Verdacht stehen, eigentlich nur Promo für eine neue CD machen zu wollen«, vermutet er. Schließlich haben Icke & Er ihre beginnende Karriere nach 18 Monaten im letzten Jahr beendet. Sie wollten sich nach eigener Angabe nicht in das Hamsterrad der Musikindustrie drücken lassen.
»Wir sind gegen die Hartz-Gesetze, zumindest zu den Sätzen« lautet Ickes einziges politisches Statement. Vielleicht soll ja nicht der Schirmherr, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), mit zu viel Kritik vergrault werden. Immerhin haben ALG-II-Empfänger nicht nur indirekt über die Berliner Tafel etwas von der großen Spendengala, denn sie erhalten gegen Vorlage des Berlin-Passes auch einen auf 5 Euro ermäßigten Eintritt.
»Die ganzen Leute, die wir auf den Plakaten zu stehen haben, werden nicht nur Purzelbaum auf der Bühne machen«, verspricht Icke. Man könne sich auf ganz außergewöhnliche Auftritte freuen. »Vielleicht werden ja Leute gemeinsame Songs präsentieren, die bisher noch nicht öffentlich performt wurden«, deutet er an. Sehenswert wird auf jeden Fall der Auftritt von »The Schreck Pistols« werden, transvestitischer Alter Ego der Hamburger Hiphopper von Fettes Brot. Auch die Publikumsbeteiligung im Vorfeld kommt nicht zu kurz: Auf der Internetseite zur Veranstaltung kann man angeben, warum es einem persönlich schlecht geht – alles Material für den Song »Schlimma jeht imma«.
Neben dem Eintritt – 28 Euro kosten die Karten – werden auch noch viele weitere Einnahmequellen für die Tafel erschlossen: Per SMS kann gespendet werden, natürlich gibt es auch ein Spendenkonto und die Getränke werden in extra bedruckten Bechern ausgeschenkt. »Die sollen so schön sein, dass niemand das Pfand zurückhaben will«, erzählt Icke, das habe ihm die Brauerei zumindest versprochen.
Aus Aberglaube wolle er sich aber auf keinen Fall auf eine bestimmte Mindestsumme festlegen, die zusammenkommen soll. Und auch, ob es nächstes Jahr eine Neuauflage geben soll, will er nicht sagen, aber: »Wenn das ein richtiger Kracher wird – wovon ich ausgehe – hätten wir 2010 natürlich viel mehr Vorlauf.« Allzu hypothetisch klingt das allerdings nicht.
www.einhartzfuerberlin.de

Mittwoch, 17. Juni 2009

Lichtenberger rechnen mit

Seit fünf Jahren dürfen die Bürger im Bezirk über den Haushalt mitbestimmen

»Wir rechnen mit Ihnen.« Das ist das Motto, unter dem der Bezirk Lichtenberg seine Bürger freundlich auffordert, bei den Haushaltsplanungen mitzureden. Es sind vor allem viele kleine Dinge, die sich die Bürger wünschen.

Da geht es beispielsweise um zusätzliche Bänke an der Frankfurter Allee im Haushaltsansatz für 2010. Einer der einfachsten Wünsche, die Flächen gehören dem Tiefbauamt, jede Bank kostet 2000 Euro. Oder der Antrag, die Förderung sozialpädagogischer Ferienfahrten zu erhöhen, um auch Kindern ärmerer Familien eine Teilnahme zu ermöglichen. Nun soll der Zuschuss auf 20 Euro pro Tag verdoppelt werden. Allerdings soll in Zukunft die Bedürftigkeit standardisiert überprüft werden.
Die Bürger dürfen über die sogenannten »steuerbaren Ausgaben« abstimmen, also jenen Teil des Etats, der nicht durch gesetzliche Verpflichtungen oder ähnliches vorgegeben ist – rund 31 Millionen Euro jährlich. Die stehen für Kultureinrichtungen, die Musikschule, die VHS, Sportförderung und Seniorenprogramme, Jugendarbeit und Gesundheitsförderung, die Grünflächenpflege sowie die Wirtschaftsförderung zur Verfügung.
»So weit es möglich war, die Ausgaben auf die 13 Ortsteile herunterzubrechen, haben wir das getan«, sagt Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (LINKE). Denn die Abstimmung darüber, welche Projekte von der Bevölkerung als prioritär angesehen werden, erfolgt in jedem Ortsteil einzeln. Schließlich wissen die Menschen vor Ort meist am besten Bescheid.
Viele Dinge liegen jedoch nicht so einfach. Unklare oder fehlende Zuständigkeiten oder ungewisse Kosten gehören dazu. »Keiner der Vorschläge ist jedoch verloren«, versichert Christina Emmrich. »Wir leiten die Anregungen dann an die entsprechenden Stellen weiter oder suchen alternative Finanzierungsmöglichkeiten«, führt sie aus. So konnten für einen Kiezgarten für Kinder und Jugendliche Mittel aus dem Programm Stadtumbau Ost akquiriert werden.
Ein in verschiedenen Ortsteilen geäußerter Wunsch – die Einrichtung eines Kiezfonds für kleinere ungeplante Ausgaben – wird 2011 bezirksweit umgesetzt. Jeweils 5000 Euro wird es geben, zum Beispiel für Anschaffungen wie Werkzeug und Materialien, damit Anwohner Parkbänke in Schuss halten können
Um den wirklichen Bürgerwillen zu ermitteln, treibt der Bezirk einen hohen Aufwand. Vorschläge können auf drei Wegen eingereicht werden: Als Brief, per Internetformular oder persönlich bei den Stadtteilkonferenzen. Bei der anschließenden Abstimmung über die Priorität der einzelnen Projekte wird es dieses Jahr Neuerungen geben: Einen einheitlichen Termin und möglichst zentrale und stark frequentierten Abstimmungslokale, in den Siedlungen zum Beispiel in Einkaufszentren. »Wir möchten, dass nicht nur die Nutzer der soziokulturellen Zentren erreicht werden«, sagt Emmrich. Denn in drei Ortsteilen erhielt 2008 keiner der Vorschläge die Mindeststimmenzahl. Grund waren vor allem die niedrigen Teilnehmerzahlen. »15 bis 20 Prozent mehr Beteiligte jedes Jahr«, wünscht sich Emmrich. Die diesjährige Umstellung auf einen einheitlichen Abstimmungstag sei ein wichtiger Schritt in die Richtung.
Beim Haushalt 2006 konnten die Lichtenberger erstmals mitreden, diesen September laufen die Konsultationen für das Jahr 2011 an. Die Idee stammt ursprünglich aus dem brasilianischen Porto Alegre. Um die Partizipation gerade ärmerer Bevölkerungsschichten zu fördern, eine größere Ausgabentransparenz zu erreichen, die Korruption zu reduzieren und letztendlich das Geld dort zu investieren, wo es am dringendsten gebraucht wird, wurde dieses basisdemokratische Modell gewählt. Es gilt als Erfolg.
»Wir brauchen das Engagement der Lichtenbergerinnen und Lichtenberger, wir wollen, dass sie sich einmischen und darüber bestimmen, wie sich ihr Kiez verändert«, sagt die Bezirksbürgermeisterin und verweist auf das nächste Projekt, die am 2. Juli stattfindende Gemeinwesenkonferenz. Sie soll Lichtenberg weiter auf dem Weg zur Bürgerkommune voranbringen.
  • Rund 4000 Einwohner nahmen aktiv an den Beratungen über den Haushalt 2010 teil, die Hälfte davon im Internet.
  • Am 15. Oktober wird in den 13 Ortsteilen über die Priorität der Projekte abgestimmt. Jeder Teilnehmer hat 5 Punkte, die er beliebig auf die Projekte verteilen kann.
  • Die fünf Projekte pro Ortsteil mit der höchsten Punktanzahl, jedoch mindestens 25 Punkten kommen weiter. Zusätzlich werden noch die Top 10 aus der separaten Internetabstimmung ermittelt. Das ergibt dann eine Höchstzahl von insgesamt 75 Projekten.
  • Anschließend stimmen 25 000 zufällig ausgewählte Haushalte per Briefwahl über diese zwei Listen ab.
  • Endgültig wird der Haushalt von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen.

Dienstag, 16. Juni 2009

Wissen, wann Wasser angesagt ist

Aktionswoche soll verantwortungsbewussten Alkoholkonsum fördern

»Wir möchten, dass die Menschen ihren eigenen Alkoholkonsum ansehen«, sagte Christine Köhler-Azara, Drogenbeauftragte des Landes Berlin gestern im Roten Rathaus zur Eröffnung des Forums Drogenpolitik unter dem Motto »Alkohol – in aller Munde?!«

Denn der Alkoholkonsum in Deutschland ist trotz seit Jahren sinkender Mengen immer noch zu hoch: 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig, 9,5 Millionen haben einen riskanten Konsum. In diese Gruppe fallen Frauen bereits, wenn sie an mehr als fünf Tagen in der Woche mehr als ein kleines Bier oder ein halbes Glas Wein trinken, Männer dürfen doppelt so viel trinken.
Doch nicht nur wissenschaftlich widmet man sich in Berlin dieser Tage dem Thema »Verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol«. Jugendliche und Eltern können sich noch bis Sonntag bei vielen Aktionen intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Im Rahmen der zweiten bundesweiten Aktionswoche Alkohol. »Alkohol – kenn Dein Limit«, ist sie überschrieben.
Über 100 verschiedene Veranstaltungen in allen Berliner Bezirken – Theaterstücke, Musicals, Workshops, alkoholfreie Partys, Kochkurse, Cocktailschulungen und natürlich auch viele Beratungsangebote – sollen unterhalten und aufklären. Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. freut sich über das große Engagement, welches die vielen Partner gezeigt haben.
»Das Thema bedarf einer breiten Diskussion«, fordert Bartsch. Auch dürfe die große Aufmerksamkeit, die rauschtrinkende Kinder und Jugendliche in den Medien auf sich ziehen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch geringe Mengen Alkohol schädlich seien. Als problematisch sieht sie die Süße in Alkopops und Biermixgetränken an. Der so übertünchte Alkoholgeschmack mache diese erst für Kinder trinkbar.
»Es ist nach wie vor ein dickes Brett, das wir hier bohren müssen«, macht sich Christine Köhler-Azara keine Illusionen. Von 2000 bis 2007 habe sich die Zahl der wegen Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingelieferten 10- bis 19-Jährigen von 156 auf 335 mehr als verdoppelt. Um diese Betroffenen kümmert sich das Projekt »NachHaLT«. Meist noch am Krankenbett führen die Mitarbeiter ein Gespräch mit ihnen und bei Bedarf auch mit den Eltern.
»Alkohol, den Kinder und Jugendliche trinken, geht vorher meist durch Erwachsenenhände«, sagt Gabriele Bartsch. »Pädagogik reicht nicht, die Politik muss auch einen Beitrag leisten«, betont sie und fordert eine höhere Alkoholbesteuerung und ein Ende der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit.
»Man darf nicht immer nur die Statistiken sehen. Jedes einzelne Kind, das in einer alkoholkranken Familie aufwächst, ist ein Schicksal«, meint Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Sie wünscht sich einen generellen Verhaltenswandel: »Wenn jemand regungslos mit Speichelfäden aus dem Mund herumliegt, darf das nicht normal sein!«

Alle Veranstaltungen unter: www.aktionswoche-alkohol.de

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mit der S1 nach Kleinmachnow

Eine neue Studie empfiehlt, die Stammbahn als S-Bahn zu reaktivieren

Nun soll es also eine S-Bahn sein, die den fast 30jährigen Dornröschenschlaf der Stammbahn beendet. Dies empfiehlt zumindest eine gestern vorgestellte Studie zu den Perspektiven der schon lange stillgelegten Eisenbahnlinie, die einst Zehlendorf und Potsdam schnurgerade verbunden hat.
Den Auftrag erteilten nicht die eigentlich dafür zuständigen Länder Berlin und Brandenburg, sondern der Bezirk Steglitz-Zehlendorf gemeinsam mit der Gemeinde Kleinmachnow und dem Europarc Dreilinden, eine Privatfirma, die den direkt an der Strecke liegenden Gewerbepark betreibt.
Auslöser war das negative Ergebnis einer 2008 veröffentlichten Untersuchung zur Wiederinbetriebnahme als Regionalbahnlinie. Ob es an zu wenig Fahrgastpotenzial, zu hoch angesetzten Kosten oder fehlerhaften Untersuchungsmethoden lag, darüber wird seitdem gestritten.
Die neue Studie baut darauf, die Strecke als Abzweig der S 1 in Betrieb zu nehmen. Dabei wurde das Projekt wesentlich abgespeckt. So führt die untersuchte Linie nur bis zum Gelände des Europarcs und nicht weiter nach Griebnitzsee. Auch soll die gesamte Strecke eingleisig sein, und Straßenkreuzungen werden nicht überbrückt oder untertunnelt, sondern als Bahnübergang ausgeführt. Eine Ausnahme soll die Querung der A 115 bilden: Über die Autobahn ist eine Eisenbahnbrücke geplant.
»Ich finde es allein schon aus politischer Sicht wichtig, dass dieser Lückenschluss endlich erfolgt«, sagt Uwe Stäglin (SPD), Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf. »Wir haben ein Parkplatzproblem«, erläutert Jacky Starck, Geschäftsführer des Europarc Dreilinden, seine Motivation für einen neuerlichen Vorstoß. Trotz der in Kleinmachnow eher peripheren Lage der Bahnlinie hält der Kleinmachnower Bürgermeister Michael Grubert (SPD) die Strecke für eine Möglichkeit, den aufstrebenden Ort »als Gewerbestandort attraktiver zu machen.«
Im 20-Minuten-Takt sollen die vom Potsdamer Platz kommenden und bisher in Zehlendorf endenden Verstärkerzüge der S 1 die etwas mehr als vier Kilometer lange Strecke befahren, täglich zwischen 4 Uhr morgens und 1 Uhr nachts. Zwei zusätzliche Halte, Zehlendorf Süd und Düppel-Kleinmachnow, sind neben dem Endbahnhof Kleinmachnow/Dreilinden vorgesehen.
Die Kosten für den Bau inklusive Zuschlag für Unvorhergesehenes (dazu gehört auch der eventuell wegen Anwohnerprotesten notwendige Bau von Schallschutzwänden) und die Beschaffung eines zusätzlichen S-Bahnzuges sollen bei rund 35,5 Millionen Euro liegen, je nach Streckenabschnitt werden 3380 bis 7900 Fahrgäste pro Tag erwartet. Damit ergäbe sich ein Kosten-Nutzen-Faktor von etwa 1. Ab da sind Zuschüsse von Bund und Land möglich. Deutlich höher wären Fahrgastzahlen und Nutzen, wenn an der Endstation noch ein Park&Ride-Platz gebaut wird.
»Wir hoffen, dass die Studie beim neuen Stadtentwicklungsplan Verkehr Berücksichtigung findet«, sagt Uwe Stäglin. Bisher hat der Senat nämlich dem Projekt die kalte Schulter gezeigt. Und: »Ich will hier keine neue Autobahndebatte lostreten, aber eine Ausgewogenheit von Straßen- und Schieneninvestitionen ist notwendig.«

Sparen die Opern die Werkstätten kaputt?

Ver.di fürchtet um 50 Arbeitsplätze beim zentralen Bühnenservice

Die Berliner Opernstiftung steht mal wieder im Fokus. Beim Bühnenservice, dem hauseigenen Dienstleister für alles rund um Kostüm und Bühnenbild, hat sich ein neues Finanzloch aufgetan. 1,5 Millionen Euro sollen fehlen in der Finanzplanung 2010/11, sagt ver.di. Und weil die Mitarbeiter sich Sorgen um ihre Jobs machen, lud die Gewerkschaft zur Pressekonferenz.
50 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, rechnet Sabine Schöneburg von ver.di vor. »Das wäre ein Viertel unserer Mitarbeiter«, verdeutlicht Toni Winter, Leiterin der Hutmacherwerkstatt in der Französischen Straße, die Dimension. »Damit könnten wir unsere Arbeit insgesamt nicht mehr machen.«
Das Grundproblem ist nach Ansicht der Mitarbeiter, dass der Bühnenservice überhaupt keinen eigenen Etat hat und somit zwingend auf die Ausstattungsaufträge der Berliner Opern angewiesen ist. Die sind wiederum verpflichtet, beim stiftungseigenen Betrieb zu bestellen.
Doch einerseits schnurrt allein bei der Deutschen Oper die Zahl der Premieren auf nur noch vier im Jahr zusammen, andererseits lässt die Staatsoper das Bühnenbild für den Ring komplett in Mailand fertigen. »Das ist zwar eine Koproduktion, aber man hätte die Arbeit auch teilen können«, sagt Toni Winter. »Es gibt keine Sanktionen, wenn die Häuser nicht bei uns bestellen«, beklagt sie.
Dr. Axel Staisch, stellvertretender Generaldirektor der Opernstiftung sieht die Sache ganz anders: »Es gibt keine 50 Arbeitsplätze, die in Gefahr sind.« Und er sagt: »Es gibt die 1,5 Millionen Euro Deckungslücke nicht mehr.« Das habe zwar vor drei, vier Wochen noch anders ausgesehen, aber so etwas sei ja normal in der Planung. Er sei ein bisschen verärgert über die drastischen Worte von ver.di.
»Uns ist ganz klar, dass der Bühnenservice Teil der Stiftung ist«, bekräftigt Susanne Moser, geschäftsführende Direktorin der Komischen Oper. Man wolle auch keine Mitarbeiter abbauen, aber vielleicht nehme man einige Arbeitskräfte wie Schreiner wieder zurück an die Häuser. Dort seien Handwerker etwas knapp geworden.
Als großes Problem sieht Toni Winter, dass der Dialog zwischen Bühnenservice und Häusern nicht funktioniere. »Es ist sehr schwierig, Fremdaufträge anzunehmen, weil es immer wieder unvorhergesehene Bestellungen der Berliner Opern gibt«, erklärt sie. Die Aufträge von Dritten wären wichtig für eine größere Unabhängigkeit.
Die Hoffnungen aller Beteiligten ruhen auf der gerade im Bau befindlichen zentralen Bühnenwerkstatt in Friedrichshain. »Dann kämen die Synergieeffekte der Fusion wirklich zum tragen«, glaubt Winter. Zuversichtlich zeigen sich sowohl Gewerkschaft als auch Opernstiftung, was die laufenden Tarifverhandlungen betrifft: »Wir wollen am Freitag Lösungen präsentieren«, sagt Staisch.