Montag, 11. Mai 2009

Und jährlich grüßt die Hanfparade

Das Brandenburger Tor ist ein beliebter Startpunkt für Demos. Schließlich sieht der flüchtige Medienkonsument bei entsprechendem Bildmaterial auf einen Blick, wo sich die Sache abspielt. Gleichzeitig kann auch der gesamtdeutsche Anspruch zur Durchsetzung des eigenen Anliegens unterstrichen werden.
An diesem symbolträchtigen Ort sammelten sich also auch die Teilnehmer des Hanftags 2009. Nun muss man wissen, dass der Pariser Platz an schönen Tagen einem touristischen Rummelplatz gleicht. Touristen können sich fotografieren lassen mit Menschen, die als Berliner Bär verkleidet sind oder in Star Wars-Uniform stecken. Oder mit US- und Sowjetsoldatendarstellern. Sie können alternativ auch die mit lautstarker Musik untermalten Künste einer Breakdancegruppe bewundern. Da fiele das kleine Häuflein der Pro-Hanf-Aktivisten kaum auf, hätten sie nicht ein Transparent mit dem zugkräftigen Motto „Yes we Cannabis“ dabei.
Von erheitert bis schockiert sind die Reaktionen der Berlin-Besucher, aber ein Foto wird allemal gemacht. Denn schließlich sind solche Erlebnisse genau der Thrill, der vom Hauptstadtbesuch erwartet wird. Eine Japanerin lässt sich sogar recht ausführlich über die deutsche Drogenverbotspolitik und die Argumente dagegen aufklären.
„Jugendschutz garantieren, Schwarzmarkt vaporisieren, Hanf legalisieren“, das ist – in plakative Form gebracht – das Anliegen der Demonstranten. Die werden zu Beginn noch mit Sträflingsuniformen oder Overalls optisch aufgepeppt. Es lohnt sich für jene, die sich verkleiden, denn „alle Aktivisten bekommen einen Hanflolli“, wie der Klamottenverteiler in die überschaubare Menge ruft.
Nun kann der politische Teil der Demo beginnen. Emanuel Kotzian von der E. L. F., der European Legalization Front fordert die Legalisierung von Haschisch und Marihuana, „damit sich Kiffer und Kranke nicht mehr verstecken müssen.“ Die geringe Teilnehmerzahl – rund 150 Demonstranten haben sich eingefunden – führt er drauf zurück, dass sich viele nicht trauten, Gesicht zu zeigen. Nun, es kamen in früheren Jahren mehr Menschen, vielleicht liegt es eher daran, dass der Aktivismus vergangener Zeiten bisher keine Früchte trug.
Monika Knoche von der Linkspartei fordert „eine fortschrittliche, rationale Drogenpolitik.“ Das tue sie nun seit fast 40 Jahren, doch leider ohne Erfolg. Am meisten Stört sie, „dass der Staat sich mit Strafrecht in höchstpersönliche Angelegenheiten einmische.“ Sogar der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger denke über eine Legalisierung nach – so ließe sich eine neue Steuerquelle erschließen.
Und natürlich ist auch Christian Ströbele von den Grünen da. Er, der selber weder Kaffee noch Bier noch Zigaretten konsumiert, reibt sich vor allem an der Ungerechtigkeit, dass für Alkohol sogar geworben werden darf, während Kiffer strafrechtlich verfolgt werden. „Gebt das Hanf frei“, lautet auch diesmal sein vor einigen Jahren von Stefan Raab zum Popsong verwurstete Schlusswort. Den Reigen der Politiker beschließt Christine Schulze-Grotkopp von den Jungen Liberalen, die auch die Einschränkung der Bürgerrechte durch die Schilys und Schäubles beklagt.
Unter Reggae-Klängen setzt sich das Häuflein Demonstranten in Marsch. Über die Linden geht es Richtung Ostbahnhof, zum Yaam, wo die Abschlussparty bis tief in die Nacht stattfinden wird. Zwischendurch wechselt die Musik immer wieder zwischen elektronisch und Reggae, was jeweils ein Teil der Demonstranten abfällig quittiert. Touristen zücken ihre Kameras, sind mal schockiert, mal entzückt. Man wird sich wohl in einem Jahr wieder sehen. Ob sich bis dahin etwas ändert?

Nicolas Šustr