Freitag, 18. Dezember 2009

Restaurantkritik: Spätzle & Knödel

Klar, Schwabenmetropole, jeder vermeintlich aufgeklärte Hauptstadtbewohner weiß Bescheid, dass wir den ganzen Zirkus nur als Spielwiese für Zugezogene aus dem Südwestdeutschen veranstalten. Wer von dieser fixen Idee besessen ist, sieht sich in der bisher relativ unverdächtigten Wühlischstraße einem neuen Stützpunkt gegenüber. An der Authentizität eines Gasthofs in irgendeinem gottverlassenen Ort in der Provinz gibt es nichts zu mäkeln: Die beliebten braunen Wirtshaustische aus undefinierbarem Holzimitat nebst dazugehörigen Stühlen, Tresen und Barhockern sorgen in Kombination mit der zwischen beige und grau changierenden Wandfarbe inklusive Ziegelimitatflächen und romantisierenden aber recht hellen Lampen für eine Aura, der man weder Gemütlichkeit noch Eleganz zuschreiben würde. Wirtschaft eben. Und dabei ist es so voll, dass ein Pärchen sein Mahl direkt am Tresen zu sich nimmt. Einige Plätze weiter ein Schwabe, dessen Mundart auch zwölf Jahre Berlin-Aufenthalt nichts anhaben konnte, ein dunkles Hefeweizen kippend und dem Pärchen erklärend, dass er dem „Zwiebelroschtbraten“ verfallen sei. Für mich soll es der Schweinekrustenbraten mit Bayerisch Kraut und Knödel sein. Nun ja, das Kraut leider kalt, der kleine Krustenrest eher anschmiegsam am Gaumen, die Serviettenknödelchen in der Pfanne angebraten – letzteres überraschend aber durchaus nicht schlecht – ein richtiges Hochgefühl kam da nicht auf. Aber besuchenswert auf jeden Fall, der Atmosphäre wegen. Und vielleicht war das ja nur ein Ausrutscher.

Friedrichshain, Wühlischstr. 20, Tel. 27 57 11 51, Mo-Fr ab 17, Sa, So ab 15 Uhr, Küchenschluss 23.30 Uhr

Raus aus Wien. Klaus Stimeder

Klaus Stimeder ist Mitherausgeber und Mitchefredakteur von Datum, eines österreichischen Monatsmagazins für Politik und Gesellschaft.

Berlin-Neukölln, nahe des Flughafens Temeplhof, eine Altbauwohnung im 4. Stock (mit Fahrstuhl!), direkt gegenüber der Wohnungstür das Arbeitszimmer mit einem Flokati, einem Glasschreibtisch, einem Laptop. An einer Wand Regale. Der Computer ist an, per Skype kommt gerade ein Anruf aus Wien. Gleich am Telefon hat Stimeder das Du angeboten. Es gibt Kaffee aus dem italienischen Espressokocher.

Stimeder: So arbeite ich hier. Wir sind gerade in der Produktion der Dezemberausgabe, da gibt es dauernd etwas zu besprechen.

BerlinBlock: Warum bist Du nicht in Wien?

Stimeder: Ich bin hier, um Datum hier bekannt zu machen. Seit drei Ausgaben gibt es uns hier zu kaufen, 200.000 Österreicher wohnen hier im Land, davon allein 10.000 in Berlin. Und auch darüber hinaus gibt es hier Potential an Leserschaft. Außerdem musste ich raus aus Wien, da wollte ständig jemand etwas von mir.

BerlinBlock: Ist Datum so groß?

Stimeder: Ich würde sagen relevant. Wir haben rund 10.000 Auflage, das ist für ein so kleines Land schon ganz gut. Und auch wenn das jetzt blöd klingt, es sind die wirklichen Eliten, die uns lesen.

BerlinBlock: Woran machst Du die Relevanz fest?

Stimeder: Wir haben einige Scoops gehabt. Zum Beispiel gab es einen Islamisten in Österreich, der ernsthaft einen Anschlag vorhatte. Den haben wir interviewt, alle haben uns ausgelacht. Bis er dann lange später verhaftet wurde. Dieses Jahr ist auch jemand bei der Wiener Wohnungsverwaltung zurückgetreten, weil wir über die dortige Korruption geschrieben haben. Als wir von dem Rücktritt erfuhren, knallten die Sektkorken.

BerlinBlock: Also ist Datum etwas Besonderes?

Stimeder: Man muss immer die österreichische Medienlandschaft mitdenken, es gibt gerade bei Zeitschriften eine unglaubliche Konzentration. Da wollten wir vor sechs Jahren etwas entgegensetzen. Also haben wir angefangen. Ganz ohne Geld, mit einem Computer und null Druckern. Wir haben nie Schulden gemacht, immer nur die nächste Ausgabe von der vorherigen finanziert. Zwei Jahre haben wir alle nichts verdient, ich habe als Nachtportier im Hotel gearbeitet.

BerlinBlock: Richtig schöner Gründungsmythos…

Stimeder: Ja das klingt dann immer alles so toll und aufregend, aber es war schon auch eine ganz schöne Scheißzeit mit 72-Stunden-Schichten.

BerlinBlock: Und was war der Durchbruch?

Stimeder: Als Tyler Brûlée in der Financial Times behauptete, wir seien die Zeitschrift. Neue Zürcher Zeitung und Deutschlandfunk haben uns auch hymnisch gepriesen. Und wenn das Ausland sagt: Das ist cool, dann ist das in Österreich eben cool.

BerlinBlock: Das reicht jetzt noch nicht?

Stimeder: Nein, der Traum war ja eben ein international vorzeigbares Medium zu schaffen. Aber es soll im Ausland auch gesehen und rezipiert werden. So wie eben die NZZ hier an besser sortierten Kiosken zu finden ist, soll das mit Datum auch werden. Bis auf einige Journalisten kann damit im Moment niemand etwas anfangen. Das soll sich ändern.

www.datum.at

Bürgerliches Friedrichshain

Deutsche Küche in Friedrichshain, das weckt bei vielen Menschen ungute Erinnerungen an Besuche in den frühen 90er Jahren. Halb verhungert fand man schließlich in irgendeiner dunklen Seitenstraße ein wenig ansprechendes „Speiserestaurant“, wo man als kleinstes Übel das unvermeidliche Schnitzel mit Bratensoße und Dosengemüse bestellte. Der kulinarische Aufschwung kam nach und nach mit guten bis hervorragenden italienischen und asiatischen Restaurants, inzwischen kann man auch bei bürgerlicher einheimischer Küche von Auswahl sprechen.
Ein richtiger Oldie ist dabei die in der Krossener Straße, direkt zwischen Boxhagener Platz und Simon-Dach-Straße gelegene Volckswirtschaft. Immerhin seit 2002 wird hier laut Selbstbeschreibung „kreativ-bürgerliche“ Küche angeboten. Die Spanne reicht von verschiedenen Pastagerichten über paniertes Schnitzel mit hausgemachtem Berliner Kartoffelsalat – es muss ja nicht immer der Süddeutsche sein – über Spätzle bis zu einer Reihe vegetarischer Gerichte inklusive Tofuschnitzel. Bis auf die Nudeln wird alles in der heimischen Küche produziert, das Fleisch ist von Neuland, das Gemüse aus kontrolliertem Anbau und das Team arbeitet möglichst hierarchiefrei zusammen. Eine Gastwirtschaft mit Überzeugungen also. Die gehen bei der gebratenen Kalbsleber mit Kartoffelpüree aufs freundlichste durch den Magen. Und man muss keineswegs fürchten durch die Bedienung im kollektivistischen Sinne bekehrt zu werden. Wer in Lokal irgendwie an Indien denken muss liegt nicht so falsch: Die Wandmalereien sind noch das Erbe eines Vormieters. Der Umgang mit den Gästen ist freundlich-leger, die Einrichtung ein wenig zusammengewürfelt und die Küche liefert eine kontinuierlich solide Leistung ab. Auch die Preise sind im Hinblick auf die Qualität mehr als fair.
Vor allem von der österreichischen Küche inspiriert ist der Schwarze Hahn in der zwar immer noch recht dunklen aber nicht mehr so wüsten Seumestraße. Ein Gummiadler unter dem Türschild relativiert den traditionsschwer klingenden Namen und die recht schlichte, mehr an eine Kaffeebar erinnernde Einrichtung tut das ihre dazu, um nicht mal ansatzweise in der heimattümelnden Ecke zu landen. Eine von Bänken gesäumte lange Tafel dominiert die Mitte des übersichtlichen Gastraums, die übrigen Ecken haben noch weniger als eine Handvoll Einzeltische spendiert bekommen. Woraus sich durchaus gewöhnungsbedürftige Sitzsituationen ergeben können, was dem kontinuierlichen Gästestrom allerdings keinen Abbruch tut. Denn an der Kochkunst gibt es nichts auszusetzen. Die fein gewürzte Petersilienwurzelrahmsuppe war eine wirkliche Delikatesse und auch das außen knusprige und innen zarte halbe Backhendl überzeugte mit seiner schön pfeffrigen Panade. Einzig der lauwarme Kartoffelsalat hätte noch einen Tick raffinierter ausfallen können, gelungen war er aber trotzdem. Neben dem ständigen Klassiker Wiener Schnitzel finden sich auch Pasta, Fisch, Ente und Salate auf der Karte. Die einzig traurige Nachricht für Biertrinker: Es gibt kein Fass. Trösten muss man sich mit Augustiner aus der Flasche.
Und auch im Nordkiez gibt es Neues. Hauptsächlich badisch-elsässisch kocht man im Schalander in der Bänsch- Ecke Pettenkoferstraße, dazu gibt es auch noch selbstgebrautes Bier. Das süffige Pils tröstet über die teilweise recht lange Wartezeit auf das Essen. So lange kann man den Blick schweifen lassen, die Braubottiche und die schlichte aber freundliche Brauhauseinrichtung betrachten. Leider zeigten sich bei Allem gewisse Mängel. Die Tomaten-Orangen-Suppe mit Pinienkernen – um den experimentelleren Teil der Karte zu würdigen – war noch nicht ganz rund. Es fehlte noch eine Zutat wie beispielsweise Ingwer. Beim Schweineschnitzel hielt die Panade nicht am Fleisch und das Rindersteak war leider etwas zäh, was eindeutig von nicht genug abgehangenem Fleisch herrührte. Nachsalzen musste man alles. Prinzipiell wirkte es aber doch so, dass der Koch sein Handwerk beherrscht und eher einen schlechten Tag hatte. Der große Schankvorgarten ist eine Verheißung für die wärmere Jahreszeit. Wobei die deftige traditionelle Kost wieder etwas schwer im Magen läge. Aber es gibt ja auch noch Flammkuchen. Der schien den Gästen am Nebentisch viel Vergnügen zu bereiten.

Volkswirtschaft, Krossener Str. 17, Tel. 69 20 68 61, Mo-So ab 9 Uhr, www.volckswirtschaft-berlin.de
Schwarzer Hahn, Seumestr. 23, Tel. 21 97 03 71, Küche Mo-Sa 12-15 Uhr und 17.30-22 Uhr
Schalander, Bänschstr. 91, Tel. 89 61 70 73, Mo-Fr 16-1 Uhr, Sa, So 12-1 Uhr, www.schalander-berlin.de

Freitag, 27. November 2009

Bagatellisiert und Banalisiert

Aids-Hilfe schlägt zum Gedenktag Alarm: Spenden eingebrochen und Projekte geschlossen

Die Zahlen sind dramatisch. Nur rund 60 000 Euro sind dieses Jahr an Spenden zusammengekommen, gegenüber jeweils einer Viertelmillion Euro 2008 und 2007. »Das führt dazu, dass wir viele zum Teil recht kostenintensive Angebote wie ärztlich betreute Reisen oder Mutter-Kind-Gruppen stark einschränken oder ganz einstellen mussten«, sagte Uli Meurer, Vorstandsmitglied der Berliner Aids-Hilfe e. V. gestern im Rahmen der Jahrespressekonferenz, die traditionell kurz vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember stattfindet. Auch der Hilfsfonds zur Unterstützung HIV-Infizierter Hartz-IV-Empfänger, der Betroffenen beispielsweise den Kauf von Arzneien zur Linderung der teils extremen Nebenwirkungen der HIV-Therapie ermöglichte, musste geschlossen werden.

Die finanzielle Unterstützung des Senats – die Berliner Aids-Hilfe erhält rund 650 000 Euro jährlich – bezeichnete Meurer als »erbärmlich«. »Da werden seitens des Senats Forderungen nach immer besserer Prävention laut, aber wir erhalten zu wenig Mittel.« Berlinweit fehlten nach Meurers Angaben acht Vollzeitstellen. Er forderte den Senat daher auf, »vor allem die Bereiche Prävention bei Jugendlichen, Beratung und Versorgung von Migranten und Prävention für Männer, die Sex mit Männern haben, endlich adäquat zu fördern.«

Als besondere Herausforderung für die Berliner Strukturen zur HIV- und Aids-Therapie sieht Uli Marcus vom Robert-Koch-Institut (RKI) den Umstand, dass rund 20 Prozent der in Berlin lebenden HIV-Infizierten Schwulen erst nach der Diagnose hierher gezogen sind. »Das liegt häufig in der mit weiten Wegen verbundenen medizinischen Versorgung auf dem Land begründet.« Wegen dieser erstmals erfassten Wanderungsbewegung gibt das RKI dieses Jahr die Zahl der HIV-Infizierten in der Hauptstadt mit 11 200 um 2000 Personen höher als im Vorjahr an, geht aber eigentlich von stabilen Zahlen aus. Auch die Zahl der Syphilis-Infektionen blieb gegenüber dem Vorjahr stabil. »HIV bleibt immer noch eine Sondererkrankung«, sagt der Berliner HIV-Schwerpunktarzt Christoph Mayr, auch wenn sich gerade die Lebenserwartung Infizierter immer weiter an jene der übrigen Bevölkerung angleiche. »Wir beschäftigen uns heute mit Themen wie HIV und Alter – das wäre vor 15 Jahren undenkbar gewesen.« Nur ein Drittel der Patienten leide heutzutage noch an einer HIV-assoziierten Krankheit. Vielmehr seien normale Altersleiden wie Tumore und Herz-Kreislauferkrankungen immer alltäglicher. Seit Jahren steigt die Zahl depressiver Erkrankungen, diese hingen häufig mit der »Krankheitsverarbeitung und krisenhaften Geschehen wie Arbeitsplatzverlust oder bei Familienangelegenheiten« zusammen.

Ein großes Problem im Zusammenhang mit der durch die Behandelbarkeit erfolgten »Bagatellisierung« und »Banalisierung« ist laut Mayr die hohe Zahl – rund 30 bis 50 Prozent – der sogenannten »Late Presenter«, Personen, die bereits bei Diagnose in behandlungsbedürftigem Zustand seien. »Zielgruppenspezifische Ermutigung zum Test und niedrigschwellige Testangebote« seien hier wichtig. Lücken bestehen momentan vor allem bei Migranten aus Gebieten mit hohen HIV-Infektionsraten sowie Heterosexuellen, die ihr Risiko selbst nicht erkannt haben. »Allein im letzten Vierteljahr hatte ich in meiner Praxis vier Heterosexuelle, die aus allen Wolken gefallen sind«, sagt Mayr.

»Es wäre gut für die Präventionsarbeit, wenn sich ein prominenter HIV-Positiver outen würde«, sagte Katy Karrenbauer. Die vor allem aus der Frauenknastserie »Hinter Gittern« bekannte Schauspielerin engagiert sich dieses Jahr bei der »Rote Schleifen für Berlin«-Spendensammelaktion.

Der 22. Trauerzug der Berliner Aids-Hilfe findet am 30. November statt. Am 1. Dezember setzt die S-Bahn wieder einen mit den roten Aids-Schleifen dekorierten Sonderzug ein.

Aids-Daten in Berlin

* Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben Ende 2009 in Berlin rund 11 200 HIV/Aids-Infizierte, darunter 9900 Männer, 1300 Frauen und 20 Kinder. Bei 2500 von ihnen ist die Krankheit ausgebrochen.
* Von den Infizierten haben sich 8200 bei schwulem Sex und 1100 bei heterosexuellem Kontakt infiziert. 450 Personen stammen aus Ländern mit hoher Infektionsrate, 1400 haben sich durch intravenösen Drogengebrauch infiziert, 15 durch Bluttransfusion und 20 Kinder bei ihrer Mutter.
* 2009 gab es 510 Neuinfektionen, davon 88 Prozent durch schwulen Sex, 11 Prozent durch heterosexuelle Kontakte. Ausgebrochen ist Aids 2009 bei 200 Personen, davon 165 Männer, an Aids verstorben sind 75 Menschen. Seit Beginn der Epidemie starben in Berlin 4500 Menschen.
* Daten: Robert-Koch-Institut, Stand: Ende 2009

Montag, 23. November 2009

Erschossen, erstochen, erschlagen

Beim »Transgender Day of Remembrance« wurde der Opfer transphober Gewalt gedacht

»Wir begleiten die Menschen ein Leben lang und da ist schon viel changing dabei«, so begrüßte am Sonnabendnachmittag Gisela Aßmann vom Schöneberger Standesamt die Teilnehmer beim »Transgender Day of Remembrance«. Es ist der Gedenk- und Kampftag jener Menschen, deren »Geschlechtsidentität sich nicht in die strikte Polarisierung in ›Frauen‹ und ›Männer‹ einteilt«, wie es im Aufruf der Veranstalter heißt. Immerhin seit 1999 wird jährlich der Ermordeten gedacht und es werden Rechte eingefordert, nach Veranstalterangaben diesmal in 21 Ländern und 140 Städten. Doch zu großer Bekanntheit außerhalb des Betroffenenkreises hat der Gedenktag es nicht gebracht. Abhilfe schaffen soll unter anderem der prominente Ort, das Rathaus Schöneberg – bisher demonstrierte man auf der Straße.

»Schon Kleinigkeiten wie die Anrede, die nicht passt, können verletzend sein. Auch Behörden sind da nicht immer feinfühlig«, sagt Gisela Aßmann und erstmals brandet im Rathausfoyer Applaus auf. Schwule, Lesben, Transfrauen und -männer, Heteros – das Publikum ist eine bunt gemischte Menschenmenge. Julia Ehrt von TransInterQueer e. V. spricht über die im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verabredete Überarbeitung des Transsexuellengesetzes: »1980 war es bahnbrechend, heute ist es eines der schlechtesten der Welt.« Es sei nicht einzusehen, warum der Staat etwas dagegen habe, wenn man seinen Vornamen ändere, auch die zwingend vorgeschriebene geschlechtsangleichende Operation beim Wunsch nach Personenstandsänderung sei nicht mehr zeitgemäß. »Wir hoffen auf ein Gesetz, das nicht auf Pathologie, sondern auf Menschenrechten beruht«, sagt Julia Ehrt. Wieder brandet bei den über 100 Teilnehmern Applaus auf.

Schließlich gibt es einen kleinen historischen Exkurs – ein Artikel aus dem Magazin »Spiegel« von 1967 wird verlesen. Es geht um Revierkämpfe auf dem Ku'damm-Straßenstrich zwischen Frauen und Transen. Im Text wird bedauert, dass es nicht bestraft werden könne, wenn Männer sich mit weiblichen Reizen schmückten. Auch wenn die Situation sich wesentlich verbessert hat, gerade für Sexarbeiter ist sie häufig noch prekär, die Hälfte von ihnen sind Illegalisierte. Zwar gibt es Rechte, Beratungs- und Hilfsangebote, jedoch können mehrfach gesellschaftlich Ausgeschlossene diese häufig nicht nutzen. Auch transphobe Gewalt gehört für sie häufig zum Alltag. Diesen Sommer häuften sich in der Schöneberger Frobenstraße brutale Überfälle auf Trans-Frauen. Mit Eisenstangen, Baseballschlägern und auch mit Messern ging eine Clique junger Männer auf die Prostituierten los, verletzte sie zum Teil lebensgefährlich.

Carla LaGata von TransgenderEurope stellt den »Trans Murder Monitor« vor. Weltweit werden Morde an Transgender erfasst; zwischen 20. November 2008 und 12. November 2009 waren es 162, über die in den Medien berichtet wurde. »Die Begleitumstände lassen meist darauf schließen, dass es sich um transphobe Morde handelt, oder dass die Opfer wegen der gesellschaftlichen Umstände keine andere Möglichkeit haben, als ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich zu verdienen«, sagt LaGata. Sie berichtet von Gisberta und Mona, die vor den »schrecklichen Verhältnissen« in ihrer Heimat Brasilien nach Portugal flohen, dort jedoch ermordet wurden. »Sexarbeiterinnen verdienen unsere uneingeschränkte Solidarität«, sagt LaGata und fordert, den »Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, damit Leute nicht wegen ihrer sexuellen Identität gezwungen sind, Sexarbeit zu machen«.

Nun gehört Zazie de Paris die Bühne. Sie erinnert an Transgender wie Maria Augstein, Kind von Spiegel-Herausgeber Rudolf, die in einem durchaus bürgerlichen Beruf – als Anwältin – erfolgreich war. »Aber ich kenne auch viele Sexarbeiterinnen, die machen das gerne; die haben richtig Spaß daran«, sagt Zazie und erntet viel Zustimmung im Publikum bevor sie Lou Reeds »Walk on the wild side« anstimmt.

Anschließend folgt der bedrückende Teil der Veranstaltung: Die Namen ermordeter Transgender werden verlesen, mit Tötungsart. Erschossen, erstochen, erschlagen, zerstückelt – ein deprimierendes Dokument des Hasses. Passanten bleiben stehen, hören ungläubig zu. So wie Jochen Zimmermann: »Ich dachte die Menschheit sei weiter«, sagt er.

Schließlich werden Kerzen entzündet. Nach und nach füllen sie die Stufen vor dem Schöneberger Rathaus, es wird Geige gespielt. Abendpläne werden geschmiedet, Ziel ist das »Silver Future«, eine Neuköllner Queer-Kneipe, die auch umfangreiche Schmink- und Verkleidungsutensilien bereithält. Es wird feucht-fröhlich werden. »Wir lassen uns doch von den Idioten nicht das Leben versauen«, sagt noch jemand, bevor er Richtung U-Bahn verschwindet.

Donnerstag, 19. November 2009

Einmal Tempelhofsee mit Grillplatz

Rege Bürgerbeteiligung bei Planungen für Ex-Flughafen / 2017 Internationale Gartenausstellung

»Das Tempelhofer Feld bewegt die Bürgerinnen und Bürger«, sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Damit meint sie weder den frühsommerlichen Besetzungsversuch linker Aktivisten noch jene unverdrossenen Schließungsgegner, die die Hoffnung noch nicht sterben lassen wollen. Es geht vielmehr um die seit Monaten laufende Bürgerbefragung zur künftigen Gestaltung der Parkanlagen auf dem ehemaligen Flugfeld. Lüscher wertet sie wegen der regen Beteiligung als »Riesenerfolg«.

Internetdialog, per Zufallsprinzip an Haushalte verschickte Fragebögen, Diskussionsgruppen, um die bei solchen Aktionen meist unterrepräsentierten Menschen mit Migrationshintergrund adäquat einzubeziehen, weitere Fragebögen für die Besucher der beiden Oktoberwochenenden, an denen das Gelände erstmals öffentlich zugänglich war, über 6000 Bürger haben ihre Meinung kundgetan.

Die größte Bedeutung für Freizeit und Erholung messen die Kreuzberger Anlieger dem künftigen Park bei, die Tempelhofer halten ihn für nicht ganz so wichtig, die Neuköllner liegen mit ihrer Einschätzung dazwischen. Mehrheitlich gewünscht wurden gastronomische Angebote, Flächen zum Grillen, viel Bewegungsfläche für Kinder und Jugendliche, Möglichkeiten zur Naturbeobachtung, Raum für Vierbeiner sowie Areale zum Selbstgärtnern. 54 Prozent der Befragten wünschen sich besondere Bereiche für die regenerative Energiegewinnung, beispielsweise durch Solaranlagen oder nachwachsende Rohstoffe. Mit 62 Prozent Zustimmung fand auch ein natürlich gestalteter Badesee großen Anklang.

Erstaunt zeigte sich die Senatsbaudirektorin davon, dass nur zwölf Prozent der Anwohner die Ausweisung von Grillflächen ablehnen. Absolute Priorität hatte für 86 Prozent der Befragten allerdings die Sauberkeit, was angesichts des Zustands vieler Berliner Parks nicht sonderlich überrascht. Dies führt soweit, dass 64 Prozent, die Frage, ob der existierende Zaun als Schutz vor nächtlichem Vandalismus und illegalem Müll- abladen stehen bleiben soll, bejahten. »Dieses Sicherheitsbedürfnis muss man nicht mit einem Zaun beantworten«, so Lüscher, es werde jedoch in den Wettbewerb mitgenommen.

Besonders beeindruckt zeigten sich die Besucher des Flughafengeländes anscheinend von den großen, übersichtlichen Flächen mit Stadtpanorama. Zwar geben die Befragten dem eher klassischen Park mit Baumgruppen die besseren Noten gegenüber der von Ingeborg Junge-Reyer (SPD) schon öfter schwärmerisch als Wiesenmeer beworbenen Variante, jedoch schnitt sie nach persönlicher Inaugenscheinnahme wesentlich besser ab. In jenem Bereich soll auch 2017 die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) stattfinden, seit Dienstag gibt es eine schriftliche Zusage, nachdem sich mit Aachen der letzte Konkurrent zurückgezogen hatte. Damit gibt es nun auch größere Planungssicherheit für den im Februar 2010 beginnenden Wettbewerb für den Masterplan, dem nach erneuter Bürgerkonsultation die Detailplanung folgen soll.

Als nächster Nutzungsschritt wurde die Umsetzung der Idee eines Jugendspielplatzes ab Mai 2010 angekündigt. Auf Nachfrage zeigte sich allerdings, dass weder Kontakt zur entsprechenden Jugendgruppe hergestellt wurde, die die Idee im Rahmen des Internetdialogs äußerte, noch dass eine Finanzierung steht. Womit der Senat auf den Betrachter weiterhin den Eindruck macht, als wäre die Schließung des Flughafens Tempelhof ein kaum vorherzusehender Akt gewesen. Doch gerade in der »prozesshaften Entstehung des Areals« sieht Regula Lüscher die Herausforderung.

Bürgerbeteiligung bei Tempelhof

* Im Internetdialog informierten sich über 68 000 Menschen, 2471 übermittelten ihre Vorstellungen, Meinungen und Vorschläge.
* Bei einer schriftlichen Bürgerbefragung, bei der 6000 Fragebögen in einem Umkreis von 1,5 Kilometern um das Tempelhofer Feld verschickt wurden, kamen knapp ein Viertel der Bögen – ungewöhnlich viel – ausgefüllt zurück.
* Weitere 1000 Fragebögen mit leicht veränderter Fragestellung wurden berlinweit verschickt, hier antworteten sogar 30 Prozent der Befragten.
* Um Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erreichen, wurden 17 Gruppeninterviews mit insgesamt 138 Teilnehmern durchgeführt.
* 1200 auswertbare Fragebögen ergab die Verteilaktion während der zwei Oktoberwochenenden, an denen das Tempelhofer Feld zugänglich war. Außerdem beteiligten sich 833 Bürger an einer TED-Umfrage.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Die Li-La-Launemauer

Bad Taste Partys sind ja gerade wieder in und die 80er sowieso. Das passt ja ziemlich gur zum diesjährigen Mauaerfalljubiläum. Denn betrachtet man die Bilder aus jener Novembernacht, so wirkt die ganze Veranstaltung wie eine riesige Eighties-Bad-Taste-Mottoparty. Noch runder wird das Bild, wenn mir, dem Westler, ostdeutsche Freundinnen in stillen Stunden erzählen, was sie sich vom Begrüßungsgeld gekauft haben, nämlich neonpinke Ohrringe.
Wäre ja auch mal ein schöner Ansatz für 'ne Vereinigungsfeier, direkt am Brandenburger Tor mit David Hasselhoff, Schulterpolstern, Dauerwelle und so. Aber für so einen ironischen Ansatz ist die Tourismusindustrie eher nicht zu haben, könnte sich ja jemand auf den Schlips getreten fühlen. Also lieber gutmenschelnde Mitmachaktionen, die total positive Bilder in die Welt „da draußen“ hinausschicken.
So wie die „Geschichte mit Dominoeffekt“: Über 1000 Styropordominosteine im stattlichen Format von 2,50 mal 1 Meter werden den Mauerverlauf zwischen – na klar – Potsdamer Platz und Brandenburger Tor darstellen und eben umfallen. Total schönes Bild für Mauerfall, nicht wahr? Und das kreative Mitmachelement? Die Dominosteine wurden bemalt von Menschen wie du und ich. Da kann man sich doch wunderbar noch PR-mäßig andocken. Nicht nur das Bündnis Städtedreieck Ludwigslust-Neustadt-Glewe-Grabow, sondern zum Beispiel auch Easyjet, die Mitmacher aus ganz Europa nach Schönefeld einflogen. Dort durften sie unter fachkundiger Anleitung ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Denn wie Moritz van Dülmen, Veranstalter des Themenjahres 20 Jahre Mauerfall, richtig erkannt hat, ist die Sache nicht nur ein deutsches Fest, sondern ein „kosmopolitischer Event“. Aber natürlich gibt es auch viele andere Initiativen. Lehnen wir uns also gemütlich zurück und sehen, was noch so geboten wird.
Einen der vorderen Plätze hat sich auf jeden Fall das Westin-Grand-Hotel an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden gesichert. Hier wird nochmal die Zeit richtig zurückgedreht. Nein, kein Zwangsumtausch, keine Einreisestempel wie am Potsdamer Platz, man darf nochmal Mauerspecht sein. Wer das Arrangement „Mauerfall Berlin“ bucht, bekommt Hammer und Meißel in die Hand gedrückt, und darf am vor dem Hotel stehenden original Mauersegment so richtig drauflos hämmern. Ob die Gäste darauf hingewiesen werden, dass der letzte Mauertote im August 1990 wegen Ausführung ebenjener Tätigkeit zu beklagen war?
Auf den Geschmack gekommen? Komplette Mauersegmente kann man auch im Internet kaufen. Wie wär's mit dem Modell „Think Global“ für 4998 Euro inklusive Mehrwertsteuer? Aber Achtung: Dieses Modell gibt es nur für Selbstabholer, es wird kein Versand angeboten. Dann vielleicht doch lieber das knuffige Gipsmodell im angenäherten Maßstab 1:20 zum selber bemalen. Für 13,50 Euro erhältlich im renommierten Berliner Designshop.
Als Leinwand dann doch zu klein? Wie wäre es dann mit dem Paket „Sprayer-Workshop an der Berliner Mauer“? Gedacht als „Premium Incentive“ für verdiente Mitarbeiter, dürfen sie an der East Side Gallery entlanglaufen, um dann – wie sich das so gehört – unter fachkundiger Anleitung in der Nähe der Mauer ein wenig rumzusprayen. Fantastisch und ab 121 Euro pro Nase zu haben. Mindestteilnehmerzahl allerdings 10 Personen.
Lieber gar nicht so stofflich einbringen? Da hätten wir die Wanderboje, eine auf einen Autoanhänger geschweißte Boje nebst Laufschriftdisplay, die entlang der Sektorengrenze wandert. Um Passanten anzulocken macht sie Geräusche. Wer ernsthaft eine ganze Geschichte am futzeligen Display liest, dem kann man getrost eine Diagnose attestieren. Doch zum Glück gibt es ja die Internetseite, wo die Beiträge der einfachen Menschen alle nachlesbar sind. Die können auch eher abstrakt mit der Mauer zu tun haben. So wie die hier leider nur gekürzt wiedergegebenen Gedanken
von Jutta Höhn, die mit Mitteln der Familienaufstellung nach Bert Hellinger und im Sinne der systemischen Wiederholung erkannte, dass am Schlesischen Tor schon mal Mauern gestanden haben müssen – was ja total seltsam an Stadttoren ist. Kurzum hat sie mit Engeln und anderen Helfern Trennungs- in Liebesenergie transformiert und Yin und Yang gebeten, sich wieder zu vereinen. Am Brandenburger Tor ist übrigens ein großer Energieknoten oder so. Tipptopp.
Die Schiene gefällt Ihnen. Na dann ab zum Homöopathieversender. Da gibt's den anntifaschistischen Schutzwall als Wirkstoff. Vor allem dann geeignet, wenn man in einer feindlichen Umgebung einen Schutzwall um sich bauen will. Hilft aber irgendwie dialektisch auch gegen Asthma oder irgendwelche Perversionen. Wegen der negativen Energie und so. Wer hätte schon gedacht, wie inspirierend ursprünglich als Lagerwände für Stallmist gedachte Betonfertigteile sein können?
Alles ganz hübsch, aber gerade in Berlin sind Touristen etwas unglücklich mit der Mauerdarstellung, alles so an gefühlten Randlagen und irgendwie so ohne Thrill. Da könnten doch mal die Amerikaner übernehmen: Erst mal eine zünftige Grenzkontrolle mit Zwangsumtausch in Mitropa-Dollar, dann Schlange stehen für Muckefuck, dabei ins Gespräch kommen mit Sächsinnen („Hommwonüe“). Eigentlich sollte immer so bräunlich-grauer Schneeregen fallen und es sollten einen unauffällige Herren verfolgen. Raus kommt man dann nur mit Flucht über die Mauer im improvisierten Fesselballon mit täuschend echter Schießerei. Davor muss man den Fluchthelfern alle Mitropa-Dollars geben und auch noch die Blue Jeans.
Das müsste dann schnell gebaut werden, damit das noch Günter Schabowski eröffnen kann mit einer improvisierten Pressekonferenz („Ich denke, das ist unverzüglich, ab sofort offen“). Und im Anschluss erhält er den 1. Berliner Touristikpreis verliehen. Den könnte er aber eigentlich auch schon früher bekommen, wenn schon Friedensnobelpreise gerade hinterher geschmissen werden. Denn ehrlich gesagt, wer würde ohne dieses Event den ernsthaft im November diese nasskalt-windige Stadt besuchen?

www.mauerfall09.de/dominoaktion
www.theberlingrandhotel.de
www.berlinstory-shop.de
www.berlinomat.de
www.hirschfeld.de
www.wanderboje.de
www.helios.co.uk

Auch schön, aber im Text gar nicht erwähnt: www.mauerkleider.de

Nicolas Šustr

Dienstag, 6. Oktober 2009

Puttin' on the Ritz

Mit den Worten „Zieh Dir was Anständiges an und benimm dich“, kommentiert ein Freund die Nachricht, dass ich ein Wochenende im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz probewohnen werde. Für mich sind Luxushotels ein unbekannter Kontinent, der eher befremdlich als verheißungsvoll wirkt. Doch ich vertraue darauf, dass das Personal dort durchaus häufiger mit irgendwelchen durchgeknallten Stars konfrontiert ist, die sich auch nicht unbedingt spießbürgerlichen Verhaltens- oder Bekleidungsmustern unterwerfen. Frisch geduscht, mit frischgewaschenen Klamotten, die nicht nach Rauch stinken, begebe ich mich in die Hotellobby, eine amerikanische Art-déco-Orgie mit Messing, Marmor, geschwungener Freitreppe und Lüstern – über 14.000 Swarovski-Glaskristalle sind im Haus verbaut worden. Ich nenne meinen Namen und die sowieso schon sehr freundliche, aufmerksame Miene der Dame an der Rezeption explodiert förmlich als stünde ein seit 20 Jahren verschollener Freund vor ihr. Natürlich ohne Küsschen oder Umarmungen. Ich scheine der Dame den Tag bereits am Morgen vergoldet zu haben. „We are Ladies and Gentlemen serving Ladies and Gentlemen“, heißt es in der hoteleigenen Broschüre. Und selbstverständlich bin ich gerade der wichtigste Gentleman im Leben der Rezeptionslady.
Eine weitere Dame bringt mich auf mein Zimmer, erkundigt sich, ob ich eine gute Anreise hatte. Ich kann nichts Negatives über die U-Bahn-Anfahrt aus Friedrichshain berichten. Das wird erleichtert zur Kenntnis genommen. Das Zimmer entpuppt sich als eine Suite. Besser gesagt, eine Bellevue Suite (595 Euro/Nacht). Zunächst das kombinierte Wohn- und Arbeitszimmer mit unter Kissen kaum sichtbarer Couch, Schreibtischchen, Stuhl, Sessel, ganz vielen Lampen, irgendwelchen meinen Geschmack nicht wirklich treffenden Aquarellen und einem Monster von Flachbildfernseher, auf dessen Monitor ich herzlich begrüßt werde. Kein Obstkorb, kein Riesenblumenstrauß. Linker Hand die Gästetoilette, im Westtrakt schließlich das Schlafgemach mit zweitem Monsterflachbildfernseher, zwei stummen Dienern und einem Bett, dass drei Personen bequem Platz bieten würde. Davor dieses unklare Möbelstück zwischen Hocker, Bank und Tischchen, das immer vor solchen Betten stehen muss. Ob das jemand benutzt, und wenn ja, wofür? Natürlich auch wieder ganz viele Lampen und Lämpchen. Das weiß man ja aus Wohnmagazinen, das viele Lichtquellen der Behaglichkeit dienlich sind. Vom Bett aus gesehen linker Hand das Bad mit Toilette, Badewanne und Dusche. Seife, Duschgel und Conditioner von Bulgari. Alles in Marmor, aber kein Whirlpool. Die Dame weist mich in die Bedienung der Touchscreen-Schaltzentrale ein, wünscht mir einen schönen Aufenthalt und bittet mich, sobald ich einen Wunsch verspüre, es das Personal sofort wissen zu lassen. „Die Ritz-Carlton-Erfahrung belebt die Sinne, fördert das Wohlbefinden und erfüllt sogar die unausgesprochenen Wünsche und Bedürfnisse unserer Gäste.“
Viel Zeit habe ich nicht allein im Zimmer, bald gibt es Mittagessen. Erste Verwunderung: Telefone auf den Toiletten. Wohl für dringende Geschäfte. Es gibt Fisch in der Brasserie Desbrosses, einem der Hotelrestaurants. Normale Portion, nichts zum verhungern. Für das richtige Ambiente wurde die komplette Einrichtung einer ehemaligen südfranzösischen Brasserie inklusive Bodenfliesen hierher transferiert. Stil muss einem eben etwas wert sein. Zum Nachtisch Crème Brûlée. Portion wie ein Hauptgericht, das erste Mal richtig vollgefressen.
Dann habe ich wieder etwas Muße. Ich telefoniere rum, aber keiner meiner Freunde will an den „doofen Potsdamer Platz“ zu Besuch kommen. Ich bade mit rosa Badesalz, das Klotelefonhörerkabel ist zu kurz, um Alexis-Colby-mäßig aus der Wanne zu telefonieren. Ziehe den Frotté-Bademantel (130 Euro) an, laufe unschlüssig durch meine privaten 64 Quadratmeter. Blicke aufs Sony-Center, finde es immer noch hässlich.
Afternoon-Teatime in der Lounge. Eine Dame in asiatischem Outfit läuft mit einem Kästchen rum, in dem sich Pröbchen der einzelnen Tees zum Riechen befinden. Alle in der Runde mögen Tee. Erleichterung beim Personal. Schwenke nach kurzer Beratung von Earl Grey auf mit Kirsche aromatisierten Schwarztee um. Auf einem Tischchen stehen sechs identische Teekannen. Die meisten am Tisch haben schon vergessen, welche die mit ihrem Tee war. Kein Problem, die Dame weiß sogar, was in welcher Kanne ist. Eine Etagere mit Petit Fours wird gereicht. Unter anderem stehen Leckereien mit Wachteleiern und Tatar stehen zur Wahl. Am Ende noch etwas Süßes mit der wahrscheinlich tollsten Himbeere meines Lebens. Futtere, bis ich nicht mehr kann. Es bleibt trotzdem etwas übrig. Die Hotelmanagerin weiß übrigens auch nicht, wofür die Telefone auf den Klos gut sind, die gebe es aber in allen 5-Sterne-Hotels. Ich muss auf die Toilette, ich hatte den Eingang übersehen, werde bis zur Tür geführt. Im Herrenklo gibt es eine Bank im Waschraum, wohl aus Gleichberechtigungsgründen mit der Damentoilette, wo sich ja gerne geschminkt und unterhalten wird. Einmal-Frottéhandtücher bei den Waschbecken. Die Dame fragt, ob sie meinen Tee verdünnen soll, da er schon recht lange zieht.
Beim Rauchen vor dem Hotel treffe ich einen Bekannten, der sich als Rikschafahrer ein sommerliches Zubrot verdient. Der Geldadel ziehe das Ritz-Carlton dem Adlon vor, erfahre ich. Jemand anders erzählt, dass die Dolce&Gabbana-Designer wegen ihrer todschicken löchrigen Jeans im Adlon etwas von oben herab behandelt worden seien, bevor man sie erkannt hatte. Sie kamen dann auch ins Ritz-Carlton. Hier lasse man auch Touristen in die Lobby, die einfach mal gucken oder Erinnerungsfotos machen wollen, erklärt mir die Hotelmanagerin später.
Wieder etwas Zeit im Zimmer. Natürlich gibt es im Entertainmentmenü auch Pornos. Großteils Hetero, manchmal in vier Sprachversionen, ein paar Filmchen mit lesbischem Thema, etwas Schwulensex, SM und ein Transenfilm. Keiner arabisch synchronisiert. 17 Euro soll der Spaß kosten, den Preis der 24-Stunden-Flatrate habe ich nicht nachgeguckt. Die Kosten tauchen als "Media/Internet" auf der Rechnung auf. Eine Stunde WLAN-Internet kostet 6 Euro.
Kleine Cocktailrunde in der Hotelbar Curtain Club. Angesichts der spätsommerlichen Temperaturen zunächst eine Wodka-Orangensaft-Kreation mit Chilischote. Wirklich scharf. 40 selbst aromatisierte Wodkasorten stehen auf der Karte, dazu etwas Fingerfood. Unter anderem ein Fisch, der so ähnlich wie Thunfisch schmeckt, wahrscheinlich aber ein bisschen teurer ist. Anschließend wir zum "Dine Around" gebeten. Das bedeutet, dass man zwischen den einzelnen Gängen den Ort wechselt. Zunächst in einer richtig großen Suite, der Grand Suite, mit Blick auf den Potsdamer Platz (995 Euro/Nacht). Unter anderem gaaanz zartes Milchkalb verwöhnt meinen Gaumen. Rund 600 Euro habe ich diesen Tag verfressen. Im Regal hunderte Coffeetable-Books. Cheap Hotels einer der Titel. Wenn ein Gast eines mitnimmt, ist das kein Problem, dann kauft man eben ein neues nach. Nachtisch schließlich im Apartment im 12. Stock (285 Quadratmeter, rund 12000 Euro/Nacht). Das ist ganz modern eingerichtet, unter anderem mit Regendusche im Badezimmer, Kamin, Fitness-Gerät im begehbaren Kleiderschrank, im Badezimmerspiegel ist ein Fernseher integriert. Dank der eigenen Küche kann man hier an den Essenskosten sparen. Zwei Schlafzimmer, eines nennt sich Master Bedroom. Das andere aber nicht Slave Bedroom.
Noch ein Absacker in der Hotelbar: Eine Neukreation mit leichter Veilchennote. Sowas ist in den USA gerade der Trend. Anschließend eine Nacht mit recht existenziellen Träumen von Einsamkeit in einem sehr sehr bequemen Bett allein in einer großen Suite. Habe Mitleid mit Stars, die alleine in standesgemäßen Zimmern übernachten. Verstehe, warum sich Manager Nutten kommen lassen. Am Morgen tröste ich mich mit den vom Bett aus bedienbaren elektrischen Vorhängen. Auf. Zu. Auf. Zu.
Ein pervers großes Frühstückbüffet erwartet mich in der Brasserie. Es gibt einen Backwarenstand, wo man auch frische Crêpes bekommt, auf alle erdenklichen Arten zubereitete Eier; unter anderem das Vorbild vom EggMcMuffin, dessen Namen ich vergessen habe und das mit Sauce Hollandaise gekrönt wird, Mini-Weißwürste, alles mögliche Obst, Müsli usw. Nach einer Stunde kriege ich nichts mehr rein. Keiner meiner Freunde will mich auf dem Zimmer besuchen. Nicht mal, wenn ich Fischstäbchen mit Kartoffelbrei (11 Euro) hochkommen lassen würde. Champagner-Piccolo ist mir zu teuer (49 Euro). Einer würde kommen unter der Voraussetzung, Drogen mitzubringen und die Einrichtung zu zerstören.
Ich gehe zu meiner Massage (120 Euro) im La Prairie Spa. Das ist im Keller. Dort empfängt einen eine aus goldenen Münzen gefertigte Frauenskulptur. Geschenk eines Gastes. Beim Umziehen weiß ich nicht, ob ich die Unterhose ausziehen soll. Ich lasse sie an. Eine Stunde lang walkt die Dame meinen ganzen Körper bis in die Fingerspitzen durch. Am Ende haucht sie ein Dankeschön, als hätte ich ihr wirklich ein Riesenvergnügen bereitet. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, dass damit auf taktvolle Weise ausgedrückt werden soll, dass der Spaß vorbei ist. Ich entwickele Fantasien, dass ich erstmal gemästet, nun das Fleisch zart massiert wurde und bald der nächste Schritt folgen würde.
Niemand wartet mit dem Hackebeil in meiner Suite. Dann klingelt es, der Turndown Servicemann steht vor der Tür. Der ist dafür zuständig, die Betten schlafbereit zu machen, wie ich beim interessierten Zusehen feststelle. Abendessen auf der Terrasse vom Desbrosses. Zunächst geeistes Gurkencrèmesüppchen mit Flusskrebs, dann Thunfischcarpaccio mit Limonenvinaigrette, gefolgt von rosa Entenbrust à l'Orange, abgeschlossen mit Mascarponemousse mit marinierten Erdbeeren. Ein Traum. Zum Einschlafen studiere ich arabische Fernsehsender. Dubai und Bahrain wirken recht locker, während im Saudi-Arabischen Sender nur bärtige Männer in weißen Kaftans Koranfragen diskutieren.
Wieder Frühstück. Wieder eine Stunde durchs Sortiment fressen. Keine Chance alles zu probieren. Auch heute will niemand vorbeikommen. Freudiges Abreisefieber macht sich breit, kaufe noch Postkarten (1 Euro/Stück). Zum Abschied Flammkuchen und Champagner. Leichter Schwips. Räume noch im Bad alle Seifen und Duschgels für die Lieben daheim ab. Bügel, Handtücher und Bademäntel bleiben da, wo sie sein sollen. Bedauern über meine Abreise an der Rezeption. Gleich treffe ich Freunde zum Kaffee trinken in Kreuzberg, nachdem ich rund 2500 Euro verprasst habe. Ich freue mich richtig drauf.

Joachim Mühle - Wirt im Exil

Joachim Mühle war Wirt vom Valentin, einer bayerischen Kneipe in der Nähe vom Südstern, nun ist er Wirt im Exil.

Du bist also Wirt im Exil, wie kam es dazu?
Im Februar begannen im Haus ohne Ankündigung Bauarbeiten. Seitdem hatten wir jeden Tag Feinstaub und Baulärm. Mit dem putzen kamen wir kaum hinterher, wir mussten unser Küchenangebot einschränken. Wegen dem Schmutz konnten wir im Sommer auch nachmittags nicht mehr aufmachen. Zuletzt kam noch ein Baugerüst mit Fußgängertunnel dazu, draußen konnte also auch niemand mehr sitzen. Der Umsatz ging über die Hälfte zurück. Es ging nicht mehr.
Aber es ist etwas Neues in Aussicht, oder?
Ja, eigentlich wollte ich da auch schon drin sein. Der Laden ist sogar etwas besser geschnitten und auch einen Biergarten gibt, also ideal für ein bayerisches Lokal. Aber die Sache zieht sich, schlimmstenfalls wird es erst im April nächsten Jahres soweit sein.
Und bis dahin das Exil…
Ja, immer donnerstags ist jetzt im Agatha Valentinstag. Die Stammgäste sollen uns nicht vergessen. Die ehemalige Studentenkneipe hat dieses Jahr 35. Jubiläum gefeiert, hat in der Zeit alle Höhen und Tiefen der Veränderungen in Kreuzberg durchgemacht. Insofern passt das sehr gut zum Valentin.
Weil Du schon Rückschläge gewöhnt warst?
Allerdings. 2006, im ersten Jahr hatten wir im Haus einen Wasserdurchbruch von oben, alles ergoss sich in die Küche. Der Sommer war versaut. Wenn ich abergläubisch wäre würde ich sagen, dass das Haus unter einem schlechten Stern stand.
Aber für die Zukunft bist Du zuversichtlich?
Ja, ich habe unheimlich viele E-Mails von meinen Gästen bekommen. Auch die Abschiedsfeier war richtig gut besucht. Ich denke für Leute, die bayerische Küche und Lebensart mögen, werden wir eine Anlaufstelle bleiben. Schafkopfen kann man ja auch nicht irgendwo.
Bis dahin Valentinsabend immer donnerstags im Agatha, Kreuzberg, Jahnstr. 15, U Hermannplatz

Montag, 31. August 2009

BerlinBlock - eine Geburt

Am Rande der Stadt

Friedrichshagen ist das Tor zum Müggelsee. An heißen Tagen erinnert einen, sollte man es während der S-Bahn-Fahrt vergessen haben, spätestens das hundertfache Flitsch-Flatsch der Badewilligen und ihrer Flip-Flops im Treppenabgang. Dann liegt sie vor einem, die Bölschestraße: Breite, baumbestandene Trottoirs, gesäumt von schmucken Häusern im Kleinstadtformat, mittendrin die hier tatsächlich noch quietschende und rumpelnde Straßenbahn.
Als „Kudamm des Ostens“ wird sie von heimatbeseelten Lokalpatrioten hin und wieder bezeichnet. „Das ist einfach Quatsch“, sagt Regina Menzel von der Werbegemeinschaft Friedrichshagen etwas aufgebracht. „Wir haben hier viele kleine Geschäfte, praktisch keine Ketten“, nennt sie den wichtigsten Unterschied. Und tatsächlich, Klamotten gibt es bei Herrenmode FRED oder Indeed modern woman, für Kinder ist Rosarot trifft Himmelblau zuständig, das beste aus toten Tieren macht die Fleischerei Harmel, die Dresdner Feinbäckerei Schwadtke wird über die Bezirksgrenzen hinaus gepriesen.
„Eine in Berlin einmalige Einkaufsstraße“, preist Regina Menzel die Meile. Zurecht, wer auf kleine, individuelle Läden mit mehr bürgerlichem denn flippigem Sortiment steht, der wird auf der etwas mehr als einen Kilometer langen Flaniermeile fündig. Speziellere Wünsche befriedigen unter anderem das Seifen- und Rasierfachgeschäft Schaumschläger oder die Schokoladenfachhandlung Chocolat. Schon zu DDR-Zeiten war das Sortiment dank privat geführter Geschäfte nicht ganz so grau. Als Mitte der 80er Jahre ein Second-Hand-Laden aufmachte, strömten Kunden aus halb Ost-Berlin hierher, um dem modischen Einheitsbrei zu entkommen.
Vor bald 120 Jahren nach Friedrichshagen kam auch der Schriftsteller Wilhelm Bölsche, Namensgeber der Straße. 1890 zog er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Bruno Wille hierher, da ihnen die Großstadt Berlin „in einer Weise zum Halse raushängen anfing, dass wir es wirklich nicht mehr länger aushalten konnten.“ Hinter der Großstadt, so verortete er psychogeographisch den lauschigen Vorort. Hier konnte der Begründer der Freien Volksbühne sich seinen naturalistischen Natur- und Menschenstudien hingeben und „die schwarze Brühe der Großstadt geistig und körperlich herunterwaschen“. Viele folgten nach, der Friedrichshagener Dichterkreis zählte so illustre Mitglieder wie Felix Hollaender, Else Lasker-Schüler, Bertha von Suttner oder Frank Wedekind; auch August Strindberg war mal da. Kinder von Traurigkeit waren die Bohèmiens nicht. Vergleichbar zu heute muss der Eindruck für die Dörfler gewesen sein, als ob heutzutage Hippies oder Punker sich einquartieren würden. Ein kleines Museum im Antiquariat Brandel widmet sich dem Thema, dort erscheinen auch Schriften dazu.
Bis heute ziehen viele Künstler hierher, „obwohl die klassischen großbürgerlichen Wohnungen wie in Charlottenburg – groß, mit Stuck und hohen Decken – hier eher selten zu finden sind“, wie Sigrid Strachwitz vom Friedrichshagener Bürgerverein weiß. Sie selbst ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin und kam vor vielen Jahren wegen der „guten Mischung aus dörflich und städtisch“. Der aus dem Runden Tisch der Wendezeit hervorgegangene Verein ist sehr rührig: Da wird eine Protestkundgebung gegen Baumfällungen veranstaltet oder nach langem Kampf und Spendensammlungen die Verklinkerung der Betonsockel an der Eisenbahnbrücke durchgesetzt. Schöner ist sie dadurch wirklich geworden, leider verschwand damit auch das Anti-Nazi-Graffito, das Besucher in der Go Area willkomen hieß. Darüber gab es Verstimmungen mit der Initiative Friedrichshagen ist bunt. „Allerdings war damals schon klar, dass die Verklinkerung bald kommen würde“, sagt Strachwitz. Und: „Trotzdem reden hier alle miteinander.“
Viel zu besprechen und zu organisieren haben Sigrid Strachwitz und Regina Menzel momentan bei den Vorbereitungen für das Kunst- und Kulturfestival Dichter.dran, das dieses Jahr zum fünften Mal stattfinden wird. Es ist ein alljährliches Schaufenster der örtlichen Szene mit Lesungen, Konzerten, Vernissagen und drumherum auch vielen Aktionen für Kinder und Familien, aber „kein Straßenrummel wie das Bölschefest“, so Menzel. Natürlich ist das auch sonst besuchenswerte, in einem ehemaligen Ballsaal eingerichtete, Kino Union dabei.
Bleiben noch die Gastronomieempfehlungen. Spitzenküche zu den entsprechenden Preisen gibt es in der Spindel, viel gelobt werden auch die beiden Italiener Trattoria Tresoli und Pane Vino. Der müde Flaneur hat auch die Wahl zwischen mehreren guten Cafés. Eher ungute DDR-Erinnerungen werden am Ufer des Müggelsees wach, sei es das mürrische Personal in Schrörs Biergarten oder die sehr mediokren Kochkünste im Bräustübl von Bürgerbräu. Dort hätte schon die Speisekarte Warnung genug sein können, denn wer sich Steak au four – mit Würzfleisch überbackenes Schweinesteak – ausdenkt, muss wohl an Geschmacksverirrung leiden. Ein Spaziergang am oder ein Bad im Müggelsee trösten darüber hinweg. Für die Urschreitherapie ist der Spreetunnel ein heißer Tipp; bei dem Echo bekommt man gleich Angst vor sich selbst.


Dichter.dran findet am Wochenende 12./13. September statt, alle Infos dazu unter www.friedrichshagen.net

Rubrik: Barhocker

Frédéric im Café Stadler, Friedrichshain, Boxhagener Str. 69, Standardgetränk: Schönramer Naturtrüb

Ich fand die Vorstellung, eine Stammkneipe zu haben, schon immer spannend. Seit sechs Jahren wohne ich am Ostkreuz und vor zwei Jahren, als Andi den Laden aufgemacht hat, wurde ich endlich fündig. Die Atmosphäre im Stadler ist eine besondere und das Bier ist es auch. Andi pflegt ein reges Kulturprogramm: Klaviermusik, Jam Sessions, Vernissagen und Lesungen und schöpft dabei aus seiner langjährigen Erfahrung im Theaterbereich.
Ich selbst bin Absolvent der Bildenden Kunst und seit drei Jahren im Bereich des experimentellen Kurz- und Autorenfilms tätig. Einige meiner Kurzfilme habe ich hier erst kürzlich vorgeführt. In der Anfangszeit habe ich im Stadler ein zwei Bier getrunken und gezeichnet. Zum zeichnen komme ich inzwischen kaum noch, da ich hier mittlerweile immer Menschen treffe, mit denen ich mich unterhalte und austausche.Aus diesen Gesprächen entwickeln sich regelmäßig Zusammenarbeiten: Verknüpfungen zwischen Kunst, Film, Musik und Leben – unbezahlbar und essentiell zugleich.
Als mir einmal auf den letzten Drücker eine Schauspielerin abgesprungen ist, bin ich hierher gekommen, um ein Bier zu trinken und weiterzuarbeiten – am Ende des Abends hatte ich im Stadler unverhofft Ersatz gefunden. Ich vermisse das selbstgebackene Brot und die selbst gemachten Maultaschen, die es hier früher gab. Aber das hat sich für Andi leider nicht gerechnet. Wenn ich direkt hier im Haus wohnen würde, wäre ich wohl täglich hier, aber auch so ist das Café Stadler praktisch ein Wohnzimmerersatz für mich.

Mittwoch, 19. August 2009

BerlinBlock kommt!


Hurra, bald ist es soweit:

BerlinBlock
Das Magazin, auf das die Stadt gewartet hat

BerlinBlock ist unsere Hommage an eine der faszinierendsten und widersprüchlichsten Städte Europas: Das neue monatliche Kulturmagazin zeigt Berlin in seinen zahlreichen Facetten und aus spannenden, außergewöhnlichen Blickwinkeln. Wir schreiben fundiert und jenseits der ausgetretenen Pfade über die Stadt, über ungewöhnliche Menschen und deren Geschichten: überraschend, opulent, gut recherchiert und unabhängig von Konzerninteressen.

BerlinBlock profiliert sich mit intelligentem Lesestoff und einer ungewöhnlichen Bildsprache. Erstklassiges Layout und beste Druckqualität bieten den Rahmen für den hohen journalistischen Anspruch und erhöhen die Lesefreundlichkeit - ein Magazin aus der und für die Großstadt, kompetent, unterhaltsam, nah dran und doch mit der notwendigen Distanz.

BerlinBlock besteht aus drei Teilen:

Der ThemenBlock setzt jeden Monat auf rund 30 Seiten einen journalistischen Schwerpunkt zu unterschiedlichen Themen wie Wasser, Glück, Architektur, Sex, Winter, Verbrechen, Essen & Trinken etc. Reportagen, Essays, Berichte, Interviews und Glossen beschreiben die Großstadt aus verschiedenen Perspektiven und auf unkonventionelle Art und Weise.

Der 30-seitige FreizeitBlock beschäftigt sich mit den schönen Dingen des Lebens, wie Essen & Trinken, Sport, Mode, Kinder, Design, kurz - mit dem Leben in Berlin jenseits der Arbeit.

Interviews, Porträts und Hintergrundberichte begleiten aktuelle kulturelle Veranstaltungen im KulturBlock. Theater, Kunst, Musik, Kino, Medien und Literatur stehen auf rund 40 Seiten im Mittelpunkt, übersichtlich, kompetent und leserfreundlich aufbereitet. Zwölf Seiten TerminBlock fassen im Anhang die interessantesten kulturellen Veranstaltungen des kommenden Monats auf einen Blick zusammen.

Heike Gläser
Michael Pöppl
Chefredaktion BerlinBlock

Und mit dabei sein wird das Mumpelmonster!

Montag, 17. August 2009

Aktivieren, qualifizieren, motivieren

Junge Migranten erhalten in Schöneberg Hilfe beim Berufseinstieg

Jung, männlich, arbeitslos – gerade Männer, oder besser gesagt Jungs mit Migrationshintergrund tun sich häufig sehr schwer auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Dieser speziellen Zielgruppe widmet sich das Tandem-Projekt »Perspektive – an sich glauben«. Dabei arbeiten drei Partner zusammen, einerseits die beiden Migrantenvereine Mama Afrika e. V. und der von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion getragene Harmonie e. V., andererseits das Nachbarschaftsheim Schöneberg e. V., einer der großen Berliner Sozialträger.
Zwei Gruppen gibt es, die jeweils einen wöchentlichen Termin haben. Die beiden Zielgruppen – Aussiedler und afrikanischstämmige Jugendliche vermischten sich nicht sonderlich. »Nur einige Aussiedlerinnen kommen mal zum Treffen der Afrikaner«, sagt Markus Fleischmann vom Nachbarschaftsheim Schöneberg. Zwar seien eigentlich männliche Jugendliche von 14 bis 20 Jahren die Zielgruppe, »aber wir schicken die Mädchen natürlich nicht weg, wenn die mitmachen wollen«, erklärt Fleischmann.
Zunächst geht es darum, einen realistischen Berufswunsch zu entwickeln. »Popstar zu werden klappt eben nur ganz selten«, sagt Fleischmann. Vor allem Dienstleistungsberufe gehörten zu den erreichbaren Zielen. Daneben werden aber auch praktische Qualifizierungen angeboten. »In unserer Medienwerkstatt geben wir interessierten Jugendlichen eine Einführung in Soundtechnik«, erläutert er. Das habe einigen bereits ein kleines Zubrot ermöglicht: »Die können dann eben alles was man so braucht, wenn zum Beispiel ein Kinderchor auftritt.« Auch wurde gemeinsam mit den Jugendlichen ein Flyer entworfen, der für Dienstleistungen wie Entrümpeln wirbt.
Doch was so einfach und sinnvoll klingt – Hilfestellung auf dem Weg in den Broterwerb, ist praktisch gar nicht so leicht. »Es war und ist gar nicht so einfach, die Leute zu erreichen«, berichtet Fleischmann. Sehr wichtig sei der Kontakt zu den Eltern, doch den herzustellen sei sehr mühsam. Wohl auch deshalb, weil der Betreuer Martin Stender selbst keinen Migrationshintergrund hat. »Die Resonanz war wesentlich geringer als angenommen«, sagt Fleischmann. An mangelndem Engagement kann das eigentlich nicht liegen. Mama Afrika und Harmonie sprechen Jugendliche direkt an, das Nachbarschaftsheim sucht den Kontakt zu Schulen in der Umgebung, bittet Lehrer in den Abschlussklassen, Flyer zu verteilen und über das Angebot zu informieren. Um die Eltern besser einzubinden werden mittlerweile gemeinsame Familienabende zum Thema Berufseinstieg angeboten.
Auch die Zusammenarbeit der Vereine untereinander ist nicht immer leicht. »Eine Gleichberechtigung ist faktisch nicht möglich«, so Fleischmann. Zwei Welten prallen aufeinander: Einerseits das etablierte und an das häufig sehr bürokratielastige Zusammenspiel mit staatlichen Stellen gewöhnte Nachbarschaftsheim, andererseits die aus Verwaltungssicht wohl anarchischen Migrantenorganisationen. Doch dieses gegenseitige Kennenlernen ist durchaus Ziel des vom Berliner Integrationsbeauftragten initiierten Programms. Denn wahrscheinlich wären viele der kleinen Vereine ohne die Transmissionsriemen der großen Sozialträger gar nicht in der Lage, die komplizierten Zuwendungsformulare korrekt auszufüllen und würden wohl ganz leer ausgehen.
Die kleinen überschaubaren Projekte sind eben auch Testballons, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. »In unserem Falle haben wir eben gesehen wie schwierig es ist, die Zielgruppe zu erreichen«, resümiert Fleischmann.

Dienstag, 14. Juli 2009

Durch die soziale Ödnis

Die Blaue Karawane macht sich für die Integration Benachteiligter stark

Der Showeffekt gelingt. Das große blaue Kamel – es ist 5 Meter hoch und zwölf Meter lang – ist ein echter Blickfang. Interessiert bis amüsiert verfolgen nicht nur Touristen das Spektakel, während es in recht zügigem Tempo am Reichstag vorbeigeschoben wird. Denn auch die Demonstrantentruppe ist eher ungewöhnlich. Hauptsächlich geistig Behinderte fordern ihre Rechte ein. Es geht aber um Benachteiligte insgesamt.
»Mitbestimmung sichern und stärken«, »Gerechtes Grundeinkommen« oder auch »Mehr Freizeit, Liebe, Taschengeld« lauten die Parolen auf den Plakaten. Später sollen die Wünsche und Forderungen – unter anderem ein Mindestlohn in Behindertenwerkstätten und Stärkung der Schwachen, Selbstorganisierten und kleinen Initiativen gehören dazu – an den Bundestag übergeben werden.
Die vom Reichstag zum Brandenburger Tor und zurück führende Demo ist allerdings nur eine Etappe der Blauen Karawane 2009. Auf dem Wasser von Berlin nach Bremen mit Stationen in Brandenburg/Havel und Wolfsburg soll die Tour im Namen der Menschlichkeit führen. »Zum Glück geht es anders« lautet der Leitsatz. Integration und Selbstbestimmtheit sind das Anliegen. Der zunehmenden Entmischung der gesellschaftlichen Schichten und Lebensbereiche sollen Szenarien und Projekte entgegengesetzt werden, die durch das »Zusammenleben der Verschiedenen« geprägt sind.
Ihr Berliner Basislager hat die Karawane in Lichtenberg aufgeschlagen, direkt an der Rummelsburger Bucht. Ein kleines Zirkuszelt dient als Treffpunkt für die Mitreisenden, als Bühne und als Begegnungsstätte für interessierte Berliner. Es gibt Theateraufführungen, Diskussionen, Konzerte und Feten. »Sicherlich haben wir mit diesem Standort etwas weniger Öffentlichkeit«, räumt Ule Mägdefrau, Berliner Koordinator der Karawane ein, »dafür sind wir hier näher an den Problemen.« Schließlich solle der Sozialabbau insgesamt thematisiert werden.
Die Wirtschaftskrise treffe benachteiligte Menschen besonders, sagt Mägdefrau. So gebe es momentan »große Probleme«, das System der Behindertenwerkstätten aufrecht zu erhalten, es fehlten einfach Aufträge. »Die Leute werden immer kränker, weil sie sich anpassen«, erzählt Einzelfallhelferin Ruth, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte. »Viele meiner Betreuten nehmen Neuroleptika, um zu funktionieren«, sagt sie. »Sie haben nämlich große Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.«
Doch nicht nur den Themen, die aktuell auf den Nägeln brennen, widmet sich die Karawane, auch Geschichte wird aufgearbeitet: Am kommenden Freitag beschäftigt sich eine Veranstaltung mit der »Aktion T4«. So bezeichneten die Nazis ihre zentrale Euthanasieaktion, bei der zwischen Januar 1940 und August 1941 in Heil- und Pflegeanstalten über 70 000 Menschen umgebracht wurden.
Entwickelt hat sich das Bremer Projekt der Blauen Karawane aus der Antipsychiatriebewegung der 1970er Jahre. »Zwar hat sich die Psychiatrie verändert«, meint Mägdefrau, und viele klassische Anstalten gebe es nicht mehr, »dafür landen immer mehr psychisch Kranke in Altenheimen.« Es werde eine große Aufgabe sein, endgültig von der Wegschließlogik wegzukommen. »Eine Karawane schließt sich zusammen, um eine Ödnis zu durchqueren«, sagt er. »In unserem Falle ist es eine soziale Ödnis.«

Mittwoch, 8. Juli 2009

Energiewirt werden

Stadtgüter wollen mehr Rendite durch Ökostrom

»Windkraftanlagen werden vor Ort häufig kritisch gesehen«, sagt Peter Hecktor, Geschäftsführer der Berliner Stadtgüter. Er hat gemeinsam mit den Berliner Grünen zu einer Pressefahrt geladen. Es geht um das Engagement für regenerative Energien. Er wettert: »Strom soll aus der Steckdose kommen und Geld aus dem Bankautomaten«, so werde anscheinend in vielen Brandenburger Gemeinden gedacht. Hecktor redet sich etwas in Rage, wenn er von den teilweise zähen Fortschritten bei seinem Lieblingsprojekt spricht, der Nutzung schlecht vermarktbarer Flächen zur regenerativen Energieerzeugung. »Vom Landwirt zum Energiewirt«, lautet das Motto zur »Weiterentwicklung« der Stadtgüter.
»Einen Regionalplan Wind haben wir schon zu Fall gebracht«, berichtet er. Aus seiner Sicht unzulässigerweise sollten zu wenige Windräder genehmigt werden. »Und wenn es sein muss, werden wir auch noch gegen den nächsten klagen.« Zwar wisse man, dass man sich am Ende wohl durchsetzen werde, aber es gehe einfach viel wertvolle Zeit verloren. Und dann kann es sein, dass sich ein Projekt nicht mehr rechnet. Denn nicht nur der gesellschaftlichen Verantwortung wolle man Rechnung tragen, es geht auch um eine die »Wertschöpfung steigernde Nutzung« der Eigentumsflächen, heißt es in der Projektbroschüre.
Mit vielen Flächen wusste man nämlich bisher nicht so recht etwas anzufangen. So wie mit dem ehemaligen Militärflughafen Staaken, der direkt an der Berliner Stadtgrenze in Dallgow-Döberitz liegt. Bisher einfaches Brachland mit zwei sich kreuzenden, langsam von der Vegetation überwucherten Pisten, sollen – wenn nichts mehr schiefgeht – im September die Bauarbeiten beginnen für ein 40 Hektar großes Solarkraftwerk. Über 3500 Haushalte könnten so mit grünem Strom versorgt, 8700 Tonnen Kohlendioxidemissionen pro Jahr eingespart werden. 2010 soll die Anlage in Betrieb gehen. Wenn wie geplant weitere 10 Hektar auf einer direkt angrenzenden Berliner Fläche dazukommen, entsteht somit der erste grenzüberschreitende Berlin-Brandenburger Solarpark. Als »Aushängeschild« für die ganze Region sieht Achim Gebel von der Betreiberfirma Q.Cells International das Projekt.
Wir sind schon auf dem Weg zum nächsten Projekt, nach Norden, zum Klärwerk Wansdorf. Hier nennen die Stadtgüter ebenfalls Problemflächen ihr Eigen – ehemalige Rieselfelder. Früher dienten sie zur Klärung der Berliner Abwässer, bis 1986 landeten hier die flüssigen Hinterlassenschaften aus Spandau. Dementsprechend ist der Boden mit Schwermetallen und weiteren Schadstoffen kontaminiert. »Eine Dekontaminierung aller Flächen wäre finanziell einfach nicht machbar«, sagt Hecktor. Nahrungs- oder Futtermittel dürfen nicht angebaut werden.
Die Lösung: Eine Brennstoffplantage mit schnell wachsenden Pappeln und Weiden, die im nahegelegenen Heizkraftwerk Hennigsdorf verwertet werden sollen. Bewässert mit sogenanntem Klarwasser, also dem, was das Klärwerk nach der Reinigung verlässt. Nur »bedarfsgerecht« soll bewässert werden, erklärt Christian Sobioch von den Stadtgütern, damit sichergestellt ist, dass nichts ins Grundwasser gerät. Das ist nämlich verboten. Die Pflanzen selber nehmen praktisch keine Giftstoffe aus dem Boden auf. Aber natürlich wolle man das auch regelmäßig prüfen.
»Im Herbst wollen wir pflanzen«, sagt Sobioch. Nur noch die Genehmigung der letzten Instanz, der Oberen Wasserbehörde, steht aus. Als »wahnsinnig interessantes Projekt« mit »Modellcharakter«, um mehr Wasser in der Region zu halten, sieht es Hecktor. »Außerdem rechnet es sich für uns – ohne das geht es nicht.«
  • Seit fast 140 Jahren gibt es die Berliner Stadtgüter
  • In den Zeiten der stürmisch wachsenden Stadt wurden diese in Brandenburg gelegenen Flächen als Baulandreserve sowie für die Anlage von Rieselfeldern, den Vorläufern heutiger Klärwerke, angekauft.
  • Heute gehören den Stadtgütern rund 16 000 Hektar vornehmlich landwirtschaftliche Flächen , etwa ein Drittel davon sind ehemalige Rieselfelder
  • Ein Gutachten über die Potenziale der Windenergie und Photovoltaik ergab, dass sich so rund 775 000 Privatpersonen mit Strom versorgen ließen. 425 000 Tonnen Kohlendioxid könnten eingespart werden.

Sonntag, 5. Juli 2009

Einmal ums Ostkreuz herum

Die nächste Bauetappe macht die Station zum Bahnhof der langen Wege

2016 soll der Traum wahr sein: Das Ostkreuz ist ein moderner Umsteigeknoten für den S-Bahn- und Regionalverkehr. Alle Bahnsteige sind mit Rolltreppen und Aufzügen miteinander verbunden, Fahrgäste der Ringbahn sind vor eisigen Winterwinden und Regenschauern durch eine große Halle geschützt. Doch bis dahin ist es noch etwas Zeit.
Die Bauarbeiten schreiten – und das ist ja heutzutage bei der S-Bahn schon eine kleine Sensation – planmäßig voran. Ende August wird der erste komplett neu gebaute Bahnsteig in Betrieb genommen. Zunächst wird der künftige Regionalbahnsteig von der Ringbahn genutzt.
Ab 31. August sollen die Richtung Norden fahrenden Züge dort halten, ab 14. September auch jene Richtung Süden. An den Wochenenden vor der Umstellung müssen sich die Fahrgäste auf Pendel- und Schienenersatzverkehr einstellen. »Wir empfehlen auch weiträumige Umfahrungen, zum Beispiel mit der Straßenbahnlinie M 17«, sagt Lutz Zschage, bei der S-Bahn-Berlin für Sonder- und Bauverkehre zuständig.
»Es werden erschwerte Umsteigebedingungen auf die S-Bahn-Kunden zukommen«, sagt Projektleiter Mario Wand. Ringbahn-Umsteiger müssen dann »quasi um den Bahnhof herumlaufen«, erklärt er. Bis zu zehn Minuten könne die Umsteigezeit betragen. Denn: »An den Punkten, wo künftig die Rolltreppen oder Aufzüge sein werden, haben wir bisher keine Baufreiheit.« Dafür müsse erstmal der alte Ringbahnsteig verschwinden. Bis dahin sollten Fahrgäste auch nach Alternativen suchen, die nicht unbedingt schneller, aber bequemer seien.
Auch die direkte S-Bahnverbindung von der Stadtbahn zum Flughafen Schönefeld wird ein Opfer des Ostkreuz-Umbaus. Ab 28. August fährt die S 9 vom Flughafen über Ostkreuz bis nach Blankenburg. Die bisher genutzte Südkurve steht den Bauarbeiten im Weg. Eine leichte Verbesserung für Fahrgäste aus Schönefeld ist die Verlängerung der S 45 bis zum Bahnhof Südkreuz, doch verkehrt diese Linie nicht durchgehend.
Freuen können sich die Anwohner der S 3: Alle 20 Minuten wird künftig ein Zug der Linie bis Spandau fahren, der Umstieg am Ostbahnhof entfällt. Allerdings wird dann von Ende 2010 bis 2014 die S3 bereits am Ostkreuz enden.
Endlich ist auch klar, dass der Ringbahnsteig eine Halle bekommen wird: Die Kosten von rund zwölf Millionen Euro werden sich Bund, Land und DB teilen, die Auftragsvergabe ist inzwischen erfolgt.
Die lärmgeplagten Nachbarn werden in Zukunft ein wenig aufatmen können. So hat die Bahn inzwischen die Eigentümer von 152 Wohnungen wegen eines vorgezogenen Einbaus von Schallschutzfenstern kontaktiert. Die bestehende Lärmschutzwand in der Türrschmidtstraße wird derzeit um 60 Meter verlängert. »Die mobilen Lärmschutzwände haben im Vergleich nur im Promillebereich besser abgeschnitten«, berichtet Wand. Die klassische, sechs Meter hohe Holzkonstruktion bringe bei den Betroffenen eine Lärmreduzierung um zwei bis zwölf Dezibel. »Auf diese Weise gelingt es uns, die Anspruchsberechtigten für Hotelübernachtungen zu reduzieren«, meint Wand. Und so werden nicht nur die Fahrgäste noch viel Langmut aufbringen müssen, bis das Ostkreuz irgendwann endlich fertig ist.

Samstag, 4. Juli 2009

Vom Minimum absparen

Viele Hartz IV-Betroffene zahlen mehr Miete als die Jobcenter erstatten

Vier von zehn Hartz-IV-Beziehern zahlen mehr für ihre Wohnung, als sie laut Senat dürfen. Zu diesem Schluss kommt das Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise e. V. (BALZ) nach Auswertung einer Umfrage unter 565 Betroffenen, die dieses Jahr das Beratungsmobil der Wohlfahrtsverbände aufgesucht haben.
Unter dem Motto »Irren ist amtlich – Beratung kann helfen« stand der Bus jeweils zwei Tage vor den zwölf Berliner Jobcentern. Dem Thema Mieten widmeten sich die Verbände dieses Jahr besonders, weil sie schwerere Zeiten auf die Betroffenen zukommen sehen. »Bis März galt eine Berliner Sonderregelung, die bei der Höhe der übernommenen Miete eine Schonfrist von einem Jahr vorsah«, begründet Frank Steger vom BALZ die Sorgen: »Sie wurde auf Druck von Bundes- und Landesrechnungshof abgeschafft.«
Bedürftigen Arbeitssuchenden und ihren Angehörigen werden die Kosten für Unterkunft und Heizung erstattet, soweit sie angemessen sind. Maßgebend dafür sind die vom Senat erlassenen »Ausführungsvorschriften Wohnen« (AV Wohnen). Ein Singlehaushalt darf bis zu 378 Euro für die Warmmiete ausgeben, für zwei, drei und vier Personen liegen die Richtwerte bei 444, 542 und 619 Euro. Nur in besonders begründeten Fällen werden Mehrkosten übernommen. Rund 30 Prozent aller Befragten müssen selbst drauflegen.
Entgegen den Erwartungen liegen vor allem bei Mehrpersonenhaushalten die Wohnkosten über den Richtwerten. »Das könnte daran liegen, dass die Werte für Single-Haushalte Ende letzten Jahres angehoben wurden«, vermutet Steger. Ansonsten habe es keine Anpassung an die Mietentwicklung gegeben, obwohl laut Berliner Mieterverein die Netto-Kaltmieten im Wohnungsbestand um durchschnittlich 9 bis 12 Prozent und die Preise für Öl und Gas seit 2003 um über ein Drittel gestiegen sind.
Mehr als jede fünfte Bedarfsgemeinschaft ist der Umfrage zufolge bereits aufgefordert worden, die Wohnkosten zu senken. Rund 60 Prozent von ihnen ist das nicht gelungen, über ein Viertel konnte umziehen. Mehr als jeder Zweite der betroffenen Haushalte muss die Regelleistung antasten, um die Finanzierungslücke zu schließen. »Wer 20 bis 30 Euro über den Richtwerten liegt, spart sich die Wohnung lieber vom Munde ab, als dass er sie verlässt«, so Frank Steger.
»Dabei ist Hartz IV das definierte soziokulturelle Existenzminimum. Da darf nichts wegkommen«, empört sich Rainer Krebs vom Diakonischen Werk. »Wir halten den Richtwert und die AV Wohnen sowieso für rechtswidrig«, sagt Krebs. Die Vision, differenzierte Entscheidungen zur Verwaltungsvereinfachung durch Pauschalen zu ersetzen, sei zwar »nachvollziehbar, aber nicht mit geltendem Recht vereinbar«. Es gelte nunmal der Grundsatz, dass der Einzelfall zu prüfen sei. Zumal der Senat nie erklärt habe, wie er auf die Zahlen gekommen ist.
Das Recht auf Einzelfallprüfung kann häufig erst vor Gericht erstritten werden. Sozialberater Markus Wahle belegt dies mit einem Fall aus dem Jahr 2007: »Damals konnte ein Hartz IV-Empfänger wegen besonderer persönlicher Umstände durchsetzen, dass das Jobcenter 428 Euro Miete übernehmen muss.«
Nicht nur in diesem Punkt, sondern insgesamt gibt es nach wie vor viele Probleme bei der Durchführung der Hartz-IV-Regelungen. Die weiterhin große Rechtsunsicherheit und die sich deswegen laufend ändernden Vorschriften sind nach Frank Regers Ansicht das größte Manko: »Da können auch dem bestgeschulten Bearbeiter Fehler unterlaufen.« »In der Praxis ist der Hartz IV-Empfänger einem undurchschaubaren Konglomerat ausgeliefert«, resümiert Rainer Krebs seine Erfahrungen.

Dienstag, 30. Juni 2009

Fördern ohne Therapeuten?

Pankow will die Betreuerstellen an den Sonderschulen streichen

Pankow ist mittendrin in den Haushaltsberatungen für 2010/11. Ginge es nach dem Eckwertebeschluss, einer Zwischenstufe auf dem Weg zu dem von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu beschließenden Haushalt, stünden ab kommendem Jahr die Pankower Förderschulen ohne Therapeuten da.
»Schulen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt« nennen sie sich offiziell und dementsprechend sperrig. Die Schulen sollen Kindern mit geistiger oder körperlicher Behinderung ein ihren Bedürfnissen angemessenes Lernumfeld bieten und ihnen so einen Schulabschluss ermöglichen. Noch unterstützen die Therapeuten in enger Zusammenarbeit mit den Lehrern die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.
In Zukunft sollen dem Haushaltsentwurf zufolge die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) diese Aufgabe extern übernehmen. Dagegen wendet sich eine Resolution der Elternvertreter der betroffenen Pankower Schulen, die inzwischen auch von Elternvertretern Berliner Förderschulen aus anderen Bezirken unterstützt wird. »Damit würde ein gut funktionierendes System ausgehebelt«, sagt Severin Höhmann, dessen Kind die Helene-Haeusler-Schule besucht. »Von 8 bis 15 Uhr geht die Schule, was bedeutet, dass die Schüler von 6 bis 17 Uhr auf den Beinen sind«, rechnet er vor.
»Ein Großteil der Schüler steht so einen Schultag nicht ohne therapeutische Unterstützung durch«, erklärt er. Zumal es im Zweifelsfall entscheidend sei, dass der Therapeut schnell da ist. Denn durch die Überforderung könnten die Kinder auch aggressiv werden. Als »Bankrotterklärung der Politik an ein integratives Schulsystem« bezeichnen die Elternvertreter in ihrer Resolution die vorgesehene Stellenstreichung. Auch könne nicht nachvollzogen werden, dass ein solcher Vorschlag ernsthaft diskutiert und zugleich Bildung als wichtigstes Zukunftsthema benannt werde. Die »unauffälligen« Sparpotenziale in Pankow seien ausgereizt, formuliert Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales, Schule und Sport. Ihre Kolleginnen und Kollegen im Bezirksamt hätten die selben Probleme, die geforderten Einsparsummen zu erbringen. Sie werde sich jedoch dafür einsetzen, dass dieser Vorschlag nicht umgesetzt werden müsse. Zumal sie aus ihrer eigenen Berufstätigkeit sehr wohl einzuschätzen wisse, »was die Therapeuten in den Schulen tun und welchen Stellenwert ihre Arbeit dort hat.« Mehr sei zu diesem Thema hier und heute nicht zu sagen, hieß es in einer Mitteilung.
»Ich unterstütze den Protest der Eltern«, sagt der Landesbeauftragte für Behinderte, Martin Marquard. Er sei »sehr überrascht« über den Schritt eines einzelnen Bezirks. Es sei eine bereits lange geführte Diskussion, aber »eigentlich war meine letzte Information, dass man die Therapeuten halten will«. Seit längerer Zeit sei bereits die Veröffentlichung eines Berichts über integrative Schulen überfällig. Er habe einen Brief zu der Thematik an Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff versandt.
Die »Verquickung von Zuständigkeiten« von Gesundheits- und Schulamt sieht Elternvertreter Höhmann als eines der Probleme bei der Finanzierung der Förderschulen an. Beim aktuellen Einsparvorhaben beruft sich der Leiter des Pankower Gesundheitsamtes, das die Therapeutenstellen finanziert, auf eine Formulierung im Gesundheitsdienstreformgesetz: Zu den Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes zählt die ambulante therapeutische Versorgung behinderter und schwer behinderter Kinder und Jugendlicher insbesondere im Schulbereich, »soweit diese nicht anders gewährleistet wird«.
Doch anders als in der bisherigen Form sieht Höhmann die Versorgung im Gegensatz zum Bezirk nicht gewährleistet. Als »unverhohlenen Versuch, zulasten von Kindern mit Behinderungen die Sanierung des Bezirkshaushaltes zu betreiben«, bezeichnen die Elternvertreter die Pläne. »Eltern in anderen Bezirken haben Angst, dass das Schule macht, wenn Pankow damit durchkommt«, sagt Höhmann.

Jüdische Geschichte per Kopfhörer

Ein Audioguide für Mitte soll Jugendliche für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren

27 Hörstationen mit insgesamt 160 Minuten Spielzeit. Das ist das Ergebnis der mehrjährigen Planungs- und Produktionsphase von »Hörpol«, einem kostenlosem Audioguide für Jugendliche durch Mitte. Auf der Basis von Ereignissen aus der Zeit nationalsozialistischer Judenverfolgung wird häufig der Bogen gespannt zu heutigem Rassismus.
Die Idee dazu hatte Initiator Hans Ferenz vor sieben Jahren. »Ich suchte nach einer Möglichkeit, Jugendliche, die sich nicht so besonders dafür interessieren, an die jüdische Geschichte heranzuführen«, erzählt Ferenz. Erst die massenhafte Verbreitung von MP3-Playern habe dieses Projekt in der heutigen Form ermöglicht. Denn kosten sollte das Ganze nichts für die jungen Menschen.
Besonders wichtig war die jugendgerechte Aufbereitung. »Es gab spannende Themen an Autokreuzungen, wo ich aber keine halbe Minute bleiben wollte«, sagt Ferenz. So etwas habe er dann gestrichen. Es gebe auch keinen vorgeschriebenen Weg. Alle Stationen ließen sich sowieso nicht an einem Tag anhören oder erlaufen. Für zehn Orte rechnen die Initiatoren mit rund zwei Stunden Zeit. Wichtig sei, dass Hörpol nur vor Ort seine Wirkung entfalte.
Viele namhafte Mitstreiter konnten für die aufwendige Produktion gewonnen werden. So erzählt Axel Prahl im Stile einer hintergründigen und humorvollen Radio-Show über den jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm, dessen Erfindung den multikulturellen Alltag der Jugendlichen bis heute lebhaft bereichert. Weitere Prominente haben ebenfalls mitgemacht, darunter Rufus Beck, Martin Buchholz und Klaus Kordon; Berliner Bands lieferten den Sound.
Aufklärung über aktuelle Strategien Rechtsradikaler leistet die Hörstation »Party«: Sie berichtet über die Rechtsrock-Gruppe »Nordfront«, die den bekannten Hit »Live is Life« mit neuem Text als »Wir grüßen Heil!« veröffentlichte.
Sehr bedrückend sind die vergleichenden Berichte über die Demütigung von Juden durch Anpinkeln aus dem Jahr 1941 und die erschreckenden Parallelen zu heute – unter anderem den Mord an Marinus Schöberl in Potzlow 2002 thematisierend.
»Unser Audioguide ist dafür da, ein erstes Bauchgefühl zu geben«, sagt Hans Ferenz. Mitte biete als Szenegegend, die für Jugendliche wegen der Cafés und Geschäfte interessant sei, eine gute Möglichkeit, Alltag und Geschichte miteinander zu verknüpfen. Weiterführende Unterrichtsmaterialien wurden in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) entwickelt.
Andreas Nachama von der Stiftung Topopgraphie des Terrors zeigt sich sehr beeindruckt von den beschrittenen neuen Wegen, »um eine neue Generation an das komplexe Thema des Holocaust heranzuführen«. Bildungsstaatssekretärin Claudia Zinke wünscht sich »viele wissbegierige Nutzer«. Dem scheint mit der attraktiven Gestaltung der Internetseite und der einfachen Bedienung nichts entgegenzustehen.

www.hoerpol.de

Dienstag, 23. Juni 2009

Singen für die Tafel

Die Crème der Berliner Musiker ist am 19. Juli in der Spandauer Zitadelle zu sehen

»Noch schöner als Live Aid« soll es werden, das Benefizkonzert für die Berliner Tafel, das am 19. Juli in der Spandauer Zitadelle stattfinden soll. Das versprechen zumindest die vor Superlativen nur so strotzenden Flyer. Alles natürlich mit einem Augenzwinkern, aber trotzdem liest sich die Liste der auftretenden Musiker wie ein Who is Who der aktuellen Berliner Musikszene: Unter anderem Bela B., Michael Hirte, K.I.Z., Sido, Peter Fox und T. Raumschmiere sind dabei.
Die Idee hatten Icke & Er, zwei nach eigenen Angaben aus Spandau stammende Hiphopper, die vor drei Jahren mit ihrem im Internet veröffentlichten Lied »Richtig geil« bekannt wurden. Gleich zu Beginn holten sie sich ihren »ehemaligen Spandauer Nachbarn«, den Ärzte-Sänger Bela B. ins Boot.
Sabine Werth von der Berliner Tafel hofft, von dem Erlös »möglichst viele neue Lieferfahrzeuge« bezahlen zu können. Der Großteil des aktuellen Fuhrparks wird nämlich ab kommendem Jahr nicht mehr im Gebiet der Umweltzone fahren dürfen. Damit würde die Tafel, die überschüssige Lebensmittel bei Händlern abholt und an Bedürftige verteilt, praktisch handlungsunfähig werden. »Aber natürlich ist das auch insgesamt positiv für unser Image und die Aufmerksamkeit, die wir bekommen«, sagt sie. »Einmal das große Amüsement und dann das Geld, was wir einer guten Sache zuführen«, beschreibt Icke seine Motivation, die Veranstaltung auf die Beine zu stellen.
»Charity ist doch Quatsch« sei bei vielen der auftretenden Künstler die erste Reaktion gewesen, erzählt Icke. Die meisten hätten aber fünf Minuten später zurückgerufen und zugesagt, natürlich ohne Gage. »Vielleicht weil wir wirklich nicht im Verdacht stehen, eigentlich nur Promo für eine neue CD machen zu wollen«, vermutet er. Schließlich haben Icke & Er ihre beginnende Karriere nach 18 Monaten im letzten Jahr beendet. Sie wollten sich nach eigener Angabe nicht in das Hamsterrad der Musikindustrie drücken lassen.
»Wir sind gegen die Hartz-Gesetze, zumindest zu den Sätzen« lautet Ickes einziges politisches Statement. Vielleicht soll ja nicht der Schirmherr, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), mit zu viel Kritik vergrault werden. Immerhin haben ALG-II-Empfänger nicht nur indirekt über die Berliner Tafel etwas von der großen Spendengala, denn sie erhalten gegen Vorlage des Berlin-Passes auch einen auf 5 Euro ermäßigten Eintritt.
»Die ganzen Leute, die wir auf den Plakaten zu stehen haben, werden nicht nur Purzelbaum auf der Bühne machen«, verspricht Icke. Man könne sich auf ganz außergewöhnliche Auftritte freuen. »Vielleicht werden ja Leute gemeinsame Songs präsentieren, die bisher noch nicht öffentlich performt wurden«, deutet er an. Sehenswert wird auf jeden Fall der Auftritt von »The Schreck Pistols« werden, transvestitischer Alter Ego der Hamburger Hiphopper von Fettes Brot. Auch die Publikumsbeteiligung im Vorfeld kommt nicht zu kurz: Auf der Internetseite zur Veranstaltung kann man angeben, warum es einem persönlich schlecht geht – alles Material für den Song »Schlimma jeht imma«.
Neben dem Eintritt – 28 Euro kosten die Karten – werden auch noch viele weitere Einnahmequellen für die Tafel erschlossen: Per SMS kann gespendet werden, natürlich gibt es auch ein Spendenkonto und die Getränke werden in extra bedruckten Bechern ausgeschenkt. »Die sollen so schön sein, dass niemand das Pfand zurückhaben will«, erzählt Icke, das habe ihm die Brauerei zumindest versprochen.
Aus Aberglaube wolle er sich aber auf keinen Fall auf eine bestimmte Mindestsumme festlegen, die zusammenkommen soll. Und auch, ob es nächstes Jahr eine Neuauflage geben soll, will er nicht sagen, aber: »Wenn das ein richtiger Kracher wird – wovon ich ausgehe – hätten wir 2010 natürlich viel mehr Vorlauf.« Allzu hypothetisch klingt das allerdings nicht.
www.einhartzfuerberlin.de

Mittwoch, 17. Juni 2009

Lichtenberger rechnen mit

Seit fünf Jahren dürfen die Bürger im Bezirk über den Haushalt mitbestimmen

»Wir rechnen mit Ihnen.« Das ist das Motto, unter dem der Bezirk Lichtenberg seine Bürger freundlich auffordert, bei den Haushaltsplanungen mitzureden. Es sind vor allem viele kleine Dinge, die sich die Bürger wünschen.

Da geht es beispielsweise um zusätzliche Bänke an der Frankfurter Allee im Haushaltsansatz für 2010. Einer der einfachsten Wünsche, die Flächen gehören dem Tiefbauamt, jede Bank kostet 2000 Euro. Oder der Antrag, die Förderung sozialpädagogischer Ferienfahrten zu erhöhen, um auch Kindern ärmerer Familien eine Teilnahme zu ermöglichen. Nun soll der Zuschuss auf 20 Euro pro Tag verdoppelt werden. Allerdings soll in Zukunft die Bedürftigkeit standardisiert überprüft werden.
Die Bürger dürfen über die sogenannten »steuerbaren Ausgaben« abstimmen, also jenen Teil des Etats, der nicht durch gesetzliche Verpflichtungen oder ähnliches vorgegeben ist – rund 31 Millionen Euro jährlich. Die stehen für Kultureinrichtungen, die Musikschule, die VHS, Sportförderung und Seniorenprogramme, Jugendarbeit und Gesundheitsförderung, die Grünflächenpflege sowie die Wirtschaftsförderung zur Verfügung.
»So weit es möglich war, die Ausgaben auf die 13 Ortsteile herunterzubrechen, haben wir das getan«, sagt Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (LINKE). Denn die Abstimmung darüber, welche Projekte von der Bevölkerung als prioritär angesehen werden, erfolgt in jedem Ortsteil einzeln. Schließlich wissen die Menschen vor Ort meist am besten Bescheid.
Viele Dinge liegen jedoch nicht so einfach. Unklare oder fehlende Zuständigkeiten oder ungewisse Kosten gehören dazu. »Keiner der Vorschläge ist jedoch verloren«, versichert Christina Emmrich. »Wir leiten die Anregungen dann an die entsprechenden Stellen weiter oder suchen alternative Finanzierungsmöglichkeiten«, führt sie aus. So konnten für einen Kiezgarten für Kinder und Jugendliche Mittel aus dem Programm Stadtumbau Ost akquiriert werden.
Ein in verschiedenen Ortsteilen geäußerter Wunsch – die Einrichtung eines Kiezfonds für kleinere ungeplante Ausgaben – wird 2011 bezirksweit umgesetzt. Jeweils 5000 Euro wird es geben, zum Beispiel für Anschaffungen wie Werkzeug und Materialien, damit Anwohner Parkbänke in Schuss halten können
Um den wirklichen Bürgerwillen zu ermitteln, treibt der Bezirk einen hohen Aufwand. Vorschläge können auf drei Wegen eingereicht werden: Als Brief, per Internetformular oder persönlich bei den Stadtteilkonferenzen. Bei der anschließenden Abstimmung über die Priorität der einzelnen Projekte wird es dieses Jahr Neuerungen geben: Einen einheitlichen Termin und möglichst zentrale und stark frequentierten Abstimmungslokale, in den Siedlungen zum Beispiel in Einkaufszentren. »Wir möchten, dass nicht nur die Nutzer der soziokulturellen Zentren erreicht werden«, sagt Emmrich. Denn in drei Ortsteilen erhielt 2008 keiner der Vorschläge die Mindeststimmenzahl. Grund waren vor allem die niedrigen Teilnehmerzahlen. »15 bis 20 Prozent mehr Beteiligte jedes Jahr«, wünscht sich Emmrich. Die diesjährige Umstellung auf einen einheitlichen Abstimmungstag sei ein wichtiger Schritt in die Richtung.
Beim Haushalt 2006 konnten die Lichtenberger erstmals mitreden, diesen September laufen die Konsultationen für das Jahr 2011 an. Die Idee stammt ursprünglich aus dem brasilianischen Porto Alegre. Um die Partizipation gerade ärmerer Bevölkerungsschichten zu fördern, eine größere Ausgabentransparenz zu erreichen, die Korruption zu reduzieren und letztendlich das Geld dort zu investieren, wo es am dringendsten gebraucht wird, wurde dieses basisdemokratische Modell gewählt. Es gilt als Erfolg.
»Wir brauchen das Engagement der Lichtenbergerinnen und Lichtenberger, wir wollen, dass sie sich einmischen und darüber bestimmen, wie sich ihr Kiez verändert«, sagt die Bezirksbürgermeisterin und verweist auf das nächste Projekt, die am 2. Juli stattfindende Gemeinwesenkonferenz. Sie soll Lichtenberg weiter auf dem Weg zur Bürgerkommune voranbringen.
  • Rund 4000 Einwohner nahmen aktiv an den Beratungen über den Haushalt 2010 teil, die Hälfte davon im Internet.
  • Am 15. Oktober wird in den 13 Ortsteilen über die Priorität der Projekte abgestimmt. Jeder Teilnehmer hat 5 Punkte, die er beliebig auf die Projekte verteilen kann.
  • Die fünf Projekte pro Ortsteil mit der höchsten Punktanzahl, jedoch mindestens 25 Punkten kommen weiter. Zusätzlich werden noch die Top 10 aus der separaten Internetabstimmung ermittelt. Das ergibt dann eine Höchstzahl von insgesamt 75 Projekten.
  • Anschließend stimmen 25 000 zufällig ausgewählte Haushalte per Briefwahl über diese zwei Listen ab.
  • Endgültig wird der Haushalt von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen.

Dienstag, 16. Juni 2009

Wissen, wann Wasser angesagt ist

Aktionswoche soll verantwortungsbewussten Alkoholkonsum fördern

»Wir möchten, dass die Menschen ihren eigenen Alkoholkonsum ansehen«, sagte Christine Köhler-Azara, Drogenbeauftragte des Landes Berlin gestern im Roten Rathaus zur Eröffnung des Forums Drogenpolitik unter dem Motto »Alkohol – in aller Munde?!«

Denn der Alkoholkonsum in Deutschland ist trotz seit Jahren sinkender Mengen immer noch zu hoch: 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig, 9,5 Millionen haben einen riskanten Konsum. In diese Gruppe fallen Frauen bereits, wenn sie an mehr als fünf Tagen in der Woche mehr als ein kleines Bier oder ein halbes Glas Wein trinken, Männer dürfen doppelt so viel trinken.
Doch nicht nur wissenschaftlich widmet man sich in Berlin dieser Tage dem Thema »Verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol«. Jugendliche und Eltern können sich noch bis Sonntag bei vielen Aktionen intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Im Rahmen der zweiten bundesweiten Aktionswoche Alkohol. »Alkohol – kenn Dein Limit«, ist sie überschrieben.
Über 100 verschiedene Veranstaltungen in allen Berliner Bezirken – Theaterstücke, Musicals, Workshops, alkoholfreie Partys, Kochkurse, Cocktailschulungen und natürlich auch viele Beratungsangebote – sollen unterhalten und aufklären. Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. freut sich über das große Engagement, welches die vielen Partner gezeigt haben.
»Das Thema bedarf einer breiten Diskussion«, fordert Bartsch. Auch dürfe die große Aufmerksamkeit, die rauschtrinkende Kinder und Jugendliche in den Medien auf sich ziehen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch geringe Mengen Alkohol schädlich seien. Als problematisch sieht sie die Süße in Alkopops und Biermixgetränken an. Der so übertünchte Alkoholgeschmack mache diese erst für Kinder trinkbar.
»Es ist nach wie vor ein dickes Brett, das wir hier bohren müssen«, macht sich Christine Köhler-Azara keine Illusionen. Von 2000 bis 2007 habe sich die Zahl der wegen Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingelieferten 10- bis 19-Jährigen von 156 auf 335 mehr als verdoppelt. Um diese Betroffenen kümmert sich das Projekt »NachHaLT«. Meist noch am Krankenbett führen die Mitarbeiter ein Gespräch mit ihnen und bei Bedarf auch mit den Eltern.
»Alkohol, den Kinder und Jugendliche trinken, geht vorher meist durch Erwachsenenhände«, sagt Gabriele Bartsch. »Pädagogik reicht nicht, die Politik muss auch einen Beitrag leisten«, betont sie und fordert eine höhere Alkoholbesteuerung und ein Ende der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit.
»Man darf nicht immer nur die Statistiken sehen. Jedes einzelne Kind, das in einer alkoholkranken Familie aufwächst, ist ein Schicksal«, meint Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Sie wünscht sich einen generellen Verhaltenswandel: »Wenn jemand regungslos mit Speichelfäden aus dem Mund herumliegt, darf das nicht normal sein!«

Alle Veranstaltungen unter: www.aktionswoche-alkohol.de

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mit der S1 nach Kleinmachnow

Eine neue Studie empfiehlt, die Stammbahn als S-Bahn zu reaktivieren

Nun soll es also eine S-Bahn sein, die den fast 30jährigen Dornröschenschlaf der Stammbahn beendet. Dies empfiehlt zumindest eine gestern vorgestellte Studie zu den Perspektiven der schon lange stillgelegten Eisenbahnlinie, die einst Zehlendorf und Potsdam schnurgerade verbunden hat.
Den Auftrag erteilten nicht die eigentlich dafür zuständigen Länder Berlin und Brandenburg, sondern der Bezirk Steglitz-Zehlendorf gemeinsam mit der Gemeinde Kleinmachnow und dem Europarc Dreilinden, eine Privatfirma, die den direkt an der Strecke liegenden Gewerbepark betreibt.
Auslöser war das negative Ergebnis einer 2008 veröffentlichten Untersuchung zur Wiederinbetriebnahme als Regionalbahnlinie. Ob es an zu wenig Fahrgastpotenzial, zu hoch angesetzten Kosten oder fehlerhaften Untersuchungsmethoden lag, darüber wird seitdem gestritten.
Die neue Studie baut darauf, die Strecke als Abzweig der S 1 in Betrieb zu nehmen. Dabei wurde das Projekt wesentlich abgespeckt. So führt die untersuchte Linie nur bis zum Gelände des Europarcs und nicht weiter nach Griebnitzsee. Auch soll die gesamte Strecke eingleisig sein, und Straßenkreuzungen werden nicht überbrückt oder untertunnelt, sondern als Bahnübergang ausgeführt. Eine Ausnahme soll die Querung der A 115 bilden: Über die Autobahn ist eine Eisenbahnbrücke geplant.
»Ich finde es allein schon aus politischer Sicht wichtig, dass dieser Lückenschluss endlich erfolgt«, sagt Uwe Stäglin (SPD), Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf. »Wir haben ein Parkplatzproblem«, erläutert Jacky Starck, Geschäftsführer des Europarc Dreilinden, seine Motivation für einen neuerlichen Vorstoß. Trotz der in Kleinmachnow eher peripheren Lage der Bahnlinie hält der Kleinmachnower Bürgermeister Michael Grubert (SPD) die Strecke für eine Möglichkeit, den aufstrebenden Ort »als Gewerbestandort attraktiver zu machen.«
Im 20-Minuten-Takt sollen die vom Potsdamer Platz kommenden und bisher in Zehlendorf endenden Verstärkerzüge der S 1 die etwas mehr als vier Kilometer lange Strecke befahren, täglich zwischen 4 Uhr morgens und 1 Uhr nachts. Zwei zusätzliche Halte, Zehlendorf Süd und Düppel-Kleinmachnow, sind neben dem Endbahnhof Kleinmachnow/Dreilinden vorgesehen.
Die Kosten für den Bau inklusive Zuschlag für Unvorhergesehenes (dazu gehört auch der eventuell wegen Anwohnerprotesten notwendige Bau von Schallschutzwänden) und die Beschaffung eines zusätzlichen S-Bahnzuges sollen bei rund 35,5 Millionen Euro liegen, je nach Streckenabschnitt werden 3380 bis 7900 Fahrgäste pro Tag erwartet. Damit ergäbe sich ein Kosten-Nutzen-Faktor von etwa 1. Ab da sind Zuschüsse von Bund und Land möglich. Deutlich höher wären Fahrgastzahlen und Nutzen, wenn an der Endstation noch ein Park&Ride-Platz gebaut wird.
»Wir hoffen, dass die Studie beim neuen Stadtentwicklungsplan Verkehr Berücksichtigung findet«, sagt Uwe Stäglin. Bisher hat der Senat nämlich dem Projekt die kalte Schulter gezeigt. Und: »Ich will hier keine neue Autobahndebatte lostreten, aber eine Ausgewogenheit von Straßen- und Schieneninvestitionen ist notwendig.«

Sparen die Opern die Werkstätten kaputt?

Ver.di fürchtet um 50 Arbeitsplätze beim zentralen Bühnenservice

Die Berliner Opernstiftung steht mal wieder im Fokus. Beim Bühnenservice, dem hauseigenen Dienstleister für alles rund um Kostüm und Bühnenbild, hat sich ein neues Finanzloch aufgetan. 1,5 Millionen Euro sollen fehlen in der Finanzplanung 2010/11, sagt ver.di. Und weil die Mitarbeiter sich Sorgen um ihre Jobs machen, lud die Gewerkschaft zur Pressekonferenz.
50 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, rechnet Sabine Schöneburg von ver.di vor. »Das wäre ein Viertel unserer Mitarbeiter«, verdeutlicht Toni Winter, Leiterin der Hutmacherwerkstatt in der Französischen Straße, die Dimension. »Damit könnten wir unsere Arbeit insgesamt nicht mehr machen.«
Das Grundproblem ist nach Ansicht der Mitarbeiter, dass der Bühnenservice überhaupt keinen eigenen Etat hat und somit zwingend auf die Ausstattungsaufträge der Berliner Opern angewiesen ist. Die sind wiederum verpflichtet, beim stiftungseigenen Betrieb zu bestellen.
Doch einerseits schnurrt allein bei der Deutschen Oper die Zahl der Premieren auf nur noch vier im Jahr zusammen, andererseits lässt die Staatsoper das Bühnenbild für den Ring komplett in Mailand fertigen. »Das ist zwar eine Koproduktion, aber man hätte die Arbeit auch teilen können«, sagt Toni Winter. »Es gibt keine Sanktionen, wenn die Häuser nicht bei uns bestellen«, beklagt sie.
Dr. Axel Staisch, stellvertretender Generaldirektor der Opernstiftung sieht die Sache ganz anders: »Es gibt keine 50 Arbeitsplätze, die in Gefahr sind.« Und er sagt: »Es gibt die 1,5 Millionen Euro Deckungslücke nicht mehr.« Das habe zwar vor drei, vier Wochen noch anders ausgesehen, aber so etwas sei ja normal in der Planung. Er sei ein bisschen verärgert über die drastischen Worte von ver.di.
»Uns ist ganz klar, dass der Bühnenservice Teil der Stiftung ist«, bekräftigt Susanne Moser, geschäftsführende Direktorin der Komischen Oper. Man wolle auch keine Mitarbeiter abbauen, aber vielleicht nehme man einige Arbeitskräfte wie Schreiner wieder zurück an die Häuser. Dort seien Handwerker etwas knapp geworden.
Als großes Problem sieht Toni Winter, dass der Dialog zwischen Bühnenservice und Häusern nicht funktioniere. »Es ist sehr schwierig, Fremdaufträge anzunehmen, weil es immer wieder unvorhergesehene Bestellungen der Berliner Opern gibt«, erklärt sie. Die Aufträge von Dritten wären wichtig für eine größere Unabhängigkeit.
Die Hoffnungen aller Beteiligten ruhen auf der gerade im Bau befindlichen zentralen Bühnenwerkstatt in Friedrichshain. »Dann kämen die Synergieeffekte der Fusion wirklich zum tragen«, glaubt Winter. Zuversichtlich zeigen sich sowohl Gewerkschaft als auch Opernstiftung, was die laufenden Tarifverhandlungen betrifft: »Wir wollen am Freitag Lösungen präsentieren«, sagt Staisch.

Montag, 11. Mai 2009

Und jährlich grüßt die Hanfparade

Das Brandenburger Tor ist ein beliebter Startpunkt für Demos. Schließlich sieht der flüchtige Medienkonsument bei entsprechendem Bildmaterial auf einen Blick, wo sich die Sache abspielt. Gleichzeitig kann auch der gesamtdeutsche Anspruch zur Durchsetzung des eigenen Anliegens unterstrichen werden.
An diesem symbolträchtigen Ort sammelten sich also auch die Teilnehmer des Hanftags 2009. Nun muss man wissen, dass der Pariser Platz an schönen Tagen einem touristischen Rummelplatz gleicht. Touristen können sich fotografieren lassen mit Menschen, die als Berliner Bär verkleidet sind oder in Star Wars-Uniform stecken. Oder mit US- und Sowjetsoldatendarstellern. Sie können alternativ auch die mit lautstarker Musik untermalten Künste einer Breakdancegruppe bewundern. Da fiele das kleine Häuflein der Pro-Hanf-Aktivisten kaum auf, hätten sie nicht ein Transparent mit dem zugkräftigen Motto „Yes we Cannabis“ dabei.
Von erheitert bis schockiert sind die Reaktionen der Berlin-Besucher, aber ein Foto wird allemal gemacht. Denn schließlich sind solche Erlebnisse genau der Thrill, der vom Hauptstadtbesuch erwartet wird. Eine Japanerin lässt sich sogar recht ausführlich über die deutsche Drogenverbotspolitik und die Argumente dagegen aufklären.
„Jugendschutz garantieren, Schwarzmarkt vaporisieren, Hanf legalisieren“, das ist – in plakative Form gebracht – das Anliegen der Demonstranten. Die werden zu Beginn noch mit Sträflingsuniformen oder Overalls optisch aufgepeppt. Es lohnt sich für jene, die sich verkleiden, denn „alle Aktivisten bekommen einen Hanflolli“, wie der Klamottenverteiler in die überschaubare Menge ruft.
Nun kann der politische Teil der Demo beginnen. Emanuel Kotzian von der E. L. F., der European Legalization Front fordert die Legalisierung von Haschisch und Marihuana, „damit sich Kiffer und Kranke nicht mehr verstecken müssen.“ Die geringe Teilnehmerzahl – rund 150 Demonstranten haben sich eingefunden – führt er drauf zurück, dass sich viele nicht trauten, Gesicht zu zeigen. Nun, es kamen in früheren Jahren mehr Menschen, vielleicht liegt es eher daran, dass der Aktivismus vergangener Zeiten bisher keine Früchte trug.
Monika Knoche von der Linkspartei fordert „eine fortschrittliche, rationale Drogenpolitik.“ Das tue sie nun seit fast 40 Jahren, doch leider ohne Erfolg. Am meisten Stört sie, „dass der Staat sich mit Strafrecht in höchstpersönliche Angelegenheiten einmische.“ Sogar der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger denke über eine Legalisierung nach – so ließe sich eine neue Steuerquelle erschließen.
Und natürlich ist auch Christian Ströbele von den Grünen da. Er, der selber weder Kaffee noch Bier noch Zigaretten konsumiert, reibt sich vor allem an der Ungerechtigkeit, dass für Alkohol sogar geworben werden darf, während Kiffer strafrechtlich verfolgt werden. „Gebt das Hanf frei“, lautet auch diesmal sein vor einigen Jahren von Stefan Raab zum Popsong verwurstete Schlusswort. Den Reigen der Politiker beschließt Christine Schulze-Grotkopp von den Jungen Liberalen, die auch die Einschränkung der Bürgerrechte durch die Schilys und Schäubles beklagt.
Unter Reggae-Klängen setzt sich das Häuflein Demonstranten in Marsch. Über die Linden geht es Richtung Ostbahnhof, zum Yaam, wo die Abschlussparty bis tief in die Nacht stattfinden wird. Zwischendurch wechselt die Musik immer wieder zwischen elektronisch und Reggae, was jeweils ein Teil der Demonstranten abfällig quittiert. Touristen zücken ihre Kameras, sind mal schockiert, mal entzückt. Man wird sich wohl in einem Jahr wieder sehen. Ob sich bis dahin etwas ändert?

Nicolas Šustr