Samstag, 18. Oktober 2008

Keine Ruhe zum angeln

Steigende Mieten sorgen die Bewohner des Wrangelkiezes

„Die Leute, die man früher in der Kastanienallee gesehen hatte sind nun auch hier“, so beschreibt eine junge Frau konkret das, was jedes Stadtmagazin und jede Tageszeitung seit Jahren berichten. Der Wrangelkiez, jener inselartig von Görlitzer Park, Spree und Landwehrkanal umschlossene Streifen Kreuzberg, hat sich in den letzten Jahren zu einem Szeneviertel entwickelt.
Zu sehen ist die junge Frau im Dokumentarfilm „Ein Tag im Wrangelkiez“. Zuzügler und Alteingesessene geben in ihm Auskunft zu ihrer Sicht der Situation und den Veränderungen der letzten Jahre. Zu Wort kommt auch ein langjähriger Bewohner, der sich beklagt, dass seit der Maueröffnung eben keine Ruhe zum angeln mehr sei. Aber auch die Wirtin der 24-Stunden-Kneipe Jasmin teilt ihre Gedanken mit uns. Trotz allem sei der Wrangelkiez „ein Stück Kreuzberg, was noch echt ist.“
Der ganz frisch fertiggestellte Film bildete den Auftakt eines vom Quartiersmanagement veranstalteten Kiezgespräches, das am Donnerstagabend unter dem Titel „Der Wrangelkiez im Aufschwung? Chancen und Risiken für das Quartier“ stattfand. Für die wissenschaftliche Basis sorgte Sigmar Gude vom Topos-Institut, der Daten aus seiner für den Bezirk erstellten demographischen Studie vorstellte. Das wichtigste: Es gibt weniger Kinder in der Gegend als 1993, vor allem bei Migranten. Das merkt man bereits an der Fichtelgebirge-Grundschule: Dort sank der Migrantenanteil in den ersten Klassen von früher 86 Prozent auf 55 Prozent in diesem Schuljahr, berichtete eine Lehrerin. Für die Bruttokaltmiete müssen die Bewohner 2008 durchschnittlich 32 Prozent des Haushaltseinkommens investieren gegenüber 20 Prozent 1993. „Diese Entwicklungen sind jedoch in ganz Berlin ähnlich“, sagt er. Trotzdem dächten nur 22 Prozent der Bewohnerschaft über einen Wegzug nach, ein rekordverdächtig niedriger Wert, in Neukölln-Nord läge die Quote bei fast 50 Prozent. „Die größte Gefahr für die nächsten Jahre ist eine Polarisierung zwischen einkommensschwachen Migrantenhaushalten und wohlhabenden Haushalten“, so Budes Fazit.
Im Gespräch mit den Einwohnern erklärte Bezirksbürgermeister Franz Schulz von den Grünen, dass wegen Gesetzesänderungen in den letzten Jahren die Möglichkeiten des Bezirks, die Mieten zu kontrollieren, sehr schwach sein. Allenfalls Luxussanierungen könne man verbieten. Auch die zunehmende Umwandlung von Mietwohnungen in Ferienwohnungen sei „praktisch nicht zu verhindern.“ Also das Übliche „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ der letzten Jahre. Beruhigend ist das nicht.

Nicolas Šustr

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