Dienstag, 28. Oktober 2008

Beene, nach denen janz Berlin verrückt ist

Eine Revue führt alt und jung zusammen

Musik und Geselligkeit waren schon immer ein probates Lockmittel, um Menschen für sich zu gewinnen. Bereits die Kirche wusste das, natürlich zog auch in der Arbeiterbewegung der fröhliche Teil der Versammlungen viele Proletarier an und auch die heutige Jugendarbeit nutzt das kreative Potential, das Musik machen und hören freisetzt. Genauso wurde Musik auch für finstere Zwecke missbraucht, zum Beispiel von den Nationalsozialisten.
Gemeinsam begaben sich das Schöneberger Seniorenthaterprojekt „Werkstatt der alten Talente“ mit Studenten der Musik- und Theaterseminare der Hellersdorfer Alice-Salomon-Fachhochschule auf Spurensuche. Die musikalische Revue „Lieder, die schockieren, verführen, irritieren…“ entstand. Premiere war am vergangenen Freitag in Hellersdorf anlässlich des 100jährigen Bestehens der von der Frauenrechtlerin Alice Salomon begründeten Schule.
Alice Salomon und die von ihr organisierten Arbeiterinnenabende bilden dann auch den Auftakt. Während die Frauenrechtlerin die Proletarierinnen mittels Klaviersonaten hohe Kultur nahebringen will, mögen die Damen es derber. Sie singen über „Beene, nach denen janz Berlin verrückt ist“, oder die ihr Mieder öffnende, dicke Frau Meyer. Diese mit viel Schwung vorgetragenen Lieder sind Part der älteren Darsteller. Das Publikum – über 200 Menschen fanden dichtgedrängt Platz im bescheidenen Audimax der FH – johlt.
Klammer der Revue bildet ein Treffen des Vorstands der Noten. Zwischen den einzelnen Szenen wird ein heftiger Konflikt verhandelt: Das hohe C will austreten und aus allen Kompositionen gestrichen werden, da zu viel Schindluder getrieben werde. „Menschen wurden vergast und dabei wurde Beethovens Neunte gespielt“, sagt das hohe C. Eine beklommene Stille herrscht im Saal, während der BDM-Chor „Kein schöner Land zu dieser Zeit“ anstimmt.
Vom zur Nazizeit verfemten Swing geht es weiter über Rock'n'Roll bis zu „Hippieschnulzen“, doch das hohe C lässt sich nicht umstimmen. Es hat den Glauben an das Gute verloren und kontert mit aktuellen Neonazibands.
Das pralle Leben der Sozialpädagogik bestaunt der Zuschauer gegen Ende der Revue. Es geht um die Arbeit mit jungen Straffälligen, die über ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zeit nach dem Knast rappen sollen. Die Motivation hält sich natürlich zunächst in Grenzen. Doch dann geht es in die vollen: „Ick jeh zu meinen Homies“, singt der eine „Ick mach Tabledance“, die andere, denn das Rotlichtmilieu sei ihr zuhause. Und schließlich sei doch alles, was Geld bringt, positiv.
„Von einer wahren Begebenheit inspiriert“, sei das Stück, erläutern die Studentinnen noch, bevor weitere Worte im tosenden Applaus untergehen. Rote, glänzende Gesichter überall. „Anstregend, aber sehr schön“, sei es gewesen, sagt noch eine Mitwirkende, bevor sie gen Ausgang entschwindet. Rund 50 Beteiligte mussten unter einen Hut gebracht werden. Alle, jung und alt, sind immer noch zu aufgeregt und euphorisch erleichtert, um noch irgendwas zu sagen. Adrenalin ist eben kein Privileg der Jugend.
Die Revue ist nochmal zu sehen am kommenden Donnerstag um 20 Uhr im Nachbarschaftsheim Schöneberg in der Holsteinischen Straße 30. Karten können telefonisch unter der Nummer 030-855 42 06 vorbestellt werden. Das „Theater der Erfahrungen“ mit seinern zahlreichen Gruppen und Workshops ist natürlich immer auf der Suche nach neuen Mitwirkenden. Kontakt bekommt man unter der selben Telefonnumer sowie unter www.theater-der-erfahrungen.de

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