Freitag, 31. Oktober 2008

Kunststoffmöpse und Lichtblicke

Sehenswertes und einige Entdeckungen auf der Berliner Liste im »Haus Cumberland« am Kudamm.

Das fünfte Mal nun öffnet die Berliner Liste als einer der Satelliten des Art Forums ihre Pforten. Wie üblich wurde ein neuer Standort gefunden, diesmal ist es das »Haus Cumberland« am Kudamm. Vor langer Zeit ein Luxushotel, Letztnutzerin war die Oberfinanzdirektion Berlin. Versprüht das Parterre noch eine gewisse Grandezza, so verfliegt dieses Gefühl in den oberen Stockwerken relativ schnell. Vorteilhaft für die Schau ist die räumliche Nähe zum Messegelände und den Kudamm-Hotels. Da wagt sicher der eine oder andere Besucher des Art Forums eine Stippvisite.
73 Galerien aus elf Ländern zeigen auf 3500 Quadratmetern das, was sie für richtig halten, ein Viertel mehr als bei der letzten Ausgabe. Und das, obwohl sich dieses Jahr laut Leiter Wolfgang Völcker nur rund 150 Galerien beworben hatten; im letzten Jahr wurden nach Veranstalterangaben rund 200 Bewerbungen gezählt.
»Wir wollen Künstler vorstellen, die zum Teil noch niemals auf einer Messe ausgestellt haben«, sagt Wolfgang Völcker über sein Messekonzept. Eine »wirkliche Entdeckermesse« sei die Liste im Gegensatz zur Preview. Man habe sich jedoch in den letzten Jahren deutlich professionalisiert. »Wir fegen nicht mehr selbst«, führt Völcker als Beweis an. Auch sei Peter-Klaus Schuster, scheidender Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, letztes Jahr da gewesen. Mehr Fotografie und mehr Collagen (»die Künstler greifen wieder zu Schere und Kleber«) sind dieses Jahr zu sehen, außerdem sind als neue Rubriken Fotografie sowie Kunst seit 1960 dazu gekommen. Die vierte Etage wird von Studenten der Klasse Medienkunst der Berliner UdK bespielt. Gezeigt werden durchaus sehenswerte Videokunstprojekte der letzten Semester. Wie immer bei Videokunst gilt es, etwas Zeit mitzubringen.
»Natürlich sind auf der Berliner Liste auch Sachen zu entdecken, die gegen das allgemeine Kunstgeschmacksniveau sind«, räumt Völcker diplomatisch ein. Sicher ein gutes Geschäft für die Galerie Maisenbacher aus Trier sind die schwarzen Kunststoffmöpse von Ottmar Hörl. Das 40 Zentimeter hohe Multiples sei »in seiner Existenz das Spiegelbild von Exzentrik, eines Charakters oder einer Lebensform, welche das unmittelbar mit dem Stichwort ›Hund‹ verbundene ad absurdum führt«, so der Künstler. Aha. 100 Euro pro Stück soll einem dieses Massenprodukt aus der gefühlten Kategorie Gartenzwerg wert sein. Aber immer noch besser als vieles andere, was sonst noch so zu sehen ist.
Natürlich gibt es auch Lichtblicke. Interessant und in Sammlerkreisen beliebt ist zum Beispiel die Street Art des Franzosen Blek le Rat, der als Urvater der Schablonenmalerei gilt. Sie ist Teil der Schau des zeitgenössischen Programms der Freiburger Galerie Springmann. Wolfgang Völcker hofft, mit seiner Kunstschaubude die 10 000-Besucher-Marke zu knacken und so den Platz der Berliner Liste als zweitgrößte Schau nach dem Art Forum zu festigen. Das könnte ihm mehr aufgrund des guten Standorts gelingen.
Täglich bis 1. 11. 13-21 Uhr, am 2. 11. 13-19 Uhr, Haus Cumberland, Kurfürstendamm 193-194, Eintritt 12 Euro, www.berliner-liste.org

Dienstag, 28. Oktober 2008

Beene, nach denen janz Berlin verrückt ist

Eine Revue führt alt und jung zusammen

Musik und Geselligkeit waren schon immer ein probates Lockmittel, um Menschen für sich zu gewinnen. Bereits die Kirche wusste das, natürlich zog auch in der Arbeiterbewegung der fröhliche Teil der Versammlungen viele Proletarier an und auch die heutige Jugendarbeit nutzt das kreative Potential, das Musik machen und hören freisetzt. Genauso wurde Musik auch für finstere Zwecke missbraucht, zum Beispiel von den Nationalsozialisten.
Gemeinsam begaben sich das Schöneberger Seniorenthaterprojekt „Werkstatt der alten Talente“ mit Studenten der Musik- und Theaterseminare der Hellersdorfer Alice-Salomon-Fachhochschule auf Spurensuche. Die musikalische Revue „Lieder, die schockieren, verführen, irritieren…“ entstand. Premiere war am vergangenen Freitag in Hellersdorf anlässlich des 100jährigen Bestehens der von der Frauenrechtlerin Alice Salomon begründeten Schule.
Alice Salomon und die von ihr organisierten Arbeiterinnenabende bilden dann auch den Auftakt. Während die Frauenrechtlerin die Proletarierinnen mittels Klaviersonaten hohe Kultur nahebringen will, mögen die Damen es derber. Sie singen über „Beene, nach denen janz Berlin verrückt ist“, oder die ihr Mieder öffnende, dicke Frau Meyer. Diese mit viel Schwung vorgetragenen Lieder sind Part der älteren Darsteller. Das Publikum – über 200 Menschen fanden dichtgedrängt Platz im bescheidenen Audimax der FH – johlt.
Klammer der Revue bildet ein Treffen des Vorstands der Noten. Zwischen den einzelnen Szenen wird ein heftiger Konflikt verhandelt: Das hohe C will austreten und aus allen Kompositionen gestrichen werden, da zu viel Schindluder getrieben werde. „Menschen wurden vergast und dabei wurde Beethovens Neunte gespielt“, sagt das hohe C. Eine beklommene Stille herrscht im Saal, während der BDM-Chor „Kein schöner Land zu dieser Zeit“ anstimmt.
Vom zur Nazizeit verfemten Swing geht es weiter über Rock'n'Roll bis zu „Hippieschnulzen“, doch das hohe C lässt sich nicht umstimmen. Es hat den Glauben an das Gute verloren und kontert mit aktuellen Neonazibands.
Das pralle Leben der Sozialpädagogik bestaunt der Zuschauer gegen Ende der Revue. Es geht um die Arbeit mit jungen Straffälligen, die über ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zeit nach dem Knast rappen sollen. Die Motivation hält sich natürlich zunächst in Grenzen. Doch dann geht es in die vollen: „Ick jeh zu meinen Homies“, singt der eine „Ick mach Tabledance“, die andere, denn das Rotlichtmilieu sei ihr zuhause. Und schließlich sei doch alles, was Geld bringt, positiv.
„Von einer wahren Begebenheit inspiriert“, sei das Stück, erläutern die Studentinnen noch, bevor weitere Worte im tosenden Applaus untergehen. Rote, glänzende Gesichter überall. „Anstregend, aber sehr schön“, sei es gewesen, sagt noch eine Mitwirkende, bevor sie gen Ausgang entschwindet. Rund 50 Beteiligte mussten unter einen Hut gebracht werden. Alle, jung und alt, sind immer noch zu aufgeregt und euphorisch erleichtert, um noch irgendwas zu sagen. Adrenalin ist eben kein Privileg der Jugend.
Die Revue ist nochmal zu sehen am kommenden Donnerstag um 20 Uhr im Nachbarschaftsheim Schöneberg in der Holsteinischen Straße 30. Karten können telefonisch unter der Nummer 030-855 42 06 vorbestellt werden. Das „Theater der Erfahrungen“ mit seinern zahlreichen Gruppen und Workshops ist natürlich immer auf der Suche nach neuen Mitwirkenden. Kontakt bekommt man unter der selben Telefonnumer sowie unter www.theater-der-erfahrungen.de

Samstag, 18. Oktober 2008

Keine Ruhe zum angeln

Steigende Mieten sorgen die Bewohner des Wrangelkiezes

„Die Leute, die man früher in der Kastanienallee gesehen hatte sind nun auch hier“, so beschreibt eine junge Frau konkret das, was jedes Stadtmagazin und jede Tageszeitung seit Jahren berichten. Der Wrangelkiez, jener inselartig von Görlitzer Park, Spree und Landwehrkanal umschlossene Streifen Kreuzberg, hat sich in den letzten Jahren zu einem Szeneviertel entwickelt.
Zu sehen ist die junge Frau im Dokumentarfilm „Ein Tag im Wrangelkiez“. Zuzügler und Alteingesessene geben in ihm Auskunft zu ihrer Sicht der Situation und den Veränderungen der letzten Jahre. Zu Wort kommt auch ein langjähriger Bewohner, der sich beklagt, dass seit der Maueröffnung eben keine Ruhe zum angeln mehr sei. Aber auch die Wirtin der 24-Stunden-Kneipe Jasmin teilt ihre Gedanken mit uns. Trotz allem sei der Wrangelkiez „ein Stück Kreuzberg, was noch echt ist.“
Der ganz frisch fertiggestellte Film bildete den Auftakt eines vom Quartiersmanagement veranstalteten Kiezgespräches, das am Donnerstagabend unter dem Titel „Der Wrangelkiez im Aufschwung? Chancen und Risiken für das Quartier“ stattfand. Für die wissenschaftliche Basis sorgte Sigmar Gude vom Topos-Institut, der Daten aus seiner für den Bezirk erstellten demographischen Studie vorstellte. Das wichtigste: Es gibt weniger Kinder in der Gegend als 1993, vor allem bei Migranten. Das merkt man bereits an der Fichtelgebirge-Grundschule: Dort sank der Migrantenanteil in den ersten Klassen von früher 86 Prozent auf 55 Prozent in diesem Schuljahr, berichtete eine Lehrerin. Für die Bruttokaltmiete müssen die Bewohner 2008 durchschnittlich 32 Prozent des Haushaltseinkommens investieren gegenüber 20 Prozent 1993. „Diese Entwicklungen sind jedoch in ganz Berlin ähnlich“, sagt er. Trotzdem dächten nur 22 Prozent der Bewohnerschaft über einen Wegzug nach, ein rekordverdächtig niedriger Wert, in Neukölln-Nord läge die Quote bei fast 50 Prozent. „Die größte Gefahr für die nächsten Jahre ist eine Polarisierung zwischen einkommensschwachen Migrantenhaushalten und wohlhabenden Haushalten“, so Budes Fazit.
Im Gespräch mit den Einwohnern erklärte Bezirksbürgermeister Franz Schulz von den Grünen, dass wegen Gesetzesänderungen in den letzten Jahren die Möglichkeiten des Bezirks, die Mieten zu kontrollieren, sehr schwach sein. Allenfalls Luxussanierungen könne man verbieten. Auch die zunehmende Umwandlung von Mietwohnungen in Ferienwohnungen sei „praktisch nicht zu verhindern.“ Also das Übliche „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ der letzten Jahre. Beruhigend ist das nicht.

Nicolas Šustr

Dienstag, 14. Oktober 2008

Pankow macht Müll museal

Müll im Museum, das ist spätestens seit Eröffnung archäologischer Sammlungen üblich, schließlich kommt man dem antiken Leben nirgends näher als beim Durchwühlen der Abfallgruben jener Epoche. Und so ist auch der heutige Müll ein Spiegelbild unserer Zeit und natürlich auch das, was man aus ihm macht. Denn Abfall ist nicht nur Rohstoff für Heizkraftwerke und Recyclingzentren, sondern auch für Kunst.
Den Beweis tritt seit letzten Freitag das Trash-Art-, also Müllkunst-Museum, an. „Alles, was nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, hat hier seinen Raum“, sagt Adler A. F., ihres Zeichens Trash-Künstlerin aus München und Mitbegründerin des Ausstellungsraumes. Dass die ganze Angelegenheit nicht der klassischen Ästhetik verpflichtet ist, merkt der interessierte Besucher bereits bei Betreten des Areals: Das Hinterhofensemble aus Garagenkomplex und Werkstattgebäude versprüht den spröden Charme grauer Fassaden und grober Betonböden.
Bereits seit zwei Jahren residiert hier Kunst-Stoffe, die selbsternannte „Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien“. Dinge wie alte Werbeplanen, Schaumstoffreste, Holzplatten oder Plexiglasabschnitte werden gesammelt, sortiert und Künstlern als Material für ihre Werke zur Verfügung gestellt. Dazu gibt es noch gut ausgerüstete Werkstätten zur Verwirklichung der künstlerischen Vorstellungen. Alles mit wenig Geld und viel Enthusiasmus organisiert.
Quasi ein Abfallprodukt der bisherigen Arbeit ist das nun eröffnete Museum, nach Auskunft der Macher das weltweit einzige seiner Art. Es besteht aus einem Raum. Scheinbar wahllos füllen ihn Kunstwerke: büstenartige Skulpturen aus Metallabfällen, auf Paketpapierrollen gemalte Bilder oder in alle Dimensionen wuchernde Installationen aus bunt gemusterten PVC-Bodenbelägen. Alles mit dem Reiz des Unfertigen, spontanen.
„Das würde man hier nicht erwarten“, sagt der zur Eröffnung erschienene Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne. Er sieht das ganze Projekt als „mögliche Keimzelle einer kreativen Szene.“ An Daniel Witt, einem der künftigen Kuratoren, soll das nicht scheitern, rund um die vorgesehenen monatlichen Vernissagen plant er Performances, Lesungen und Konzerte. „Es soll ein Platz für alle werden, jenseits der Perfektion“, so sein Wunsch. „Mehr Aufmerksamkeit für das ganze Projekt“ erhofft sich Corinna Vosse von Kunst-Stoffe. Und mehr Geld wäre auch nicht schlecht. Da winkt Bezirksbürgermeister Köhne müde ab und freut sich lieber darüber, was für tolle Sachen „auch ohne staatliche Förderung“ entstehen.
Nicolas Šustr
Berliner Str. 13, 13189 Berlin-Pankow, geöffnet freitags von 11-18 Uhr, www.kunst-stoffe-berlin.de