Sonntag, 7. September 2008

Lebensaufgabe Berlin – Pflüger spricht über sich

Friedbert Pflüger, CDU-Spitzenkandidat bei der letzten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und ebendort Fraktionsvorsitzender, ist pünktlich. Um Viertel vor sieben steht er zusammen mit seinem Pressesprecher und dem Pfarrer vor der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg, nur wenige Schritte von der Potsdamer Straße. Keine glamouröse Gegend, dominiert von Möbelhäusern, Sex-Shops und Straßenstrich.
Er ist hier, um Auskunft zu geben über sich. „Was mich treibt“ lautet das Motto der Andachtsreihe, die in den nächsten Wochen immer donnerstags in der Kirche stattfinden wird. Das könnte interessant werden, schließlich fällt einem als Beobachter der Berliner Politik im Falle Pflüger als Antrieb höchstens Masochismus ein. Die Ereignisse des Tages – Pflüger kündigte seine Kandidatur als Landesvorsitzender an und die Parteiführung reagierte kühl bis widerborstig – verstärken den Eindruck.
Zwei Frauen, elegant-sommerlich in weiß gekleidet, streben direkt auf ihn zu. Pflügers fängt an zu strahlen, als sie ihn ansprechen. Sie sind von der Bürgerinitiative gegen den offensiver werdenden Straßenstrich in der Gegend, übergeben ihm Papiere zum Thema. „Sie kommen doch auch zur Andacht“, will er wissen. Die Frauen bejahen, Pflüger feiert einen kleinen Sieg: „Klasse!“.
Zu Beginn der Messe schreiten er und der Pfarrer nach vorne zum Altar. Pflüger wirkt dabei wie ein Musterschüler. Rund 40 Besucher verlieren sich im Kirchenschiff.
Nach Orgelspiel und Gesang darf er nun über sich sprechen. Engagement und Einsatz seien seinen Eltern bereits sehr wichtig gewesen. Und so will auch er nicht nur für sich gelebt haben, dies könne zwar kurzfristig schön sein, befriedige aber nicht. Mit elf, zwölf Jahren habe er sich bereits so für Politik interessiert „wie Gleichaltrige für anderes.“

Und so kam es, wie es kommen musste. Mit 16 rief er den CDU-Ortsvorsitzenden an, gründet den Ortsverband im inzwischen eingemeindeten Vorort von Hannover. Der erste politische Erfolg ist gleich da, man legt in Eigenarbeit einen Fußballplatz an. „Nie wieder Extremismus, weder von links noch rechts noch religiös motiviert,“ lautet seine Erkenntnis aus der Studienzeit. Als RCDS-Vorsitzender in Göttingen habe er in den siebziger Jahren viel Ausgrenzung erfahren.
Er spricht auch über seine aktuelle Rolle. Die Aufgabe als Oppositionsführer, das ständige Kritisieren, liege ihm nicht so. „Ich hoffe erlöst zu werden und als Regierender Bürgermeister für alle da zu sein,“ sagt er. Und, dass Berlin seine „Lebensaufgabe“ sei, er bisher keinen Tag bereut habe.
Persönlich wird es wieder, als er auf seine beiden Kinder zu sprechen kommt. Ein großes Glück seien die für ihn, wenn auch ein spätes. Volker Ratzmann habe er bereits gratuliert. Vor dem geistigen Auge des Betrachters formt sich das Bild, wie Friedbert Pflüger in einigen Jahren mit der Schaufel in der Hand zwei Fußballtore eingraben wird. Mitten in Berlin, im Park des ehemaligen Tempelhofer Flughafens. Sobald sie stehen, bolzt er mit seinen Kindern drauflos. Und er fragt sich, was ihn damals getrieben hat mit der Berliner CDU. Die Andacht ist vorbei. Es hat geregnet draußen.

Nicolas Šustr