Sonntag, 27. Januar 2008

Der letzte Zug - Das Rauchverbot in der Berliner Gastronomie

Rauchen ist exklusiver geworden in den letzten Jahren. Sieht man alte Filme aus den siebziger Jahren, staunt man immer wieder, wie selbstverständlich überall und jederzeit damals geraucht wurde. Nur im OP wurde anscheinend schon damals nicht gepafft. Verqualmte Kneipen mit überquellenden Aschenbechern und nikotingelben Wänden werden wohl bald auch zu der Kategorie „Erinnerungen an wilde Zeiten“ gehören.
Denn seit Neujahr ist die Fluppe am Tresen verboten. Allenfalls im strikt abgetrennten Hinterzimmer, das auf jeden Fall kleiner als der Gastraum sein muss, ist Rauchen noch gestattet. Bis zu 100 Euro kostet den verbotswidrigerweise rauchenden Gast der Spaß, unternimmt der Gastwirt nichts gegen die freiwillige Körperverletzung ist er mit bis zu 1000 Euro dabei. Allerdings erst ab 1. Juli, ab dann können erst Bußen verhängt werden. Wenn sich jemand beschwert. Wenn denn die bis 22 Uhr tätigen Ordnungsamtsmitarbeiter zur Stelle sind. Wenn die sich überhaupt kümmern und nicht – wie von Spandau und Neukölln bereits angekündigt – der Bezirk sich von vornherein weigert, das Gesetz überhaupt durchsetzen zu wollen. Die in Amtshilfe ab 22 Uhr zuständige Polizei hat auch schon abgewunken.
Gewinner und Verlierer
Klarer Gewinner ist natürlich die Gesundheit. In Ländern, die bereits seit längerem Rauchverbote in öffentlich zugänglichen Räumen verhängt haben, sank die Zahl der Herzinfarkte signifikant. Die italienische Region Piemont meldete einen Rückgang um 11 Prozent, Schottland sogar 17 Prozent. In Zukunft wird auch die Zahl der Krebserkrankungen zurückgehen. In Restaurants wird natürlich auch der Geschmack der Gewinner sein – ohne Qualm in der Luft und Nikotinbelag auf der Zuge schmeckt man natürlich mehr. Und auch das Personal wird profitieren – weniger Husten, weniger brennende Augen, keine stinkenden Klamotten.
Auch die Verlierer stehen schon fest: Am härtesten trifft es die traditionellen Eckkneipen. Die fünf, sechs Stammgäste, die rauchend den Tresen okkupieren und mit Helga, Marina oder Rolf die Ungerechtigkeiten des Lebens durchgehen, werden sich mit dem Rauchverbot nach Alternativen umsehen. Untersuchungen aus Baden-Württemberg und Niedersachsen – wo das Rauchverbot bereits eine Weile gilt – ergaben hohe Umsatzeinbrüche für diesen Gastronomietyp. Hier sind keine nachrückenden Gäste zu erwarten – denn auch rauchfrei werden Eckkneipen kein Ziel für Familienausflüge werden. Und weil die Umsätze schon vorher nicht berauschend waren, können viele Eckkneipenbetreiber schon mal den Antrag auf Arbeitslosengeld II ausfüllen.
Doch auch die mondänere Einraumgastronomie wird zu leiden haben. Und mit ihr die Anwohner. Wenn die Gäste noch kommen, werden sie ausgedehnte Rauchausflüge vor das Lokal und damit auch Lärm machen. Es wird abzuwägen sein, ob die Bußen für Verstöße gegen das Nichtraucherschutzgesetz (NRSG) günstiger sind als jene wegen regelmäßiger Ruhestörung.
Ein unerwarteter Verlierer wird wohl auch das Klima werden. Am 16. Oktober veröffentlichte das MTP, die Agentur, die die britische Regierung zu Klimafragen berät, eine Studie, nach der der Ausstoß von Treibhausgasen durch die britische Gastronomie von 22.200 Tonnen auf 282.000 Tonnen steigen wird. Der Grund: Neu aufgestellte Heizpilze für die aus der Wärme verjagten Raucher.
Spannend wird vor allem die Durchsetzung des NRSG werden. Der Widerstand in der Gastronomie ist groß, mehrere Volksbegehren laufen, Hotel- und Gaststättenverbände planen Klagen. Die Personaldecke der Behörden, die dem Gesetz Nachdruck verleihen sollen ist dünn. Und welchen Sinn hat eine Regelung, die eh nicht befolgt wird? Die nächsten Monate werden zeigen, was das Projekt Volksgesundheit so bringt. Und was der Politik noch so an wünschneswerten Erziehungsmaßnahmen einfällt.

Nicolas Šustr

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