Dienstag, 13. März 2007

Nischengastronomie

Mehr als nur trinken und reden
Viele Berliner Kneipen bieten Extrabeschäftigungen

Pong, Pong, Pong macht der Tischtennisball, der unvermittelt meinen Weg kreuzt. Ein junger Mann im geringelten Langarmhemd und locker unter Hüfte sitzenden Hosen hechtet hinterher. Mit der linken Hand umklammert er eine Bierflasche, die Rechte ist mit einer Tischtenniskelle bestückt. Er schafft es, denn Ball noch vor Erreichen der Straße zu stoppen. Auch von dem Bier hat er nichts verschüttet. Er trottet wieder in den Laden mit den verklebten Schaufenstern zurück. Ich folge ihm.
Gleich links neben der Eingangstüre steht ein Tischtennisplatte, an der eifrig gespielt wird. Vier Jungs Mitte 20 liefern sich ein Match, drei von Ihnen mit der bereits gesehenen Kellen-Pullen-Kombination in den Händen. Nur der Vierte konzentriert sich ohne Flasche etwas mehr auf das Match. Er scheint von den häufigen Ballverlusten seiner Gegner etwas genervt zu sein, verkneift sich jedoch jegliche Maßregelung.
Ich bin im Dr. Pong. Die Kneipe an der Eberswalder Straße ist das Abendquartier der Tischtennisspieler aus dem Kiez. Einfach so, ohne Verein oder so etwas. Das Spielen ist kostenlos Ich schlängele mich an den entspannten Duellanten vorbei in den hinteren Teil des schmucklosen Raumes. Dort ist nämlich die Bar. Ihr gegenüber gibt es ein improvisiertes DJ-Pult und weiter hinten, auf dem Weg zum Klo, sind einige verschlissene Polstermöbel zu einer Couchecke gruppiert. Die einzige anwesende Frau steht hinter der Bar und gibt mir ein Bier für 2 Euro. Für 5 Euro Pfand leihe ich mir einen Schläger dazu.
Nach wenigen Minuten werde ich gefordert. Der Boden ist rutschig und mein letztes Spiel auch schon ein paar Jahre her, deswegen bin ich nicht lange beim Rundlauf dabei. Aber der sportliche Erfolg ist ja zum Glück nicht so wichtig hier. Es ist halb zehn abends und so langsam füllt sich der Laden. Tischtennis spielen scheint aber eher ein Jungshobby zu sein, das Geschlechterverhältnis liegt bei 14 Männern zu 2 Frauen. Darum kann ich mich aber nicht kümmern, schließlich muss ich als rasender Reporter noch einiges an Läden abklappern. Kneipen, die mehr bieten als einen Sitzplatz und ein Getränk.
In der Branche heißt das normalerweise Erlebnisgastronomie: Läden, die irgendwie total lustig sein und/oder einen unvergesslichen Abend bescheren sollen. Also mehr oder minder Touristenfallen. Die intellektuelle Unterkante der Möglichkeiten stellt dabei das Klo in der Charlottenburger Leibnizstraße dar. Am Eingang lüftet eine Exhibitionistenpuppe den Mantel. Ein Moderator gibt am laufenden Band Witze der Kategorien Ossi- und frauenfeindlich mit laaangem Bart zum Besten und beim Preis von 2,90 Euro für das kleine Bier bleibt auch kein Auge trocken. Erstaunlicherweise findet diese seit über 30 Jahren bestehende Vorhölle auch im zweiten nachchristlichen Jahrtausend ihr amüsiertes Publikum. Eine Mainzer Reisegruppe amüsiert sich prächtig, als der Alleinunterhalter über die drei Kategorien Frauen, die es gibt („Schöne, Kluge und die Mehrheit“) referiert. Höchste Zeit, zu gehen.
Nennen wir die wirklich abwechslungsreichen Kneipen, zu denen Dr. Pong auf jeden Fall zählt, doch lieber in Abgrenzung dazu Nischengastronomie. Da werden Kakerlakenrennen veranstaltet, man kann Tatort gucken oder Hörspielen lauschen, Powerpointkaraoke frönen, Kneipengolf spielen oder seinen Hund massieren lassen. Leider findet das Meiste nur sporadisch statt oder der Laden macht von einem Tag auf den anderen wieder zu. Doch auch im sprichwörtlich immer nur werdenden Berlin gibt es glücklicherweise doch einige Konstanten.
Dazu gehört die Raststätte Gnadenbrot. Bereits an normalen Tagen ist das mitten im Schöneberger Schwulenkiez gelegene Barrestaurant einen Besuch wert. Mit viel Ironie wurde die schäbige Einrichtung eines ehemaligen jugoslawischen Restaurants unter großzügigem Einsatz von Goldlack und aus Bauschaum gefertigten Bambi-Kitschelementen zu einem einzigen Trash-Potpourri veredelt. Ironiefrei gut ist dagegen die täglich ab 12 Uhr gebotene solide Küche zu moderaten Preisen.
Zu einer musikalisch-kulinarischen Reise vereinigt sich das Ganze bei der samstäglichen Musikkantine. Zu Themen wie „Flying Anatolika“ oder „Une folie fleur“ gibt es ein fliegendes Büffet. Dabei lassen sich die Gäste – eine bunte Mischung aus Schwulen, Lesben und Normalos – überraschen, was das Personal auf den Tabletts vorbeiträgt. Das Tellerchen kostet 2 bis 4 Euro. Dazu legt ein DJ themenspezifische Musik auf. Das kann durchaus erbarmungslos sein, wie die sphärischen Feenklänge des Islandabends. Dafür hat Stéfan Júlíosson, der in Berlin als Versicherungsvertreter arbeitet und den Sommer als Hochseefischer in Island verbringt, auch selbstgefangene Scholle und Heilbutt mitgebracht. Zum nachspülen gibt's dann Brennivín, isländischer Schnaps, der nicht ohne Grund den Beinamen „Schwarzer Tod“ trägt. Den trinkt man klassischerweise zu Hákárl – drei Monate an der Luft gelagertes Haifleisch. Diese Spezialität wollte Júlíosson den Berlinern doch nicht zumuten.
Ganz um selbst- und handgemachte Musik dreht es sich in der Friedrichshainer Sofa-Bar. Immer mittwochs lädt ShuShu, die gute Seele der auf Jazz, Soul und Blues eingeschworenen Kneipe, zur Jam Session. Eine illustre Schar von Musikenthusiasten findet sich dann auf den gemütlichen aber nicht unbedingt schönen Ledercouches ein. Nur ein roter Lichtschlauch und ein paar Kerzen erhellen den Raum. Andächtig lauschen die Gäste einer jungen Frau, die betörend Soul singt. „Hier spielen ja alle Gitarre“, sagt ein Gast und setzt sich entschlossen ans Schlagzeug. Er scheint sehr vergnügt bei seiner Percussion, die anderen hätten es sich wohl etwas verträumter gewünscht.
Nach ein paar Minuten hat sich der Schlagzeuger ausgetobt, lächelt selig und setzt sich wieder in die Runde. Bei „Running on Faith“ von Eric Clapton stellt sich wieder melancholische Stimmung ein. Viele kommen, weil sie die musikalische Unvorhersehbarkeit des Abends schätzen. Auf wahre Gesangsperlen folgt dann eben mal Lagerfeuergeschrammel. Trotzdem akzeptieren die Gäste die etwas höheren Getränkepreise – das große Bier kostet 3,50 Euro. Regelmäßig finden auch Konzerte von Nachwuchsmusikern statt.
Mehr der Spaßfaktor als künstlerischer Wert zählt eindeutig in Monster Ronson's Karaoke Bar in Kreuzberg. „Das ist richtig voll geil“, schwärmt Kika. Ihr Politikstudium an der FU beginnt demnächst, aber sie ist schon vor einigen Monaten nach Berlin gezogen. Sie scheint sich gut an den Rhythmus der Stadt angepasst zu haben. Es ist Sonntag, zehn Uhr morgens. Seit drei Stunden singt sie sich mit ein paar Kumpels die Seele aus dem Leib. Vorher waren sie auf Zechtour im Kiez und da kamen sie auf die Idee. Da ist es praktisch, dass die verwinkelte Kellerbar von Samstagabend bis Sonntagnacht durchgehend geöffnet hat.
Der Clou an dem Ganzen sind die Kabinen, drei Stück an der Zahl. Niemand ist gezwungen, die meist eher mediokren Gesangs- und Textkenntnisse mitzuhören. Das alles findet in Boxen statt, in den bis zu fünf Leute bequem Platz haben. Wenn man sich zusammenkuschelt, passen ach acht rein. 10 Euro kostet der Spaß pro Stunde. Ekstatisch gröhlen Kikas Begleiter „Girls in America“ mit. Im Barraum spielen ein paar angeheiterte Schwule Stripbilliard – „Aber nur bis zur Unterhose“, schränkt einer gleich ein. Auf der Couch in der Ecke gönnt sich ein Gast ein Nickerchen. Kneipen sind eben nicht nur zum Trinken da. Nicolas Šustr

Dr. Pong, Prenzlauer Berg, Eberswalder Str. 21, U Eberswalder Straße, Mo-Sa ab 20 Uhr, So ab 14 Uhr, www.drpong.net
Klo, Charlottenburg, Leibnizstr. 57, U Adenauerplatz, tägl. ab 19 Uhr
Raststätte Gnadenbrot, Schöneberg, Martin-Luther-Str. 20a, U Viktoria-Luise-Platz, tägl. ab 12 Uhr, warme Küche bis 24 Uhr, Fr, Sa bis 2 Uhr
Sofa Bar, Friedrichshain, Grünberger Str. 84, U Samariterstraße Mo-Sa ab 19 Uhr, www.sofa-bar.de
Monster Ronson's, Kreuzberg, Lübbener Str. 19, U Schlesisches Tor, Mo-Fr ab 18 Uhr, Sa ab 18 Uhr durchgehend bis So

Bahnhof Zoo, 4 Uhr

Für die DVD zum BerlinBuch 2007 der zitty
Ob Flucht aus der Provinz, vor dem Wehrdienst oder vor Franz Josef Strauß, der Bahnhof Zoo war für Menschen mit Westberliner Inselsehnsucht die erste Etappe. Oder auch die letzte. Obdachlose, Junkies und Stricher haben bis heute hier ihre Basis. Wer um diese Zeit am Zoo ankommt, muss sich nicht durch Menschenmassen zur Rolltreppe durchkämpfen. Trotzdem wirkt alles an diesem Bahnhof eng, muffig und trostlos. Er repräsentiert die Metropole von unten. Wo hat man sonst auf so wenigen Quadratmetern die Wahl zwischen Koks, Blowjob und heißem Tee vom Kältebus? Ähnlich obskur ist der Dienstleistungsmix im Haus gegenüber. Das dunkelbraune, tumorartig wuchernde Gebäude vereint Dönerstand, Wechselstube, Burger King, ein Hostel und zwei Sexshops unter einem Dach. Von weitem grüßt die Ruine der Gedächtniskirche. Gefühltes Bukarest. Zum Glück gibt es da noch die haushohe und taghell angestrahlte Werbefassade mit positiven Stadtansichten. Wirklich pralles Leben herrscht zu dieser frühen Stunde nur im McDonalds direkt gegenüber. Hier ist – je nach Bedürfnis – Stärkung oder Erleichterung angesagt. Auf den Klos brennt Schwarzlicht. Da findet man die Venen nicht. Die Hauptkundschaft sind jedoch Opfer der BVG-Anschlusspolitik. Ist aber auch kein Spaß, betrunken rechtzeitig die richtige Haltestelle zu finden. Im Viertelstundentakt spülen Doppeldecker aus Kreuzberg, Spandau oder Wilmersdorf neue Gäste in den Laden. Vollkommen ungerührt von alldem harrt eine Handvoll Thermoskannentee trinkenden Taxlern in ihren Wagen aus. Sie wirken wie das Trauerkomitee für die zum Regionalbahnhof degradierte Station. Der West-Berliner Phantomschmerz ist zu spüren. Ein weiteres Symbol ist zu Grabe getragen. Ob jemand die Zoorealität jenseits der Symbolik vermissen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Luxuskitsch fehlt

Spunk Seipel hat ein halbes Jahr Souvenirs Unter den Linden verkauft
Interview: Nicolas Šustr

Wie bist Du zu dem Job gekommen?
Nach Abschluss meines BWL- und meines Kunstgeschichtsstudium musste ich mich entscheiden, ob ich im Porzellanmuseum in Selb in der Oberpfalz arbeiten wollte oder hier in Berlin.

Hat die Arbeit Spaß gemacht?
Nun ja, es ist besser als Nachhilfe geben und schlimmer als Theke machen. Die meisten Touristen haben richtigen Sightseeing-Stress. Die wollen nicht kommunizieren, sondern nur Beweise kaufen, dass sie da gewesen sind. Die Bezahlung ist auch nicht sonderlich gut und beim Personal gibt es eine hohe Fluktuation.

Was verkauft sich am Besten?
Postkarten, Taschen und T-Shirts. Anspruchsvolle Bücher sind ziemliche Ladenhüter. Auch nach Zille und den „Berliner Luft“-Dosen kräht kein Hahn.

Kannst Du die Preise, die genommen werden, nachvollziehen?
Dass sie genommen werden ja, aber nicht, dass jemand sie zahlt. Die Buddy-Bären zum Beispiel sind bei sozialen Schichten beliebt, die sie sich meiner Meinung nach gar nicht leisten können.

Gehen die auch gut?
Ja, aber viele Touristen kapieren nicht, was der Bär mit Berlin zu tun hat. Da lernt man dann englische Begriffe wie Wappentier. Das heißt heraldic animal.

Was fehlt im Sortiment?
Luxuskitsch. Die Leute wollen noch teureres haben. Oder auch bestimme Postkartenmotive; den Funkturm hatten wir nicht. Japaner wollten Golfbälle mit Berlin-Aufdruck.

Gibt es bei den Nationalitäten Unterschiede im Kaufverhalten?
Franzosen kaufen die geschmacklosesten Porzellanartikel; Amis kaufen immer XXL, auch wenn sie schlank sind. Deutsche sind bei den Original-Mauerteilen sehr skeptisch und Russen kaufen vor allem teuer.

Und die skurrilste Kundengruppe?
Amerikaner, die auf Kreuzfahrt sind und von Hamburg aus eine Tagestour nach Berlin machen. Denen musste man immer erklären, was auf den Postkarten drauf ist.

Berlins Beste Fußgängerzonen

Der Klassiker
Wilmersdorfer Straße
Jahrelang machte sich die Berliner Tagespresse große Sorgen um die im bundesweiten Vergleich reichlich spät (1978) eröffnete erste Fußgängerzone West-Berlins. Die vielen Schnäppchenläden machten Sorgen und die überdachten U-Bahneingänge galten als Sündenböcke. Seit Demontage ebenjener und ostblockkompatiblem Zuteeren der Rollsteige wird der Wiederaufstieg gefeiert. Als Indiz gilt auch der neueröffnete MediaMarkt. Weniger Beachtung findet leider eines der letzten Quelle-Kaufhäuser. Die Wilmersdorfer ist kein Ort zum Verweilen, shoppingtechnisch jedoch uneingeschränkt empfehlenswert.


Die Kontroverse
Altstadt Köpenick
Noch schnell ein Geburtstagspräsent für das befreundete Lehrerehepaar besorgen? Kein Problem in der Köpenicker Grünstraße: Naturkosmetik, Bücher, Weine und weiterer Bedarf der gehobenen Mittelschicht ist hier erhältlich. Leider muss man sich beim Bummel durch den reichlich 300 Meter langen Fußgängerbereich vor durchbrausenden Autos in Acht nehmen. Berlins jüngste theoretisch autofreie Zone musste der Bezirk gegen den Willen einiger Geschäftsinhaber vor Gericht durchsetzen – mit dem Erfolg weitgehender Ignoranz. Zehlendorf kann trotzdem neidisch sein.

Die Positive
Hellersdorfer Promenade
Das „Café Sunshine“ hat ein üppiges Cocktailangebot, beim „Gute Laune Snack“-Wagen gibt es „Original Ost-Ketwurst“, das „Orange Sun & Naildesign“ ist ganz auf Wellness abonniert und „Bines Partyshop“ verleiht unter anderem Kostüme. So viel Lebensfreude haut einen fast um. Fehlen nur noch die Leute, die über den mit Bäumen, Sträuchern und Beton-Verbundpflaster gepflegt gestaltete Promenade zwischen Plattenbauten flanieren. Vor zwei Jahren nannte man sich noch „City-Meile Hellersdorf“ und hatte eine rekordverdächtige Leerstandsquote. Jetzt sind fast alle Läden vermietet und es bleibt nur, viel Glück zu wünschen.


Das Grauen
Gorkistraße
Reinickendorf. Ja, was soll man dazu sagen? Der Bezirk hat anderthalb Millionen Euro in die Neugestaltung der Fußgängerzone investiert und jetzt ist alles viel schöner als vorher. Da möchte man gar nicht wissen, wie das damals ausgesehen hat. Das Tegel-Center, ein Waschbeton gewordener 70er-Jahre-Alptraum, dominiert die Straße, da hilft auch keine aufgehübschte Karstadt-Fassade. Immerhin beherbergt es eines der Highlights, einen Sexshop der Kategorie Ehehygiene, in dem zwei dauergewellte Verkäuferinnen plaudernd und Kaffee trinkend versuchen, die Zeit totzuschlagen, während ältere Herren im angeschlossenen Kino gleichgeschlechtliche Rendezvous haben.


Die Touristenfalle
Nikolaiviertel
Vor allem bei den reiferen Semestern unter den Berlin-Touristen ist das bizarre Altstadt-Imitat in stümperhaft getarnter Plattenbauweise recht beliebt. Schlimme DDR-Erinnerungen werden auch bei den Fachgeschäften wach: Meissener Porzellan, Plauener Spitze und Erzgebirgische Volkskunst lauern an jeder Ecke, dazu noch Berliner Souvenirkitsch und Restaurants, die den Koch anscheinend von der Mitropa abgeworben haben. Das Zille-Museum darf nicht unerwähnt bleiben. Eigentlich fehlt nur noch der Zwangsumtausch.


Die Westdeutsche
Altstadt Spandau
Die Spandauer haben sich noch immer nicht so ganz mit der Eingemeindung nach Berlin abgefunden; ist ja schließlich erst 85 Jahre her. Für Restberliner ist der stolze Randbezirk gefühltes Westdeutschland. Die für hiesige Verhältnisse sehr sehenswerte Altstadt ist gleichzeitig die größte Fußgängerzone Berlins. Trotz gewisser Probleme seit Eröffnung eines nahegelegenen Einkaufszentrums ist das Warenangebot immer noch solide; sogar Kaffee trinken im Freien ist hier gemütlich, schönes Wetter vorausgesetzt. Auffällig ist die pulkartige Anordnung von Mülleimern.

Liebe in der Wilmersdorfer
Lama Tschaglung Tulka Ngawang Gelek, buddhistischer Mönch über sich und die Wilmersdorfer Straße
Interview: Nicolas Šustr


Sitzen sie immer hier?
Ja, seit fast zehn Jahren bin ich praktisch jeden Tag hier. Ich komme so zwischen elf und zwölf Uhr und bleibe bis 20 Uhr. Egal ob es regnet oder schneit, ich sitze hier vor Karstadt. Ich habe warme Kleidung und bin halbwegs vor Regen geschützt.

Was machen Sie den ganzen Tag?
Ich bete und meditiere. Außerdem kommen häufig Freunde vorbei, mit denen unterhalte ich mich dann. Und vielleicht bekomme ich ja auch hier irgendwann die Erleuchtung.

Können Sie von dem Geld leben, das die Leute Ihnen hier geben?
Nein, dafür reicht das nicht. Ich mach das auch nicht wegen dem Geld. Ich bekomme noch etwas von dem Meditationszentrum, in dem ich Kurse anbiete und ab und zu arbeite ich noch im Bioladen.

Wollte die Polizei Sie nie vertreiben?
Doch, vor zwei Jahren wollten sie das. Ich bin dann zum Bezirksamt, habe dort erklärt, dass ich nur bete. Ich kriegte eine Genehmigung und jetzt darf die Polizei mich nicht mehr wegschicken.

Was hat Sie nach Berlin verschlagen?
Ich komme aus Tibet, wo ich Arzt war. Ich hatte auch Kontakte zu tibetanischen Mönchen und kam deswegen für drei Jahre ins Gefängnis. Danach ging ich nach Südindien ins Exil. Dort habe ich sechs Jahre lang studiert: Religion, Astronomie, Physik und vieles mehr. Dort lernte ich meine heutige Frau, eine Deutsche, kennen und deswegen bin ich jetzt hier.

Warum gerade in der Wilmersdorfer Straße?
Am Anfang war ich hier, weil meine Wohnung gleich um die Ecke ist. Dann habe ich auch andere Stellen ausprobiert. Eine Zeit lang war ich am Breitscheidplatz vor der Gedächtniskirche, dann habe ich es noch am Alexanderplatz versucht. Aber da war überall schlechte Stimmung. Hier ist nett, die Leute sind freundlich. Hier ist mehr Liebe.