Mittwoch, 7. Februar 2007

Selber Treten macht klug — Geführte Fahrradtouren durch Berlin

Stadtrundfahrten im Bus sind eigentlich nur was für Berlin-an-einem-Tag-Fetischisten. Sitzt man auf der falschen Seite des Touristenvehikels sieht man gerade die Dinge nicht, die einen interessiert hätten. Dazu wabert ein unablässiger Strom von Daten und Fakten aus dem Lautsprecher des routinierten Stadtführers, die man sich sowieso nicht merken kann. Der eigentliche Kontakt mit der Stadt beschränkt sich fast nur darauf, ob gerade Stau ist oder nicht. Niemand, der hier wohnt, würde sich das geben.
Ganz anders sieht das bei geführten Radtouren aus, die hier gerade einen regelrechten Boom erleben. Aus gutem Grund. Sie sind längst nicht so dröge wie das eingefahrene Busangebot und neben der klassischen City-Rundfahrt haben sich die Veranstalter phantasievolle Spezialtouren unter Titeln wie Abenteuer Kreuzberg oder Mauerstreifzüge einfallen lassen. Die sind natürlich auch für Berliner interessant. Dementsprechend sind die Gruppen auch eine bunte Mischung aus Touristen und Einheimischen. Oft ist die Stimmung so gut, dass ein Teil der Truppe die Fahrt noch bei Kaffee oder Stärkerem ausklingen lässt. Also auch eine gute Gelegenheit, Leute kennen zu lernen.
Fahrräder sind in der Stadt sowieso ideal. Sie bieten einen relativ großen Aktionsradius, weder Stau noch Verspätungen von Bus oder Tram behindern. Und man nimmt ungefiltert Teil am prallen Stadtleben. Auch wer nicht zu heftiger Sportlichkeit neigt, kann die Touren genießen.
Seit letztem Jahr bietet die Firma Zweitradtouren die Rundfahrt „Ab durch die Mitte“ an, dabei geht es Dreieinhalb Stunden durch Mitte und Tiergarten. Weil immer noch die Sorge vorherrscht, es könnte um Leistungssport gehen, kündigt der Flyer die Tour als „Stadtspazierfahrt“ an.
Ich melde mich also für die Mitte-Fahrt an. Meinem eigenem Gefährt im Keller traue ich nicht mehr so recht über den Weg, also buche ich gleich noch ein Hollandrad mit.
Während ich meine letzte Zigarette vor dem Start rauche, kommt schon Sabine Jözwiak, die abwechselnd mit Ulrich Gries die Touren leitet. Sie ist ausgebildete Stadtführerin. Bevor es losgeht, weist sie mich noch ein: „Ich sage zwar immer, wo wir jetzt sind und was es zu sehen gibt, aber wenn Du mehr wissen willst, dann musst Du das sagen. Ich will die Leute nicht tot quatschen. – Ach ja, und Vorsicht bei Straßenbahngleisen!“
Wir steigen auf. Über Nebenstraßen kommen wir zum Mauerstreifen an Bernauer Straße, Westberliner Seite. Die Mauer wirkt immer noch. Sabine weist Richtung Mitte. „Ich wohne zwar gleich um die Ecke, aber einkaufen war ich im Wedding auch noch nie.“
Sabine Jözwiak erweist sich allein schon durch ihre Biographie als Spezialistin für West-Östliches. Nach langwierigen Verfahren konnte sie 1987 endlich aus Ost-Berlin ausreisen. Fast 15 Jahre lebte sie in West-Berlin. Sie kann viel Interessantes erzählen, tut es aber nur, wenn man es auch hören will. „Das Tolle an der Radspazierfahrt ist die Flexibilität, sind viele Schweizer dabei, dann fahren wir noch zur Schweizer Botschaft“, erklärt sie. „Im Eingangsbereich der Botschaft fallen alle paar Minuten Blätter aus dem Luftschacht. Die sehen aus wie Herbstlaub und auf der Rückseite stehen Sinnsprüche.“ Das wusste ich auch noch nicht.
Die Strecke rund um die Siegessäule ist eines der wenigen Teilstücke, das an einer Hauptverkehrsstraße entlang führt. Gefährlich ist das auch nicht, es gibt breite Fahrradwege.
Rund um den kleinen Tiergarten kommt der architektonisch interessanteste Teil der Fahrt, an gelungenen Bauten wie der mexikanischen oder indischen Vertretung vorbei. „Zur österreichischen Botschaft wusste ein Architekturkritiker nichts weiter zu sagen, als dass der Zaun das Schönste daran ist,“ sagt Sabine beiläufig. Dem kann ich mich nur anschließen.
Gibt es mal spezielle Fragen, blättert sie zielsicher im Du Mont Führer. Das könnte ich zwar selber auch, aber geführt werden und Sachen herausgesucht zu bekommen ist schon angenehmer.
Wir erreichen den Schlossplatz und sind vor dem Palast der Republik. „Das ist ein guter Ort für Architekturdiskussionen, da bleiben wir meistens ein paar Minuten.“ Die letzten paar Meter vom Hackeschen Markt zum Ausgangspunkt beim Teutoburger Platz ist der sportlichste Teil der Tour, eine leichte Steigung (der Berliner würde Berg sagen) ist zu überwinden.
Ich bin überrascht, dass wir schon wieder am Ziel sind. Obwohl ich schon lange hier wohne, habe ich selbst bei der eher für Touristen interessanten Zentrumstour Neues erfahren. Man bekommt ein Gefühl für den Stadt-Raum und wie nah vieles beieinander liegt. In diesem Jahr soll noch eine zweite Tour ins Programm. „Durch Prenzlauer Berg“, wie Sabine verrät, die meine Begeisterung mitbekommen hat. Die mache ich sicher mit, aber mit eigenem reparierten Fahrrad.

„Ab durch die Mitte“ von Zweitradtouren. Vom 19. April bis 25. Oktober immer samstags um 14 Uhr. 14,50 Euro pro Person. Fahrräder können für 7,50 Euro zusätzlich gemietet werden. Tel. 53 64 82 89, www.zweitradtouren.de

Weitere Anbieter:
Fahrradstation bietet zusammen mit seinen Partnern ab 22. April verschiedene Fahrradtouren an. Dazu gehören die tägliche Zentrumstour „Berlin by Bike“ (Treffpunkt Fahrradstation Friedrichstraße) sowie Abenteuer Kreuzberg und Mauerstreifzüge. Infos und Reservierung unter Tel. 01805-10 8000, www.fahrradstation.com
Insidertour hat täglich eine englischsprachige Zentrumstour vom 1. Mai bis 30. September im Angebot. Treffpunkt ist 10.30 Uhr an der Fahrradstation Friedrichstraße, der Preis beträgt inklusive Fahrrad 20 Euro, ermäßigt 17 Euro. Es ist keine Anmeldung erforderlich. Tel. 692 31 49, www.insidertour.com

© Nicolas Šustr

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