Mittwoch, 7. Februar 2007

Nordböhmen – Schwefelperle mit Herz

„Aber ich weiß ja selbst nicht, was ich des Weges so getrunken habe.“ Wenedikt Jerofejew

Nordböhmen – Schwefelperle mit Herz

Einleitung


Während andere tschechische Regionen mit Schlössern, Skigebieten oder Bierspezialitäten prahlen, bleibt Nordböhmen bescheiden. So vermerkt der „Regionalatlas Ústecký Kraj“ etwas ungelenk, dass „bestimmt hier keine einfache Feststellung gilt, dass die Region von Ústí nur ein von der Menschentätigkeit sehr verletztes Gebiet ist.“ Deutlich eleganter, wenn auch im Kern der Aussage auch kryptischer, formuliert Kreishauptmann Ing. Jiří Šulc so: „Die Landschaft hat nicht nur dank den Werken unserer Vorfahren einen unverwechselbaren Charakter.“
Lassen Sie sich von der Dialektik des Ing. Šulc nicht in die Irre führen; Nordböhmen bietet dem sanften Katastrophentouristen einiges: Braunkohletagebau und starke Industrialisierung sind die Schlagworte, die Ústí und Umgebung zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Doch Vorsicht: „Auch wenn das Gebiet um Ústí den Ruf hat, vorwiegend eine Industrieregion zu sein, so ist es doch auch ein Gebiet mit Landwirten, Obstbauern und Gemüsezüchtern“, um Ing. Šulc noch ein Mal zu Worte kommen zu lassen. Und tatsächlich: Immer wieder stören sehr schöne Landstriche die Industrieidylle. Folgen Sie also diesem kleinen Führer, um unnötige Enttäuschungen zu vermeiden.
Geschichte
Nordböhmen ist seit Urzeiten besiedelt, ab dem 13. Jahrhundert auch in Form von Städten. Reiche Kohlevorkommen sorgten seit dem 19. Jahrhundert für das inzwischen unverwechselbare Gepräge durch die Industrie und ihre üppigen Emissionen.
Etwa ¾ der Bevölkerung war deutschsprachig, was immer wieder zu tiefgreifenden Mißverständnissen führte. Nach dem reichsdeutschen Lösungsversuch von 1938 setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg die tschechische Seite in der Minderheitenfrage in zeittypischer Manier durch. Bekannteste Hinterlassenschaft der deutschen Okkupation war das Vorzeige-Ghetto Theresienstadt, welches seinerzeit das Internationale Rote Kreuz trefflich überzeugte.
Mit großem Nachdruck versuchte die Regierung, den großflächig freigezogenen Wohnraum mit slowakischen Roma zu besiedeln. Über die Ergebnisse lässt sich streiten. Die Aufnahme des Braunkohletagebaus gab dem Landstrich eine noch herbere Note. Nach 1989 erlebte vor allem im unmittelbaren Grenzgebiet der horizontale Dienstleistungssektor einen ungeahnten Aufschwung. Eine teilweise Deindustrialisierung ermöglichte rund 20 % der Bevölkerung ein Leben frei von Zwängen, während auf manchem Berghang wieder Bäume sprießen.
Anreise
Den besten Eindruck von Land und Leuten gewinnt man bei Anfahrt von Dresden über die B170 (Grenzübergang Cínovec-Altenberg). Hier kommt vor allem der kleine Mann aus der Zone auf seine Kosten. Nicht nur Benzin, Zigaretten und schöne Gartenzwerge locken; links und rechts der Straße laden für Mitteleuropa ungewöhnlich knapp bekleidete Damen jeden Alters zu persönlichen Erkundungen böhmischer Becken ein. Romantischer Höhepunkt sind rot ausgeleuchtete wartehäuschengroßen Waldfickbuden mit hinter Panoramascheibe hübsch präsentierter Ware. Doch auch unten im Dorf gibt es reichlich Gelegenheit, sich mit aktuellen Geschlechtskrankheiten zu versorgen.
Insider-Tipp: rukou = mit der Hand, kouřit = blasen, ze zadu = von hinten
Leider ist auf Alternativrouten der Servicegedanke am Wegesrand deutlich weniger ausgeprägt. Von ihnen ist daher, ebenso wie von der deutlich schnelleren Anreise per Bahn, abzuraten.

Ústí nad Labem (Aussig)

Erstes Ziel sollte die knapp 100.000 Einwohner zählende Kreishauptstadt Ústí nad Labem sein. Schon von weitem grüßt die romantische Industriestadt am Elbufer mit rauchenden Schornsteine und behutsam in die Landschaft eingefügten Plattenbausiedlungen. Bereits früh am Abend machen sich im quirligen Zentrum die Fußgänger rar. Ein kleiner Ausgleich ist die rasant steigende Polizeidichte.

Unterkunft

Wer sich nicht im Interhotel am Friedensplatz (Mírové náměstí) einquartieren mag, dem sei wärmstens die Pension Klíšská in der gleichnamigen Straße empfohlen. Der schäbige Vorkriegsbau bietet Zwei-Personen-Suiten mit unverbaubarem Blick auf Chemiefabrik und Kaufland-Filiale bereits ab 500 Kronen (16 €).
Das Geld ist gut angelegt. Allein schon die gemütliche Sitzecke im Wohn- und Schlafraum versprüht die mondäne Nonchalance bulgarischer Spionagethriller. Dutzende Regalmeter ermöglichten es dem durchreisenden Literaten, seine Hausbibliothek unterzubringen. Masochisten werden sich schwer tun, die richtige Liege zu wählen: Soll es das Modell Brett mit Stoffbezug im angesagten 60er Jahre-Retrolook oder doch lieber die nagelbrettartige Federkern-Jugendzimmerliege der frühen 90er sein?
Insider-Tipp: Parken Sie Ihr Auto auf dem pensionseigenen Parkplatz, wenn Sie es mögen!

Nightlife

Der Nachtschwärmer hat die Wahl zwischen zweifelhaften Sportkneipen mit Spielautomaten, zweifelhaften Eckkneipen mit Spielautomaten oder Spielhallen mit Biertheke. Wer dann doch Müde geworden ist und sich an seiner Pritsche nicht stört, lässt sich vom Generatorengeräusch des naheliegenden Kraftwerks sanft in den Schlaf summen.

Stadtbummel

Für die Mahlzeiten sei Kantine im Dachgeschoss des Kaufhauses Elbe (Obchodní dům Labe), direkt am Busbahnhof gelegen, empfohlen. Mensaatmosphäre trifft auf ein erstaunlich gutes Speisenangebot.
Insider-Tipp: Am Eingang Laufzettel geben lassen und beim gehen bezahlen!
Sehenswert ist auch der Fahrstuhl. Lässig, fast teilnahmslos, auf ihrem Stuhl sitzend, verrichtet eine anscheinend von der Familie verstoßene Seniorin ihren Dienst als Liftdame in dem dreistöckigen Gebäude.
Insider-Tipp: Geben Sie kein Trinkgeld, das würde für Irritationen sorgen!
Gleich am Friedensplatz befindet sich ein ambitioniert verunglückter sozialistischer Prachtbau, der vor allem durch eine große, wannenartige, schwebende Betonkonstruktion unangenehm auffällt. Auch Busbahnhof und Markthalle sind echte Hingucker.

Was Sie nicht mehr suchen müssen

Eine Attraktion, mit der es Ústí 1999 sogar bis in die amerikanische Presse schaffte, gibt es leider nicht mehr. Eine bescheidene vier Meter hohe Mauer, die eine leicht verwahrloste Zigeunersiedlung von etwas weniger verwahrlosten Einfamilienhäusern trennte, wurde leider wieder abgerissen.

Lovosice

Kleinstadt, die sich breiig entlang der Hauptstraße ergießt. Daher das tschechische Sprichwort „Das ist lang wie Lovosice“, wenn etwas lang ist. Sitz von Lovochemie, einem berühmt-berüchtigten Chemiekomplex, der halb so groß wie die Stadt ist. Riecht ganz anständig.

Teplice (Teplitz-Schönau)

Goethe würde staunen, was aus seinem Urlaubsdomizil geworden ist. Eine schöne Autobahn durchquert dezent das Zentrum der recht unbedeutende Industriestadt. Erlangte in den 1980er Jahren gewisse Berühmtheit durch Atemschutzmasken für Kinder.
Terezín (Theresienstadt)
Idyllisches, deutlich geschichtlich belastete Städtchen, zur Nazizeit Vorzeige-Ghetto. Im ehemaligen Ghetto regt sich wieder das beschauliche Leben einer normalen Kleinstadt. Mit der Eröffnung einer deutschen Supermarktfiliale ist nach Auschwitzer Erfahrungen nicht zu rechnen.
Most (Brüx)
Die 70.000 Seelen zählende Ansiedlung ist zweifelsohne der Schwefelkristall unter den Perlen. Der Nordböhmen-Neuling ist daher gut beraten, unbedingt vorher einen Akklimatisierungsaufenthalt in Ústí einzulegen.
Trotz über 700jähriger Geschichte ist Most eine junge Stadt geblieben. Zu bewundern sind vor allem drei Jahrzehnte sozialistischen Bauschaffens. Das liegt in der allzu sorglosen Standortwahl der feudalen Stadtgründer begründet. Wer baut denn ungestraft auf einem Braunkohleflöz bester Qualität? Erst die KP fand in den 60er Jahren die Kraft, diesen historischen Irrtum durch Abriss und etwas versetzten Neuaufbau zu korrigieren. Und so entstand mit betont großzügigen Straßenfluchten eine moderne Kleinstadt der weiten Wege.
Ziemlich genau in der Mitte zwischen Most und Litvínov schlägt mit Chemopetrol das – laut Eigenwerbung – Herz der tschechischen Chemie. Eine Straßenbahnlinie verbindet die zwei Städte und den größten Chemiekomplex der Republik miteinander.
Insider-Tipp: Geschlossene Autofenster reduzieren das Vergiftungsrisiko deutlich!
Unterkunft
Das Hotel Viktor ist erste Wahl, nicht nur wegen des Schlagerpreises von 360 Kronen (12 Euro) pro Doppelzimmer. Die Originaleinrichtung aus den sechziger Jahren zeugt von damaliger Aufbruchstimmung; liebevolle Details wie grünliche Linoleumböden unterstreichen das. Sogar ein Fahrstuhl funktioniert noch.
Ebenso wie in Ústí scheint es auch in Most als Beleidigung aufgefasst zu werden, den Gästen
brauchbare Handtücher bereitzustellen. Küchentücher sind als symbolische Geste zu werten.
Insider-Tipp: Ruhig selbst Handtücher mitnehmen!
Nightlife
Im Großen und Ganzen deckt sich das Angebot mit jenem von Ústí, nur dass es weniger Auswahl gibt und früher zugemacht wird.
Insider-Tipp: Unbedingt vor 22 Uhr Essen gehen, sogar die örtliche McDonald’s-Filiale schließt um diese Uhrzeit.
Ansonsten berichtet ein tschechisches Wochenblatt von Schutzgelderpressungen und ähnlichen aufregenden Dingen in der Stadt, bei der auch die Polizei mitmacht. Leider fanden im Testzeitraum keine Schießereien statt.
Stadtbummel
Traditionsbewusstsein zeigt Most bei den Straßennamen. Nicht nur den Erbauern (ihnen widmete man sogar die zentrale Magistrale) wird gedacht, auch Moskau, die Junge Garde, die tschechoslowakische Jugend, die Friedensverteidiger, der 1. Mai, die Pioniere und sogar der Slowakische Nationalaufstand haben namenstechnisch die Wendezeit überlebt. Nur wenige tschechische Städte pflegen ihr Erbe so huldvoll.
Einen Blickfang erster Güte stellt der „Zentrum“ genannte Block dar. Aktuell befindet sich im Bassin vor dem sogenannten Repräsentationshaus das Mahnmal für die unbekannte Transe (siehe Bild). Der Künstler ist leider ebenfalls unbekannt. Ein Skateverbot am sehenswerten Landratsamt beweist die Szenetauglichkeit von Most.
Insider-Tipp: Wahre Fashion-Victims besuchen das Kaufhaus Prior. Auf zwei Etagen findet dort jeder seinen persönlichen Anti-Trend, um gegen den Strom zu schwimmen. Ideal auch für Mitbringsel!
Ein Spaziergang über die marode Eisenbahnbrücke bietet nicht nur einen herrlichen Blick auf den wenige Kilometer entfernten Chemopetrol-Komplex, sondern führt auch zum letzten Rest des alten Most: die Dekanatskirche. Die Partei ließ sich weichklopfen, den 12.000-Tonnen-Bau um 850 Meter zu verschieben, statt ihn mit abzubaggern. Nun steht er etwas im Nichts und zeigt mit dem Arsch zur Stadt. Der gute Wille zählt.
Was Sie nicht suchen müssen:
Den nächtlichen Chemiegeruch aus Ústí. Der bleibt leider unten im Braunkohleloch hängen.
Litvínov
Mosts Schwesterstadt zählt nur halb so viele Einwohner und wirkt deutlich rustikaler. Architektonisch und sozial interessant ist das 1947 begonnen und in mehreren Etappen fertiggestellte Koldům (=Kollektivhaus). Die zwei Wohnflügel des Hauses sind durch einen Riegel verbunden, der Gemeinschafträume wie Speisesäle, Kinderkrippe, Wäscherei u. ä. aufnahm. Nach dem überraschenden Scheitern des Modells nutzt nun ein Hotel einen Teil der Räume, im Rest befinden sich Wohnungen. Vielleicht treffen Sie ja eines der Mädchen auf den Fotos wieder. Die wollten erst wissen, ob wir vom Jugendamt sind, dann wollten sie Zigaretten, dann wollten sie fotografiert werden, aber nur, wenn die Bilder nicht fürs Internet sind. Von wegen Provinz.
© Nicolas Šustr

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