Mittwoch, 7. Februar 2007

Luft als Werkzeug – Ekstase aus dem Nichts – Mit der Luftgitarre in der Hand

Samstagabend, kurz nach halb neun. Am Kartenschalter des Kesselhauses der Berliner Kulturbrauerei drängen sich die Menschen. Sie wollen Zeugen der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft werden, wollen sehen, wie auf der Bühne mit nichts in der Hand alles gegeben wird. Und, so viel sei verraten, sie werden nicht enttäuscht werden.
Derweil knutscht Kai Lachmann, 24, Student der Kulturwissenschaft und diesjähriger Brandenburger Meister der in Deutschland noch recht jungen Sportart in der VIP-Lounge, hoch über den Köpfen des Publikums, heftig mit seiner Freundin. Dazwischen holt er sich Bier oder Wodka an der Theke ab oder beantwortet die Fragen der Journalisten. Wie er denn trainiert habe, zum Beispiel: „Unter der Dusche; das Wasser ganz kalt gedreht. Da kommt das ekstatische Zittern von ganz alleine.“ Oder nach den persönlichen Siegchancen: „Ich habe nicht mit so vielen Teilnehmern gerechnet.“ 15 Teilnehmer sind angekündigt.
Immerhin gegen acht Mitbewerber konnte er sich so in Frankfurt/Oder durchsetzen. Wie ein Rocker sieht der sportliche Student nicht aus. Ganz im Gegensatz zum Bremer Landesmeister Okan Deniz, Künstlername Arschritzen-Yeti. Der ist klein, stämmig, trägt einen üppigen Ziegenbart und könnte so manche Schwiegermutter verschrecken. Von der einzigen Luftgitarrenspielerin Katharina Tomaschek, aka Leni Krawitzkowsky, aus dem brandenburgischen Eberswalde, ist noch nichts zu sehen. Sie hat es sich im Backstage gemütlich gemacht, in dem abermals zwei Kästen Bier verschwinden.
Um halb zehn ist die Halle mit hunderten Fans des Luftgitarrenspiels ordentlich gefüllt, Moderator Dr. Seltsam betritt die Bühne. Er animiert das Publikum, kollektiv „Spielt Luftgitarre!“ zu brüllen, was klappt. Dann grüßt den am Freitagabend bei einem Vorentscheid (von der Bühne) gefallenen Lufgitarrenhelden Melt Gibson. Ganz ungefährlich ist die Sache also nicht. Nun betreten drei echte Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger die Bühne. Es ist die Band Cobra Jet. Eine Stunde werden sie spielen. Die Zuschauer – nur sehr wenige sind im klassischen Rocker-Outfit – goutieren es, einige tanzen.
Nach dem Konzert steigt die Stimmung weiter. Eine kurze Vorstellungsrunde und dann heißt es Bühne frei für die Kür: Jeder Luftgitarrist darf nun eine Minute zu selbstgewählter Musik seine Künste vorführen. Rocky aus München ist der erste. Er überzeugt mehr durch seine Gold-Glitter-Langhaar-Glamrockperücke als durch Technik, was die dreiköpfige Jury mit mittelprächtigen Noten quittiert.
Heart Buckboard, Vizemeister 2004, lässt sich mit einem vorbereiteten BH bewerfen, der Japaner hiRO/hABibi konterkariert ziemlich durchgeknallt harte Rocker-Attitüden, Terror T macht seinem Namen alle Ehre, verschreckt das recht brave Publikum mit einem Bierschauer und wilden Sprüngen auf die Boxen. Leni Krawitzkowsky verdreht den männlichen Zuschauern mit ihrer Performance die Köpfe. Immer wieder muss die Jury sich böse Pfiffe und Buhrufe für ihre Wertungen anhören, was aber der Stimmung keinen Abbruch tut.
In der Pflicht, der zweiten Runde, holen alle Teilnehmer das Letzte aus sich heraus. Stagediving, blanker Hintern, ekstatische Akrobatik, alles, was zu Sex, Drugs and Rock’n’Roll gehört, ist mit dabei. Am Ende siegt Leni Krawitzkowsky, die einzige Frau, dank Erotik und Technik. Sie ist außer sich, gönnt sich eine Bierdusche und wird Deutschland am 26. August im finnischen Oulu, bei der 10. Luftgitarren-Weltmeisterschaft würdig vertreten.
(www.gagf.de, www.omvf.net)
© Nicolas Šustr

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