Mittwoch, 7. Februar 2007

Der Volkspalast hat eröffnet – Rauschende Party mit 2500 Gästen – Der Palast der Republik lebt – Nur einer war für Abriss

„Reißt das Ding ab“, brüllt ein Mann. Er ist um die 50, leicht untersetzt, nicht weiter auffällig. Nur für Sekundenbruchteile huscht ein überraschter Blick über die Gesichter der gerade für das Eröffnungsfoto posierenden Gruppe. Die Überraschung weicht einem milden Lächeln. Die Provokation ist verpufft als wäre nichts geschehen. Die von den Machern des Volkspalastes inszenierten „Eröffnungsrituale“ verfehlen ihre Wirkung nicht. Viel zu feierlich ist die Stimmung, als das solche Kleinigkeiten sie vermiesen könnten. Schließlich wurden die Premierengäste, die nun auf der Sockeltreppe vor dem Palast der Republik für das Gruppenfoto Haltung annehmen, mit der Limousine vorgefahren. Wenn auch nur eine Runde um den Schloßplatz.
Das Foto ist gemacht, das rote Eröffnungsband zerschnitten, übrigens von einer Dame im Glitzer-Abendkleid (in Berlin ein eher seltener Anblick), das nun seit 14 Jahren umstrittene Gebäude darf betreten werden. Wie ist der erste Eindruck? Nackte Stahlträger und Beton, so weit das Auge reicht, einem Parkhaus nicht unähnlich. Aber ein sehr freundlich wirkendes Parkhaus, lichtdurchflutet – die Sonne ist noch nicht untergegangen – und mit großzügigen Treppen. Keine Spur mehr von Honeckers kleinbürgerlich-protzigem Lampenladen. Stattdessen Marcellas (französisch ausgesprochen) „Volkspostkartenladen“, von dem Grußkarten in die ganze Welt verschickt werden können. Die Eröffnungsrituale nannten sich übrigens „Volkslimousine“, „Volksgruppenbild“ und „Volksempfänger“.
An der Palastfassade kommt es zur „Volksenthüllung“. Das hat nichts mit Exhibitionismus zu tun und ist, präzise gesagt, eine Verhüllung. An jener Stelle, an der einst das DDR-Wappen prangte, entrollen zwei Fassadenkletterer ein „Volkspalast“-Transparent. Die Überstrapazierung des in Deutschland wahrlich nicht einfachen „Volks“-Begriffs hat Methode: Der entkernte Bau an sich wirkt so politisch wie eine Käseschachtel, nur die ideologische Füllung macht die Aussage. Ein „aktiver öffentlicher Ort der freien Kunstproduktion“ soll entstehen, so die Macher.

Weiter hinten im Erdgeschoss wartet der „Volkslampenladen“ auf Stehlampen. Das soll keine Anspielung auf DDR-Versorgungsengpässe sein: Wer eine Lampe mitbringt, bekommt freien Eintritt. Und die Leuchtenbringer sind noch nicht da. Nichts mitbringen außer etwas Mut muss man auf der „Volkswiese“, zwei Rollrasenquadraten mit Ethnodekoration. Gilt es doch dort, „im Geiste Dean Reeds“, jenes original amerikanischen DDR-Countrysängers, Lieder „Keine Macht für Niemand“ oder auch „Guantanamera“ zu schmettern.
Um 20 Uhr ist der Palast schon recht gut gefüllt, vom Baby bis zum Greis ist alles vertreten. Am Eingang ist eine Mittfünfzigerin dabei, „Volkspromi“ zu werden. Diese Performance mimt eine live ins Gebäudeinnere übertragene TV-Starberichterstattung. Die Frau hat tatsächlich etwas zu erzählen, betritt sie doch gerade ihren ehemaligen Arbeitsplatz. Sie war für das Türen abschließen zuständig, „die schönsten fünf Jahre ihres Lebens“, wie sie sagt. Sie zehre heute noch davon.

Wer nicht fernsieht, hat ein kleines Radio am Ohr und hört – natürlich – „Volksradio“, im Haus gesendet vom – und die heißen immer so – „Freien Sender Kombinat“ aus Hamburg. Das Thema? Die Eröffnung des Palastes im Jahre 2076, hundert Jahre nachdem Erich Honecker zum Dank für die Fertigstellung des „Palazzo Prozzo“ 400 Bauarbeitern die Hand schüttelte. Insgesamt handelte es sich 1976 um eine „recht krampfige Veranstaltung“, wie der Journalist Ulf Kalckreuth bei seiner launigen Eröffnungsrede urteilt. Vor ihm sprach Kultursenator Thomas Flierl von seiner anfänglichen Skepsis zur Zwischennutzung, seiner jetzigen Freude darüber und seiner Hoffnung auf Nichtabriss des Baus. Amelie Deuflhard, künstlerische Leiterin der Sophiensaele und auch des Volkspalastes, sprach danach vom beschwerlichen Weg bis zum Eröffnungsabend.
Nach den politisch-intellektuellen Bekenntissen heizte die „Bolschewistische Kurkapelle“ mit anarchistischer Blasmusik die Stimmung im aus Brandschutzgründen nur locker gefüllten Saal an. Pünktlich zum Partystart durften auch wieder Besucher ins Haus – die ältere Generation machte Platz für die jüngere. Die nahm den Palast ordentlich in Besitz, spielte mit einer (hineingeschmuggelten) Bierdose Fußball, während die „Puppetmastaz“ ihre witzige Puppen-DJ-Show aufführte, feierte bis ins Morgengrauen. Und witterte vielleicht auch ein bißchen Morgenluft für den Erhalt des Palastes.

© Nicolas Šustr

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