Donnerstag, 8. Februar 2007

Burn, baby burn

Geschenkt wird einem heute nichts mehr. Im Internet heißt es „Weg von der Gratiskultur“, die Post will Geld für den Nachsendeauftrag haben und auch der kleine Plausch mit dem Hausarzt schlägt mit zehn Euro zu Buche. Von den ständig steigenden Bierpreisen (Sternburg von 50 Pfennig auf 33 Cent) gar nicht zu sprechen. Wo soll man da noch Geld für Urlaub übrig haben? Zu allem Unglück wohne ich in einer bustouristikfreien Gegend; niemand will mich mit farbenfrohem Druckwerk zur Sonderfahrt „Tschechenmarkt in Eger“ inklusive wertvollem Messerset für Ehepaare verführen. Da möchte man den Glauben an die Neue Soziale Marktwirtschaft fast verlieren.

In solch schweren Stunden spendet mir der ZDF-Infokanal Trost. Das ist mein Fenster in die Welt, lässt mich mit Schminktipps, Ratschlägen zu Hausbau oder Aquaristik den Alltag vergessen. Doch auch packende Reportagen gehören zum Repertoire: Mit dem Sargdiskont auf Informationsfahrt ins tschechische Krematorium. Mit der Gratistour möchte der Berliner Billigbestatter Vorurteile abbauen helfen.

Gratis? Berlin? Ein Mittagessen ist auch dabei? Ich hechte zu den Gelben Seiten, finde sofort das Gesuchte und greife zum Telefon. Es sind noch Plätze frei. Warum ich den mitfahren wolle, möchte die korrekte und dennoch mütterliche Dame am anderen Ende der Leitung von mir wissen. Scheiße. Aber so kurz vor dem Ziel gebe ich nicht auf. „Meine Großtante“, stammele ich. Ich habe wieder die Oberhand, melde noch einen Freund mit an. Glück vermehrt sich ja schließlich, wenn man es teilt.
Neukölln, Hermannstraße. Ein Novembermorgen, kurz vor sechs. Mit Proviant und guter Laune im Ranzen verlassen wir die U-Bahn und erklimmen die Oberfläche. Links und rechts der Straße Friedhöfe, etwas aufgelockert durch Dönerbuden, Eckkneipen und Preisparadiese. Hier beginnt also die Fahrt ins Blaue.
Der Großteil unserer Mitfahrer wartet bereits am verabredeten Treffpunkt. Vor allem die reiferen Jahrgänge haben sich Plätze gesichert. Sie sind ja dem Thema auch etwas näher. Frohsinn jedoch hat kein Verfallsdatum, Scherze über versehentliche Kremierung machen die Runde. Dennoch ist eine gewisse Anspannung zu spüren; bis jetzt ist vom Bus keine Spur. Wir werden dafür etwas mißtrauisch gemustert.
Gegenüber hält ein Reisebus. Nach einigen gemurmelten Unmutsäußerungen – so war das ja nicht ausgemacht – schiebt sich ein beige-grauer Menschenkeil über die Fahrbahn, lässt den Verkehr kurz stocken. Am Gefährt angekommen schieben sie sich mit Mühe – die Knochen wollen nicht mehr so – die Stufen hinauf, plumpsen erleichtert auf die Sitze.
Vor uns sitzt nun eine knapp zweihundertpfündige Mischung aus Franz Josef Strauß und Boris Jelzin. Sein Kamerad, obwohl auch stattlichen Ausmaßes, wird regelrecht von ihm erdrückt. Links daneben sitzt – ganz allein – ein in dieser Runde jugendlich anmutender Schnurrbartträger mit dem Charme eines IG-Metall-Funktionärs. Neben uns hat ein Ehepaar Platz genommen. Sie onduliert, er hager und von Alkoholleidenschaft gezeichnet, beide 72 Jahre alt. Sie sind etwas still, ganz im Gegensatz zu den rüstigen Herren hinter uns: Ihr Steckenpferd und einziges Gesprächsthema ist die Technik.
Der Bus steht und steht. Die welken Herrschaften (es sind tatsächlich wenige Damen an Bord) werden ungeduldig. Straußjelzin windet sich aus seiner zeltartigen Jacke und entblößt mitsamt seinen Motivhosenträger (Bierkrüge und „Man gönnt sich ja sonst nichts“-Aufdrucke) auch Schenkelklopferqualitäten. 104.6 RTL komplettiert dieses Sittenbild mit „Wir sind wir“, der Chartode an unser Land und seine Leute. Vielleicht die Mitfahrt doch noch überdenken?
Frau Wutzmutz (oder so ähnlich), rechte Hand des Bestatters überprüft die Anwesenheit. Die Runde hört auf zu maulen und konzentriert sich. Alle sind gekommen, nur Frau Prügelstein hatte wohl Besseres vor. Kopfschütteln beim sensiblen Zweihundertpfünder vor mir. Er heißt übrigens Dieter. Hinter uns wird heiß diskutiert: „Aber der Pentium passt doch gar nicht auf den Sockel.“ – „Doch, das ist ja nur ein 133er. Ich hab’s selber ausprobiert.“ – „Das ist doch nur für AMD.“ – „Aber wenn ich’s Dir doch sage.“ usw. usf.
Mit feinem Quietschen kündigt die Rückkopplung den Mikroeinsatz an. Es spricht der Bestatter. „Wir mussten auf’s Fernsehteam warten“, erläutert er den Grund der Verzögerung. Der RBB, unser Drittes, möchte es dokumentarisch dem ZDF-Infokanal nachtun. Der korrekt in schwarzem Anzug gekleidete Chef des Discounts hält eine kleine Einführungsrede über Krematorium, kostenloses Mittagessen und den Leichentransporter, dem wir auf der ganzen Fahrt folgen werden.
Auch die Trauergäste an Bord vergisst er nicht zu grüßen. Dieter informiert sich währenddessen in der BZ über „Opa Lüstern“. Neben dem RBB fahren noch eine Dame vom Deutschlandradio sowie eine vorgeblichen Diplomandin mit. Die letzte geheimnisvoll jugendliche Person stellt sich als die voll im Trauerfachbetrieb engagierte Tochter heraus. Schlussendlich weist der Fahrer auf die Anschnallpflicht hin, der wir unverzüglich Folge leisten. Lieber im Kreise der Lieben sterben.
Der Chef, Frau Wutzmutz und das Fernsehteam schwärmen aus. Die Bestatter verteilen – je nach Wunsch – Wasser, Multivitaminsaft oder Kaffee. Für jedes georderte Getränk bedankt sich der Chef. Äußert man hingegen keinen Wunsch, hakt er etwas strenger nach, ob dies das letzte Wort sei. Er macht einen transsylvanischen Eindruck. Die Fragen des RBB-Reporters nach Pietät, Leichentourismus und ähnlichem stoßen auf entschiedenens, ja empörtes Unverständnis. Man sei eben nicht so eng mit den Kindern, dass sie sich um das Grab kümmern würden. Einer der Technikfans verkündet stolz, dass er schon das 888 Euro-Angebot mit Kremierung und anonymer Urnenbestattung in Tschechien gebucht habe. „Außerdem ist das ja sowieso Sudentenland und damit Heimat“ ist triumphierender Schluss seines Plädoyers pro Sarg-Discount. Andere ordnen Tschechien Schlesien zu, kommen jedoch heimattechnisch zum gleichen Schluss. Ob sie sich als fünfte Kolonne zur Rückeroberung der Heimat sehen (Erst die Friedhöfe und dann der Rest), will der verständnisvolle Reporter leider nicht wissen.
Der Chefbestatter kommt nun zum geselligen Teil der Fahrt. Links und rechts des Gangs führt er Smalltalk. Auch mit mir. Was denn so junge Menschen auf diese Fahrt führe, möchte er wissen. „Die Großtante…“, sage ich wahrheitswidrig. Das ist sein großer Einsatz: Pfarrer-Fliege-mäßig schmeisst er sich emotional-mitfühlend heran, die transsylvanische Hand verkrallt sich ebenso gefühlsstark in meiner Schulter. „Ich behalte Sie im Auge“, droht er sorgenvoll. Kalter Schauder. Gänsehaut. Mein Begleiter kämpft währenddessen hysterisch gegen Lachanfälle. Der Chef hat neue Opfer im Visier: das Ehepaar links neben mir. Ihre Mutter, seine Schwiegermutter ist unser Vorauskommando im Leichentransporter. Auch ihnen droht er verschärfte Kontrolle an, da sie noch etwas zu gefasst wirken.
Kurz vor neun, die Sonne ist aufgegangen, Dieters Kamerad hat die erste Dose Bier geleert. Zeit für eine Rast. Verschneites Sachsen. „Ick sach ma: immer schieben“, droht Dieter selbst. Die Türen öffnen sich, wir fliehen nach draußen. Kostbare Minuten der Freiheit auf dem Rastplatz. Wir horchen die angebliche Diplomandin aus – sie will ein Leichen-Roadmovie-Drehbuch schreiben. Die Deutschlandradiofrau ist aber echt.
Die Meute schiebt sich wieder in den Bus, Der transsylvanische Fliegeschüler kommt mir wieder bedrohlich nahe. Ich stelle mich schlafend. Dieter verwickelt ihn in ein Gespräch. Warum man denn nicht in Polen verbrenne, sei doch näher. Die Krematorien seien da nicht so schick und modern. Irgendwie kommen sie auf die Ukraine. Dieter: „Als Landser dort gewesen?“ – Bestatter: „Nein, zu jung!“ (Ich dachte, die werden Jahrhunderte alt) Aber tolle Wehrmachtsdevotionalien könne man da kaufen, meint Dieter. „Alles Fälschungen! Die haben da eine Fabrik dafür!“ bedauert der Bestatter. Dieter kommt auf Italien, wo es Wein mit Hitler- und Mussolinikonterfei gibt, „die Deutschen tun sich ja noch schwer damit.“ Drakula wird die Sache zu heiß, er verduftet.
Chemnitz grüsst mit Industrieruinen und blinden Wohnungsfenstern. Nur noch 30 Kilometer bis zum Ziel, die Landschaft ist friedlich eingepudert vom Schnee. Mein Begleiter und ich diskutieren, ob man einen Wunschzettel an Osama schreiben dürfe. Ausgelassene Stimmung im Bus. Drakula macht wieder seinen Kontrollgang; ich stelle mich schlafend. Seine Kralle wieder in meiner Schulter. Ist es gar Fleischeslust?
Der Untote erinnert nochmal an das Programm: Erst Trauerfeier, dann ab in die Verbrennung, dann Mittagessen – natürlich auf Kosten des Hauses. Hinter der Grenze warten die üblichen Vergnügungen: Vietnamesenmärkte, Bordelle und Tankstellen. Jede Hure am Straßenrand sorgt für großes Hallo an Bord. Der Gewerkschafter ist außer Rand und Band, johlt, winkt, will sich „mit flinker Zunge“ verwöhnen lassen. Die tote Mutti im Leichenwagen führt den Invasionstrupp weiterhin an. Nazi-Dieter, der kleine Kosmopolit, weist darauf hin, dass die Nutte ja nur tschechisch könne. Bumms, bumms, bumms verstünde sie aber noch auf Deutsch.
Es ist 12.30 Uhr. Der Chef möchte etwas besorgt noch mal „in Erinnerung rufen, dass wir auf dem Weg zu einer Beerdigung sind.“ Die Meute beruhigt sich wieder und das lachsfarbene Krematorium schon erreicht. Drakula scheucht seine Herde in den Aussegnungsraum, mahnt noch etwas zur Ruhe und verschwindet mit den sonnenbebrillten Sargträgern. Warten, tuscheln. Er kommt zurück, verkrallt sich wieder in mir, nimmt mich beiseite und sorgt sich um meinen Gemütszustand. Und ich erst.
Getragene Melodien beschallen den mit Plastikblumenkränzen vollgestellten Raum. Der Sarg wird hineingeschoben, ein älterer Mann steht auf, tritt ans Rednerpult. Es ist Drakulas Bruder. Er formuliert eine Rede so persönlich wie ein Zahlschein. Die Mutti, 100 Jahre ist sie geworden, hatte den Kaiser noch erlebt (ach was), zwei Weltkriege (soso), war ausgebildete Floristin, doch, „die Zeiten waren widrig“, arbeitete als Schuhverkäuferin. „Mutter (dramatische Pause) hat Butterbrote geschmiert“ gehört zum Arsenal seiner geistreichen Zitate. Das Ganze serviert in einem Ton, als bräche er jeden Augenblick heulend zusammen. Später wird sich der Schwiegersohn bedanken für die tolle Ansprache. Er sei ja „ein harter Knochen“, doch den Tränen war er sehr nah.
Rede fertig, Mutti wird nach hinten geschoben, zur Brennkammer. Die Rentner zücken Fotoapparate und Videokameras. Brennkammer auf, Sarg rein. Wir wenden uns der Ofenrückseite zu. Wieder die Kralle an meiner Schulter. Ich soll mich setzen. Die Verbrennungspeepshow hat begonnen. Durchs Guckloch im Ofen wird gefilmt, fotografiert oder nur geglotzt.
Dann gibt es Mittagessen im Restaurant nebenan. Freie Platzwahl, an allen Tischen sitzen bereits irgendwelche Kröten. Beim zwanglosen Gespräch über üppigen Braten-Knödel-Kraut-Portionen erfahren wir, was so übrig bleibt nach dem zweistündigen Brennvorgang: 4 Kilo Asche, Knochenreste (die werden kleingemahlen) und die Sargbeschläge (ins Altmetall). Am Nebentisch ertränkt der harte Knochen seinen Kummer in diversen Schnäpsen.
Nach dem Essen nochmal eine kurze Führung. Die Knochenmühle will dann doch niemand sehen. Die Urnen sind gefüllt und es geht zum Friedhof des 247-Seelen-Dorfes. Im Rasen werden sie vergraben. Der Bruder findet noch einige seiner unnachahmlichen Worte. Wir verschwinden in den Bus, stellen uns schlafend. Ausgelassene Stimmung an Bord.. Nazidieter macht Frau Deutschlandfunk („unsere Schneekönigin mit dem Mikro“) an. Sie übergeht das. Zweimal greift die Kralle nach mir. Um 21.43 ist der Gratistrip vorbei. Umsonst war er nicht.
© Nicolas Šustr

Wer noch das Manuskript der Reportage des Deutschlandfunks über den gleichen Trip lesen möchte: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/diereportage/1603382/


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

You made my day! Ganz großes Kino ... habeherzlich gelacht.