Mittwoch, 19. Dezember 2007

Termine Weihnachten Silvester 2007

Mal wieder ein kleines Potpourri

Weihnachten

Adventskranzbrände, Glühweinvergiftungen, Geschenketerror – die Weihnachtszeit gehört nicht unbedingt zum Entspanntesten, was das Jahr so zu bieten hat. Dabei kann es so leicht sein, Heiligabend und die Feiertage mal gemütlich, mal angenehm-hektisch zu gestalten. Ein paar einfache Tipps folgend.

Essen
Keinen Bock zu kochen und vom Weihnachtsgeld ist auch was übrig? Dann ab ins Horváth zum Weihnachtsmenü: Das Dreigangmenü lockt mit Entenkeulenterrine, Heilbutt und Kalbsrücken. Zum Nachtisch gibt es dreierlei Schokoladenparfait im Baumkuchenmantel mit Rumkirschen. 56 Euro kostet der Spaß und natürlich muss man reservieren.
24. 12. ab 18.30 Uhr, Paul-Lincke-Ufer 44a, Kreuzberg, U Kottbusser Tor, Tel. 61 28 99 92, www.restaurant-horvath.de

Trinken
Einfach gute Cocktails trinken ist doch auch eine schöne Heiligabendbeschäftigung. Einer der besten Läden der Stadt, das Green Door, lädt heute ab 22 Uhr zum gepflegten Mixgetränk.
Winterfeldtstr. 50, Schöneberg, U Nollendorfplatz, www.greendoor.de

Singen
Singen, um zu vergessen – und das noch auf großer Bühne – das bietet Monster Ronson’s Ichiban Karaoke. Wahlweise allerdings auch in den beliebten Kabinen ohne Störung der Umwelt wegen noch nicht ganz ausgereifter Sangeskunst. Weihnachtslieder sind jedoch verboten – da ist wohl auch nicht jeder traurig.
24. 12. ab 22 Uhr, Warschauer Str. 34, Friedrichshain, S+U Warschauer Straße, www. karaokemonster.com

Ersatzfamilie treffen
Etwas traditioneller wird die Sache fast schon erwartungsgemäß in Prenzlauer Berg angegangen. Das nbi, der Schnittpunkt von Web-2.0-Kreativen und den Restalternativen des Bezirks, hält Gebäck, Glühwein und Weihnachtsbaum parat, dazu gibt es Musik – die wohl eher nicht auf christlichem Liedgut basierend.
24. und 25. 12. ab 22 Uhr, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, U Eberswalder Straße, www.neueberlinerinititaive.de

Tanzen
Elektronisch geht es am Heiligabend in der Oranienstraße zur Sache. Das SO 36 lädt zum Kurzurlaub. Ideal, um überflüssige Pfunde vom Festmahl loszuwerden oder hässliche Klamottengeschenke zu „vergessen“.
24. 12. ab 22 Uhr, Oranienstr. 190, Kreuzberg, U Kottbusser Tor, www.so36.de

Frühstücken
Heiligabend ist überstanden, es gab keinen Streit und der Kater ist auch nicht extrem. Dann ist doch ein Schiffsbrunch der ideale Einstieg in die Feiertage. Die Spreebrücken an sich vorbeiziehen lassen, während man sich kalte und warme Leckereien auf den Teller lädt. Startpunkt ist um 12 Uhr am Kreuzberger Urbanhafen, Kostenpunkt 24,50 Euro ohne Getränke. Reservierung empfohlen.
25. und 26. 12., auch 1. 1., Urbanhafen, Carl-Herz-Ufer, an der Baerwaldbrücke, Kreuzberg, U Prinzenstraße, Tel. 692 62 93, www.vanloon.de


Silvester
Die Nacht der Nächte, berühmt-berüchtigt wegen sagenhaft zermürbender Odysseen auf dem Weg zu einer guten Party. Dabei unter Böllerbeschuss auf der Hermannstraßenbrücke (warum war man überhaupt da?) , fremden Fruchtsekt in der Ringbahn trinkend und dann? Damit das nicht schon wieder passiert, folgend einige Vorschläge zur Jahreswechselgestaltung:

Essen
Ganz normal gut essen ohne Schnickschnack, ohne Menü, ohne Tischfeuerwerk und was es alles gibt, das ist am heutigen Abend gar nicht so leicht. Doch natürlich geht das in Berlin. Selbstgemachte Pasta, knusprig-dünne Pizzen und sardische Spezialitäten à la carte bei sehr freundlichem Service bietet das Vino e Libri am Rosenthaler Platz.
31. 12. ab 12 Uhr, Torstr. 99, Mitte, U Rosenthaler Platz, Tel. 44 05 84 71, www.vinoelibri.de

Rasten
Silvester im bewusst geschmacklosen Rahmen: Neonröhren, Hirschgeweihe und viel Goldsprühlack geben der Festlichkeit in der Raststätte Gnadenbrot den gebührenden Rahmen. Für das leibliche Wohl sorgt das flinke Personal mit dem fliegenden Büffet – natürlich ohne Abnahmeverpflichtung. Angedroht wird auch „Stimmungsmusik“ von DJ Diddi Disco, um Mitternacht ist Py-Romantik auf der Kreuzung angesagt.
31.12. ab 19 Uhr, Martin-Luther-Str. 20a, Schöneberg, U Viktoria-Luise-Platz, Tel. 21 96 17 86, www.raststaette-gnadenbrot.de

Schminken
Ja, das gute alte Kato kümmert sich um die Verfemten. Die Helter-Skelter-Gothic-Silvester-Party versammelt die Schwarz-weißen der Stadt. Musikalisch hat man sich Gothic, Wave, EBM, Batcave und 80ties auf die Fahnen geschrieben. Für den übersichtlichen Eintritt von 6 Euro im VVK und 8 Euro abends gibt’s sogar noch Freigetränke und Verlosungen.
31. 12. ab 22 Uhr, im U-Bahnhof Schlesisches Tor, Kreuzberg, www.kato-x-berg.de

Poppen
Der Karrera Klub lädt zur Silvester Pop Explosion in den Magnet Club. Das bedeutet: Rund tausend Leute bewegen auf drei Floors unter anderem zu Indie, Retro und Brit Pop, New Garage die schwitzenden Leiber. Damit das Taschengeld noch länger reicht, gibt es einen Freisekt für die ersten 100 Besucher. Eiintritt: 8 Euro im VVK, 10 Euro abends.
31.12. ab 21 Uhr, Greifswalder Str. 212-213, Prenzlauer Berg, www.magnet-club.de

Batteln
1 Floor, 2 Pulte, 4 DJ-Teams, 8 DJs. So lautet das kleine 1x2 des unter dem Titel Silvester Burn-Out laufenden DJ-Battles im Kreuzberger Lido. Das Disco-Rock'n'Roll-Punkrock-Indie-Retro-Elektroinka-Mash up-Tanzvergnügen wartet zudem mit Mitternachtssekt, Begrüßungspfannkuchen, Kicker und Tischfeuerwerk auf. Eintritt: 8 Euro im VVK, 10 Euro abends.
31. 12. ab 22 Uhr, Cuvrystr. 7, Kreuzberg, U Schlesisches Tor, www.lido-berlin.de

Anfassen
Uniform, Lack& Leder, Glitzer & Glamour, Sack & Asche und elegante Abendgarderobe lautet der recht großzügige Dresscode zum Jahreswechsel. Das restliche Programm bleibt im üblichen Rahmen von Kopulation und Voyeurismus, auch bei der Musik bleibt man sich mit Trance, Techno und Co. treu.

Schwitzen
Wer zwölf Stunden nach dem Jahreswechsel bereits wieder fit ist, dem sei der Berliner Neujahrslauf ans Herz gelegt. Vier Kilometer vom Brandenburger Tor zum Dom und zurück müssen bewältigt werden. Die Belohnung: Das gute Gefühl, das neue Jahr vorbildlich begonnen zu haben. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Teilnahme kostenlos.

Dienstag, 3. Juli 2007

Lucy's Homemade

Bunt und mit Aroma
Auch Popcorn kann begeistern

Mit leuchtenden Augen und über das ganze Gesicht strahlend greift der kleine Junge nach der Tüte, die er über den Tresen gereicht bekommt. Der regenbogenfarbene Inhalt: Popcorn. „Schön, worüber Kinder sich noch freuen können“, denkt der abgeklärte Zuschauer, sich an die ebenfalls bunten aber faden Supermarktmischungen erinnernd. „Gäbe es unser Popcorn im Supermarktregal, hätten die anderen keine Chance“, sagt Berit Schirrow überzeugt. Sie ist 30 Jahre alt und Inhaberin von Lucy's Homemade, einer schmucken Popcornmanufaktur in der Spandauer Altstadt.
Auf kleinen Tellern liegen grüne, rote, blaue und braune Popcornflocken zum probieren bereit. Und tatsächlich sind sie mit ihren poppigen Farben nicht nur schmuck anzusehen, sondern schmecken richtig gut. Apfel, Erdbeere, Blaubeere und Schokolade sind die Geschmacksrichtungen, die sich dahinter verbergen. Noch acht weitere süße Sorten und vier salzige, unter anderem mit Cheddarkäse- oder scharf mit Jalapeñopepperonigeschmack, sind im Angebot.
Seit drei Jahren bringt die dreißigjährige Berit Schirrow nicht nur Kinderaugen mit den quietschbunten Süßigkeiten zum leuchten und ist damit berlinweit die einzige Anbieterin. Schuld war ein Praktikumsaufenthalt in Chicago. Von dieser Stadt aus trat der Puffmais seinen Siegeszug durch die moderne Welt an. In Deutschland hauptsächlich als Kinovergnügen. „Dort wird Popcorn als richtige Zwischenmahlzeit gesehen“, erklärt Schirrow. Beinahe täglich forderten ihre dortigen Kollegen die Berlinerin auf, sich doch mal in einer Popcornmanufaktur eine Tüte zu holen. „Ich sah die Schlangen vor dem Laden, dachte an die Temperatur – es waren 5 Grad unter Null bei eisigem Wind – und wollte mir das nicht antun“, sagt die Inhaberin. Doch dann war es Liebe auf den ersten Biss.
Zurück in Berlin machte sie sich sofort an die Arbeit, hier eine Manufaktur aufzuziehen. Die Maschinen mussten importiert und Rezepte entwickelt werden. Nach einem dreiviertel Jahr war Eröffnung. Jetzt, nach drei Jahren, kommt das Geschäft langsam in Schwung. „Als Pionier muss man Geduld mitbringen“, sagt Schirrow. Den Großteil ihrer Ware verkauft sie über das Internet. Das aromatische Popcorn ist beliebt für Partys und Firmenveranstaltungen. So beliebt, dass bald in weitere Maschinen investiert wird. Mit Franchisepartnern sollen auch weitere Geschäfte eröffnet werden. Davon, dass es weiter aufwärts geht, ist sie überzeugt, denn: „Wer einmal da war, will auch nichts anderes mehr!“

Nicolas Šustr

kleine Tüte 1,50, mittlere Tüte 2,50, große Tüte 3,50
Lucy's Homemade, Spandau, Moritzstr. 3, Tel. 257 60 86 18, S+U Rathaus Spandau, Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-14 Uhr, www.lucys-homemade.de

Pasta Magna

Italienisch ***

Pasta Magna

Das passt: Ein Dorfitaliener in der sowieso recht ruhig wirkenden Schreinerstraße im Friedrichshainer Nordkiez. Seit drei Jahren schon gibt es die kleine Nudelmanufaktur, die Ravioli, Bandnudeln, Cannelloni und Lasagne herstellt und zum nach Hause mitnehmen verkauft. Im angeschlossenen Imbiss kann man die hausgemachte Pasta auch direkt verputzen. Für faire fünf Euro gibt es das kleine Menü, bestehend aus einem Vorspeisenteller, der Pasta und einer Karaffe Wasser. Wer Lasagne oder Cannelloni möchte, muss einen Euro mehr hinlegen. Allein schon für die Antipasti lohnt sich die Investition: Fünf oder sechs kleine Köstlichkeiten präsentieren sich da appetitlich auf dem Teller: Von der aufgepeppten Polenta über allerlei Eingelegtes bis zur Salami sind die Pretiosen der italienischen Küche angerichtet. Für Vegetarier natürlich wahlweise auch ohne Fleisch. Dem stehen die Nudeln in nichts nach. Mit klassischem Sugo, mit Butter und Salbei oder weiteren wechselnden Soßen kommen sie auf den Tisch. Ganz wie in der klassischen italienischen Dorfgaststätte bereits gekrönt von frisch geriebenem Parmesan. So gut findet man es in Italien inzwischen leider selten.

Friedrichshain, Schreinerstr. 53, U Samariterstraße, Mo-Sa 11.30-21.30 Uhr, Tel. 46 79 48 73

Freitag, 22. Juni 2007

Interview mit einem Elch

zitty ist ja jetzt moderner geworden. Warum also nicht mal ein Interview mit enem Elch?

Der Laden heißt übrigens Ron Telesky und die Pizza ist lecker!

Jetzt gibt es kanadische Pizza in Berlin. Aha. Und was unterscheidet die von amerikanischer Pizza? Dies und vieles andere wollten wir von Ron Telesky wissen. Der Elch wacht im gleichnamigen Imbiss darüber, ob die Betreiber Ole und Sebastian alles richtig machen.
Was ist denn jetzt kanadische Pizza?
Ron: Erstmal ist sie really big, so an die 60 Zentimeter im Durchmesser, aber mit schön dünnem Boden. Und die Kanadier sind auch darauf gekommen, dass es nicht immer Tomatensoße sein muss.
Sondern?
Ron: Die Unhold for Example. Mit Crème Fraîche, Pommes und Würstchen. Oder die Cronenberg Crash. Die Basis ist Korianderpesto, darauf kommt Mozzarella, Tandooritofu, Frühlingszwiebeln, Tomaten, rote Paprika und Mango. Probier mal!
Toll, sieht aus wie die grüne Hölle. Ist lecker. Bisschen scharf, bisschen süß und trotzdem Pizza. Aber was hat Dich von Kanada in einen Souterrainimbiss in Kreuzberg verschlagen?
Ron: Originally komme ich ja aus Europa, aber zur Flowerpower-Zeit bin ich eben rübergegangen. Irgendwie hatte ich auch genug von den ganzen Love-Ins und Smoke-Ins und wollte hierher zurück. Sebastian hat mir geholfen. Food and drinks wir einfach mitgenommen: Pizza, Salate, kanadisches Bier, und sogar Root Beer. Trink!
Süüüüß. Heftig. Irgendwas zwischen Malzbier und Dr. Pepper. Nur noch schlimmer.
Ron: Delicious, Banause! Eine Geschmacksexplosion. Das werdet ihr Deutschen auch noch lernen.
Kommen wir bis dahin zu den Pizzen zurück…
Ron: Selection is it! Die 23 Sorten gibt es wahlweise auch mit Vollkornteig, ohne Käse oder mit Rucola obendrauf, ohne Aufpreis. Und das Hähnchenfleisch ist organic. Die Tierchen sollen es auch gut gehabt haben.
Was kostet der Spaß?
Ron: Das ganze big wheel gibt's für 12,50 bis 20 Euro. Davon kriegst Du aber drei Leute satt. Ein Achtel auf die Schnelle kostet 2 Euro.
Lebst Du nur noch für Pizza?
No way! Ole und Sebastian werden noch ordentlich Party mit mir machen: Trash-Bike-Contests zum Beispiel. And we will bring Pizza to the world. Äh, also nach Kreuzberg. Ab Juli liefern wir auch. Wir kennen schon jede Bank am Landwehrkanal. Da kriegst Du die Pizza sogar mit Tischchen. In Kanada legen wir schließlich Wert auf Stil…
Noch ein letztes Wort?
Love and happiness!
Danke!

Ron Telesky, Kreuzberg, Dieffenbachstr. 62, U Schönleinstraße, Südstern, Tel. 61 62 11 11, tägl. 11.30-22 Uhr

Nicolas Šustr

Mittwoch, 13. Juni 2007

zitty Berlin-Film Walther-Schreiber-Platz

Steglitz war mal modern. 1970 kam das Forum Steglitz, 1971 erreichte die U-Bahn den Walther-Schreiber-Platz. Den hatte man 1958 erfunden, zu Ehren des ersten West-Berliner Bürgermeisters von der CDU. Immerhin 14 Monate regierte er die Frontstadt. Auch am Platz, eigentlich nur eine große Kreuzung, hält sich niemand lange auf. Aussteigen, einsteigen, einkaufen: Mehr kann man hier nicht machen. Der Platz hat den Blues. Die Ebbinghaus-Filiale – ein autogerechter Traum mit dreistöckigem Parkdeck auf dem Dach – steht leer. Das Hertie-Kaufhaus wartet auf seinen Abriss. Immerhin die BVG hält noch die Treue und schickt die rar gewordenen Doppeldecker im Minutentakt vorbei. Die sind wegen der Stufen zwar unpraktisch für die hauptsächlich im Berliner Südwesten anzutreffende ältere Generation, Dafür unterstreichen sie den Metropolenanspruch. Genau wie jener rote Turm an der Schnellstraßenbrücke, die etwas weiter südlich die Schloßstraße kreuzt. Die Architektur ist 70er-Jahre-Futurismus in Reinform, der Name erdet den Bau auf Steglitzer Niveau: Bierpinsel. Bald soll alles besser werden; das Forum Steglitz wird saniert, das Hertie-Haus soll ein neues Shopping-Center entstehen. Und vielleicht findet sich sogar die Steglitzer CDU mit den Ergebnissen des 2. Weltkriegs ab.


Mittwoch, 9. Mai 2007

Berliner Wochenrückblick vom 30. April bis 6. Mai 2007

Wim Wenders' Himel über Berlin läuft nach 20 Jahren wieder in den Kinos. Bei Walpurgisnacht und 1. Mai wurden insgesamt 234 Personen festgenommen. 5000 Polizisten waren im Einsatz, 43 von ihnen wurden verletzt. Auf dem Myfest feierten 50000 Menschen rund um die Oranienstraße. Dort trat auch die wiedervereinigte „Ton Steine Scherben Family“ auf. Der Schlagzeuger Funky K. Götzner ist inzwischen hauptberuflich Berater zur privaten Altersvorsorge. „Wir sind Musiker, keine Berufsrevolutionäre“, sagte er. Die Gewerkschaftsdemo am Brandenburger Tor zählte etwa 12000 Teilnehmer. „Das Schloss muss prunkvoll sein“, sagte Stararchitekt Hans Kollhoff bei einem Symposium über die Frage, was im wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss eigentlich passieren soll. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat ein 285-Millionen-Sofortprogramm zur Rettung maroder Paläste beschlossen. Die Betreiber des Tempodroms übernehmen das Goya. Ein halbes Jahr existierte der mit Millionenaufwand im ehemaligen Metropol eingerichtete Pseudo-Promiclub. Weil er den Nachtbus verpasst hatte, wollte ein 17jähriger auf Inline-Skates über die A111 nach Hause fahren. Die Polizei griff ihn auf und fuhr ihn nach Hause. Er muss ein Bußgeld von 35 Euro zahlen. Über ein Drittel der Brandenburger wird im Jahr 2030 über 65 sein. Dem FC Union drohen die Spieler wegzulaufen. Michael Thalheimers Fledermaus-Inszenierung am Deutschen Theater ist bei der Kritik durchgefallen. Blumfeld gaben ihr Abschiedskonzert in Berlin. Bis zum Monatsende löst sich die Band auf. 85 Meter maß der rote Teppich bei der Lola-Verleihung. Diesmal waren alle Stühle gepolstert. Das Ambiente der Messehalle 20 fand Klaus Wowereit „schrecklich“. Gewinner des mit 500000 Euro dotierten Hauptpreises war das Gefängnisdrama „Vier Minuten“.Studio Babelsberg hat 2006 mit 2,75 Mio. Euro Verlust abgeschlossen. „Der Nudelauflauf war der rote Faden auf dem Heimweh-Highway seines Lebens“ sagte Susanne Kippenberger bei einer Lesung aus dem Buch über ihren Bruder Martin. Der in der Pause servierte Auflauf hätte wohl keine Gnade gefunden: „Der war viel zu gut“, meinte sie nach dem Essen. Zum ersten Mal seit Mai 2006 hielt ein ICE im Bahnhof Zoo. Grund war eine technische Störung. Am Bahntower ist wieder einer Schebe gesprungen. Die Bahn möchte für den Weiterbetrieb des Flughafen Tempelhof vor Gericht ziehen. Die Berliner WASG hat sich gespalten. Gegner der Fusion mit der PDS haben die BASG (Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr) gegründet. Auch im zweiten Anlauf kommt der Love-Parade-Ersatz B-Parade nicht zustande. Stattdessen soll am 21. Juli vor dem Hauptbahnhof eine Party mit „ein paar hundert“ Besuchern stattfinden. „Auf einer Stufe mit Stanford und anderen Spitzenuniversitäten“ sieht Präsident Kurt Kutzler die Zukunft der TU. Bild und Bild am Sonntag sollen von Hamburg nach Berlin umziehen. Diesen „Wunsch der Redaktion“ verkündete Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Die Redaktion erfuhr ihren Wunsch aus der Zeitung. Andreas „Zecke“ Neuendorf verlässt Hertha zum Saisonende. Ab 2009 wird Berlin wegen steigender Steuereinnahmen wohl keine neuen Schulden mehr machen müssen. In Friedrichshain wurde der Grundstein für den Spreebalkon gelegt. Er ist Teil des Mediaspree-Konzepts. Die Mutter der vier vernachlässigten Kinder hat angefangen, die Wohnung aufzuräumen. „Ich ziehe als Schulleiter den Hut“, lobte der Direktor der Grundschule das umsichtige Verhalten der Kinder. Rot-Rot will die Erziehungshilfen nicht weiter kürzen. Das Präsidium der FU will keine Räume für eine G8-kritische Veranstaltungsreihe zur Verfügung stellen. Der U55-Tunnel am Brandenburger Tor wurde auf den Namen Ingeborg getauft. Der VBB möchte wieder ein Seniorenticket einführen. Die Wasserbetriebe führen bald ein neues Preissystem ein. Der Senat muss noch zustimmen. Das Strandbad Wannsee ist 100 Jahre alt geworden. In Schmargendorf wurde ein achtjähriges Mädchen umgebracht. Wahrscheinlich war die Mutter die Täterin. Rund 1200 Teilnehmer haben am Breitscheidplatz gegen die Zwangsversteigerung der Köpi demonstriert. Rund 1500 Menschen nahmen am Klimaschutzkongress McPlanet.com teil. Ein 32jähriger Weddinger ist in Pankow beim Inline-Skaten mit einem Lenkdrachen verunglückt. Eine Bö hob ihn sechs Meter hoch, dann stürzte er ab. Am Senefelderplatz eröffnete Europas größter Biosupermarkt. Auf 1600 Quadratmetern gibt es 18000 Bioprodukte. Das Team der TU gewann den Preis des fittesten Azubis. 9000 Läufer nahmen am Run Berlin teil. „Meine größten Sorgen sind Alkohol und Cannabis“ sagte Berlins Suchtbeauftragte Christine Köhler-Azara bei Vorstellung ihres Jahresberichts. Die Zahl der Drogentoten ist von 195 im Jahr 2005 auf 173 im vergangenen Jahr zurückgegangen. Eine Fotoausstellung über Marlene Dietrichs Beerdigung vor 15 Jahren ist eröffnet worden.
Nicolas Šustr

Dienstag, 8. Mai 2007

Rauchen, raufen, saufen

Nicht nur mit Fußbodenheizung und fließend Wasser glänzte das antike Rom, auch Spelunken gehörten zu den zivilisatorischen Errungenschaften. Die waren eine Domäne des Plebs, die Oberschicht zog Zechgelage in der privaten Villa vor. Nördlich der Alpen mussten die wenigen Reisenden auf private Gastfreundschaft hoffen. Das Konzept Haferschleim und Most gegen Geld tauchte hier erst irgendwann im 12. Jahrhundert auf. Die Anfänge ähnelten den illegalen Berliner Wohnzimmerbars aus den Neunzigern: Man empfing in der privaten Stube und tischte auf, was da war. Von Süddeutschland ausgehend professionalisierte sich die Gastronomie weiter: Die Küche wurde feiner und mittels des Kerbholzes konnte man endlich auch anschreiben lassen. Doch bis auch ehrbare Damen sich in Gaststätten sehen lassen konnten, mussten noch Jahrhunderte vergehen. Vom Kerbholz über alte Wirtshausschilder, professionelle Schlaginstrumente bis zur Jukebox der 1950er Jahre sind Exponate dieser langen Geschichte in Ausstellung Gasthäuser. Geschichte und Kultur in der Domäne Dahlem zu sehen. Ein ganzer Raum widmet sich dem Haus Vaterland, einem riesigen Vergnügunspalast, der 1928 am Potsdamer Platz eröffnete. Neben Wild-West-Bar, japanischer Teestube und türkischem Kaffee gab es auch die Rheinterrasse mit künstlichem Panorama nebst stündlichem künstlichen Gewitter. Noch viel mehr erfährt man im Begleitbuch zur Ausstellung, auch das schöne Thema unorganisierte Wirtshausmusik (Foto) wird nicht ausgelassen. Das nächste Wirtshaus ist übrigens gleich schräg gegenüber. Nicolas Šustr

Bis 31. 12. 07 im Freilichtmuseum Domäne Dahlem, Königin-Luise-Str. 49, U Dahlem Dorf, Mi-Mo 10-18 Uhr, www.domaene-dahlem.de Das ansonsten vergriffene Buch ist an der Museumskasse für 14,90 Euro erhältlich.

Mittwoch, 25. April 2007

Aus (fast) nichts 1500 Zeichen machen

Es ist ja nicht alles so leicht, wie es scheint. Da bekommt man eine relativ nichtssagende Pressemitteilung wie diese hier:

Erste Mode- und Kreativmesse in Friedrichshain-Kreuzberg
Unter der Schirmherrschaft von Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Dr. Peter Beckers werden rund 60 Kreative aus Friedrichshain-Kreuzberg an der Ersten Mode- und Kreativmesse im Wrangelkiez teilnehmen.
Zu sehen sind dann Produkte aus den Bereichen Mode, Design, Schmuck, Accessoires, Grafikdesign und Kunst.
Wann:
Sonntag. 6. Mai. ab 13 Uhr.
Wo: Lido. Cuvrystraße 7. Berlin-Kreuzberg.
Modenschau und Life-Performance:
Killerbeast. EPPO. Granatengarten. Haarspree.
16.00 und 20.00 Uhr
Music:
G. Digger. Surprise Acts.
Eintritt frei.
Die Aussteller (62)
Aussteller: Andreas Striegler. Annett & Eichel. Ass-style. Artmospheric. Atelier und Galerie CORISC. Azka Design. Bärbel Knuttel. Berliner Töchter. Blue Gecko Design. Blutsgeschwister. Constanze Hacker & Marianne Latsch. Caroline Haak & Ilka Junghähnel. Dübbelde+Wagener. Eppo. Gaderobe. Gingersboat. Granatengarten. Hannah & Marie. Hannes Bernd Stark. Henri Banks. Hermann Solowe. istprodukt. Jana Verena Reiche. Juan of a Kind and Swing. Jürgen Ruffer. Keregan. Kerstin Steingräber. Killerbeast. Klara Schneider. Lady of Zeisure. Lena Wolf & Tanja Licina. Liebe pur. Lokalkolorit. Manteau. Maria Wolf. Markus Härtel. Milena Geburzi. Mitzebra. Nadine Valencic & Simone Todt. Nana Dahler. Natascha Loch & Melanie Tschada. Neppl-Surgery To Wear. Patrizia Kuchenbecker. Radha-Fashion. Rosa Design. Sabine Grieger. Sameheads. SepeDesign Berlin. Squatwear.com. Stadt im Ohr. Stefanie Frederking. Stella Henriksen. subar-network-produktion. Subversiebdruck. SupaRina. Taschendeep. T-Atelier. Tempo-RaschRene. Timo Bieber & Lydia Schauß. Topdollar. Traumkeramik. Vera Ebinger. Zierstiche.
Und dann soll man daraus einen lesbaren Artikel auf 1500 Zeichen basteln. Das Telefonat mit der zuständigen Dame der (ja, man nennt sich tatsächlich so) PR-Agentur ergibt dann noch wenige Details 8Stände auch draußen, ja es wird was zu essen geben, Musik - ja verschiedene DJs und Bands, aber irgendwie nichts klar. Der Pressetermin soll am gleichen Tag wie die Aktion stattfinden. Also für Presse Käse, denn die Information, dass man am vergangenen Tag in Kreuzberg Klamotten kaufen hätte können, ist ja dann doch irgendwie wertlos. Höchstens also was für Radiosender. Privatradios ahben leider am Sonntag eigentlich kein redaktionelles Angebot. Also öffentlich-rechtliche und Abendschau. Hilft mir alles nichts, wenigstens sagen mir ein paar von den Namen etwas, weil ich selber früher schon was darüber gemacht habe. Und so bastele ich mit vielen Füllwörtern dieses hier:

Bezirksmode
Alles käuflich
Sehen, staunen, kaufen. Das ist das grobe Programm für die erste Friedrichshain-Kreuzberger Kreativmesse im Lido. Der Club nebst dazugehörigem Hof und sogar Cuvry- und Schlesische Straße verwandeln sich am Sonntag, dem 6. Mai, in einen riesigen Modemarkt. 62 Modemacher und Designer von beiden Spreeufern wurden für diese Leistungsschau zusammengetrommelt und präsentieren ihre Kollektion. Wofür man sonst tagelang kleine, der günstigen Mieten wegen häufig versteckt liegende Läden abklappern müsste, findet sich konzentriert an einem Ort. Natürlich hauptsächlich Bekleidung. Zum Beispiel die abstrakten, tragbaren und dem Motto „Barbarella meets Flash Gordon“ verpflichteten Entwürfe von Eppo Dekker. Oder die aus Second-Hand-Klamotten gefertigten punkigen Stücke von Killerbeast. Aber auch Frühstücksbrettchen der Berliner Töchter, Vasen von Traumkeramik, Taschen von Blutsgeschwister, Plüschtiere von Zierstiche – einfach alles, was das dekadente Großstädterherz höher schlagen lässt. Sachen, von denen man bis gerade eben nicht wusste, dass man sie zum glücklichen weiterleben braucht. Es wird aber noch mehr geboten als schnöder Kaufrausch und erhellender Plausch mit den Machern. Neben Modenschauen mit Live-Performance um 16 und 20 Uhr sorgen DJs und Bands den ganzen Tag für Musik. Auch an ess- und trinkbarem wird es nicht fehlen. Los geht es um 13 Uhr, Schluss ist irgendwann in der Nacht. Nicht vergessen: Der Monat hat erst angefangen!
Eintritt frei, Lido, Cuvrystr. 7, U Schlesisches Tor, www.lido-kreativmesse.de


Und wer sich jetzt über den Text beschwert, darf ihn selber schreiben

Dienstag, 13. März 2007

Nischengastronomie

Mehr als nur trinken und reden
Viele Berliner Kneipen bieten Extrabeschäftigungen

Pong, Pong, Pong macht der Tischtennisball, der unvermittelt meinen Weg kreuzt. Ein junger Mann im geringelten Langarmhemd und locker unter Hüfte sitzenden Hosen hechtet hinterher. Mit der linken Hand umklammert er eine Bierflasche, die Rechte ist mit einer Tischtenniskelle bestückt. Er schafft es, denn Ball noch vor Erreichen der Straße zu stoppen. Auch von dem Bier hat er nichts verschüttet. Er trottet wieder in den Laden mit den verklebten Schaufenstern zurück. Ich folge ihm.
Gleich links neben der Eingangstüre steht ein Tischtennisplatte, an der eifrig gespielt wird. Vier Jungs Mitte 20 liefern sich ein Match, drei von Ihnen mit der bereits gesehenen Kellen-Pullen-Kombination in den Händen. Nur der Vierte konzentriert sich ohne Flasche etwas mehr auf das Match. Er scheint von den häufigen Ballverlusten seiner Gegner etwas genervt zu sein, verkneift sich jedoch jegliche Maßregelung.
Ich bin im Dr. Pong. Die Kneipe an der Eberswalder Straße ist das Abendquartier der Tischtennisspieler aus dem Kiez. Einfach so, ohne Verein oder so etwas. Das Spielen ist kostenlos Ich schlängele mich an den entspannten Duellanten vorbei in den hinteren Teil des schmucklosen Raumes. Dort ist nämlich die Bar. Ihr gegenüber gibt es ein improvisiertes DJ-Pult und weiter hinten, auf dem Weg zum Klo, sind einige verschlissene Polstermöbel zu einer Couchecke gruppiert. Die einzige anwesende Frau steht hinter der Bar und gibt mir ein Bier für 2 Euro. Für 5 Euro Pfand leihe ich mir einen Schläger dazu.
Nach wenigen Minuten werde ich gefordert. Der Boden ist rutschig und mein letztes Spiel auch schon ein paar Jahre her, deswegen bin ich nicht lange beim Rundlauf dabei. Aber der sportliche Erfolg ist ja zum Glück nicht so wichtig hier. Es ist halb zehn abends und so langsam füllt sich der Laden. Tischtennis spielen scheint aber eher ein Jungshobby zu sein, das Geschlechterverhältnis liegt bei 14 Männern zu 2 Frauen. Darum kann ich mich aber nicht kümmern, schließlich muss ich als rasender Reporter noch einiges an Läden abklappern. Kneipen, die mehr bieten als einen Sitzplatz und ein Getränk.
In der Branche heißt das normalerweise Erlebnisgastronomie: Läden, die irgendwie total lustig sein und/oder einen unvergesslichen Abend bescheren sollen. Also mehr oder minder Touristenfallen. Die intellektuelle Unterkante der Möglichkeiten stellt dabei das Klo in der Charlottenburger Leibnizstraße dar. Am Eingang lüftet eine Exhibitionistenpuppe den Mantel. Ein Moderator gibt am laufenden Band Witze der Kategorien Ossi- und frauenfeindlich mit laaangem Bart zum Besten und beim Preis von 2,90 Euro für das kleine Bier bleibt auch kein Auge trocken. Erstaunlicherweise findet diese seit über 30 Jahren bestehende Vorhölle auch im zweiten nachchristlichen Jahrtausend ihr amüsiertes Publikum. Eine Mainzer Reisegruppe amüsiert sich prächtig, als der Alleinunterhalter über die drei Kategorien Frauen, die es gibt („Schöne, Kluge und die Mehrheit“) referiert. Höchste Zeit, zu gehen.
Nennen wir die wirklich abwechslungsreichen Kneipen, zu denen Dr. Pong auf jeden Fall zählt, doch lieber in Abgrenzung dazu Nischengastronomie. Da werden Kakerlakenrennen veranstaltet, man kann Tatort gucken oder Hörspielen lauschen, Powerpointkaraoke frönen, Kneipengolf spielen oder seinen Hund massieren lassen. Leider findet das Meiste nur sporadisch statt oder der Laden macht von einem Tag auf den anderen wieder zu. Doch auch im sprichwörtlich immer nur werdenden Berlin gibt es glücklicherweise doch einige Konstanten.
Dazu gehört die Raststätte Gnadenbrot. Bereits an normalen Tagen ist das mitten im Schöneberger Schwulenkiez gelegene Barrestaurant einen Besuch wert. Mit viel Ironie wurde die schäbige Einrichtung eines ehemaligen jugoslawischen Restaurants unter großzügigem Einsatz von Goldlack und aus Bauschaum gefertigten Bambi-Kitschelementen zu einem einzigen Trash-Potpourri veredelt. Ironiefrei gut ist dagegen die täglich ab 12 Uhr gebotene solide Küche zu moderaten Preisen.
Zu einer musikalisch-kulinarischen Reise vereinigt sich das Ganze bei der samstäglichen Musikkantine. Zu Themen wie „Flying Anatolika“ oder „Une folie fleur“ gibt es ein fliegendes Büffet. Dabei lassen sich die Gäste – eine bunte Mischung aus Schwulen, Lesben und Normalos – überraschen, was das Personal auf den Tabletts vorbeiträgt. Das Tellerchen kostet 2 bis 4 Euro. Dazu legt ein DJ themenspezifische Musik auf. Das kann durchaus erbarmungslos sein, wie die sphärischen Feenklänge des Islandabends. Dafür hat Stéfan Júlíosson, der in Berlin als Versicherungsvertreter arbeitet und den Sommer als Hochseefischer in Island verbringt, auch selbstgefangene Scholle und Heilbutt mitgebracht. Zum nachspülen gibt's dann Brennivín, isländischer Schnaps, der nicht ohne Grund den Beinamen „Schwarzer Tod“ trägt. Den trinkt man klassischerweise zu Hákárl – drei Monate an der Luft gelagertes Haifleisch. Diese Spezialität wollte Júlíosson den Berlinern doch nicht zumuten.
Ganz um selbst- und handgemachte Musik dreht es sich in der Friedrichshainer Sofa-Bar. Immer mittwochs lädt ShuShu, die gute Seele der auf Jazz, Soul und Blues eingeschworenen Kneipe, zur Jam Session. Eine illustre Schar von Musikenthusiasten findet sich dann auf den gemütlichen aber nicht unbedingt schönen Ledercouches ein. Nur ein roter Lichtschlauch und ein paar Kerzen erhellen den Raum. Andächtig lauschen die Gäste einer jungen Frau, die betörend Soul singt. „Hier spielen ja alle Gitarre“, sagt ein Gast und setzt sich entschlossen ans Schlagzeug. Er scheint sehr vergnügt bei seiner Percussion, die anderen hätten es sich wohl etwas verträumter gewünscht.
Nach ein paar Minuten hat sich der Schlagzeuger ausgetobt, lächelt selig und setzt sich wieder in die Runde. Bei „Running on Faith“ von Eric Clapton stellt sich wieder melancholische Stimmung ein. Viele kommen, weil sie die musikalische Unvorhersehbarkeit des Abends schätzen. Auf wahre Gesangsperlen folgt dann eben mal Lagerfeuergeschrammel. Trotzdem akzeptieren die Gäste die etwas höheren Getränkepreise – das große Bier kostet 3,50 Euro. Regelmäßig finden auch Konzerte von Nachwuchsmusikern statt.
Mehr der Spaßfaktor als künstlerischer Wert zählt eindeutig in Monster Ronson's Karaoke Bar in Kreuzberg. „Das ist richtig voll geil“, schwärmt Kika. Ihr Politikstudium an der FU beginnt demnächst, aber sie ist schon vor einigen Monaten nach Berlin gezogen. Sie scheint sich gut an den Rhythmus der Stadt angepasst zu haben. Es ist Sonntag, zehn Uhr morgens. Seit drei Stunden singt sie sich mit ein paar Kumpels die Seele aus dem Leib. Vorher waren sie auf Zechtour im Kiez und da kamen sie auf die Idee. Da ist es praktisch, dass die verwinkelte Kellerbar von Samstagabend bis Sonntagnacht durchgehend geöffnet hat.
Der Clou an dem Ganzen sind die Kabinen, drei Stück an der Zahl. Niemand ist gezwungen, die meist eher mediokren Gesangs- und Textkenntnisse mitzuhören. Das alles findet in Boxen statt, in den bis zu fünf Leute bequem Platz haben. Wenn man sich zusammenkuschelt, passen ach acht rein. 10 Euro kostet der Spaß pro Stunde. Ekstatisch gröhlen Kikas Begleiter „Girls in America“ mit. Im Barraum spielen ein paar angeheiterte Schwule Stripbilliard – „Aber nur bis zur Unterhose“, schränkt einer gleich ein. Auf der Couch in der Ecke gönnt sich ein Gast ein Nickerchen. Kneipen sind eben nicht nur zum Trinken da. Nicolas Šustr

Dr. Pong, Prenzlauer Berg, Eberswalder Str. 21, U Eberswalder Straße, Mo-Sa ab 20 Uhr, So ab 14 Uhr, www.drpong.net
Klo, Charlottenburg, Leibnizstr. 57, U Adenauerplatz, tägl. ab 19 Uhr
Raststätte Gnadenbrot, Schöneberg, Martin-Luther-Str. 20a, U Viktoria-Luise-Platz, tägl. ab 12 Uhr, warme Küche bis 24 Uhr, Fr, Sa bis 2 Uhr
Sofa Bar, Friedrichshain, Grünberger Str. 84, U Samariterstraße Mo-Sa ab 19 Uhr, www.sofa-bar.de
Monster Ronson's, Kreuzberg, Lübbener Str. 19, U Schlesisches Tor, Mo-Fr ab 18 Uhr, Sa ab 18 Uhr durchgehend bis So

Bahnhof Zoo, 4 Uhr

Für die DVD zum BerlinBuch 2007 der zitty
Ob Flucht aus der Provinz, vor dem Wehrdienst oder vor Franz Josef Strauß, der Bahnhof Zoo war für Menschen mit Westberliner Inselsehnsucht die erste Etappe. Oder auch die letzte. Obdachlose, Junkies und Stricher haben bis heute hier ihre Basis. Wer um diese Zeit am Zoo ankommt, muss sich nicht durch Menschenmassen zur Rolltreppe durchkämpfen. Trotzdem wirkt alles an diesem Bahnhof eng, muffig und trostlos. Er repräsentiert die Metropole von unten. Wo hat man sonst auf so wenigen Quadratmetern die Wahl zwischen Koks, Blowjob und heißem Tee vom Kältebus? Ähnlich obskur ist der Dienstleistungsmix im Haus gegenüber. Das dunkelbraune, tumorartig wuchernde Gebäude vereint Dönerstand, Wechselstube, Burger King, ein Hostel und zwei Sexshops unter einem Dach. Von weitem grüßt die Ruine der Gedächtniskirche. Gefühltes Bukarest. Zum Glück gibt es da noch die haushohe und taghell angestrahlte Werbefassade mit positiven Stadtansichten. Wirklich pralles Leben herrscht zu dieser frühen Stunde nur im McDonalds direkt gegenüber. Hier ist – je nach Bedürfnis – Stärkung oder Erleichterung angesagt. Auf den Klos brennt Schwarzlicht. Da findet man die Venen nicht. Die Hauptkundschaft sind jedoch Opfer der BVG-Anschlusspolitik. Ist aber auch kein Spaß, betrunken rechtzeitig die richtige Haltestelle zu finden. Im Viertelstundentakt spülen Doppeldecker aus Kreuzberg, Spandau oder Wilmersdorf neue Gäste in den Laden. Vollkommen ungerührt von alldem harrt eine Handvoll Thermoskannentee trinkenden Taxlern in ihren Wagen aus. Sie wirken wie das Trauerkomitee für die zum Regionalbahnhof degradierte Station. Der West-Berliner Phantomschmerz ist zu spüren. Ein weiteres Symbol ist zu Grabe getragen. Ob jemand die Zoorealität jenseits der Symbolik vermissen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Luxuskitsch fehlt

Spunk Seipel hat ein halbes Jahr Souvenirs Unter den Linden verkauft
Interview: Nicolas Šustr

Wie bist Du zu dem Job gekommen?
Nach Abschluss meines BWL- und meines Kunstgeschichtsstudium musste ich mich entscheiden, ob ich im Porzellanmuseum in Selb in der Oberpfalz arbeiten wollte oder hier in Berlin.

Hat die Arbeit Spaß gemacht?
Nun ja, es ist besser als Nachhilfe geben und schlimmer als Theke machen. Die meisten Touristen haben richtigen Sightseeing-Stress. Die wollen nicht kommunizieren, sondern nur Beweise kaufen, dass sie da gewesen sind. Die Bezahlung ist auch nicht sonderlich gut und beim Personal gibt es eine hohe Fluktuation.

Was verkauft sich am Besten?
Postkarten, Taschen und T-Shirts. Anspruchsvolle Bücher sind ziemliche Ladenhüter. Auch nach Zille und den „Berliner Luft“-Dosen kräht kein Hahn.

Kannst Du die Preise, die genommen werden, nachvollziehen?
Dass sie genommen werden ja, aber nicht, dass jemand sie zahlt. Die Buddy-Bären zum Beispiel sind bei sozialen Schichten beliebt, die sie sich meiner Meinung nach gar nicht leisten können.

Gehen die auch gut?
Ja, aber viele Touristen kapieren nicht, was der Bär mit Berlin zu tun hat. Da lernt man dann englische Begriffe wie Wappentier. Das heißt heraldic animal.

Was fehlt im Sortiment?
Luxuskitsch. Die Leute wollen noch teureres haben. Oder auch bestimme Postkartenmotive; den Funkturm hatten wir nicht. Japaner wollten Golfbälle mit Berlin-Aufdruck.

Gibt es bei den Nationalitäten Unterschiede im Kaufverhalten?
Franzosen kaufen die geschmacklosesten Porzellanartikel; Amis kaufen immer XXL, auch wenn sie schlank sind. Deutsche sind bei den Original-Mauerteilen sehr skeptisch und Russen kaufen vor allem teuer.

Und die skurrilste Kundengruppe?
Amerikaner, die auf Kreuzfahrt sind und von Hamburg aus eine Tagestour nach Berlin machen. Denen musste man immer erklären, was auf den Postkarten drauf ist.

Berlins Beste Fußgängerzonen

Der Klassiker
Wilmersdorfer Straße
Jahrelang machte sich die Berliner Tagespresse große Sorgen um die im bundesweiten Vergleich reichlich spät (1978) eröffnete erste Fußgängerzone West-Berlins. Die vielen Schnäppchenläden machten Sorgen und die überdachten U-Bahneingänge galten als Sündenböcke. Seit Demontage ebenjener und ostblockkompatiblem Zuteeren der Rollsteige wird der Wiederaufstieg gefeiert. Als Indiz gilt auch der neueröffnete MediaMarkt. Weniger Beachtung findet leider eines der letzten Quelle-Kaufhäuser. Die Wilmersdorfer ist kein Ort zum Verweilen, shoppingtechnisch jedoch uneingeschränkt empfehlenswert.


Die Kontroverse
Altstadt Köpenick
Noch schnell ein Geburtstagspräsent für das befreundete Lehrerehepaar besorgen? Kein Problem in der Köpenicker Grünstraße: Naturkosmetik, Bücher, Weine und weiterer Bedarf der gehobenen Mittelschicht ist hier erhältlich. Leider muss man sich beim Bummel durch den reichlich 300 Meter langen Fußgängerbereich vor durchbrausenden Autos in Acht nehmen. Berlins jüngste theoretisch autofreie Zone musste der Bezirk gegen den Willen einiger Geschäftsinhaber vor Gericht durchsetzen – mit dem Erfolg weitgehender Ignoranz. Zehlendorf kann trotzdem neidisch sein.

Die Positive
Hellersdorfer Promenade
Das „Café Sunshine“ hat ein üppiges Cocktailangebot, beim „Gute Laune Snack“-Wagen gibt es „Original Ost-Ketwurst“, das „Orange Sun & Naildesign“ ist ganz auf Wellness abonniert und „Bines Partyshop“ verleiht unter anderem Kostüme. So viel Lebensfreude haut einen fast um. Fehlen nur noch die Leute, die über den mit Bäumen, Sträuchern und Beton-Verbundpflaster gepflegt gestaltete Promenade zwischen Plattenbauten flanieren. Vor zwei Jahren nannte man sich noch „City-Meile Hellersdorf“ und hatte eine rekordverdächtige Leerstandsquote. Jetzt sind fast alle Läden vermietet und es bleibt nur, viel Glück zu wünschen.


Das Grauen
Gorkistraße
Reinickendorf. Ja, was soll man dazu sagen? Der Bezirk hat anderthalb Millionen Euro in die Neugestaltung der Fußgängerzone investiert und jetzt ist alles viel schöner als vorher. Da möchte man gar nicht wissen, wie das damals ausgesehen hat. Das Tegel-Center, ein Waschbeton gewordener 70er-Jahre-Alptraum, dominiert die Straße, da hilft auch keine aufgehübschte Karstadt-Fassade. Immerhin beherbergt es eines der Highlights, einen Sexshop der Kategorie Ehehygiene, in dem zwei dauergewellte Verkäuferinnen plaudernd und Kaffee trinkend versuchen, die Zeit totzuschlagen, während ältere Herren im angeschlossenen Kino gleichgeschlechtliche Rendezvous haben.


Die Touristenfalle
Nikolaiviertel
Vor allem bei den reiferen Semestern unter den Berlin-Touristen ist das bizarre Altstadt-Imitat in stümperhaft getarnter Plattenbauweise recht beliebt. Schlimme DDR-Erinnerungen werden auch bei den Fachgeschäften wach: Meissener Porzellan, Plauener Spitze und Erzgebirgische Volkskunst lauern an jeder Ecke, dazu noch Berliner Souvenirkitsch und Restaurants, die den Koch anscheinend von der Mitropa abgeworben haben. Das Zille-Museum darf nicht unerwähnt bleiben. Eigentlich fehlt nur noch der Zwangsumtausch.


Die Westdeutsche
Altstadt Spandau
Die Spandauer haben sich noch immer nicht so ganz mit der Eingemeindung nach Berlin abgefunden; ist ja schließlich erst 85 Jahre her. Für Restberliner ist der stolze Randbezirk gefühltes Westdeutschland. Die für hiesige Verhältnisse sehr sehenswerte Altstadt ist gleichzeitig die größte Fußgängerzone Berlins. Trotz gewisser Probleme seit Eröffnung eines nahegelegenen Einkaufszentrums ist das Warenangebot immer noch solide; sogar Kaffee trinken im Freien ist hier gemütlich, schönes Wetter vorausgesetzt. Auffällig ist die pulkartige Anordnung von Mülleimern.

Liebe in der Wilmersdorfer
Lama Tschaglung Tulka Ngawang Gelek, buddhistischer Mönch über sich und die Wilmersdorfer Straße
Interview: Nicolas Šustr


Sitzen sie immer hier?
Ja, seit fast zehn Jahren bin ich praktisch jeden Tag hier. Ich komme so zwischen elf und zwölf Uhr und bleibe bis 20 Uhr. Egal ob es regnet oder schneit, ich sitze hier vor Karstadt. Ich habe warme Kleidung und bin halbwegs vor Regen geschützt.

Was machen Sie den ganzen Tag?
Ich bete und meditiere. Außerdem kommen häufig Freunde vorbei, mit denen unterhalte ich mich dann. Und vielleicht bekomme ich ja auch hier irgendwann die Erleuchtung.

Können Sie von dem Geld leben, das die Leute Ihnen hier geben?
Nein, dafür reicht das nicht. Ich mach das auch nicht wegen dem Geld. Ich bekomme noch etwas von dem Meditationszentrum, in dem ich Kurse anbiete und ab und zu arbeite ich noch im Bioladen.

Wollte die Polizei Sie nie vertreiben?
Doch, vor zwei Jahren wollten sie das. Ich bin dann zum Bezirksamt, habe dort erklärt, dass ich nur bete. Ich kriegte eine Genehmigung und jetzt darf die Polizei mich nicht mehr wegschicken.

Was hat Sie nach Berlin verschlagen?
Ich komme aus Tibet, wo ich Arzt war. Ich hatte auch Kontakte zu tibetanischen Mönchen und kam deswegen für drei Jahre ins Gefängnis. Danach ging ich nach Südindien ins Exil. Dort habe ich sechs Jahre lang studiert: Religion, Astronomie, Physik und vieles mehr. Dort lernte ich meine heutige Frau, eine Deutsche, kennen und deswegen bin ich jetzt hier.

Warum gerade in der Wilmersdorfer Straße?
Am Anfang war ich hier, weil meine Wohnung gleich um die Ecke ist. Dann habe ich auch andere Stellen ausprobiert. Eine Zeit lang war ich am Breitscheidplatz vor der Gedächtniskirche, dann habe ich es noch am Alexanderplatz versucht. Aber da war überall schlechte Stimmung. Hier ist nett, die Leute sind freundlich. Hier ist mehr Liebe.

Donnerstag, 15. Februar 2007

Nicht schlafen gehen können — Ein Streifzug durch Berliner 24-Stunden-Kneipen

24-Stunden-Kneipen sind die Orte für die besonderen Momente. Vollrausch, Wahn oder Depression zum Beispiel. Oder für Menschen, die ihren Schlüssel verloren haben, sich nach der Nachtschicht noch ein Feierabendbier genehmigen wollen, oder für Liebespaare, die den Vollzug herauszögern wollen – warum auch immer.
Eines dieser Liebespaare sitzt in der Ecke des Schwarzen Cafés. Sie sitzt auf ihm, leckt ihm die Ohren aus und quiekt zwischendurch etwas. Ich bin mit einem Freund da. Er stand vor Kurzem noch selbst hinterm Tresen und will noch nicht nach Hause. Warum also nicht ins Schwarze Café, den stadtbekannten Klassiker in der Kantstraße? „Bitte nur oben“ heißt es auf dem Schild im Erdgeschoss. Von den sicher zwanzig Tischen sind nur die vier in den Raumecken besetzt. Neben uns und dem Pärchen noch von zwei nicht so innigen englischen Schwulen, die seltsamfarbige Cocktails trinken, und einem jungen Mann in Businessdress, der einen Riesenteller Essen in sich hineinschaufelt. Nicht zu vergessen der Kellner, so müde, dass er die Worte etwas vernuschelt und kaum zu verstehen ist. Wir bestellen zwei Jever, 0,4 Liter für 3 Euro. Ich gönne mir noch zwei Lachstoasts für stolze 7,50 Euro. 80er-Jahre-Spezialitäten. Wer käme heute auf die Idee, 150 Gramm Fisch auf zwei labbrige, zähe Brotscheiben zu legen? Die goldenen Zeiten sind vorbei, seit die Szene gen Osten zog. Doch nach wie vor ist der Laden weit davon entfernt, eine Spelunke zu sein. Hier kann man mit seiner Mutter reingehen, und wenn sie 80 ist.
Lieber ohne Mutti besucht man die Geisterbahn in Schöneberg. Um 6.30 Uhr tobt das Leben. Es wird Billiard gespielt, wobei laufend eine der Kugeln auf dem Boden landet. Die Jukebox spielt Trash aus den Neunzigern. Wir bestellen zwei Kindl. „Nur aus der Flasche“, sagt Engelchen. So wird die Bedienung genannt. Sie ist Mitte 20, blondiert, dauergewellt und hält mit knappen Kommandos wie „Wenn Du so weitermachst, kannste gehen“ die Gäste in Schach. Engelchen besteht auf Sofortkasse: „1,20 pro Bier!“ Ein älterer Mann schiebt den mit Deutschlandfähnchen dekorierten Putzwagen in den Gastraum, fängt an zu wischen. Eine schwarzhaarige Frau um die 30 geht auf meinen Begleiter zu, umarmt ihn, drückt ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf die Wange und bittet ihn, Shakira auf der Jukebox auszuwählen. „Weisst Du, ich kann nicht lesen“, haucht sie. Den Euroin der Hand hält sie fest umklammert, wirft ihn aber nicht ein. Zeit für Weinbrand-Cola. Engelchen kriegt ihre 1,40. Die Shakirabegeisterte kommt wieder, will ihren Euro zurückhaben. „Dafür habe ich mir den Arsch verbrannt.“ Zeit zu gehen. Sie kommt nochmal, will sich versöhnen, bevor wir abhauen.
Bei der U-Bahn-Fahrt im Berufsverkehr haben wir viel Platz. Unser Ziel ist die Rote Rose, einen Steinwurf vom Kottbusser Tor entfernt. Hier trifft sich alles aus der Umgebung: Lesben, Schwule, Ex-Punker, ein paar Obdachlose und es gibt auch einen harten Kern von Stammgästen. Doch freitags um 8.30 Uhr ist tote Hose. Am Tresen macht ein schwarzer Schwuler den Metropolenvergleich Berlin-New York. Berlin und die Berliner schneiden schlecht ab. „Du hättest keine Chance in New York!“ ist jeder zweite Satz. Nicht mal in Berlin eine Chance hat Matthias. Er ist Mitte 50, will kein Bier mehr, aber eine „Sschigaredde“. Als er zu sehr nervt, schmeisst ihn die Bedienung raus. Wir bestellen zwei Bier (à 2,50) und zwei Weinbrand-Cola (ebenfalls 2,50), müssen Geld in die Jukebox schmeissen, um den New-York-Dozenten nicht so zu hören. Sein Gesprächspartner kann auch nicht mehr, fragt, ob er sich zu uns setzen darf. Matthias versucht in der Zwischenzeit dreimal, unauffällig wieder reinzukommen. Die Bedienung hält die Tür zu. Unser neuer Gesprächspartner fragt, ob wir nicht ins Schlawinchen in der Schönleinstraße mitkommen wollen. „Ist auch 24 Stunden offen, aber die Musik ist gratis“, sagt er. Aber schlafen ist eigentlich auch nicht so schlecht. Die Bettschwere ist da, nur über die Träume mache ich mir Sorgen...
�© Nicolas Šustr
Schwarzes Café, Charlottenburg, Kantstr. 148, S Savignyplatz, geschlossen dienstags von 3 bis 11
Geisterbahn, Schöneberg, Hauptstr. 48, S Schöneberg
Rote Rose, Kreuzberg, Adalbertstr. 90, U Kottbusser Tor


Donnerstag, 8. Februar 2007

Burn, baby burn

Geschenkt wird einem heute nichts mehr. Im Internet heißt es „Weg von der Gratiskultur“, die Post will Geld für den Nachsendeauftrag haben und auch der kleine Plausch mit dem Hausarzt schlägt mit zehn Euro zu Buche. Von den ständig steigenden Bierpreisen (Sternburg von 50 Pfennig auf 33 Cent) gar nicht zu sprechen. Wo soll man da noch Geld für Urlaub übrig haben? Zu allem Unglück wohne ich in einer bustouristikfreien Gegend; niemand will mich mit farbenfrohem Druckwerk zur Sonderfahrt „Tschechenmarkt in Eger“ inklusive wertvollem Messerset für Ehepaare verführen. Da möchte man den Glauben an die Neue Soziale Marktwirtschaft fast verlieren.

In solch schweren Stunden spendet mir der ZDF-Infokanal Trost. Das ist mein Fenster in die Welt, lässt mich mit Schminktipps, Ratschlägen zu Hausbau oder Aquaristik den Alltag vergessen. Doch auch packende Reportagen gehören zum Repertoire: Mit dem Sargdiskont auf Informationsfahrt ins tschechische Krematorium. Mit der Gratistour möchte der Berliner Billigbestatter Vorurteile abbauen helfen.

Gratis? Berlin? Ein Mittagessen ist auch dabei? Ich hechte zu den Gelben Seiten, finde sofort das Gesuchte und greife zum Telefon. Es sind noch Plätze frei. Warum ich den mitfahren wolle, möchte die korrekte und dennoch mütterliche Dame am anderen Ende der Leitung von mir wissen. Scheiße. Aber so kurz vor dem Ziel gebe ich nicht auf. „Meine Großtante“, stammele ich. Ich habe wieder die Oberhand, melde noch einen Freund mit an. Glück vermehrt sich ja schließlich, wenn man es teilt.
Neukölln, Hermannstraße. Ein Novembermorgen, kurz vor sechs. Mit Proviant und guter Laune im Ranzen verlassen wir die U-Bahn und erklimmen die Oberfläche. Links und rechts der Straße Friedhöfe, etwas aufgelockert durch Dönerbuden, Eckkneipen und Preisparadiese. Hier beginnt also die Fahrt ins Blaue.
Der Großteil unserer Mitfahrer wartet bereits am verabredeten Treffpunkt. Vor allem die reiferen Jahrgänge haben sich Plätze gesichert. Sie sind ja dem Thema auch etwas näher. Frohsinn jedoch hat kein Verfallsdatum, Scherze über versehentliche Kremierung machen die Runde. Dennoch ist eine gewisse Anspannung zu spüren; bis jetzt ist vom Bus keine Spur. Wir werden dafür etwas mißtrauisch gemustert.
Gegenüber hält ein Reisebus. Nach einigen gemurmelten Unmutsäußerungen – so war das ja nicht ausgemacht – schiebt sich ein beige-grauer Menschenkeil über die Fahrbahn, lässt den Verkehr kurz stocken. Am Gefährt angekommen schieben sie sich mit Mühe – die Knochen wollen nicht mehr so – die Stufen hinauf, plumpsen erleichtert auf die Sitze.
Vor uns sitzt nun eine knapp zweihundertpfündige Mischung aus Franz Josef Strauß und Boris Jelzin. Sein Kamerad, obwohl auch stattlichen Ausmaßes, wird regelrecht von ihm erdrückt. Links daneben sitzt – ganz allein – ein in dieser Runde jugendlich anmutender Schnurrbartträger mit dem Charme eines IG-Metall-Funktionärs. Neben uns hat ein Ehepaar Platz genommen. Sie onduliert, er hager und von Alkoholleidenschaft gezeichnet, beide 72 Jahre alt. Sie sind etwas still, ganz im Gegensatz zu den rüstigen Herren hinter uns: Ihr Steckenpferd und einziges Gesprächsthema ist die Technik.
Der Bus steht und steht. Die welken Herrschaften (es sind tatsächlich wenige Damen an Bord) werden ungeduldig. Straußjelzin windet sich aus seiner zeltartigen Jacke und entblößt mitsamt seinen Motivhosenträger (Bierkrüge und „Man gönnt sich ja sonst nichts“-Aufdrucke) auch Schenkelklopferqualitäten. 104.6 RTL komplettiert dieses Sittenbild mit „Wir sind wir“, der Chartode an unser Land und seine Leute. Vielleicht die Mitfahrt doch noch überdenken?
Frau Wutzmutz (oder so ähnlich), rechte Hand des Bestatters überprüft die Anwesenheit. Die Runde hört auf zu maulen und konzentriert sich. Alle sind gekommen, nur Frau Prügelstein hatte wohl Besseres vor. Kopfschütteln beim sensiblen Zweihundertpfünder vor mir. Er heißt übrigens Dieter. Hinter uns wird heiß diskutiert: „Aber der Pentium passt doch gar nicht auf den Sockel.“ – „Doch, das ist ja nur ein 133er. Ich hab’s selber ausprobiert.“ – „Das ist doch nur für AMD.“ – „Aber wenn ich’s Dir doch sage.“ usw. usf.
Mit feinem Quietschen kündigt die Rückkopplung den Mikroeinsatz an. Es spricht der Bestatter. „Wir mussten auf’s Fernsehteam warten“, erläutert er den Grund der Verzögerung. Der RBB, unser Drittes, möchte es dokumentarisch dem ZDF-Infokanal nachtun. Der korrekt in schwarzem Anzug gekleidete Chef des Discounts hält eine kleine Einführungsrede über Krematorium, kostenloses Mittagessen und den Leichentransporter, dem wir auf der ganzen Fahrt folgen werden.
Auch die Trauergäste an Bord vergisst er nicht zu grüßen. Dieter informiert sich währenddessen in der BZ über „Opa Lüstern“. Neben dem RBB fahren noch eine Dame vom Deutschlandradio sowie eine vorgeblichen Diplomandin mit. Die letzte geheimnisvoll jugendliche Person stellt sich als die voll im Trauerfachbetrieb engagierte Tochter heraus. Schlussendlich weist der Fahrer auf die Anschnallpflicht hin, der wir unverzüglich Folge leisten. Lieber im Kreise der Lieben sterben.
Der Chef, Frau Wutzmutz und das Fernsehteam schwärmen aus. Die Bestatter verteilen – je nach Wunsch – Wasser, Multivitaminsaft oder Kaffee. Für jedes georderte Getränk bedankt sich der Chef. Äußert man hingegen keinen Wunsch, hakt er etwas strenger nach, ob dies das letzte Wort sei. Er macht einen transsylvanischen Eindruck. Die Fragen des RBB-Reporters nach Pietät, Leichentourismus und ähnlichem stoßen auf entschiedenens, ja empörtes Unverständnis. Man sei eben nicht so eng mit den Kindern, dass sie sich um das Grab kümmern würden. Einer der Technikfans verkündet stolz, dass er schon das 888 Euro-Angebot mit Kremierung und anonymer Urnenbestattung in Tschechien gebucht habe. „Außerdem ist das ja sowieso Sudentenland und damit Heimat“ ist triumphierender Schluss seines Plädoyers pro Sarg-Discount. Andere ordnen Tschechien Schlesien zu, kommen jedoch heimattechnisch zum gleichen Schluss. Ob sie sich als fünfte Kolonne zur Rückeroberung der Heimat sehen (Erst die Friedhöfe und dann der Rest), will der verständnisvolle Reporter leider nicht wissen.
Der Chefbestatter kommt nun zum geselligen Teil der Fahrt. Links und rechts des Gangs führt er Smalltalk. Auch mit mir. Was denn so junge Menschen auf diese Fahrt führe, möchte er wissen. „Die Großtante…“, sage ich wahrheitswidrig. Das ist sein großer Einsatz: Pfarrer-Fliege-mäßig schmeisst er sich emotional-mitfühlend heran, die transsylvanische Hand verkrallt sich ebenso gefühlsstark in meiner Schulter. „Ich behalte Sie im Auge“, droht er sorgenvoll. Kalter Schauder. Gänsehaut. Mein Begleiter kämpft währenddessen hysterisch gegen Lachanfälle. Der Chef hat neue Opfer im Visier: das Ehepaar links neben mir. Ihre Mutter, seine Schwiegermutter ist unser Vorauskommando im Leichentransporter. Auch ihnen droht er verschärfte Kontrolle an, da sie noch etwas zu gefasst wirken.
Kurz vor neun, die Sonne ist aufgegangen, Dieters Kamerad hat die erste Dose Bier geleert. Zeit für eine Rast. Verschneites Sachsen. „Ick sach ma: immer schieben“, droht Dieter selbst. Die Türen öffnen sich, wir fliehen nach draußen. Kostbare Minuten der Freiheit auf dem Rastplatz. Wir horchen die angebliche Diplomandin aus – sie will ein Leichen-Roadmovie-Drehbuch schreiben. Die Deutschlandradiofrau ist aber echt.
Die Meute schiebt sich wieder in den Bus, Der transsylvanische Fliegeschüler kommt mir wieder bedrohlich nahe. Ich stelle mich schlafend. Dieter verwickelt ihn in ein Gespräch. Warum man denn nicht in Polen verbrenne, sei doch näher. Die Krematorien seien da nicht so schick und modern. Irgendwie kommen sie auf die Ukraine. Dieter: „Als Landser dort gewesen?“ – Bestatter: „Nein, zu jung!“ (Ich dachte, die werden Jahrhunderte alt) Aber tolle Wehrmachtsdevotionalien könne man da kaufen, meint Dieter. „Alles Fälschungen! Die haben da eine Fabrik dafür!“ bedauert der Bestatter. Dieter kommt auf Italien, wo es Wein mit Hitler- und Mussolinikonterfei gibt, „die Deutschen tun sich ja noch schwer damit.“ Drakula wird die Sache zu heiß, er verduftet.
Chemnitz grüsst mit Industrieruinen und blinden Wohnungsfenstern. Nur noch 30 Kilometer bis zum Ziel, die Landschaft ist friedlich eingepudert vom Schnee. Mein Begleiter und ich diskutieren, ob man einen Wunschzettel an Osama schreiben dürfe. Ausgelassene Stimmung im Bus. Drakula macht wieder seinen Kontrollgang; ich stelle mich schlafend. Seine Kralle wieder in meiner Schulter. Ist es gar Fleischeslust?
Der Untote erinnert nochmal an das Programm: Erst Trauerfeier, dann ab in die Verbrennung, dann Mittagessen – natürlich auf Kosten des Hauses. Hinter der Grenze warten die üblichen Vergnügungen: Vietnamesenmärkte, Bordelle und Tankstellen. Jede Hure am Straßenrand sorgt für großes Hallo an Bord. Der Gewerkschafter ist außer Rand und Band, johlt, winkt, will sich „mit flinker Zunge“ verwöhnen lassen. Die tote Mutti im Leichenwagen führt den Invasionstrupp weiterhin an. Nazi-Dieter, der kleine Kosmopolit, weist darauf hin, dass die Nutte ja nur tschechisch könne. Bumms, bumms, bumms verstünde sie aber noch auf Deutsch.
Es ist 12.30 Uhr. Der Chef möchte etwas besorgt noch mal „in Erinnerung rufen, dass wir auf dem Weg zu einer Beerdigung sind.“ Die Meute beruhigt sich wieder und das lachsfarbene Krematorium schon erreicht. Drakula scheucht seine Herde in den Aussegnungsraum, mahnt noch etwas zur Ruhe und verschwindet mit den sonnenbebrillten Sargträgern. Warten, tuscheln. Er kommt zurück, verkrallt sich wieder in mir, nimmt mich beiseite und sorgt sich um meinen Gemütszustand. Und ich erst.
Getragene Melodien beschallen den mit Plastikblumenkränzen vollgestellten Raum. Der Sarg wird hineingeschoben, ein älterer Mann steht auf, tritt ans Rednerpult. Es ist Drakulas Bruder. Er formuliert eine Rede so persönlich wie ein Zahlschein. Die Mutti, 100 Jahre ist sie geworden, hatte den Kaiser noch erlebt (ach was), zwei Weltkriege (soso), war ausgebildete Floristin, doch, „die Zeiten waren widrig“, arbeitete als Schuhverkäuferin. „Mutter (dramatische Pause) hat Butterbrote geschmiert“ gehört zum Arsenal seiner geistreichen Zitate. Das Ganze serviert in einem Ton, als bräche er jeden Augenblick heulend zusammen. Später wird sich der Schwiegersohn bedanken für die tolle Ansprache. Er sei ja „ein harter Knochen“, doch den Tränen war er sehr nah.
Rede fertig, Mutti wird nach hinten geschoben, zur Brennkammer. Die Rentner zücken Fotoapparate und Videokameras. Brennkammer auf, Sarg rein. Wir wenden uns der Ofenrückseite zu. Wieder die Kralle an meiner Schulter. Ich soll mich setzen. Die Verbrennungspeepshow hat begonnen. Durchs Guckloch im Ofen wird gefilmt, fotografiert oder nur geglotzt.
Dann gibt es Mittagessen im Restaurant nebenan. Freie Platzwahl, an allen Tischen sitzen bereits irgendwelche Kröten. Beim zwanglosen Gespräch über üppigen Braten-Knödel-Kraut-Portionen erfahren wir, was so übrig bleibt nach dem zweistündigen Brennvorgang: 4 Kilo Asche, Knochenreste (die werden kleingemahlen) und die Sargbeschläge (ins Altmetall). Am Nebentisch ertränkt der harte Knochen seinen Kummer in diversen Schnäpsen.
Nach dem Essen nochmal eine kurze Führung. Die Knochenmühle will dann doch niemand sehen. Die Urnen sind gefüllt und es geht zum Friedhof des 247-Seelen-Dorfes. Im Rasen werden sie vergraben. Der Bruder findet noch einige seiner unnachahmlichen Worte. Wir verschwinden in den Bus, stellen uns schlafend. Ausgelassene Stimmung an Bord.. Nazidieter macht Frau Deutschlandfunk („unsere Schneekönigin mit dem Mikro“) an. Sie übergeht das. Zweimal greift die Kralle nach mir. Um 21.43 ist der Gratistrip vorbei. Umsonst war er nicht.
© Nicolas Šustr

Wer noch das Manuskript der Reportage des Deutschlandfunks über den gleichen Trip lesen möchte: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/diereportage/1603382/


Mittwoch, 7. Februar 2007

Nordböhmen – Schwefelperle mit Herz

„Aber ich weiß ja selbst nicht, was ich des Weges so getrunken habe.“ Wenedikt Jerofejew

Nordböhmen – Schwefelperle mit Herz

Einleitung


Während andere tschechische Regionen mit Schlössern, Skigebieten oder Bierspezialitäten prahlen, bleibt Nordböhmen bescheiden. So vermerkt der „Regionalatlas Ústecký Kraj“ etwas ungelenk, dass „bestimmt hier keine einfache Feststellung gilt, dass die Region von Ústí nur ein von der Menschentätigkeit sehr verletztes Gebiet ist.“ Deutlich eleganter, wenn auch im Kern der Aussage auch kryptischer, formuliert Kreishauptmann Ing. Jiří Šulc so: „Die Landschaft hat nicht nur dank den Werken unserer Vorfahren einen unverwechselbaren Charakter.“
Lassen Sie sich von der Dialektik des Ing. Šulc nicht in die Irre führen; Nordböhmen bietet dem sanften Katastrophentouristen einiges: Braunkohletagebau und starke Industrialisierung sind die Schlagworte, die Ústí und Umgebung zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Doch Vorsicht: „Auch wenn das Gebiet um Ústí den Ruf hat, vorwiegend eine Industrieregion zu sein, so ist es doch auch ein Gebiet mit Landwirten, Obstbauern und Gemüsezüchtern“, um Ing. Šulc noch ein Mal zu Worte kommen zu lassen. Und tatsächlich: Immer wieder stören sehr schöne Landstriche die Industrieidylle. Folgen Sie also diesem kleinen Führer, um unnötige Enttäuschungen zu vermeiden.
Geschichte
Nordböhmen ist seit Urzeiten besiedelt, ab dem 13. Jahrhundert auch in Form von Städten. Reiche Kohlevorkommen sorgten seit dem 19. Jahrhundert für das inzwischen unverwechselbare Gepräge durch die Industrie und ihre üppigen Emissionen.
Etwa ¾ der Bevölkerung war deutschsprachig, was immer wieder zu tiefgreifenden Mißverständnissen führte. Nach dem reichsdeutschen Lösungsversuch von 1938 setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg die tschechische Seite in der Minderheitenfrage in zeittypischer Manier durch. Bekannteste Hinterlassenschaft der deutschen Okkupation war das Vorzeige-Ghetto Theresienstadt, welches seinerzeit das Internationale Rote Kreuz trefflich überzeugte.
Mit großem Nachdruck versuchte die Regierung, den großflächig freigezogenen Wohnraum mit slowakischen Roma zu besiedeln. Über die Ergebnisse lässt sich streiten. Die Aufnahme des Braunkohletagebaus gab dem Landstrich eine noch herbere Note. Nach 1989 erlebte vor allem im unmittelbaren Grenzgebiet der horizontale Dienstleistungssektor einen ungeahnten Aufschwung. Eine teilweise Deindustrialisierung ermöglichte rund 20 % der Bevölkerung ein Leben frei von Zwängen, während auf manchem Berghang wieder Bäume sprießen.
Anreise
Den besten Eindruck von Land und Leuten gewinnt man bei Anfahrt von Dresden über die B170 (Grenzübergang Cínovec-Altenberg). Hier kommt vor allem der kleine Mann aus der Zone auf seine Kosten. Nicht nur Benzin, Zigaretten und schöne Gartenzwerge locken; links und rechts der Straße laden für Mitteleuropa ungewöhnlich knapp bekleidete Damen jeden Alters zu persönlichen Erkundungen böhmischer Becken ein. Romantischer Höhepunkt sind rot ausgeleuchtete wartehäuschengroßen Waldfickbuden mit hinter Panoramascheibe hübsch präsentierter Ware. Doch auch unten im Dorf gibt es reichlich Gelegenheit, sich mit aktuellen Geschlechtskrankheiten zu versorgen.
Insider-Tipp: rukou = mit der Hand, kouřit = blasen, ze zadu = von hinten
Leider ist auf Alternativrouten der Servicegedanke am Wegesrand deutlich weniger ausgeprägt. Von ihnen ist daher, ebenso wie von der deutlich schnelleren Anreise per Bahn, abzuraten.

Ústí nad Labem (Aussig)

Erstes Ziel sollte die knapp 100.000 Einwohner zählende Kreishauptstadt Ústí nad Labem sein. Schon von weitem grüßt die romantische Industriestadt am Elbufer mit rauchenden Schornsteine und behutsam in die Landschaft eingefügten Plattenbausiedlungen. Bereits früh am Abend machen sich im quirligen Zentrum die Fußgänger rar. Ein kleiner Ausgleich ist die rasant steigende Polizeidichte.

Unterkunft

Wer sich nicht im Interhotel am Friedensplatz (Mírové náměstí) einquartieren mag, dem sei wärmstens die Pension Klíšská in der gleichnamigen Straße empfohlen. Der schäbige Vorkriegsbau bietet Zwei-Personen-Suiten mit unverbaubarem Blick auf Chemiefabrik und Kaufland-Filiale bereits ab 500 Kronen (16 €).
Das Geld ist gut angelegt. Allein schon die gemütliche Sitzecke im Wohn- und Schlafraum versprüht die mondäne Nonchalance bulgarischer Spionagethriller. Dutzende Regalmeter ermöglichten es dem durchreisenden Literaten, seine Hausbibliothek unterzubringen. Masochisten werden sich schwer tun, die richtige Liege zu wählen: Soll es das Modell Brett mit Stoffbezug im angesagten 60er Jahre-Retrolook oder doch lieber die nagelbrettartige Federkern-Jugendzimmerliege der frühen 90er sein?
Insider-Tipp: Parken Sie Ihr Auto auf dem pensionseigenen Parkplatz, wenn Sie es mögen!

Nightlife

Der Nachtschwärmer hat die Wahl zwischen zweifelhaften Sportkneipen mit Spielautomaten, zweifelhaften Eckkneipen mit Spielautomaten oder Spielhallen mit Biertheke. Wer dann doch Müde geworden ist und sich an seiner Pritsche nicht stört, lässt sich vom Generatorengeräusch des naheliegenden Kraftwerks sanft in den Schlaf summen.

Stadtbummel

Für die Mahlzeiten sei Kantine im Dachgeschoss des Kaufhauses Elbe (Obchodní dům Labe), direkt am Busbahnhof gelegen, empfohlen. Mensaatmosphäre trifft auf ein erstaunlich gutes Speisenangebot.
Insider-Tipp: Am Eingang Laufzettel geben lassen und beim gehen bezahlen!
Sehenswert ist auch der Fahrstuhl. Lässig, fast teilnahmslos, auf ihrem Stuhl sitzend, verrichtet eine anscheinend von der Familie verstoßene Seniorin ihren Dienst als Liftdame in dem dreistöckigen Gebäude.
Insider-Tipp: Geben Sie kein Trinkgeld, das würde für Irritationen sorgen!
Gleich am Friedensplatz befindet sich ein ambitioniert verunglückter sozialistischer Prachtbau, der vor allem durch eine große, wannenartige, schwebende Betonkonstruktion unangenehm auffällt. Auch Busbahnhof und Markthalle sind echte Hingucker.

Was Sie nicht mehr suchen müssen

Eine Attraktion, mit der es Ústí 1999 sogar bis in die amerikanische Presse schaffte, gibt es leider nicht mehr. Eine bescheidene vier Meter hohe Mauer, die eine leicht verwahrloste Zigeunersiedlung von etwas weniger verwahrlosten Einfamilienhäusern trennte, wurde leider wieder abgerissen.

Lovosice

Kleinstadt, die sich breiig entlang der Hauptstraße ergießt. Daher das tschechische Sprichwort „Das ist lang wie Lovosice“, wenn etwas lang ist. Sitz von Lovochemie, einem berühmt-berüchtigten Chemiekomplex, der halb so groß wie die Stadt ist. Riecht ganz anständig.

Teplice (Teplitz-Schönau)

Goethe würde staunen, was aus seinem Urlaubsdomizil geworden ist. Eine schöne Autobahn durchquert dezent das Zentrum der recht unbedeutende Industriestadt. Erlangte in den 1980er Jahren gewisse Berühmtheit durch Atemschutzmasken für Kinder.
Terezín (Theresienstadt)
Idyllisches, deutlich geschichtlich belastete Städtchen, zur Nazizeit Vorzeige-Ghetto. Im ehemaligen Ghetto regt sich wieder das beschauliche Leben einer normalen Kleinstadt. Mit der Eröffnung einer deutschen Supermarktfiliale ist nach Auschwitzer Erfahrungen nicht zu rechnen.
Most (Brüx)
Die 70.000 Seelen zählende Ansiedlung ist zweifelsohne der Schwefelkristall unter den Perlen. Der Nordböhmen-Neuling ist daher gut beraten, unbedingt vorher einen Akklimatisierungsaufenthalt in Ústí einzulegen.
Trotz über 700jähriger Geschichte ist Most eine junge Stadt geblieben. Zu bewundern sind vor allem drei Jahrzehnte sozialistischen Bauschaffens. Das liegt in der allzu sorglosen Standortwahl der feudalen Stadtgründer begründet. Wer baut denn ungestraft auf einem Braunkohleflöz bester Qualität? Erst die KP fand in den 60er Jahren die Kraft, diesen historischen Irrtum durch Abriss und etwas versetzten Neuaufbau zu korrigieren. Und so entstand mit betont großzügigen Straßenfluchten eine moderne Kleinstadt der weiten Wege.
Ziemlich genau in der Mitte zwischen Most und Litvínov schlägt mit Chemopetrol das – laut Eigenwerbung – Herz der tschechischen Chemie. Eine Straßenbahnlinie verbindet die zwei Städte und den größten Chemiekomplex der Republik miteinander.
Insider-Tipp: Geschlossene Autofenster reduzieren das Vergiftungsrisiko deutlich!
Unterkunft
Das Hotel Viktor ist erste Wahl, nicht nur wegen des Schlagerpreises von 360 Kronen (12 Euro) pro Doppelzimmer. Die Originaleinrichtung aus den sechziger Jahren zeugt von damaliger Aufbruchstimmung; liebevolle Details wie grünliche Linoleumböden unterstreichen das. Sogar ein Fahrstuhl funktioniert noch.
Ebenso wie in Ústí scheint es auch in Most als Beleidigung aufgefasst zu werden, den Gästen
brauchbare Handtücher bereitzustellen. Küchentücher sind als symbolische Geste zu werten.
Insider-Tipp: Ruhig selbst Handtücher mitnehmen!
Nightlife
Im Großen und Ganzen deckt sich das Angebot mit jenem von Ústí, nur dass es weniger Auswahl gibt und früher zugemacht wird.
Insider-Tipp: Unbedingt vor 22 Uhr Essen gehen, sogar die örtliche McDonald’s-Filiale schließt um diese Uhrzeit.
Ansonsten berichtet ein tschechisches Wochenblatt von Schutzgelderpressungen und ähnlichen aufregenden Dingen in der Stadt, bei der auch die Polizei mitmacht. Leider fanden im Testzeitraum keine Schießereien statt.
Stadtbummel
Traditionsbewusstsein zeigt Most bei den Straßennamen. Nicht nur den Erbauern (ihnen widmete man sogar die zentrale Magistrale) wird gedacht, auch Moskau, die Junge Garde, die tschechoslowakische Jugend, die Friedensverteidiger, der 1. Mai, die Pioniere und sogar der Slowakische Nationalaufstand haben namenstechnisch die Wendezeit überlebt. Nur wenige tschechische Städte pflegen ihr Erbe so huldvoll.
Einen Blickfang erster Güte stellt der „Zentrum“ genannte Block dar. Aktuell befindet sich im Bassin vor dem sogenannten Repräsentationshaus das Mahnmal für die unbekannte Transe (siehe Bild). Der Künstler ist leider ebenfalls unbekannt. Ein Skateverbot am sehenswerten Landratsamt beweist die Szenetauglichkeit von Most.
Insider-Tipp: Wahre Fashion-Victims besuchen das Kaufhaus Prior. Auf zwei Etagen findet dort jeder seinen persönlichen Anti-Trend, um gegen den Strom zu schwimmen. Ideal auch für Mitbringsel!
Ein Spaziergang über die marode Eisenbahnbrücke bietet nicht nur einen herrlichen Blick auf den wenige Kilometer entfernten Chemopetrol-Komplex, sondern führt auch zum letzten Rest des alten Most: die Dekanatskirche. Die Partei ließ sich weichklopfen, den 12.000-Tonnen-Bau um 850 Meter zu verschieben, statt ihn mit abzubaggern. Nun steht er etwas im Nichts und zeigt mit dem Arsch zur Stadt. Der gute Wille zählt.
Was Sie nicht suchen müssen:
Den nächtlichen Chemiegeruch aus Ústí. Der bleibt leider unten im Braunkohleloch hängen.
Litvínov
Mosts Schwesterstadt zählt nur halb so viele Einwohner und wirkt deutlich rustikaler. Architektonisch und sozial interessant ist das 1947 begonnen und in mehreren Etappen fertiggestellte Koldům (=Kollektivhaus). Die zwei Wohnflügel des Hauses sind durch einen Riegel verbunden, der Gemeinschafträume wie Speisesäle, Kinderkrippe, Wäscherei u. ä. aufnahm. Nach dem überraschenden Scheitern des Modells nutzt nun ein Hotel einen Teil der Räume, im Rest befinden sich Wohnungen. Vielleicht treffen Sie ja eines der Mädchen auf den Fotos wieder. Die wollten erst wissen, ob wir vom Jugendamt sind, dann wollten sie Zigaretten, dann wollten sie fotografiert werden, aber nur, wenn die Bilder nicht fürs Internet sind. Von wegen Provinz.
© Nicolas Šustr

Warten, bis das Telefon klingelt – In Charlottenburg arbeiten Berlins letzte Schrankenwärter – Im August schließt Berlins letzter handbedienter Bahnüb

Jens Eggebrecht sitzt am Schreibtisch und blickt durchs Fenster. Er wartet. Nichts passiert. Draussen fährt hin und wieder ein Auto vorbei. Ab und zu auch ein Laster, der den Boden erzittern lässt. Die Wände des kleinen Häuschens, in dem er sitzt, sind in einem undefinierbaren grünblauen Farbton gehalten. Irgendjemand hat sich mal die Mühe gemacht, die Decke der besseren Isolation wegen mit Styroporplatten in Holzoptik abzukleben. Es ist überheizt.
Dann klingelt das Telefon, genauer gesagt, der Zugmeldeapparat. Auf dem schwarzen Plastikgehäuse prangen noch die Initialen der vor zwölf Jahren untergegangenen Deutschen Reichsbahn. Eggebrecht nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung meldet der Fahrdienstleiter aus dem Stellwerk einen herannahenden Zug. Eggebrecht geht vor das Häuschen und dreht– mit beiden Armen weit ausladend – an zwei Kurbeln. Links und rechts der Bahntrasse senken sich die acht Meter langen Schranken.
Auf dem Ruhwaldweg ruht nun der Verkehr. Vögel zwitschern. Doch dafür hat der Schrankenwärter momentan keinen Sinn. Er meldet dem Fahrdienstleiter, dass die Schranken geschlossen sind. Beachtlich viele Fahrzeuge stauen sich auf dem Ruhwaldweg, der eigentlich nur eine schmale Straße mitten durch Schrebergärten ist. Viele Autofahrer haben ihn jedoch als bequemen Schleichweg fernab von stauanfälligen Hauptstraßen entdeckt. Diesmal haben die Fahrer das Glücksspiel gegen einen der sporadischen Güterzüge verloren.
Eggebrecht zündet sich eine Zigarette an, betrachtet die stehenden Autos. Manchmal hält er ein Schwätzchen mit Schrebergärtnern aus der Nachbarschaft, aber jetzt kommt keiner vorbei. „Autofahrer wundern sich ab und zu, dass es noch Schrankenwärter gibt“, sagt er und inhaliert den nächsten Zug. Dabei steht er innerhalb eines häßlichen Stahlgitterzauns, der die Hütte samt Kurbeln umklammert. Ein viele Jahre zurückliegender nächtlicher Überfall ist der Grund für die Schutzvorkehrung. Von außerhalb des Käfigs wirkt es, als handele es sich bei dem Häuschen samt werter um ein geschütztes Exponat aus dem Technikmuseum. Von innen ergibt sich eher einen Gefängniseindruck.
Tiefes Brummen von Dieselmotoren kündigt den Zug an. Eine schwere russische Lok aus Reichsbahnbestand zieht kohlebeladene Güterwaggons, jeder größer als das Wärterhäuschen, hinter sich her. Eggebrecht beobachtet den durchfahrenden Güterzug. Auf Schäden und Besonderheiten zu achten gehört auch zu seinen Aufgaben. Der letzte Waggon hat die Kreuzung passiert. Eggebrecht kurbelt wieder und bimmelnd erheben sich die Schranken, der Straßenverkehr rollt wieder.
Vor fünf Jahren wurde der Chemnitzer an den Bahnübergang versetzt; das Stellwerk, sein früherer Arbeitsplatz, wurde geschlossen. Im August schließen sich die Schranken an Berlins letztem handbedienten Bahnübergang für immer. Dann wird die Strecke fitgemacht für den ICE, der künftig alle paar Minuten vorbeibrausen wird auf seinem Weg vom Hauptbahnhof zu Relationen nordwestlich von Berlin. Eggebrecht erwartet die nächste Versetzung. Spaß gemacht habe die Arbeit an den Schranken schon, sagt er. Und dass er hofft, wieder einen Platz im Stellwerk zu bekommen, denn: „Da ist man nicht so einsam wie hier.“. Bald beginnt die Fortbildung.
© Nicolas Šustr

Im Zeichen des Döners – 2. Lange Nacht des Döners in Berlin-Wedding

Die „Lange Nacht des Döners“ ist angebrochen und die Kap.Lan-Dönerfabrik öffnet ihre Pforten. Sie liegt in der Provinzstraße in Berlin-Wedding, die ihrem Namen gerecht wird und tatsächlich etwas ländlich wirkt. Barackenartige Gebäude säumen die Straße: Autowerkstätten, ein Supermarkt, ein Geschäft mit Campingzubehör. Am Ende des Blocks steht das Kap.Lan-Werk, zweistöckig, offensichtlich aus der Wirtschaftswunderzeit. Ein mit Marmor belegter Weg führt durch den akkurat bepflanzten Vorgarten zum Eingang.
Ein Dutzend Menschen hat sich um kurz vor vier vor dem Gebäude versammelt: Vorschulkinder mit ihren Eltern, Studenten und Rentner, alle warten auf den großen Moment. Da bittet Besitzer Remzi Kaplan auch schon hinein. Durch eine Glasscheibe fällt der Blick in die Produktionshalle. Sechs Mann sind damit beschäftigt, Kalbfleischscheiben und Kalbshack auf Spieße zu schichten. Unten erstmal mehr Scheibenfleisch, der Stabilität wegen, nach oben hin nimmt der Hackanteil zu. „Auf so einen Spieß passen bis zu 150 Kilo Fleisch“, erläutert Kaplan, bevor er die Gruppe in die Halle führt.
Eine Viertelstunde, nachdem er mit Führung und Erklärung angefangen hat, drängen sich die Besucher dicht an dicht in der Halle. Alle sind im OP-Look mit weißer Kopfhaube und Plastikschürze – „die Hygienevorschriften“ bedauert Kaplan die Umstände. „Aus einem Kilo Fleisch werden fünf bis acht fertige Döner“ führt er aus, während es immer enger wird.
Höchste Zeit, die Dönerralley zu absolvieren. „Nach wem ist der Sakir Baba Grill benannt?“ und ähnliche Fragen zu Weddinger Imbissen müssen beantwortet werden, um an der Verlosung eines Plüsch-Kuschel-Döners namens Vanessa teilnehmen zu können. Das lockt tatsächlich einige Menschen, die mit dem grünen Teilnahmeschein in der einen Hand und – wie vom Veranstalter erhofft – einem Döner in der anderen Hand die Fressbuden abklappern.
Die Podiumsdiskussion über „Die Avantgardefunktion des Döners“ fällt ins Wasser, weil die Organisatoren spontan abgesagt haben. So ist immerhin zu erfahren, dass in Wilmersdorf der „Tag der Currywurst“ begangen wird und der Chicken-Döner – wie das Original natürlich auch eine Berliner Erfindung – ein Kind der BSE-Krise ist.
Weitere Erkenntnisse à la „Handbuch des nutzlosen Wissens“ bietet die Dönertüten-Vernissage im „Holz und Farbe“. 27 Tüten, darunter Exemplare aus Helsinki (mit dem schönen Aufdruck „Freetime“), Krakau (künstlerisch wertvoller Mehrfarbdruck) und München (grün bedruckt statt im berlintypischen rot) geben Einblick in die weltweite Dönerkultur. Damit ist der intellektuelle Teil der Nacht beendet, ab Punkt 21.00 Uhr wummern „Saftige Beats mit frischem Gemüse“ aus den Boxen. Eine gute Gelegenheit, die angefutterten Kalorien abzutanzen und die Nacht noch wirklich lang zu machen.
© Nicolas Šustr

Kekse wie vom Zahnarzt – Münchner Künstlerin lässt Gebäck im Mund formen – Skulpturen aus Teig

Kekse backen ist keine besonders spektakuläre Angelegenheit, erst recht nicht in der Adventszeit. Angela Dorrer macht eben dies, trotzdem erregt sie damit größte Aufmerksamkeit. Ihre Kekse werden nämlich nicht einfach ausgestochen, sondern im Mund geformt. „Zähne, Zunge und Lippen kommen zum Einsatz wie Hammer und Meißel des Bildhauers“ sagt die Münchner Künstlerin. Deswegen bezeichnet sie die so entstandenen Produkte auch als Skulpturen.
Pünktlich zum 2. Advent beehrt Angela Dorrer am Sonntag nun das Berliner Zagreus Projekt mit ihrer Ausstellung „Promis, Cookies und wilde Tiere/Archiv Berlin“. Der Ort könnte passender nicht gewählt sein. Schliesslich beschäftigt sich das Projekt in Mitte mit Nahrung im weitesten Sinne, möchte eine „Schnittstelle von Galerie und gastronomischer Einrichtung“ sein. Die Teigobjekte sollen bei „Kauparties“ nicht nur betrachtet und geformt, sondern auch verzehrt werden.
„Natürlich muss niemand die Kekse essen“, sagt Dorrer. Jedoch könne sich jeder entscheiden, ob er Körpergrenzen dadurch entweder bestärken oder überschreiten möchte. Schließlich überlege sich im Laufe einer Kauparty jeder, von wem er einen Keks essen würde. Dorrer sah dabei Menschen, die nicht mal ihr eigenes Plätzchen aßen, aber auch solche, die ganze Bleche weggefuttert haben.
Begonnen hat das Ganze als Experiment auf einer kleinen Präsentation an der Kunstakademie in Montréal. „Die Kekse wurden zum Renner des Abends“, sagt die Künstlerin. Seitdem veranstaltete sie immer wieder Kauparties. Die Reaktionen auf die Idee reichen von erotischen Fantasien über Kindheitserinnerungen bis hin zu Aggressionen. Festgehalten sind die Kommentare auf von Besuchern im Tausch für einen Keks ausgefüllte Kärtchen, die auch Teil der Ausstellung werden.
Sogar eine illustre Runde von Prominenten hat bei Dorrer bereits angebissen, darunter Alice Cooper, Pedro Almodóvar, Nina Ruge oder Nicole. Dafür schmuggelte sich die Münchnerin auf verschiedene VIP-Parties ein. Besonders stolz ist sie darauf, dass es ihr gelungen ist, sich auf ein Fest des öffentlichkeitsscheuen Leo Kirch einzuschleichen. Die so erkämpften Exemplare sind, verpackt in Kunststoffdöschen, für die exklusive „Promicookies“-Kollektion bestimmt. Einige davon wurden bei Auktionen versteigert, der Rest wird weiter präsentiert.
Auch in Berlin werden die „Promicookies“ zu sehen sein. Ein Raum des Zagreus Projekts wird für die Dauer der Ausstellung das „1. Berliner Cookiemuseum“ beherbergen. Wilde Tiere, unter anderem Löwen und Krokodile, sind mit in Bronze gegossenen Gebissabdrücken vertreten. Am 7. und 14. Dezember (2. und 3. Advent) ab 18.00 Uhr veranstaltet Angela Dorrer Kauparties. Zusätzlich wird während der gesamten Ausstellungsdauer Mittwochs bis Freitags zum „Menue Surprise“ geladen (Anmeldung erforderlich), zusammengestellt nach den Wünschen der Gäste und natürlich inklusive Cookieproduktion.
© Nicolas Šustr

Kein Haschisch nirgendwo – Berliner Polizei kontrollierte Autofahrer auf Drogen- und Alkoholkonsum – Von 642 Autofahrern waren 4 betrunken.

Freitagnacht, kurz vor Mitternacht. In der Wuhlheide ist das Ärzte-Konzert gerade zu Ende gegangen. Einige hundert Meter weiter, vor der Karlshorster Pferderennbahn ist die Polizei zu Gange. Eine Verkehrskontrolle steht an. Dabei geht es nicht um Tempolimits, die Beamten wollen wissen, was die Autofahrer vorher so zu sich genommen haben, sei es Alkohol oder Drogen.
Zwei Mannschaftswagen der Polizei parken auf dem Bürgersteig, ein Polizist teilt mit rot-weißen Verkehrshütchen eine Fahrspur ab. Er trägt eine weißen Mantel mit Leuchtstreifen, um nicht übersehen zu werden. Wie auf Bestellung fährt in diesem Moment die „Straßenbahn im Dienste der Suchtprävention“ vorbei. Abschreckung ist das Ziel der Kontrolle. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion 6 sind in dieser Nacht an 13 Stellen in Ost-Berlin in dieser Nacht Posten eingerichtet, meist in der Nähe von Clubs, Discos und Musikcafés. 2003 waren bei immerhin 55 Verkehrsunfällen Drogen oder Medikamente im Spiel.
Die Beamten an der Treskowallee haben noch mit Startschwierigkeiten zu kämpfen: Die Leuchtkelle, mit der die Autos herausgewunken werden sollen, leuchtet nicht. Ersatz wird angefordert. Währenddessen kramt der Einsatzleiter die Kiste mit den Drugwipes hervor. Dabei handelt es sich quasi um den Drogen-Bruder des Alkomaten. Der ist aber nicht zum Pusten, stattdessen – wipe heißt wischen – wird eine Schweiß- oder Speichelprobe genommen. „Das funktioniert praktisch wie ein Schwangerschaftstest“, erklärt der Einsatzleiter. Nach fünf Minuten verändert sich die Farbe des Indikatorfeldes. „Farbenfehlsichtigkeit verhindert die korrekte Auswertung des Tests“, vermerkt dazu die detaillierte Bedienungsanleitung. Die Trefferquote liegt nahezu bei hundert Prozent. Doch das hat seinen Preis, ein Drugwipe-Testset kostet zwölf Euro. Daher wischen die Beamten nur bei wirklichem Verdacht.
Die Ersatzkelle funktioniert. Nun werden alle paar Minuten neue Autos herausgewunken. „Guten Abend, Motor aus, Führerschein und Fahrzeugbrief bitte“ heißt es dann. Ein Fahrer, das Autoheck ziert der „Böhse Onkelz“-Schriftzug, hat nichts von alledem dabei. Er muss seinen Nissan stehenlassen. Zwei Polizisten fahren mit ihm in seine Köpenicker Wohnung, um sich die Papiere zeigen zu lassen. Das ist schon das größte Vorkommnis innerhalb einer Stunde.
Szenenwechsel. In der Puschkinallee am Treptower Park befindet sich ein weiterer Kontrollpunkt. Am Rand der dreispurigen Straße steht auch ein Herauswinker. Im Gegensatz zu seinem Karlshorster Kollegen ist er jedoch behängt wie ein Weihnachtsbaum: Neongelbe Lichterkette um den Bauch, Leuchtkelle und –stab in den Händen.
Ein in die Jahre gekommener roter Golf hält auf dem kleinen Parkplatz. Auf dem Beifahrersitz liegen Zigaretten, stangenweise, alle ohne Steuermarke. Erst wird der junge Fahrer im Gangsta-Rapper-Outfit durchsucht, danach sein Auto. Keine weiteren Funde. Er muss zur Gesa, wobei es sich leider um keine Dame sondern um das Kürzel für die Gefangenensammelstelle handelt. Dort wird er erkennungsdienstlich behandelt, sprich Fingerabdrücke genommen, Fotos gemacht etc. Der junge Mann hatte weder Alkohol noch Drogen im Blut, wurde nur dummerweise bei einer Zollstraftat erwischt. Er hat nämlich zugegeben, die Zigaretten in Polen gekauft zu haben.
Nach erfolgter Kontrolle erhält jeder Autofahrer ein Merkblatt, in dem auf die Folgen von Alkohol- oder Drogenkonsum und Auto fahren hingewiesen wird und einen Kontrollzettel. „Oh toll, den kann ich sammeln“, freut sich ein Pole, bevor ihm der Polizist erläutert, dass – sollte er an einem weiteren Posten aufgehalten werden – die Prüfung dann wesentlich schneller vonstatten geht.
Es ist wenig los, zwei Beamten spielen mit ihren Taschenlampen als seien es Star-Wars-Leuchtschwerter. „An der Mühlenstraße in Friedrichshain hätten wir schon einige herausgefischt“, sagt der Einsatzleiter. Dort ballen sich auf engstem Raum auch mehrere große Clubs und Discos. „Aber hier ist ja fast nichts in der Nähe, nur Durchgangsverkehr.“ Auch die anderen Kontrollpunkte konnten keine spektakulären Treffer vermelden: Von 642 kontrollierten Fahrern hatten vier zu viel Alkohol im Blut. Drei Drugwipe-Tests wurden durchgeführt, alle mit negativem Ergebnis.
© Nicolas Šustr