Mittwoch, 26. Februar 2014

Eckkneipenprotokolle

Die Renaissance der Eckkneipe – Interviews mit Wirten

André Voigt, GaststätteWilly Bresch, Prenzlauer Berg, Danziger Str. 120


Ich habe 1987 hier begonnen zu arbeiten. Damals waren wir noch eine halbprivate sogenannte Kommissionsgaststätte. 2002 habe ich die Kneipe schließlich von meinen Eltern übernommen. Ich bin Wirt in dritter Generation, mein Großvater hat sie 1966 eröffnet.
Früher war das ein richtiges Arbeiterviertel hier. Nach der Wende wurde bei uns im Bötzowviertel viel saniert. Haben die auch schön gemacht, wie ich finde. Aber leisten konnten sich das nur noch finanziell potente Leute. Wir hatten viele ältere Kunden, die irgendwann weggestorben sind. Und dann hatten wir einige Jahre ein Loch.
Vor 7 oder 8 Jahren fingen dann jüngere Leute an, hierher zu kommen. Viele erst mal wegen Fußball, wir zeigen da eigentlich alles. Man kann jetzt auch nicht sagen, dass die Studenten nur am Wochenende da wären. Wir haben zum Beispiel eine Truppe, die trifft sich immer dienstags.
Probleme gab es eigentlich nie. Spinner, die Ärger machen oder eine Keilerei vom Zaun brechen, haben wir nicht. Das ging aber alles nicht so plötzlich wie bei diesem Hype rund um Neukölln, sondern nach und nach. Wenn das so plötzlich passiert ist das natürlich ein Kulturschock, aber bei uns ist das nach und nach gewachsen.
Wer dieses Lokal betritt, muss eigentlich wissen, worauf er sich einlässt. Berliner Bierlokal steht draußen dran. Trinken tun alle dasselbe. Bier und Schnaps eben. Wir haben rot und weiß, trocken oder lieblich sage ich, wenn jemand nach Wein fragt.
Insgesamt ist das eine angenehme Belebung gegenseitig zwischen den alten und den neuen Gästen. An einem Abend waren eigentlich nur Jüngere da, als mich eine Frau ansprach, wo die alten Männer geblieben wären. Ich und meine Mitarbeiterin, wir sind ja auch nicht mehr die jüngsten. Ich glaub die mögen das sogar. Junge Leute hast Du ja überall in der Gastro.
Ich hoffe, dass es uns noch lange gibt. Ich habe ja noch ein paar Jahre bis zur Rente. Und in zwei Jahren wird 50. Kneipenubiläum gefeiert. So lange ich einigermaßen davon leben kann ist es okay für mich.

Simone Bannemann, Simone's, Neukölln, Sonnenallee 35


Ich habe den Laden am 23. Dezember 2006 übernommen. Das war also eine Art Weihnachtsgeschenk. Am ersten Tag saß ich praktisch alleine mit meiner Mama am Tisch. Nach 20 Euro Umsatz habe ich dann um 20 Uhr Feierabend gemacht. Komm, wir gehen jetzt woanders feiern habe ich zu ihr gesagt. Auch Silvester war schwierig. Dann ist es aber besser geworden. Ich hatte immer ein gutes Gefühl bei dem Laden. Genau so wie beim Wesereck, dass ich vor ein paar Jahren übernommen habe.
Die ersten Studenten kamen hier so vor einem, wenn's hochkommt vor zwei Jahren rein. Angefangen hat das wegen der Angebote. „Wilder Mann“, unsere Hausmarke, für 1,20 Euro. Ab März für 1,30. Die haben draußen die Tafel gesehen. Man hat sich schon gedacht, dass die irgendwann auch hier reinkommen, um die Ecke ist ja das Tristeza. Das hat sich dann immer mehr unter denen herumgesprochen, da trafen sich dann immer mehr hier. Donnerstag bis Samstag sind die meisten hier, den Rest der Woche vielleicht mal, wenn jemand Geburtstag feiert.
Die können auch ihre eigene Musik mitbringen. Wir haben so eine Anlage, wo man einen Stick ranstecken kann. Manchmal ist das richtig voll, die stehen dann bis hinter den Tresen. Dann helfen unsere Stammgäste auch mit, wechseln im Keller ein Fass oder so. Mit den Stammgästen ist das wie eine Familie hier. Da kann ich zu Dickerchen sagen: „Du bist ein Arschloch!“. Und der lächelt dabei.
Ab und zu muss man den Studenten was sagen, damit die keine Dummheiten machen. Manchmal klauen die Kleinigkeiten. Aschenbecher oder irgendwas von der Wand. Mal ist eine Klobrille kaputt. In letzter Zeit werden auch mal Klorollen aus dem Fenster geworfen oder es gibt dort Schmierereien. Aber das ist weniger geworden mit der Zeit.
Während früher gegen Mitternacht Schluss war, geht das am Wochenende inzwischen so bis 5 oder 6 Uhr morgens. Es macht Spaß, auch mal andere Leute zu sehen als früher, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Und das Mehr an Umsatz macht das Leben für mich auch entspannter.

Bernd Sengespeick, Zum Schinken, Wedding, Luxemburger Straße 5


Im Mai gehört mir die Kneipe zwei Jahre. Davor hatte ich einen anderen Laden, auch im Wedding. Die Studenten wollte ich als Gäste haben, die Uni ist ja gleich um die Ecke. Die kommen massenhaft, immerhin gibt es ja mit Ausweis 20 Cent Rabatt. Was die dabei sparen kriegen wir als Trinkgeld zurück. Bei den 2,30 für den halben Liter, den die zahlen, geben die meisten dann 3 Euro.
Zwischen denen und den anderen Stammgästen gibt es überhaupt keine Probleme. Nicht mal die Aschenbecher werden geklaut. Ganz selten gibt es Idioten, die die Klos beschmieren, aber das sind dann häufig gar nicht die Studenten sondern irgendwelche Bekannten von denen. Alle sind froh, dass die jungen Leute frischen Wind reinbringen.
Wir machen ja immer einen Deckel für den ganzen Tisch und die zahlen jeder für sich. Der Letzte, der den Rest zahlt, hat dann häufig ein Problem, aber die klären das unter sich. Letztes Jahr haben Studenten hier auch einen kleinen Film gedreht. Den habe ich leider noch nicht bekommen.
Bis zum letzten August hatte ich das Wort Flashmob nur gehört. Die Nacht hatte ich einen erlebt. Um zwei Uhr nachts rief mich meine Bedienung an, dass sie nur noch eine Tonne hat. Dann bin ich mit zwei Fässern hergefahren. An der Kreuzung hatte die Polizei die Straße gesperrt, weil überall Menschen standen. Über 120 Leute waren das. Ein Stammgast hatte aus dem Keller noch Gläser geholt, was wir oben hatten, reichte nicht. Inzwischen habe ich noch ein paar Kartons zusätzlich hinterm Tresen.
Meistens melden sich Gruppen an, aber letzten Freitag kamen sie unverhofft. 'Gäste drohen', sagte ich meiner Bedienung, da kamen 20 auf einen Schlag. Die feiern ja Geburtstage nicht wie wir in der Familie, sondern da müssen 20 mitkommen. Und gleich darauf kamen dann nochmal 15. Wir haben dann Arbeitsteilung gemacht. ich hab die 35 halben Liter gezapft – die trinken das ja alle – und sie hat die Bestellungen aufgenommen und so. Ich bin rundum zufrieden, wie es hier ist.

 

Uwe Drees, Destille, Kreuzberg, Mehringdamm 67


„Ich habe schon in den Achtzigern hier gearbeitet. Seit 1993 ist das meine Kneipe. Ich mache mir schon manchmal Sorgen wegen der Miete. Die drehen ja hier komplett durch in der Gegend. Meine Vermieter sind aber eigentlich ganz human. Und inzwischen stimmen ja auch die Umsätze wieder.
Vor so sieben, acht Jahren starben uns die Stammgäste reihenweise weg. Noch ein Jahr so und wir gehen pleite, dachte ich mir damals. Ziemlich zur gleichen Zeit entdeckten uns die jungen Leute. Für die ist das hier toll. Die können sowohl ihre Eltern als ihre Freunde mitbringen. Uns gibt es seit 1879, wir haben einfach einen Stand. Das ging alles ziemlich schnell. Die Mundpropaganda funktioniert bei denen ziemlich gut und dann posten die das auch noch bei Facebook oder Qype.
Vor kurzem kamen hier zwei junge Mädchen her und bestellten zwei Bier und zwei Haselnuss. Die eine wohnte in Tempelhof, die andere in Schöneberg und getroffen hatten sie sich bei mir in der Mitte. Und sie hatten schon gelesen, dass wir hier diese tollen Schnäpse haben.
Unsere Stammgäste sind von Mitte 20 bis Mitte 80, zum Beispiel BVG-Helmut, der immer noch jeden Tag kommt. Konflikte gab's kein Stück. Die Älteren ziehen es ja vor, nachmittags zu kommen, die jungen Leute abends. Da nimmt sich niemand den Platz weg.
Von den Jüngeren ziehen ja auch immer wieder welche weg. Einer nach Dubai, jemand anders in die Schweiz. Die kommen aber trotzdem immer mal wieder hier vorbei. Das ist ein Riesenkompliment für den Laden.
Stress gibt’s eigentlich gar nicht. Es arbeiten nur Männer mit Erfahrung hinterm Tresen und sobald jemand komisch wird, fliegt der raus. Deswegen kommen auch viele Frauen hierher, die werden hier nicht blöd angemacht.
Ich steh seit 34 Jahren hinterm Tresen. Silvester haben sich die Leute zu dritt einen Barhocker geteilt. Das war superlustig. Jetzt in den letzten Jahren mit dem tollen Publikum und seiner Mischung macht es richtig Spaß. Wir haben das beste Publikum weit und breit.“

Bernd Krimmel, Nordring, Prenzlauer Berg, Stargarder Straße 78


„Eigentlich wollte ich nach Rhodos auswandern und mich dort selbständig machen. Kam aber anders und ich habe vor 15 Jahren den Nordring übernommen. So hieß früher der Bahnhof Schönhauser Allee. Die Kneipe war direkt neben dem Center. 2005 wurden wir entmietet und dann sind wir hier hergezogen.
Wir haben die ganze Einrichtung rausgeruppt. Den Tresen haben wir im Stück rübergetragen, da hatten die Leute was zu gucken auf der Straße. Ganz am Anfang war es sehr schwierig, da dachte ich in einem Vierteljahr sind wir pleite. Ich bin ja zu der Kneipe gekommen wie die Jungfer zum Kind, hatte ich nie vorher gemacht. Aber organisieren habe ich gelernt, und so lief es dann irgendwann.
Wegen dem Rauchergesetz darf ich ja kein Essen verkaufen. Also lasse ich mir Buletten liefern, die ich dann kostenlos an die Leute verteile. Ist ja billiger als Bier zu verschenken. Ich hab dem Lieferanten gesagt, dass der die ein bisschen schärfer machen soll, dann saufen die Leute mehr!
Hier gegenüber der Gethsemanekirche profitieren wir von den Veranstaltungen, die die machen. Das spült uns immer Leute rein. Im Sommer haben wir Tische draußen und grillen. Das mögen die. Und dann unser Angebot: Molle und Korn für 2,80 Euro. Wo kriegst Du das denn hier in der Gegend? Zumal es hier kaum noch Eckkneipen gibt. Wir sind die einzige weit und breit.
Donnerstags und freitags geht es hier immer bis morgens, dann kommen die jungen Leute. Wie es genau den Abend wird, weiß man vorher nicht. Mal saufen die Pfeffi flaschenweise, mal gar nicht. Ist wie beim fischen. Auf den Monat muss es stimmen.
Probleme gibt es da gar keine. Die wissen, was sie in einer Eckkneipe erwarten können. Gibt auch keine Prügeleien, kein gar nichts. Mein Klaus hinterm Tresen, der war mal Boxer. Jetzt ist er 76 und will nicht aufhören hier zu arbeiten. Ich selber bete jeden Abend zu Gott, dass es noch 100 Jahre so anhalten soll.“


Donnerstag, 13. Februar 2014

Essen entdecken

Neues aus der Biowelt von Käse, Kaffee, Wein, Olivenöl und Fisch. Vielfalt macht den kulinarischen Diskurs komplexer

Eine große Messe wie die Biofach bringt es mit sich, dass auch viele obskure Produkte ausgestellt werden. Rohkostschokolade aus ungerösteten Kakaobohnen (für Überzeugte) oder Bioaprikosenpuddingpulver (für Faule) etwa. Echter Genuss kommt trotzdem nicht zu kurz. Fünf Lebensmittel werden in sogenannten Erlebniswelten vorgestellt. Verkostung, Information und Beratung gibt es zu Käse, Wein, Fisch, Kaffee und Olivenöl.

Bei Weinen bringt es der sogenannte Naturwein langsam zu einer gewissen Bekanntheit. Dabei wird nicht nur beim Anbau auf chemische Hilfsmittel verzichtet, sondern auch bei der Weiterverarbeitung. Es gibt also keine geschwefelten Fässer oder was sonst so auch in der Bioweinproduktion zulässig ist. „Es ist eine Nische und wird es meines Erachtens auch bleiben“, sagt der Berliner Biohändler Frank Lüske. „Wild und archaisch“ sei Naturwein jedoch und daher auch „superspannend“ in kulinarischer Hinsicht. „Er steht exemplarisch für eine neue Foodbewegung, antiindustriell, zurück zur Natur und kulinarisch anspruchsvoll.“ Der Geschmack müsse nicht unbedingt kalkulierbar sein, aber stimmen.

„Es gibt inzwischen zahlreiche Käse, die mit Kräutern oder anderen Zutaten wie Ringelblume, Rosenblüten, Kürbiskernen oder Chili verfeinert werden“, sagt Helen Kreisel-Gebhard von der BioFach. Auch der wie Tofu einsetzbare indische schnittfeste Panir-Frischkäse sei im Kommen. Wie Käse lassen sich verschiedene vegane Zubereitungen wie Pizzaschmelz, Sandwich Veggie Cheese aus Mandelmilch oder auch ein Ersatz aus Cashewkernen verwenden. „Der Trend geht zu Reinem, Ursprünglichem. Man will den Ursprung herausschmecken, Ziege, Kuh und die Region werden interessanter als optischer Firlefanz“, beobachtet Lüske. Überbewerten sollte man das Regionale seiner Ansicht nach jedoch nicht. Um einen guten Bergkäse zu finden, sei es „einfach nicht clever“, in Brandenburg zu suchen, sondern in Österreich oder der Schweiz, „wo tolle Menschen tollen Käse machen.“

Olivenöl: Cuvée gefällig?

Olivenöle, aromatisiert mit Myrte, Aprikose oder Ingwer, verleihen Speisen den letzten Pfiff, findet Kreisel-Gebhard. Bei solchen Dingen ist zu bedenken, dass die Zugaben auch nur dem Zweck dienen könnten, Fehlaromen zu überdecken. Generell geht es beim Olivenöl jedoch immer mehr wie beim Wein zu: Es wird nicht mehr nur nach Region unterschieden, inzwischen gibt es auch Abfüllungen nach Olivensorten oder Cuvées. „Inzwischen kennen sich die Kunden wesentlich besser mit Olivenölen aus als noch vor wenigen Jahren.Wenn wir aber einfach 30, 40 Sorten ins Regal stellen, steht der Durchschnittskunde wie der Ochs vorm Berg“, sagt Lüske. Man müsse beraten, Charakteristika erklären. „Dann finden Kunden die richtige Lösung für den nächsten Salat.“

Bei Kaffee treffen sich Öko und Convenience bei den immer zahlreicher angebotenen Pads. Ein Produkt, das sicherlich auch angesichts der Verkaufspreise Fragen aufwirft. Auch Soja-Espresso ist wohl nicht jedermanns Sache. Generell geht die Reise zu kleineren, gern auch regionalen Röstereien, zum Beispiel Andraschko in Berlin. Der Kaffee sei natürlich im Vergleich zur Industrieware hochpreisiger, räumt Lüske ein. Jedoch werde den Menschen zunehmend klar, dass Kaffee ein Genussmittel sei. „Und warum sollte man ein schlechtes, billiges Genussmittel trinken?“
Fischesser haben oftmals ein schlechtes Gewissen, denn jeder weiß von Überfischung, Schleppnetzfischerei und Riesentrawlern. Für Lüske sind Kutterfischer mit ihrer nachhaltigen, kleinteilig strukturierten Fischerei die Lösung. Da werden gleich zwei Bedürfnisse erfüllt: Frischer Fisch in hoher Qualität (Fang stammt jeweils vom Vortag) sei kulinarisch gesehen erkennbar anders und auch nachhaltig. Bio-Aquakultur wiederum sei „das Ökologischste überhaupt“ und keineswegs vergleichbar mit konventionellen Farmen und ihrem sehr hohen Besatz. „Der Wunsch, mehr über die Unterschiede zwischen Wildfang, Bio-Aquakultur und konventioneller Aquakultur zu wissen, wird größer“, stellt er fest.
Eine „Chance verpasst“ hat die BioFach nach Lüskes Ansicht beimThema Fleisch. Dabei sei es eines der großen Themen. „Hier könnte die Biobranche wirklich punkten, mit strengeren Auflagen für eine bessere Tierhaltung, mit intensiveren Kontrollen und einer wirklich guten Kommunikation“, so Lüske. Stattdessen sprächen alle mit religiösem Eifer vom Veganismus.

BürgerEnergie Berlin wirbt um Geldgeber

Klimaforscher Schellnhuber unterstützt bei TU-Veranstaltung Bewerbung der Genossenschaft um Stromnetzkonzession

Der Kampf um das Berliner Stromnetz geht auch nach dem gescheiterten Volksentscheid zur Energie weiter: Die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin hofft bei Konzession zum Zuge zu kommen.

Das Thema Strom und Netze ist nach den hitzigen Debatten der vergangenen Monate in Berlin abgekühlt. Selbst die vor ein paar Wochen öffentlichkeitswirksam gestartete Onlinepetition von BUND, BürgerEnergie und den Abgeordnetenhausfraktionen von Grünen, Piraten und LINKEN dümpelt vor sich hin. Es scheint fast, als sei alles gelaufen. Stimmt aber gar nicht, denn das Vergabeverfahren für das Berliner Strom- und Gasnetz läuft immer noch.

Rund 8,5 Millionen Euro hat die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin, die sich um das Stromnetz bewirbt, inzwischen gesammelt, erklärt Sprecherin Luise Neumann-Cosel. Sie spricht an diesem Montagabend im sehr gut besetzten Hörsaal der Technischen Universität (TU) über die Konzessionsbewerbung. »Das Netz sollte nicht einem großen Konzern, sondern den Berlinerinnen und Berlinern gehören. Wir denken, ein Stromnetz als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sollte demokratisch kontrolliert werden«, betont Neumann-Cosel. Schließlich werde damit auch viel Geld verdient. Vattenfall als jetziger Besitzer habe durch die Braunkohleverstromung einen erheblichen Anteil am Kohlendioxidausstoß in der Region. »Das Stromnetz ist aber sehr wichtig für die Energiewende«, bekräftigt Neumann-Cosel.

Ihre Erklärungen werden wohlwollend vom zahlreichen Publikum - Menschen aller Altersklassen - aufgenommen. Und doch sind viele wegen etwas anderem hier: Professor Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, spricht über aktuelle Erkenntnisse seines Forschungsgebiets. Doch zunächst ist er voll des Lobes für die Genossenschaft: »Ich finde diese Initiative außerordentlich wichtig. Wir treten wirklich in ein neues Zeitalter ein, was die Teilhabe der Gesellschaft an ihrer eigenen Zukunft angeht. Das ist so wichtig für die Zukunft des Planeten, dass man es nicht nur den Politikern überlassen darf.« Die notwendige »durchgreifende Veränderung des industriellen Metabolismus« könne nur die Gesellschaft selbst wollen, das könne nicht verordnet werden, so Schellnhubers Überzeugung.

Gerade der »extrem langsame« Verhandlungsprozess wie zuletzt bei der Warschauer Klimakonferenz, bei der es »keine nennenswerten« Ergebnisse gab, wirke häufig entmutigend. Doch der Klimaexperte glaubt, dass die nötige Bewusstseinsveränderung kommen kann. »Ein gutes Beispiel ist das Rauchen, wo große Desinformationskampagnen in den Siebzigern finanziert wurden. Es ist einfach nicht mehr selbstverständlich, dass man in einen Seminarraum geht und sich eine Zigarette ansteckt. Es ist eine langsame Veränderung, aber sie findet statt«, sagt Schellnhuber.

Und doch kann er auch nicht nur mit schlechten Nachrichten dienen. Aufgrund eines von ihm miterstellten Klimareports fördert die Weltbank nicht mehr den Bau von Kohlekraftwerken. »Sehr viele Menschen weltweit, die glauben, dass Klimaschutz essenziell ist, setzen auf ein Gelingen der deutschen Energiewende«, appelliert der international vernetzte Wissenschaftler an die Anwesenden, das Ihrige dazu beizutragen. »Fangen Sie an umzudenken und fangen Sie an BürgerEnergie zu unterstützen!« Lang anhaltender Applaus brandet auf.

»Das Stromnetz ist wichtig für die Energiewende«, sagt Luise Neumann-Cosel. »Und da der Kaufpreis bei der Vergabe keine Rolle spielt, haben wir als Bürgergenossenschaft eine gute Chance.« Der eine oder andere Mitzeichner der Genossenschaft dürfte sich an diesem Abend in der TU noch gefunden haben.

Angst vor dem Präzedenzfall

Die Zitterpartie für die ehemaligen Bewohner der Eisfabrik geht weiter

Bis Donnerstag übernimmt der Bezirk Mitte noch die Kosten für die Unterbringung der ehemaligen Bewohner der Eisfabrikruine in einem Hostel. Ein Gerichtsentscheid verfügte wegen erheblicher Sicherheitsbedenken eine Räumung des Gebäudes. Die Betroffenen – hauptsächlich bulgarische und rumänische Wanderarbeiter – verließen daraufhin das Gelände, um eine polizeiliche Räumung zu vermeiden. Grund für die Verlängerung ist, dass das vereinbarte Gespräch von Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) mit den Betroffenen erst am Mittwoch stattfinden kann. „Trotzdem werden wir das nicht ewig machen können“, sagt Mittes Bezirksstadtrat Stephan von Dassel (Grüne).

Anscheinend will nun jedoch das Hostel die Menschen nicht über den Montag hinaus beherbergen. Aussagen von Mitarbeitern, dass man über den Hintergrund der Gäste nicht Bescheid wusste, widerspricht Dirk Stegemann vom Bündnis gegen Zwangsräumungen, „zumal ja bereits einmal einer Verlängerung zugestimmt wurde.“

Für die Kostenübernahme mussten die Fabrikbewohner sich ausweisen. Dies ergab, dass der Bezirk Mitte nur für eine Person tatsächlich zuständig ist. Das liegt unter anderem an teilweise vorhandenen Meldeadressen, aber auch an der Verteilungsregelung für Obdachlose auf die zwölf Bezirke. Diesen „Zuständigkeitshickhack“ wollte man den Betroffenen nach von Dassels Aussage nicht zumuten. Allerdings könne Mitte nicht dauerhaft für die anderen Bezirke entscheiden.

Große Erwartungen knüpft Stegemann nicht an das Gespräch: „Für manche Sachen gibt es in diesem System einfach keine Lösung.“ So lange es auf keiner Ebene – Bund, Länder, Bezirke – wirklich ein Konzept gebe, wie mit der Freizügigkeit aller EU-Bürger umgegangen werden solle werde wohl nicht mehr als ein „wir können nicht“ oder Hinweise auf Obdachlosenunterkünfte herauskommen. Bisher haben Rumänen und Bulgaren keinen Anspruch auf Sozialleistungen in Deutschland. Rechtlich sind diese Regelungen allerdings nicht sauber geklärt, es laufen mehrere Prozesse zum Thema mit ungewissem Ausgang.

„Es geht vor allem um die Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen“, sagt Stegemann. „Innensenator Henkel soll sich lieber darum kümmern, Unterkünfte zu schaffen als Gewaltphantasien über den Oranienplatz zu entwickeln“, meint er ganz persönlich. „Unterkunft ist Menschenrecht“, sagt Stegemann. „Doch Rechte von Menschen werden einem Finanzierungsvorbehalt und einer neoliberalen Sparlogik unterworfen.“ Bis heute gebe es keine Bestrebungen, alle leerstehenden Gebäude, die für eine menschenwürdige Unterbringung von Illegalisierten und Obdachlosen geeignet wären, zu inventarisieren. Außer „rassistischer Panikmache“ gebe es überhaupt kein Konzept in der Politik. „Da wurde jahrzehntelang gepennt.“

„Es ist zu hoffen, dass die ab dem 1. Januar 2014 geltende uneingeschränkte Möglichkeit zur Arbeitsaufnahme von bulgarischen und rumänischen StaatsbürgerInnen es den Betroffenen ermöglicht, schnell hilfeunabhängig zu werden“, heißt es in einer von Sozialstadtrat von Dassel herausgegebenen Pressemitteilung. Besonders konzeptuell klingt das nicht. „Niemand hat Geld, niemand ist zuständig und das war es dann“, kommentiert Stegemann. Betroffene würden gegeneinander ausgespielt. „Genau wie bei Gentrifizierung und Zwangsräumungen.“ Jetzt gilt es, das Gespräch am Mittwoch abzuwarten. Das Ergebnis werden die Betroffenen und die Unterstützer dann diskutieren. „Wir reagieren dann zeitnah.“

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Mediation brachte 113 Millionen Euro

Die sechsjährigen Gespräche zur Sanierung des Landwehrkanalufers verliefen erfolgreich

Kritiker meinen zwar, die Sanierung des Landwehrkanalufers hätte noch günstiger sein können. Doch auch so fällt das Ergebnis der Mediation beachtlich aus.

»Wir waren in der Krise«, erinnert sich Amtsleiter Michael Scholz vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA) an das Jahr 2007, als in Kreuzberg Teile der Uferböschung des Landwehrkanals plötzlich abrutschten, ein »Super-Gau« für die Behörde sei das gewesen. Der richtige Stress für das Amt begann jedoch erst im Anschluss, als für Ufersicherung und -sanierung Baumfällungen im großen Stil angekündigt wurden. Anwohner und Verbände protestierten, einige Fällungen fanden unter Polizeischutz statt.

Im Jahr 2008 fiel schließlich der Startschuss für ein bundesweit einmaliges Mediationsverfahren mit 25 beteiligten Gruppen. Fast sechs Jahre später wurde am Dienstag im Bundesverkehrsministerium feierlich eine verbindliche Vereinbarung aller Beteiligten unterzeichnet, die die künftigen Methoden festschreibt.

»Wir freuen uns, dass wir diese Etappe erreicht haben«, sagt Achim Appel von der Bürgerinitiative »Bäume am Landwehrkanal«. Zwar seien nicht alle Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt worden, aber es sei das »Maximum, das momentan möglich ist«, erreicht. Besonders wichtig sei, dass auch in der Realisierungsphase die Bürgerbeteiligung weitergeführt werden soll. »Gerade in der Umsetzung steckt der Teufel im Detail«, so Appel.

»Es ist eine fachlich fundierte Lösung gefunden worden, die sowohl baum- und naturverträglich ist«, sagt Jochen Kies vom Bundesverkehrsministerium. Dazu seien auch statt ursprünglich veranschlagten Kosten von 180 Millionen Euro nur noch rund 67 Millionen Euro fällig. Schifffahrt sei auch zukünftig möglich, wenn auch nur im Einrichtungsverkehr. Denn anstatt die Uferwände praktisch komplett neu zu bauen, soll eine Steinschüttung im Kanalbett künftig für die nötige Standfestigkeit sorgen.

Der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) freut sich, dass sich die Steinschüttung als »integrativste Lösung« gezeigt habe. »Ökologie, Schifffahrt, Bäume und Kosten konnten damit unter einen Hut gebracht werden.« Es sei aber auch ein »unglaublich diskussionsintensiver« Prozess gewesen, für 11,2 Kilometer Bauwerk in einer Trennschärfe von zehn Metern eine Unterlage zu schaffen. »Ohne die Brötchenpausen wäre das gar nicht möglich gewesen«, so Panhoff.

»Wenn die Verwaltung sich ein bisschen am Riemen gerissen hätte, hätten wir zwei Jahre gespart«, sagt Achim Appel. Rückblickend freut er sich über viel Unterstützung von Denkmalpflege und der für die Wasserflächen zuständigen Abteilung der Stadtentwicklungsverwaltung. Ganz anders die Erfahrung mit der landseitigen Abteilung, die sich auf die Zuständigkeit der Bezirke zurückzog.

»Sechs Jahre mögen einem lang vorkommen, letztendlich ist es jedoch ein verbindliches Ergebnis auch mit den Berliner Behörden«, sagt Jochen Kies. Im Ministerium lege man viel Wert auf die Vereinbarung, da bereits sehr viel detailliert besprochen sei, wenn es zu einem Planverfahren komme.

Ob Tilmann Heuser vom BUND, Christian Wiesenhütter von der IHK oder Jürgen Loch von der Stern- und Kreisschifffahrt, alle sind voll des Lobes über die Mediation, die geholfen habe, Vertrauen zu schaffen und Ängste abzubauen. Etwas Sorgen bereitet Achim Appel der Umstand, dass die neu geschaffene »zentrale Anlaufstelle für Öffentlichkeitsbeteiligung« beim WSA, der niedrigsten Hierarchieebene angesiedelt sei, obwohl für die Sanierung wiederum das Wasserstraßen-Neubauamt zuständig sei. Je nachdem, ob Planfeststellungsverfahren nötig sind, kann 2014 oder 2015 mit Baumaßnahmen begonnen werden. Zehn Jahre wird das mindestens dauern.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Linienstraße 206 in der zweiten Instanz

Das juristische Tauziehen um das Hausprojekt geht weiter

Bereits in zweiter richterlicher Instanz wehrt sich eine Mieterin des Hausprojekts in der Linienstraße gegen ihren Rauswurf.

»Dass das Haus nicht zusammenfällt, liegt an den Bewohnern«, sagt Katharina. Sie wohnt in der Linienstraße 206 in Mitte, einem 1990 besetzten und noch im gleichen Jahr durch Mietverträge legalisierten Hausprojekt in Mitte. »Vor einer Weile ist ein Fassadenteil auf das Auto einer Nachbarin gefallen«, berichtet sie. Die momentanen Eigentümer blieben selbst in diesem gravierenden Fall auf »Tauchstation«. Von notwendigen Arbeiten im Haus, wie dem seit zwei Jahren nur notdürftig reparierten Hauptwasseranschluss ganz zu Schweigen. »Die für uns zuständige Hausverwaltung besteht aus einem Briefkasten, selbst Einschreiben kommen zurück«, sagt Stefan.

Wesentlich mehr Engagement zeigen Frank Wandler und Bernd-Ullrich Lippert, seit bald drei Jahren Eigentümer des Hauses, die Bewohner loszuwerden. Bereits in zweiter Instanz wurde am vergangenen Donnerstag die Frage verhandelt, ob Kathrin K. einen gültigen Mietvertrag habe. So viel ist unbestritten: Schriftlich gibt es nichts. Nachdem jedoch die Hausverwaltung seit über sechs Jahren klaglos die Miete für die strittige Wohnung annimmt, liegt die Möglichkeit nicht fern, dass es sich um einen konkludenten Mietvertrag handelt. Zu dem Schluss kam jedenfalls die erste Instanz im März.

Eine Sicht, die Wandler und Lippert nicht teilen wollen. Und so trifft man sich nun vor dem Landgericht. Die zwei Hauseigentümer, die Mieterin, dazu der jeweilige Anwalt und fünf Zeugen. Und natürlich viele Unterstützer aus dem Haus und darüber hinaus - über 40 Zuschauer hat der Prozess. Kern der Verhandlung ist die Frage, ob es zwischen dem damaligen Hausverwalter und K. ein Gespräch gegeben hat, in dem sie sich zur Übernahme der Mietzahlungen bereit erklärt hatte. Das wurde in der ersten Instanz von den Eigentümern rundweg verneint, der Hausverwalter kann das aber nicht zur Gänze ausschließen. »Ich hatte keinen Auftrag, jemanden rauszubringen, aber auch nicht neue Mieter zu suchen«, erinnert er sich. Andererseits sei es ihm egal gewesen, wer die Miete überweise. Wichtig war, dass das Geld kommt.

»Man hat sich in Ruhe gelassen. Die wollten nichts von uns und wir nichts von ihnen«, erinnert sich der Anwalt des damaligen Besitzers. Dabei wurde der Mietvertrag der betreffenden Wohnung sogar weit vor K.s Einzug wegen ausbleibender Zahlungen gekündigt und sogar eine Räumungsklage gewonnen. Vollzogen wurde diese jedoch nie. »Eine Wohneinheit zu suchen, die nicht existiert, das wäre doch die Katastrophe gewesen«, sagt der Anwalt. Längst hatten die Bewohner der Linie 206 nämlich die Wohnungsschnitte im Haus verändert und auch die Wohnungstüren entfernt, man versteht sich als große Wohngemeinschaft.

Die Zeugen auf Seiten der Linie 206 erinnern sich sehr vage an ein Gespräch mit dem Verwalter. Außer der Zusage seitens des Verwalters, dass K. die Wohnung übernehmen könne und dementsprechend seitdem die Miete zahlte, erinnern sie sich jedoch kaum an weitere Details. »Viele sehr schwierige Rechtsfragen« hätten sich aufgetan, auch angesichts der »Krater in der Erinnerung« der Zeugen, sagt Richterin Astrid Siegmund zum Ende der dreistündigen Verhandlung. In ein bis zwei Wochen ist das Urteil zu erwarten. Selbst wenn das positiv ausfällt, ist mit neuem Ungemach zu rechnen: Vor kurzem erreichte die Bewohner der Linie 206 ein anwaltliches Schreiben, dass ein ehemaliger Mieter seinen Vertrag zum 15. November gekündigt habe. »Da ist bisher noch nichts passiert«, sagt Stefan. Aber einfacher wird das den Kampf um den Erhalt des Projekts nicht machen.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

»Das Geld ist ausgegeben«

Lichtenberg verhängt Haushaltssperre für das Jugendamt

Weil es kein Geld vom Land gibt, hat Lichtenbergs Bürgermeister eine Haushaltssperre für das Jugendamt verhängt. »Völlig überzogen«, findet die LINKE.

Der Lichtenberger Bezirkshaushalt kommt in schwere Fahrwasser. Mit ein Grund ist das von der rot-schwarzen Landesregierung gebrochene Versprechen, den Bezirken künftig zusätzliches Geld für die Erledigung ihrer Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Ausbaden muss das jetzt schon das bezirkliche Jugendamt. Der Bezirksbürgermeister und Finanzstadtrat Andreas Geisel (SPD) verfügte Anfang Dezember für den Jugendbereich spezielle Haushaltssperren.

Folge: Bereits fest eingeplante Neueinstellungen wurden abgesagt. »Stillos kurzfristig« wurde eine Neubesetzung mit befristetem Arbeitsvertrag in einer Jugendfreizeiteinrichtung abgesagt, kritisiert Michael Grunst, der für die bezirkliche LINKE-Fraktion im Jugendhilfeausschuss sitzt. »Auch bereits beschlossene Einstellungen von Krankheitsvertretungen und Nachbesetzungen in Bereichen, die aufgrund der schlechten Personalausstattung mit viel Krankheitsausfall zu kämpfen haben, sind erst einmal nicht möglich«, sagt er. Dies betreffe zum Beispiel die Kita-Gutscheinstelle.

Bürgermeister Geisel begründet seinen Schritt mit ungeplanten Mehrausgaben von zwei Millionen Euro, hauptsächlich bei den Hilfen zur Erziehung. Und das, obwohl man den Jugendbereich finanziell »außerordentlich großzügig« ausgestattet habe. »Es ist nicht nur so, dass die Fallzahlen steigen, sondern auch die Kosten für die Hilfen sind im Bezirksvergleich überdurchschnittlich hoch. Obwohl wir da in den Vorjahren sehr gut waren«, sagt er. Die Stellenstreichungen seien ein Vorschlag des Jugendamtes gewesen, um die durch Abgeordnetenhausbeschlüsse vorgegebenen 17 Prozent Personalreduzierung in der Bezirksverwaltung umzusetzen. »Dabei müssen im Jugendbereich nur acht Prozent der Stellen entfallen«, sagt er.

Als »Dauerbrenner« bezeichnet Grunst die Hilfen zur Erziehung. Bei einem Etat von 30 Millionen Euro sei die Finanzierung eben immer »kipplig«. Zumal berlinweit in dem Bereich schon 25 Millionen Euro über Plan ausgegeben worden seien und die Hälfte des Betrags auch auf eine späte Rechnungslegung der Jugendhilfeträger zurückzuführen seien. Bereits 2008 habe es eine solche Situation gegeben, erinnert sich Grunst. Die damalige Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (LINKE) habe jedoch zu jener Zeit solidarisch reagiert und eine Haushaltssperre für alle bezirklichen Ausgaben erlassen. »Eine völlig überzogene Reaktion auf dem Rücken der Mitarbeiter« sei die aktuelle Maßnahme. Eine »Steuerung über Hilfeverweigerung« finde mit der LINKEN nicht statt.

Ob es Steuerungsmöglichkeiten bei diesen Ausgaben gebe, könne man »so oder so« sehen, sagt Andreas Geisel. Er habe das Jugendamt seit einem dreiviertel Jahr auf Kostenüberschreitungen hingewiesen. Jetzt sei das Geld nun mal ausgegeben. »Ich komme mir vor wie der gescholtene Bote«, sagt er.

»Der Bürgermeister sucht öffentlich Schuldige für die kommende schwierige Haushaltssituation«, findet Michael Grunst. Die Lichtenberger Linksfraktion fordert unter anderem eine Aufhebung der Haushaltssperre und einen Bericht darüber, wie das Bezirksamt in seiner Gesamtheit mit den Haushaltsrisiken umgehen will. Sollte den Forderungen nicht entsprochen werden, kündigt Grunst für Anfang Januar eine öffentliche Anhörung zum Thema an. »Wir wollen keine weißen Laken aus dem Fenster hängen müssen.« Dies hatten Jugendamtsmitarbeiter in Mitte aus Protest gegen die katastrophale Personalsituation gemacht.